Margaret Atwood: Die Tür

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Margaret Atwood: Die Tür

Atwood-Die Tür

DER DICHTER IST WIEDER ZUM DICHTER GEWORDEN…

Der Dichter ist wieder zum Dichter geworden,
nachdem er jahrzehntelang tugendhaft war.

Kann man nicht beides sein?
Nein. Nicht in der Öffentlichkeit.

Man konnte, früher,
als Gott noch donnernde Rache war

und den Duft von Blut mochte
und zu schlüpfriger Vergebung erst noch kommen musste.

Damals konnte man Weihrauch streuen und preisen
und sein Schlangenhalsband tragen

und die eingeschlagenen Schädel seiner Feinde
besingen zu einem frommen Chor.

Kein ergebenes Lächeln, kein Keksebacken,
kein Eigentlich bin ich ein netter Mensch.

Willkommen zurück, mein Herz.
Zeit, unsere Wache wieder aufzunehmen,

Zeit, die Kellertüre aufzusperren,
Zeit, uns zu erinnern,

dass der Gott der Dichter zwei Hände hat:
die gewandte Rechte, die sinistre Linke.

 

 

 

Die gefeierte Schriftstellerin Margaret Atwood

lässt in ihren neuen Gedichten ein vielschichtiges Panorama der Welt entstehen, voller Lakonie, Witz und stiller Trauer. Und wird der Boden noch tragen? Und wie lange noch? Margaret Atwoods neuer Gedichtband erkundet in einer klaren, beinahe entblößenden Sprache die Ungewissheiten und Launen der verstreichenden Zeit. Sie widmet sich dem Leben in all seinen Facetten: der Liebe, dem Verlust der Eltern und der Kindheit, der Selbstwahrnehmung des Dichters, dem nahenden Tod. Prägnant und bildreich bewegen sich die Gedichte zwischen lyrischem und ironischem, abwägendem und waghalsigem Ton. Sie brechen ab, schlagen Haken, setzen wieder neu an und weisen schließlich mit prophetischer Bestimmtheit den Weg durch die Tür – hinaus, in die Dunkelheit: Die Tür schwingt auf: „O Gott der Scharniere, Gott der langen Reisen, du hast die Treue gehalten. Es ist dunkel da drin. Du vertraust dich der Dunkelheit an. Du trittst ein. Die Tür schwingt zu.“

Amazon, Beschreibung

 

Blütenblätter und schwarze Katzen

– Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood verwebt kunstvoll Gefühle und Gedanken von heute in eine lose, dichterische Sprache. Zu ihrem 75. Geburtstag gibt es eine Auswahl aus ihrem lyrischen Gesamtwerk. –

Die angesehene kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood wird am 18. November 75 Jahre alt. Aus diesem Anlass veröffentlicht der Berlin Verlag einen Auswahlband ihrer Gedichte – schließlich hat sich die gefeierte Romanautorin zuerst als Lyrikerin einen Namen erschrieben.
In ihren Romanen sprengt sie gern Grenzen von Geschichte und Gegenwart, springt in Räume der veränderten Vergangenheit oder einer negativen Utopie. In der Lyrik hält sie es ähnlich. Wer hat je so souverän ein Gedicht über Benzin verfasst?

Ich wusste, dass es Gift war,
seine Schönheit nur Illusion:
Brennbar war mir ein Begriff
Aber dennoch, ich liebte den Geruch:
so fremd, ein Hauch von
Sternenasche

Oder wer ist sich nicht zu schade, die Trauer beim Tod einer „schwarzen Katze“ gleich mehrfach für poesiewürdig zu erklären:

Schwarzer Kater, der in Puppenhaube und Schürzenkleid
von einem Dach zum anderen sprang
O listiger pelzgesichtiger Abgott,
der Anbetung und Schinderei ertrug,
oft ohne zu kratzen

Dem Andenken ihres Vaters indes widmet Atwood berührende Zeilen:

Eines Tages sah er einen getränkten Baumstamm
schwerfällig flussabwärts treiben,
und darauf saß ein Schmetterling, blau wie ein Augenpaar.
Das war der Moment – wie ich später erfuhr –,
der ihn von seiner Tangente
und hinein in die abstruse Welt
der Mikroskope und Zahlen,
Reversnadeln, Autos und Streifzüge schoss

Die Tochter eines Insektenforschers, die unter anderem lange in den kanadischen Wäldern gelebt hat, ist eine energische Umweltaktivistin.
Kunstvoll verwebt Margaret Atwood in ihrer Poesie Gefühle und Gedanken von heute in eine lose, ungebundene dichterische Sprache, mit der sie die Grenzen zwischen hoher Abstraktion und tiefschürfender emotionaler Auseinandersetzung gewandt zu überschreiten weiß. In diesen Sendschreiben persönlicher Empfindungen und aufgeklärter Vernunft sucht die Autorin das Zwiegespräch mit den stets von Brüchigkeit bedrohten Gründen gelebter Zivilisation. Sie fragt, oft ganz auf die auch banalen Erlebniswelten der Jetztzeit bezogen:

Was alarmiert uns? Woran weiden wir uns?
Wir nehmen alles auf,
eine Wunde nach der anderen…
Unsere Gesichter leuchten im glasigen Flackern,
die Nacht kommt auf wie Rauch

Das Gedicht nennt sie „Zehn-Uhr-Nachrichten“.
Schließlich findet die Dichterin, halb wissend, halb erschrocken, ausgerechnet in einem Hotel zur Einsicht:

Hinter den Kulissen herrscht immer ein Blutbad („Backstage it’s always carnage“).

