Marcel Beyer: Falsches Futter

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Marcel Beyer: Falsches Futter

Beyer-Falsches Futter

IM HOTEL ORIENT

Wir sind gepuderte Gestalten
auf Polstern in der Sitzecke
halbdunkel, schwarzer Samtverschnitt.
Das sind die wahren Etablissements,
Männer im Unterhemd öffnen die Tür.
Ich bin jedoch nur Augen- / Ohrenkunde:
Gibt es das Räuspern noch? Das Schnupfen?
Das Verhören? „Die waren hungrig“, nachts,
im Nebenzimmer, spät bis Drei.
Und wir sind traurige Figuren
am Lacktisch, Nachtgespräch.
Augen, halboffen. Frisch rasierte Schläfen:
Gibt es das Flüstern noch? Das Rauchen?
Spiele die Koksnase: das mitgegangene
Tütchen Zucker, SANTORA, vor dem
kalkfleckigen Spiegel inhaliert.
MAXIM FUTUR-Spiegelung: Gibt es
das Schlucken noch? Und stehe da
wie aromatisiert: heiß, Holundrisch
und schwach

 

 

 

Als literarische Entdeckung

des Jahres 1995 ist Marcel Beyers meisterhafter Roman Flughunde in Erinnerung. Die imaginative und dokumentarisch genaue Akustikgeschichte des Nationalsozialismus überzeugte nicht zuletzt durch ihre rhythmische Prosasprache. Konsequent legt nun der Erzähler (und nebenbei: Musikkritiker) Marcel Beyer sein erstes Buch mit Gedichten der letzten Jahre vor: Falsches Futter.
Das wahrnehmende und erinnernde Ich wird zum stöbernden Spuren- und Stimmensucher in der Gegenwart, zum Ohrenzeugen an Herrentischen, zum Protokollanten einer Geschichte vom Wien der dreißiger Jahre bis zum letzten Schlachtfeld des zweiten Weltkriegs vor Berlin. Das Falsche Futter der Weltanschauungen bleibt gegenwärtig, wo die Gegenwart noch undurchschaut mit der Vergangenheit verbunden bleibt. Zwischen den fotorealistisch scharf geschnittenen Bildern dieser Gedichte, die das Bedeutsame im alltäglich Kleinen finden, liegen der eigene Herkunftsort und die Funde in der Familiengeschichte. Ein blinder Fleck zu Anfang noch, aber im Gang durch Geschichte und zwischen Orten klären sich in den drei Abteilungen von Falsche Futter die Konturen, gewinnt der biographische Blick Tiefenschärfe.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1997

 

 

