Marie Luise Kaschnitz: Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Marie Luise Kaschnitz: Gedichte

Kaschnitz-Gedichte

ICH LEBTE

Ich lebte in einer Zeit,
Die hob sich in Wellen
Kriegauf und kriegab,
Und das Janusgesicht
Stieß mit der Panzerfaust
Ihr die bebänderten Wiegen.

Der Tausendfüßler, das Volk,
Zog sein grünfleckiges Tarnzeug
An und aus,
Schrie, haut auf den Lukas,
Biß ins Sommergras
Und betttelte um Gnade.

Viel Güte genossen
Die Kinder,
Einigen schenkte man
Kostbares Spielzeug,
Raketen,
Andern erlaubte man,
Sich ihr eigenes Grab zu graben
Und sich hinfallen zu lassen tot
Zu den stinkenden
Schwestern und Brüdern.

Schwellkopf und Schwellbauch
Tafelten, wenn es bergauf ging,
Zander und Perlwein.
Die Erdrosselten saßen
Die Erschossenen mit am Tisch
Höflich unsichtbar.

Um den Himmel flogen
Selbständig rechnende
Geräte, zeichneten auf
Den Grad unsrer Fühllosigkeit
Den Bogen unsrer Verzweiflung.

In den Sperrstunden spielten
Abgehackte Hände Klavier
Lieblichen Mozart.

 

 

 

Nachbemerkung

Diese Auswahl aus dem lyrischen Werk von Marie Luise Kaschnitz enthält Gedichte, die mit wenigen Ausnahmen den späten Jahren entstammen. Sie kann daher nicht den Anspruch erheben, die Lyrik in ihrer ganzen Entwicklung zu zeigen. Auf die frühen Verse, die meist noch im Herkömmlichen angesiedelt sind, wurde verzichtet, um mehr Platz zu schaffen für Arbeiten, in denen die Verwirklichung der lyrischen Sprache legitim wird. Erst Mitte der fünfziger Jahre findet ein radikaler Stilwechsel statt, der Wuchs der Verse wird härter, ohne dabei die Transparenz zu verlieren, keine wuchernde Metaphorik mehr, die Verknappung der Sprache ist das poetische Element. Gerade durch das Aussparen von Metaphern und Wörtern, durch das Weglassen halber Sätze gewinnt sie die Sicherheit und Kühnheit des sprachlichen Ausdrucks. Das Weltwissen, das visionäre, in wenigen Zeilen zusammengedrängt, die saturnische Landschaft, das römische Licht, Sizilien, die Nebelnässe des Schwarzwalds, das Elsaß, alles wird interpretiert und verwandelt. In den letzten Jahren macht sich eine kritische Aktivität bemerkbar, ein Engagement, das genau die Grenze kennt, wo es gefährlich wird, in politische Gefälligkeit abzugleiten. Mit lakonischer Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst läßt Marie Luise Kaschnitz den Leser in ihre Werkstatt blicken.

MÜLLABFUHR

Meine Gedichte
Ins Schmierheft gekritzelt
Verworfen zerhackt
Mit neuen Gliedmaßen ausgestattet
blau angestrichen rot
Mit Flitter behangen
Der Flitter heruntergerissen
Kargwort neben Kargwort

Endlich das Ganze zerknüllt
Von der Hand in den Müll
und fortgerollt mit Getöse
Am nächsten Morgen
Nur Worte noch zwei oder drei
Tanzen im Kielstaub
Leuchten auf in der Sonne.

Notizen, hingeschrieben in scheinbar methodischer Unordnung, die nicht unmittelbar in den schöpferischen Akt eingreifen, als Rohmaterial jedoch eine Rolle spielen, das Speichern von Erfahrungen, das Einbringen von sozialen und historischen Realitäten. Kein Zauberspruch also – aber es ist schlechthin unmöglich, den Werdegang eines gelungenen Gedichtes zu erklären. Die bestürzende Einmaligkeit des Gedichtes „Genazzano“ ist nicht zu definieren, sie bleibt ein Geheimnis.

Peter Huchel, Nachwort

 

Sie hatte Vorbilder

− von Hölderlin bis Trakl – und sie fand „für die Zerstörung, die Auflösung und die Erschütterung eine lapidare, eine vorbildlich sparsame und doch niemals karge Sprache. Ihre Ruhe tarnte nicht die Unruhe, sondern ließ sie erst recht fühlen und erkennen. Ihre Verhaltenheit unterstrich ihren Schmerz, ihre Verzweiflung. Immer ist die Poesie der Marie Luise Kaschnitz in höchstem Maß persönlich und doch zugleich welthaltig. sie zeichnet sich durch kammermusikalische Intimität aus. Gleichwohl geht von ihr eine geradezu alarmierende Wirkung aus. Sie erteilt uns eine sprachgewaltige Stille“. Marcel Reich-Ranicki zum Tode von Marie Luise Kaschnitz

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1975

 

Das Lyrische Quartett im Lyrik Kabinett München sprach am 4.11.2014 über dieses Buch und ist zu hören ab 1:32:42.

 

 

FÜR DIE KASCHNITZ

Kommen Sie,
sagte ich,
kommen Sie in unsern Garten.
Es ließe sich
reden
über Kinderspiele, den
kleinen japanischen Ahorn
oder Mariannes Baum, den Ginkgo.

Sie sagte:
Holen Sie mich.
Es ist nicht wichtig,
viel zu reden,
aber in der Sonne
sitzen, den
Kindern zusehn
beim Spiel – das
haben Sie immer,
sagte sie.

Nie ist sie
in meinem Garten
gewesen.
Sprachen wir von ihm,
war es der ihre: sie
pflanzte den kleinen
japanischen Ahorn,
entließ den Ginkgo
aus seinem Gedicht,
erfand die Spiele
der Kinder.
Sie sagte: Noch immer
habe ich Ihren Garten
nicht gesehn,
doch
ich erinnere mich an ihn.

Peter Härtling

 

 

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Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Elsbet Linpinsel: „Der Dichter spricht“
Die Tat, 27.1.1971

Zum 100. Geburtstag der Autorin:

Cornelius Hell: Der defekte Schlusssatz
Die Furche, 24.1.2001

Zum 40. Todestag der Autorin:

 

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Nachrufe auf Marie Luise Kaschnitz: Tat ✝︎ Merkur

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