Unbekannter Autor Gedicht „Selbstgefühl“

UNBEKANNTER DICHTER

Selbstgefühl

Ich weiß nicht, wie mir’s ist,
Ich bin nicht krank und bin nicht gesund,
Ich bin blessiert und hab keine Wund.

Ich weiß nicht, wie mir’s ist,
Ich tät gern essen und geschmeckt mir nichts,
Ich hab ein Geld und gilt mir nichts.

Ich weiß nicht, wie mir’s ist,
Ich hab sogar kein Schnupftabak,
Und hab kein Kreuzer Geld im Sack.

Ich weiß nicht, wie mir’s ist,
Heiraten tät ich auch schon gern,
Kann aber Kinderschrein nicht hörn.

Ich weiß nicht, wie mir’s ist,
Ich hab erst heut den Doktor gefragt,
Der hat mir’s unters Gesicht gesagt:

Ich weiß wohl, was dir ist,
Ein Narr bist du gewiß;
Nun weiß ich, wie mir ist!

18. Jahrhundert

 

Konnotation

Unter den insgesamt 723 Texten der romantischen Lieder-Sammlung Des Knaben Wunderhorn (1806/07) gehen 100 auf so genannte Fliegende Blätter zurück, billige Drucke des 18. und des frühen 19. Jahrhunderts. Auf einem dieser „Fliegenden Blätter“ ist die Selbsterkundung eines Ich festgehalten, das die Stimmungslage eines Melancholikers oder Hypochonders festhält.
Das unglückliche Bewusstsein hat sich offenbar tief eingegraben in die Seele des lyrischen Ich, das hier seine schwankende Gemütsverfassung thematisiert. Die Außenwelt erscheint diesem Ich feindselig, die Armut lähmt alle Gefühlsregungen. Wunschbilder und Utopien haben in dieser Welt offenbar keinen Platz mehr. Etwa überraschend folgt am Ende die Belehrung durch einen Mediziner, der dem Melancholiker Narretei unterstellt. Aber Narren – so will es die Literaturgeschichte – sagen die Wahrheit.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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