Verwickelt und verflochten

„Du mußt dein Leben ändern.“ Ungestraft durfte nur Rainer Maria Rilke ein Gedicht derart deklamatorisch, diktierend beenden. Und das auch nur – noch – zur Rilke-Zeit.
Marcel Beyer, Jahrgang 1965, ist kein deklamatorischer Dichter. Ist kein diktierender Dichter. In der Lyrik ändert der Lyriker sein Leben. Seine Gedichte sind Szenen des geänderten Lebens. Aufgestellt wie Dominosteine. Zeile hinter Zeile. Eine Linie bildend. Die des unumstößlichen Lebens?
Ohne Bildung und Bereitschaft sich zu bilden, ist der Dichtung des Marcel Beyer nicht zu beizukommen. Der Kölner hält sein Ich zurück, ohne es herauszuhalten. Sein Ich ist im Wir, Uns, Du. Wir, Uns, Du zu sagen ist für den Lyriker eine Möglichkeit, sich dem Ich zu nähern. Nicht dem Ich, das sich in seiner Isolation gefällt. Das auf den Zuruf eines Rilke wartet. Auch nicht jenes Ich sozialistischer Prägung, das sich im massenhaften Wir verkroch: die Parole „Vom Ich zum Wir“ mißverstanden!
Beyer läßt sich die Ansprüche nicht ausreden, die für das Vom-Ich-zum-Wir und Vom-Wir-zum-Ich gelten. Die Ansprüche kommen in seiner Lyrik gleichberechtigt zur Geltung.
Die Gedichte sind Gedichte vom Leben in der Gesellschaft und somit des gesellschaftlichen Lebens. Das Sein des Subjekts wird nicht losgelöst vom Sein der Gesellschaft gesehen. In Deutschland gibt es nicht viele Dichter, die konsequent das Sein der Gesellschaft und das Sein in der Gesellschaft zum Gegenstand der Gedichte machen, ohne zu agitieren, zu propagieren, zu sanktionieren. Wenn Beyer für das Titelgedicht seines Buches Falsches Futter die Methapher vom Kanonen-Futter adaptiert und umfunktioniert, kann er sinn-bild-haft formulieren, wie er die ewige deutsche Lands-Knecht-Elends-Herrlichkeit sieht. Zu der gehören so synonymhafte Biographien wie die der Frau Riefenstahl. Biographien, die endeten, wo der faschistische Krieg verreckte („Halber Kessel“).
Für Beyer ist Gegenwart auch die fortwährende, verlängerte Vergangenheit, ist Generation auch die fortgesetzte, gewesene Generation. Beyer begreift Gegenwart, indem er nicht mit der Vergangenheit bricht, nicht die vorausgegangenen Generationen ignoriert.
In den Gedichten des Lyrikers ist das Gestern mit all seinen Verflechtungen, sind die Gewesenen mit all ihren Verwicklungen. Die Verflechtungen des Gestern zu sehen wie die Verwicklungen der Gewesenen heißt, Heimat-Kunde zu betreiben, um sich das Verstehen und die Verständigungen über das Hier und Heute zu erleichtern. Hier und Heute kann ebenso Kairo, wie Wien, wie Halbe sein. Allen Orten ist gemeinsam, daß sie Orte mit Geschichten sind, die Geschichte wurden und werden. Geschichte ist nicht alles für Marcel Beyer. Geschichte ist alles für seine Gedichte.
Vierzig Jahre nach Rilkes Tod, zwanzig Jahre nach Fünfundvierzig, drei Jahre vor Achtundsechzig geboren, straft der Lyriker diejenigen Lügen, die sich hinter der Formal „Generation X“ verschanzen. Marcel Beyer sorgt sein Hineingeboren-Sein, und er sorgt sich. Nicht im Unglück zu sein bedeutet nicht, im Glück zu sein. Bedeutet den wechselnden inneren wie äußeren Änderungen ausgesetzt zu sein. Die ständige Veränderbarkeit ist in den Gedichten. Profane Zukunftsvisionen posaunt Marcel Beyer nicht hinaus. Er bleibt dabei festzustellen:

In manchen Stunden werden meine Augen dunkel, dann rase ich zurück in meine Dunkelheit, bevor die ersten Worte kamen …

Björn Berg, Edition Luise, 1998

Menschenfleisch ist das falsche Futter

Seinen Roman Flughunde (von 1995) haben die schärfsten „Hunde“ hoch gelobt. Deshalb soll hier ein lesendes Auge auf zwei andere Drucksachen geworfen werden, auch, weil Marcel Beyer (geboren 1965) seit geraumer Zeit unter einer Dresdner Adresse schreibt. Klar, daß ein Verlag vom Erfolg seiner Autoren profitieren will (und muß), also schiebt Suhrkamp jetzt zwei Debüts von Beyer als Taschenbücher nach, seinen ersten Roman Das Menschenfleisch und den ersten Gedichtband Falsches Futter.

(…)

Auch die Gedichte des M. B. nehmen, mehr oder weniger gut versteckt, Anleihen bei den Meistern, ohne allerdings wie in der Prosa das Imitat zuzugeben. Es taucht „ein Plausch nun über Bäume“ (Beyer) auf, „wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist“ (Brecht). „Nur zwei Dinge“ (Benn) werden parodiert mit „Nur zwei Koffer“ (Beyer).  Aus der Zeile „Gewaltig endet so das Jahr“ in „Verklärter Herbst“ (Trakl) wird „Gewaltig endet so der Tag“ in „Verklirrter Herbst“ (Beyer). Bestimmt kann ein ausgebuffter Literaturwissenschaftler noch vielvielviel mehr Bezüge finden. So taumelt z.B. durch mehrere Gedichte des Bandes und durch das Wien der 30er Jahre ein Josef, was den viel gescholtenen Wiener Dichter Josef Weinheber meinen könnte, auf den M. B. kalauernd anspielt:

