Ursula Krechels Gedicht „Aufs Eis“

URSULA KRECHEL

Aufs Eis

Ich ging aufs Eis mit bloßen blauen Zehen
wollt eine Lanze brechen
für dich traurigen Ritter
im kalten Hauch. Doch unversehens
ist der Stab über dir gebrochen bin ich
eingesunken nicht ertrunken
der halbe Leib erfror.
Ein Eichelhäher pfiff.

1970er Jahre

aus: Ursula Krechel: Ungezürnt. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1997

 

Konnotation

Der Minnesang des hohen Mittelalters verstand sich als ritualisierte Form der Liebeswerbung qua Dichtung – und zugleich als Konkurrenzkampf adliger Ritter um die Gunst der von ihnen begehrten Frauen. Die Lyrikerin Ursula Krechel (geb. 1947) dreht hier den Vorgang der Liebeswerbung und die Rolle des Minnesängers einfach um. Aktiv ist bei ihr ein weibliches Subjekt. Dieses Ich engagiert sich („bricht eine Lanze“) für die etwas hilflos gewordene Gestalt des „traurigen Ritters“.
Doch dieser Versuch der Verteidigung und Anlockung des „traurigen Ritters“ misslingt. Das Ich fasst diese Geschichte des Scheiterns in Redewendungen, deren Bedeutung wortgeschichtlich aus der mittelalterlichen abzuleiten ist. Wenn über jemanden „der Stab gebrochen ist “, dann ist sein Ruf ruiniert. Und so kommt es nicht zur Annäherung des Ich an den begehrten „traurigen Ritter“. Das Gedicht endet mit dem lapidaren Hinweis auf den Lockruf des Eichelhähers, ein ironischer Kommentar zur gescheiterten Liebesszene.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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