Peter Hacks Gedicht „Die Welt, schon recht“

PETER HACKS

Die Welt, schon recht

Die Welt? Schon recht. Doch wenn dein Fleisch sich straffte,
Wenn anhebt, daß du schön und schöner wirst,
Wenn deine Schönheit sich ins Engelhafte
Verklärt und dann in einem Aufschrei birst,
Und alles Fühlbare in diesem Schrei ist,
Mit dem du aller Wirrsal dich entwirrst
Zu tiefem Ausruhn, und dann nichts vorbei ist,
Die Wirkung nicht des Glücks, unscheidbar in
Dein oder meins, weil zwei schon nicht mehr zwei ist:
Dann erst in Wahrheit schwindet Zweifel hin.
Die Welt, schon recht. Ich liebe, und ich bin.

nach 1980

aus: Peter Hacks: Hacks Werke in fünfzehn Bänden, Bd. 1 – Die Gedichte. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2003

 

Konnotation

Die Bewunderer des Dichters Peter Hacks (1928–2003) verbreiten gerne die Legende, dass der große linksaristokratische Klassizist und bekennende Kommunist mit seinem Tod noch bis zum 254sten Geburtstag Goethes wartete – um mit dieser letztlich gelungenen Aktion ein Zeichen zu setzen. Tatsächlich braucht Hacks den Vergleich mit Goethe nicht zu scheuen: Die formale Vollkommenheit seiner Gedichte, grundiert mit einem maliziösen Blick auf die deutschen Verhältnisse, ist unerreicht. In der boshaften Verspottung des politisch Korrekten ist er ebenso ein Meister wie im Liebesgedicht.
Die menschliche Subjektivität und mit ihr das ganze Dasein des Ich verwirklichen sich hier in der Liebe. Das absolute Verschmelzungserlebnis der Liebenden trägt sie über die Welt hinaus. Hacks fasst den Glücksmoment der Liebe als Orgasmuskurve, in dem sich das Subjekt aus seiner Zerrissenheit („Wirrsal“) befreit – in einer überwältigenden unio mystica – „unscheidbar in / Dein oder meins“.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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