kalbsdeutsch, ist die Weinheberlaune in Version

Überhaupt gibt es auffallend wenig Begriffe, die sich auf die Gegenwart beziehen, dafür aber ein Wiedersehen mit Urahnen des Dichters, worauf die Leser schon lange gewartet haben, und Leni tritt auf mit ihrem „Schmierfilm“ und „Hinkebein“ Goebbels als Tankwart verkleidet in Blitzmontur. Im vierteiligen Gedicht „Der Kippenkerl“ wird in expressionistischem Metaphernstakkato der letzten Schlacht vor Berlin gedacht, wo „Wenck kommandiert sein Kinderkorps“. Sehr beachtlich, anerkennenswert, aber irgendwie manieriert, aufgesetzt, mit dem analytischen Blick eines Außerirdischen. Ansonsten hat der Titel des Buches etwas prophetisches, denn die meisten Gedichte waren das „falsche Futter“. Mag sein, Flughunde haben M.B. zum Durchbruch verholfen; Menschenfleisch und Falsches Futter aber sind eher ein Einbruch.

Michael Wüstefeld, SAX. Das Dresdner Stadtmagazin, 09/1997

Lesung von Marcel Beyer aus dem Band Falsches Futter im Deutschen Literaturarchiv Marbach am 22.1.1998

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Angelika Overath: Haut- und Lautfehler
Neue Zürcher Zeitung, 15./16. 2. 1997

Jörg Drews: Aschefeld und Projektil
Süddeutsche Zeitung, 19./20. 4. 1997

Rolf Schneider: Keiner hat sie richtig lieb
Berliner Morgenpost, 6. 7. 1997

Annette Brockhoff: Dunkle Augen oder Das gezeichnete Ich der neunziger Jahre
Basler Zeitung, 3. 10. 1997

Ernst Osterkamp: Schneemanöver
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. 10. 1997

Axel Kutsch: Marcel Beyer: Falsches Futter“
Das Gedicht, Heft 5, 1997

Das kommende Blau

– Über Marcel Beyer. –

1
„… aber viel wichtiger ist die Rhythmizität.“ – so Marcel Beyer 1991 über die Wirkung des Musikhörens bei der Arbeit. Wichtiger als was? Als die „Textfetzen“, die aus der Popmusik sich ins Schreiben von Prosa, ins Schreiben von Gedichten sowieso, ins Schreiben überhaupt mischen.
Rhythmizität (und Exhumierung). Andere Alltage, andere Nächte, wie in der unmusikalischen 70er-Jahre-Lyrik, wie in den frühen 80ern, als die Rhythmizität der Musik längst über London, Karibik, Düsseldorf, den literaturinteressierten jungen Mensch der Bundesrepublik daraufhingewiesen hatte, daß mit dem deutschsprachigen Gedicht etwas zu geschehen hatte, sollte es nicht sang- und klanglos von der Bildfläche, von der Tonspur verschwinden.
Pathetisch?
Zeithistorisch präzise.

2
Zeit- bzw. Zeiggenossenschaft im Gedicht:
1989 benutzt Beyer in Kleine Zahnpasta (im programmatischen „A Step into the Batcave“) ein Eliot-Zitat als Motto; der in älteren Jahren christ-konservative Herr sieht sich plötzlich als Scratcher entdeckt. To scratch, ursprünglich durch Nagel-Kratzen Risse in etwas machen; Tätigkeit, die unter Benutzung scharfer Werkzeuge durchgeführt wird. Eine dritte Bedeutung noch kennt das deutsch-englische Wörterbuch von 1794: schlecht schreiben, kritzeln, schmieren. Und folgerichtig wird Slang-verwendend im/vom Gedicht gefragt: CAN U EAR ME?

