Marja Krawcec: Ralbitzer Sonntag

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Marja Krawcec: Ralbitzer Sonntag

Krawcec/Juritz-Ralbitzer Sonntag

AB JETZT BLEIBEN DIE WUNDER
nach uns
leckt keins sich die finger
wenn das letzte abendmahl verzehrt ist
beenden wir den satz
den wir zerkaut und
aufgeblasen haben daß es
den mund zuklebt
uns
wird doch
wohler werden
uns
großen kindern
die auf dem schotterweg
dem derwisch nachlaufen
solange das jahr
die sterne weiterdreht

(für gisela)

 

 

Beiwort

Ostdeutschland ist ein Beuteltier. Aus seinem Beutel späht ein kleines Völkchen: die Sorben – oder Wenden. Es hat zwei Namen, so wie es zwei Schriftsprachen hat: obersorbisch und niedersorbisch. Sein Wortraum, die Lausitz, ist auf zwei Bundesländer aufgeteilt, Sachsen und Brandenburg, und eine unbeschilderte Grenze trennt es in Katholiken und Protestanten. Dabei zählt es knapp einhunderttausend Leute. Einst siedelten seine Verwandten im Norden bis Rügen, im Westen bis zum Wendland. Damals war ostdeutsches Volk das Kleine, das einem west-slawischen Muttertier aus dem Beutel schaute. Aber was dazwischen vorfiel, zwischen den Zeiten und zwischen den Völkern, wird von dem friedlichen Bild verfehlt.
In ihrer geistigen Geographie, nach Sprache und Glauben, ist die Sorbei wie ein Herz gevierteilt. Die obersorbische, katholische Kammer ist auf der Karte ein Dreieck mit den Spitzen Bautzen – Hoyerswerda – Kamenz. Inmitten eine Streu von Dörfern, die an Ostern von den Osterreitern passiert werden. (Heilige Regel: Zwei Züge sollen einander folgen, aber nicht kreuzen. Mathematische Lösung: Die Strecke ist ein Oval, an dessen entferntesten Punkten beide sich zur gleichen Zeit in Bewegung setzen.) Dieses Land zeigt heute am offensten seine Kultur: flächendeckend faszinierende Traditionen und hoch hinauf eine reife Dichtung einiger weniger, hier Gebliebener oder Geborener.
Historische Unruhe scheuchte aus der Ruhe der Formen. Das Fach Sorabistik lehrt den Fall einer Zertrümmerung des strengen Reimzeitalters in bloß fünf Jahrzehnten. Das Ergebnis trägt denn auch die Eigenschaften seiner, unserer Epoche: endzeitlich und beiläufig, phantastisch und ratlos. Der Dichter Jurij Chezka, 1917 im Dorf Horka bei Kamenz geboren, hat zwanzigjährig die Vision eines Infernos, das ihm augenblicks das lyrische Gleichmaß und sieben Jahre später das Leben nimmt. Seine Nachfahren (Hiesige, mit Ausnahme von Kito Lorenc, der aus dem Weißwasserschen stammt) unterscheiden sich wo nicht im Text, so auf das Vertrackteste in ihrem Verhältnis zum Deutschen. Sämtlich Inhaber deutscher Pässe, können sie es sprechen. Einer lernt es erst mit sechs, einer lernt erst mit vierzehn sorbisch. Die einen übersetzen sich selbst, hin oder her, eine andere fällt, sowie sie ins Deutsche verfällt, aus dem Nest und dem Vers. Sie heißt Marja Krawcec. Wer sie kennenlernen will, muß ihre Welt betreten, diese Landschaft, wo jeder Baum mit jedem Wetter, jedes einzelne Wort mit allen übrigen Wörtern sein Spiel hat. Ihre Gedichte sind Knäuel, verwickelte Ströme, schwerauseinandergelöst und zu Zeilen zerlegt. Gelesen werden sie von neuem rund. Soviel vermag eine Sprache, die noch den Dual kennt.
Wir sitzen in Marjas Quartier zwischen Haufen Papieren, von denen schließlich eine Handvoll frisch beschriebener übrigbleibt. Bis dahin vergehen Jahre. Ein Staat platzt, Marja wird krank, ich verrückt, ihr Haus wird abgerissen, sie baut sich ein neues, zeitweise ist sie verschollen, als wenn sie die Wurscha wäre. Dann holt sie mich wieder in ihrem Trabbi von der nächsten Bahnstation. Unterwegs, bei Wittichenau, sehen wir drei Sonnen am Himmel. Ein Kriegszeichen, sagt sie. Drei Tage später beginnt der Golfkrieg. Sie traut mir nicht ganz, überprüft jedes Wort, jeden Zusammenhang. Ich tue mein Möglichstes. Heimlich sorge ich dafür, daß, wo im Sorbischen eine Bindung zerreißt, deutsche Grammatik eine andere stiftet, leicht daneben vielleicht, aber aus demselben Grund.

Gisela Kraft, Nachwort

 

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