Mara Genschel: Tonbrand Schlaf

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Mara Genschel: Tonbrand Schlaf

Genschel-Tonbrand Schlaf

SCHÖNHEIT I

Ich in: Spiegeln. In:
Seen [nicht fotogen]

aus Arabesken aber:
wüste Steine. Teiche

seien: Augen [seine].
Ich bin: rau liebkost

in Pinien, wild. Mein
Weg: verzierter Fels.

Ich: fliehe nicht. Ich bin:
aus lauter Schmuck. Ich:

schreite. Sehe keinen
Lidschlag Schatten.

Schwimme. Schimmert
im Gehirn mein Stolz?

Ich: singe. Alles Lied ist
Ding ist: Ich. Ich bin.

 

 

 

Bulettenexperiment

Auch das Experiment hat seine Tradition, also auch seine Epigonen. Von August Stramm bis zu Thomas Kling sind es hundert Jahre. Da muss man schon ziemlich jung sein, um das Spiel noch einmal zu spielen. Mara Genschel, Jahrgang 1982, ist es. „Mara Genschel muss man hören. Und sehen“, empfiehlt ein Dichterkollege im Klappentext.
Das lässt schon vermuten, dass die Buchform nicht ganz so faszinierend ist. In der Tat. Manches klingt nach Jandl, anderes nach Kling, dem sie eines der Gedichte widmet. Oder sind es Rudimente von Gedichten? Etwa so:

EXIST &
glückl. in
botanischem
G. gesessen,

„m/pl teig mit
fleisch- oder
fischfüllg., in
öl“ gegessen.

[Sachlich mich ums
Sprachliche gedrückt].

Eine Tagebuchnotiz, typographisch aufgemotzt – aber ein Gedicht? Man darf den selbstkritischen Schluss der Autorin umkehren: Sprachlich mich ums
Sachliche gedrückt.

Dagegen gibt es ein beinah brauchbares Bulettenrezept, brauchbar bis auf den misslaunigen Einschub „pantsch“ und die Aufforderung: „friss frikar / nach Bratzeit sechshundert sekunden.“ Da möchte man doch vom Genuss abraten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.4.2008

„O“!

In „Der blaue Volkswagen“ im Essayband Nonfiction schreibt Marcel Beyer: „Ich will Volksmusik machen“. Ob Mara Genschel diesen Wunsch teilt, ist mir zwar nicht bekannt. Als Leserin aber habe ich ihre Arbeit sehr bald als etwas wahrgenommen, das mit dem Volkslied zumindest auf Tastabstand ist; auf Tanzabstand. Aber weil wir alle, wie Marcel Beyer anmerkt, unter ,Volksmusik‘ bzw. „unter den Bestandteilen dieses Begriffs etwas anderes verstehen“, sei festgehalten, dass hier naturgemäß nicht von der „aggressiv-sentimentalen, unhinterfragbaren, ahistorischen“ Soße die Rede ist, die auf dieser Spur aus den Kanälen sickert. Sondern gerade von deren Gegenteil: einem, noch einmal mit Marcel Beyer gesagt, Sprechen mit „konkreten zeitlichen und räumlichen Bezügen“, das sich nicht als „nach allen Richtungen abgesichert“ präsentiert, sondern sich „hier und jetzt, gleich und dort“ verortet. Denn alles das leistet Mara Genschels Lyrik, und mehr noch: sie singt dabei.
Lied, Song, Gassenhauer – in Mara Genschels Band Tonbrand Schlaf (Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2008) sind sie alle motivisch präsent, aber das Singen ihrer Texte setzt für mich weit vor diesen motivischen Verweisen an, weit sogar noch vor der frappierenden, vielerorts gewürdigten Musikalität dieser Gedichte. Das Singen bestimmt in Mara Genschels Texten die Haltung.
Dies kann durchaus vom konkret Physischen her gedacht werden: Wirklich zum Singen gebracht wird die menschliche Stimme nur über eine im Vergleich zum Sprechen größere Öffnung des Brust- und Rachenraumes. Im spontanen, ungeschulten Singen wird der Körper zu einem weiten, vokalischen Spiegel – die eingeströmte Atemluft geht als direkter Widerhall, als Sonanz feinster Muskelspannungen, in die Umgebung zurück. Für weniger Geübte ist hier kaum Raum für gedankliche Beeinflussung, für Verstellung schon gar nicht. Und folgt man der in der Sprech- und Stimmforschung vertretenen Ansicht, dass das Singen entwicklungsgeschichtlich dem Sprechen vorgängig war, hat man es zudem mit einer basalen menschlichen Reaktion auf die Welt zu tun.
Die offene Brust, (volksliedverwandte) Direktheit, Klangverläufe körperlichen Hierseins – diese Elemente scheinen mir die Justierung in Mara Genschels Texten vorzunehmen. Und weil wir es mit grundlegenden Reaktionen zu tun haben, setzen die Gedichte in ihrer Sprachbildung an den kleinsten Äußerungselementen an – z.B. dem Vokal –, schließen rhythmisch-klangliche Möglichkeiten, vor allem aber auch Bedeutungsdimensionen solcher Mikroeinheiten auf, die nicht selten die Bindung ans Jetzt und Hier leisten. In einem sogenannten Ex-Text etwa (den mir die Autorin für diese ,Lagebesprechung‘ zugänglich gemacht hat) bricht die ausrufend-ausufernde Gegenwart nicht zuletzt über ein „Ah! / Ey!“ aus älteren Sprachschichten hervor – der Text aktiviert in diesem Refrain das alte ,ei‘ wie das neue ,äi‘ gleichermaßen. Und zeigt so ganz nebenbei, dass ein Äquivalent zum unverstellten Widerhall des Singens im Gedicht eben nicht über Naivität, sondern nur über gezielte dichterische Fein(st)einstellungen zu erreichen ist.
Auch thematisch gibt es in Mara Genschels Texten die Konzentration auf die grundlegende Mikroeinheit. Aber was wäre die basalere Äußerung: eine von Bedrohung getriebene oder die Bejahung? Hier kann nur gewählt, nicht entschieden werden, und Mara Genschels Lyrik legt den Fokus meist auf Letzteres, das Sich-Aussprechen von – – und weil das so selten ist gerade, fehlt hier auch das Wort ohne sonderbaren Beigeschmack: Wäre es Lebensfreude? Energie? – – Ich möchte es am liebsten Exaltation nennen, mit dem negativen Beiklang des Deutschen abgezogen und dem englischen great joy, bliss, delight und ecstasy unter exaltation@thesaurus.com dazugedacht.
Bei Mara Genschel scheut diese Exaltation nicht vor einer Wiederaufnahme traditioneller lyrischer Situationen zurück – dem bewussten Lebensmoment als Ausgangs- und Zielpunkt; der Liebe. Unmittelbarkeit statt Distanz und ennui, Gefühl statt Gefühligkeit, das heißt im gegenwärtigen Kontext auch: sich risikohaft auszusetzen, sich nicht „nach allen Richtungen“ abzusichern. Riskantes aber ist immer interessanter, meine ich, und so bin ich es froh, die Welt z.B. mit Genschels schrift-offenem ,o‘ ansingen zu können (dem das vokalisch offenste ,a‘ hier den Platz räumt):

