Uwe Kolbes Gedicht „Vater und Sohn“

UWE KOLBE

Vater und Sohn

Ein einziges Abstandhalten
und Beieinanderstehn
mit schlenkernden Armen.
Der Vater die Uniform,
der Sohn mit den Rastazöpfen.
Der Vater im Rucksack Preußen,
der Sohn auf dem Surfbrett
zur Mündung der Flüsse hinaus.
Der Vater auf Reisen,
der Sohn die innere Emigration.
Der Vater die Briefe,
der Sohn schweigt.
Vater, ders locker nimmt,
Sohn zu dem Herzen.
Einander Kampf ohne Regel,
ernster als auf dem Spielplatz je,
länger als lebenslang.
Nie sterben die Väter,
hört man, seit Ohren sind,
und selten leben die Söhne.

1995/96

aus: Uwe Kolbe: Vineta, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1998

 

Konnotation

Als enthusiastischer, utopie-begeisterter Dichter, für den zehn Jahre lang der Ost-Berliner Prenzlauer Berg das Zentrum seines Lebens und seiner Poesie bildete, schien der 1957 geborene Uwe Kolbe in der DDR trotz aller Aufsässigkeit zunächst auf einem Königsweg zu wandeln. Es genügte aber eine kurze S-Bahnfahrt im April 1982 nach West-Berlin, um sein Weltbild auf den Kopf zu stellen. Er gründete eine unabhängige Literaturzeitschrift, ließ sich aus seinem Gedichtband Bornholm II ein Dutzend Gedichte hinauszensieren, brach dann aber 1986 mit einem Dauervisum in die neue Welt auf.
Das Aufgeregte, expressiv Stürmische und Staccato-Hafte in Kolbes früher Poesie ist in den Gedichten nach 1990 einer lyrischen Gelassenheit gewichen, die nach weicheren Melodien, ruhigeren Rhythmen sucht. Das wunderbare „Vater und Sohn“-Porträt, das um 1995/96 entstanden ist, stellt habituelle Grundhaltungen der Generationen einander gegenüber, die einander im ewigen Vater-Sohn-Konflikt bekämpfen. An der Beharrlichkeit der Väter, so scheint es hier, zerbrechen die Söhne.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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