Und schränkt doch zivilisationsverwöhnt ein:

Rote Blütenblätter auf dem Boden,
Du hoffst, dass es Blütenblätter sind

Immerhin bleibt die Warnung aufrecht:

Sieh nicht
in das letzte und kleinste Zimmer, o
Liebes, sieh nicht hinein

Margaret Atwoods Poesie entsteht in einer Atmosphäre von Sachlichkeit und gezügeltem Gefühl. Seit einem halben Jahrhundert veröffentlicht die Autorin viel beachtete Erzählwerke, Gedichte, Essays und Kinderbücher. Ihr berühmtester Roman, Der Report der Magd, wurde 1989 von Volker Schlöndorff verfilmt.
Als poeta docta weiß Margaret Atwood, „dass der Gott der Dichter zwei Hände hat: die gewandte Rechte, die sinistre Linke“. Zuversichtlich meint sie:

Doch die Dichter halten durch, denn
wenn sie etwas sind, dann beharrlich.
Sie können nicht singen, sie können nicht fliegen.
Sie hüpfen nur und krächzen
und werfen sich gegen die Luft,
als wären sie in Käfige gesperrt

Etwas aber wissen sie.
Irgendetwas, was sie flüstern,
wir können’s nicht ganz hören.
Geht es um Sex?
Geht es um Staub?
Geht es um Angst?

Oliver vom Hove, Wiener Zeitung, 15.11.2014

Unsentimentale Elegien

Die Tür… ja das Thema ist das Leben mit seinen schwingenden Türen und das immer neue Erkennen von zwei Seiten. Alle Abschnitte des Gedichtbandes verfolgen die verschiedenen Phasen des Öffnen und Schließens, die verschiedenen Phasen des Lebens und Erlebens.
Margaret Atwood unterteilt ihre 51 Gedichte in fünf Abschnitte.
Die Gedichte im 1. Abschnitt beschäftigen sich mit Verlusten. Dort vielleicht das berührendste Gedicht „Meine Mutter schwindet“ (Seite 46/47)
Im Abschnitt 2 reflektiert die Autorin über eine literarische Karriere. Hier besonders aufschlussreich „Eule und Kätzchen ein paar Jahre später.“ (Seite 74/75)
Im Abschnitt 3 geht es um Lebenstragödien oder die Schrecken des täglichen Lebens. Hier scheint mir besonders treffend „Kriegsfoto “ (Seite 150/151)
Abschnitt 4 scheint mir wegzuführen von den Tragödien und Schrecken zu der Monotonie des Alltäglichen. Typisch „Die Linie: fünf Variationen“ (Seite 204/205)
In Abschnitt 5 wird über Altern und Sterben nachgedacht. Direkt im ersten Gedicht „Schiffslied“ (Seite 236/237 geht es um eine Band, die spielt, während ein Schiff sinkt. Abgeschlossen werden dieser Abschnitt und das Buch mit dem Gedicht „Die Tür“ (Seite 2080/281), mein Lieblingsgedicht. Hier seine letzte Strophe:

Die Tür schwingt auf:
O Gott der Scharniere,
Gott der langen Reise,
du hast die Treue gehalten.
Es ist dunkel da drin.
Du vertraust dich der Dunkelheit an.
Du trittst ein.
Die Tür schwingt zu.

(Seite 285)

Alle Gedichte sind im englischen Originaltext und der deutschen Übersetzung nebeneinander wiedergegeben. Eine ganz hervorragende Idee: Und die deutsche Übersetzung trifft diesen prägnanten Ton, der zwischen Lyrik und Ironie manchmal waghalsig aber gekonnt schwankt. Ihr Stil ist einfach faszinierend: Melancholisch, merkwürdig, morbide, fantasievoll, pessimistisch, abgründig. Sie weist scharf und zielgerichtet hin auf Alter, Sterblichkeit, Müdigkeit und die Schikanen des Lebens.
Diese Gedichte sind im gleichen schmucklosen, hämischen, geraden und direkten Stil geschrieben, den Atwood in ihren gesamten Werken zeigt. Manch einer wird vor allem bei den längeren Gedichten die rhythmische Energie vermissen, manch einer wird die fast banalen Beobachtungen und Meinungen nicht mögen, aber niemand wird sich der Faszination dieser Elegien aus Wut, Frustration, Enttäuschung und Schuld entziehen können.
Margaret Atwoods poetische Welt scheint auf den ersten Blick nicht gerade einladend. Ihre Gedichte wirken wie ein adstringierender herbsüßer Wein auf der Zunge, der zwar raffiniert aber etwas mürrisch wirkt. Erst der Nachklang dieses Weines offenbart viele Geschmackskombinationen und erweist sich als äußerst komplex und filigran: bei jedem Lesen aufs Neue.

Giulio Barrois, amazon.de, 17.10.2014

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Elke Engelhardt: Der besondere Zauber, der in der Entzauberung von allem liegt
fixpoetry.com, 31.10.2014

Sandy Lunau: Auf der anderen Seite der Tür
literaturkritik.de, März 2015

Philippa Schindler: Margaret Atwood – Die Tür
aviva-berlin.de, 21.1.2015

Martina Sulner: Ein Spritzer Regenbogen
Hannoversche Allgemeine, 18.11.2014

 

 

Lars von Törne im Gespräch mit Margaret Atwood über kanadische Identität, deutschen Humor und die Liebe im Kanu: „Wir halten die Tür auf“.

 

Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin

 

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