3
Rhythmizität der jüngeren, wie der Zeitgeschichte, ins Werk gesetzt durch Exhumierung – Hervorhebung – von Sprache. Das in der Tradition der frühen Moderne angelegte Interesse für die – mit prekärer Sprache verbundene – prekäre Figur: Goebbels, Weinheber, die beiden unseligen Josephs. Goebbels, der das Grab „Holunderlins“ (Beyer) zum hundertsten Todestag mit Nazi-Ehrenkränzen zupflastern ließ. Spielt Scardanelli Erdklavier? Legt er auf?, frage ich mich manchmal, wenn ich Gedichte lese von Marcel Beyer.
Weinheber, der für Auden Thema wurde, jener Auden, dem Benn Respekt bezeugte. Weinheber, der in seinen den Wiener Kleinbürger-Slang benutzenden Gedichten von Wien wörtlich, seinem populärsten, 1935 erschienenen Band, am stärksten ist, sich am wenigsten klassizistisch korsettiert zeigt. Über Weinheber gibt es eine bemerkenswerte Äußerung von Jandl, in einem Wiener Gasthaus:

Der hätt sich nicht umbringen dürfen. Das war falsch. Das nehm ich ihm übel.

4
Beyer, der, wie jetzt schon gesagt werden kann, noch vor Grünbein bedeutendste Lyriker der 60er-Jahrgänge, liebt den Gang vorbei am Kohlenkeller der Geschichte: der Geschichte des 20. Jahrhunderts (wie der eigenen Kindheit). Beyer braucht das. Und es ist kein verdruckster, schleichender Gang. Wir, die Leserschaft Beyers, brauchen seinen Blick und Ton, sein unerhörtes Vorgehen in der Metaphernwelt, der harmlosen Gemütern und weniger Harmlosen (ideologisch imprägnierten Moderne-Hassern) zynisch vorkommen mag. Beyers Bewegtheit in den Textgängen, die Performance seiner Dichtung: Ausgeburten des Zynismus im Sinn der Generation Golf, die Bewegung mit seifigster Beweglichkeit verwechselt? Kann nicht sein. Weil sein Gedicht den bewegungsreichen, ja durchaus federnden Schritt geht? Weil seine Gedichte als Letzte Lockerung Serners getanzt werden, was bekanntlich Rückgrat verlangt?
Ja, deswegen.
Hierbei wird übersehen, daß es die Tatsachen sind, die dem Dichter das – eigentlich unsägliche, das unerhörte – Material an die Hand geben. Es ist die Recherche des Dichters. Es ist die unglaubliche Rhythmizität – und die sorgfältige Kennerschaft der historischen Avantgarden –, die Beyer zu seinen Ergebnissen bringen.
Wie gesagt: Marcel Beyers Gedichte, in der Auflage von 100 Exemplaren verbreitet, hat die Scene schon um 1989 gekannt. Und sie hatten, möchte ich dazufügen, von vornherein einen guten Ruf.

5
Beyer exhumiert gern.
Er macht gern mit der Sprache rum.
Er bettet gern um. (Siehe oben.)
Von ihm stammt die angebrachteste Trakl-Anverwandlung, die wir kennen, sein Verklirrter Herbst.
Er ist beschäftigt am Institut für Rechtsmedizin. Früher Köln, zeitweise Wien, seit einiger Zeit Dresden.
Er ist der rhythmische Forensiker der Gegenwartsliteratur.
Wahres Futter: Es schreibt keiner ein schöneres, keiner ein bewußteres, genaueres Gedicht-Deutsch als Marcel Beyer.
Keines Abscheu vor der Geschichte ist größer. Und keiner kann das cooler zur Sprache bringen.

Vielleicht ist es so zu sagen:
Es ist die Rhythmizität des Liebenden, der solche Gedichte schreiben kann.

Thomas Kling, aus: Thomas Kling: Botenstoffe, DuMont Verlag, 2001

 

 

MARCEL BEYER

auf weiter leerer Flur gehst du am Morgen hinterm
Schlitten, zwei schnüffelnde Hunde laufen dir voraus.
In dir zwackt es, du meinst es könnt, ein Wackerstein
sein, Wortbrandsätze geschluckt wie Bier
bei der Hütte, die versteckte hinterm Tannenwald
Rund um Hund wird es still, kein Ton zu hörn
bis in den Haaransatz Wolfsaugen, Wolfskopf,
Wolfsreißzahnlücken durchunddurch nichts als Wolf.

Peter Wawerzinek

 

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