So., im Hof morgens,
klirrte, unten zertretner Mohn,
die von oben grad vögelnde Glottis ,o‘

Und Gott rief von hinten.
Und die Glocken

schlugen ihren Segen und so.

Dann: Regen.

locker mit ihm ins handfest-diesseitige „und so“ zu rutschen, gläserne Balance, dass der sich zurückbiegende „Regen“ doch noch das letzte Begeisterungswort behalten kann –
– für diesen Moment. Denn Mara Genschels Arbeit weiß um die Gefährdetheit solcher Augenblicke intensiver Kommunikation mit dem Außen. Entsprechend kennt sie auch deren immer-präsentes Gegenstück – die absurde, komische Situation, die sich bei Genschel eher in Selbstironie oder Spott als einem kühl-ironischen Gestus ausprägt. Etwa, wenn sich in „VERWANDLUNG DER JÜNGLINGE III“ hinter flittrigen Denkmasken das Fleisch auftut:

Prinzessin S. war im Netz auf einen Frosch gestoßen.
So herum war und bleibt es der bessere Weg, dachte sie gerissen.

Der Frosch aber grinste und kratzte sich genüsslich die Eier.

Die zweite Gefährdung allerdings ist existentieller; sie wohnt der lebenden Begegnung selbst inne. Mara Genschels hier veröffentlichte Gedichtfolge „NEUE METAPHERN NEUNFACH IN DEN RACHEN DER LIEBE, WIEDER“ zeigt, wie geöffnete Exaltation auch die Wahrnehmung von Fremdheit und Widerwillen bedeutet. Bewegtheit liegt hier zwischen „Folie“ und „Trockenobst“, zwischen „Gleisen“, „Gardinen“ und „Schweißspur“; sie begegnet sich in ihrer Vervielfachung, als „Abermals: Zucken“, als „Repeat“ und „Stau“. Bewegung erscheint ausgelagert in eine Sphäre zwischen Beobachterin und Objekt, dem sie, zum Partizip Präsens geronnen, „zäh“ anhaftet. Dass auf solchem Weg zur Versteinerung Spracharbeit nicht im Sinne einer gesteigerten Eloquenz oder Flüssigkeit erfolgen kann, versteht sich; sie würde beschönigen. Aber wäre hier – und angesichts der ungebrochenen Musikalität der Texte stellt sich diese Frage – nach wie vor das Singen haltungsbestimmend zu nennen? Vielleicht, wenn die Sonanz der Muskelspannungen auch die An- und Verspannungen umfasst und man mit Singen, dichterischem Singen, gerade das Ausgesetzte und Explorative meint, das festgesetzter, objektivierbarer Gesang nicht sein kann und will. Das sich, um noch einmal auf Marcel Beyer zurück zu kommen, keinesfalls dazu eignet „Teil einer Singbewegung“ zu werden. Vielleicht; genuin dichterisches Sprechen ist es in jedem Fall

Anja Utler, Ostragehege, Heft, 57, 2010

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Tobias Amslinger: Ungebremste Sprachwut
poetenladen.de, 23.8.2008

Martin Piekar: Empfehlungen zur zeitgenössischen Lyrik
martin-piekar.de, 13.5.2013

Konstantin Ames: Mara Genschel
karawa.net

 

 

 

 

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