Mahmoud Darwish: wo du warst und wo du bist

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Mahmoud Darwish: wo du warst und wo du bist

Darwish-wo du warst und wo du bist

DER FRIEDEN

Friede ist das Selbstgespräch des Reisenden
Zum Reisenden am anderen Ufer

Friede – zwei Fremde, sie teilen das Gurren ihrer
aaaaaTauben
Am Rande des Abgrunds

Friede – die einsame Sehnsucht zweier Feinde
Nach einem Gähnen auf dem Gehsteig der Langeweile

Friede ist das Stöhnen zweier Liebender
Bei ihrem Bad im Mondlicht

Friede ist des Waffenstarken Bitte
An den Schwachen, doch Gefassteren: Vergib

Friede sind Schwerter, zerbrechend im Angesicht
Natürlicher Schönheit, wenn Frühtau den Stahl zersetzt

Friede ist ein vertrauter Morgen, ein freundlicher
Leichtfüßiger, fern jeder Feindschaft

Friede ist ein Zug, der Ausflügler vereint, die heimkehren
Oder ausziehen in die Vororte der Ewigkeit

Friede heißt öffentlich bekennen: Was habt ihr getan
Mit dem Schatten des Ermordeten?

Friede heißt den Garten pflegen und fragen:
Was pflanzen wir demnächst?

Friede heißt Vorsicht vor magischen Fuchsaugen, die
Urtriebe wecken in einer verängstigten Frau

Friede ist der stützende Seufzer für das Tremolo
Im blutenden Herzen einer Gitarre

Friede ist des Lebens Gesang hier im Leben
Auf der Saite einer Ähre

Friede heißt einen Jungen beweinen, dem ein Frauenblick
Das Herz durchbohrte
Keine Kugel, keine Granate

 

 

Mahmoud Darwish

ist der wohl populärste arabische Lyriker der Gegenwart und die wichtigste poetische Stimme Palästinas. Auch wenn Darwish als Symbol des palästinensischen Widerstands gilt, bleibt seine Lyrik stets auf der Suche nach Poesie im Alltäglichen, um es im Allgemeinmenschlichen aufzuheben. Dies verknüpft er mit einer weit in die Geschichte reichenden Sicht, die er philosophisch zu durchdringen sucht.
Was dabei früher manchmal wie ein Appell anmutete und doch ein tief empfundener Aufschrei war, wurde im Spätwerk zu einer Zwiesprache mit sich selbst, zur schonungslosen Selbstbefragung.
Ein großes metaphorisches Leitbild eint diese Gedichte – die Beziehung zum „anderen“. In ihnen beschwört Darwish wie kaum ein anderer die Vision eines großen gerechten Friedens, der den Dialog zwischen zwei Stimmen und zwei Sichtweisen fördert, ohne dass die eine sich der anderen gewaltsam aufzwingt.

Adel Karasholi, A1 Verlag, Klappentext, 2004

 

Mahmoud Darwish: wo du warst und wo du bist

Friede sind Schwerter, zerbrechend im Angesicht
Natürlicher Schönheit, wenn Frühtau den Stahl zersetzt.

Mahmoud Darwish, einer der populärsten arabischen Lyriker und der bedeutendste palästinensische Poet der Gegenwart, versteht es in seinen Gedichten, ein ungeschminktes Bild seines Volkes zu präsentieren. Er ist moralische und politische Instanz eines Volkes, das unter israelischer Besatzung oder verstreut in aller Welt lebt. Die Medien berichten über Palästina und Israel vor allem dann, wenn es zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt. Doch kein Fernsehbericht, keine Reportage über Palästina vermag es, diesen Menschen so nahe zu kommen, wie es durch jedes der vorliegenden Gedichte möglich ist. Das Leid eines Volkes, die Verzweiflung des Augenblicks, tiefe Zerrissenheit und die Sehnsucht nach Frieden berühren den Leser, machen betroffen und rufen tiefen inneren Widerstand gegen all jene Vorgehensweisen hervor, die die menschliche Freiheit bedrohen.
Mahmud Darwishs Gedichte sprechen von starken Emotionen, von gemeinsamen und trennenden Elementen, von Misstrauen und Angst. Es bedarf einiger Offenheit, sich auf die blumige Sprache einzulassen, seinen Rhythmus des Lebens zu erspüren und die Wehmut und Sehnsucht tief im Herzen nachzuempfinden. Jedes Gedicht erscheint vordergründig wie ein Traum und doch voller Realität. Immer stärker begibt sich der Leser auf eine Gratwanderung entlang dem Abgrund; tiefe Zerrissenheit wird spürbar und die Frage aus einem der Gedichte „Wo verließ ich mein Gesicht?“ setzt sich in den Gedanken fest.
Dass die Gedichte wie Volkslieder gesungen werden, verwundert kaum – haben sie doch den Charakter von Zaubersprüchen an sich, die die Verwandlung der Wirklichkeit erhoffen lassen. Mahmoud Darwish zeigt immer wieder auf, dass Freiheit und Glück möglich sind und beharrt darauf, dass die Vision eines großen gerechten Friedens, der den Dialog zwischen zwei Stimmen und zwei Sichtweisen fördert, ohne dass die eine sich der anderen gewaltsam aufzwingt, zu verwirklichen ist. Und so kann man nach dieser beeindruckenden Lektüre nur erhoffen, dass sich all seine Vorstellungen von Frieden erfüllen mögen:

Friede heißt einen Jungen beweinen, dem ein Frauenblick
Das Herz durchbohrte
Keine Kugel, keine Granate.

Margarete Wais, sandammeer, 09/2004

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Rolf Michaelis: Das Heimweh des Himmels nach sich selbst
Die Zeit, 23.9.2004

Jeder Mühe wert
kritik und sprache, 30.11.2004

 

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
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Nachrufe auf Mahmoud Darwish: Quantara ✝ FAZ ✝ Der Spiegel ✝
die taz ✝ The Economist

 

Mahmoud Darwish – Algerie 1983 ( Eloge de l’ombre).

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