Norbert Langes Gedicht „Schlaflied“

NORBERT LANGE

Schlaflied

Ich bin doch noch ganz klein
Ich bin noch gar nicht da
Ich bin noch nass
ich bin ganz roh
Willst du nicht meine Eltern sein

Ich trage Wurzeln bis zur Hölle
Ich bin kein Engel dass ich Flügel hab
Ich bin ganz lieb und in der
Helle des Tages sehr schön anzusehn

Ich hab mir schon den Kopf zurecht gerückt
Ich schlage keine Zähne aus
Ich hab mich auch so gut versteckt
dass mich keiner finden darf

Willst du mir nicht die Decke über meinen Kopf
zwei Paar Socken über meine Füße ziehn
und mich im Schlaf anschaun
und mit mir zur Hölle gehen

Willst du nicht meinen Schlaf bewachen / anschaun
und mit mir zur Hölle gehen

um 2000

aus: Norbert Lange: Rauhfasern. Gedichte. Lyrikedition 2000, München 2005

 

Konnotation

Der 1978 geborene Norbert Lange begreift Gedichte als „Palimpseste“, also als Übermalungen bzw. Überschreibungen von historisch immer wieder neu bearbeiteten Urschriften. In vielen seiner Gedichte sind es schroff gefügte Bruchstücke aus Bildkunstwerken, Zitate aus Alltagszusammenhängen, Fotografien oder Liedreste, die in harter Fügung aufeinanderprallen. Das um 2000 entstandene „Schlaflied“ bedient sich bewährter alter Formen wie der Litanei und erzeugt eine eigene Melodie von großer Suggestivität.
Das „Schlaflied“ nimmt die Verfahrensweisen des seit dem Mittelalter gängigen Wiegen- und Kinderlieds wieder auf und setzt es um in einen abgründigen Höllengesang. Dabei ist es das ungebärdig gewordene Kind selbst, das hier das Wort ergreift und die verschiedenen Entwicklungsstadien – vom pränatalen Zustand bis zum existenziell erschöpften „Ich“-Bewusstsein – durchspielt.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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