Martin Onnasch: Zu Reinhard Lettaus Gedicht „Warnung“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Reinhard Lettaus Gedicht „Warnung“ aus Reinhard Lettau: Immer kürzer werdende Geschichten. 

 

 

 

 

REINHARD LETTAU

Warnung
für Uwe Bremer

Die guten Beziehungen zwischen
der Ortschaft Bischleben in Thüringen einerseits
und der englischen Krone andererseits
erklären sich folgendermaßen:

Ein großer Teil des englischen Hochadels
kommt aus Bischleben.

Wenn man jetzt
Edelleute
aus Bischleben nicht mehr nach
London ausreisen läßt, so hat das seine
Folgen fürs Commonwealth.

 

Provinz und Weltmacht

Reinhard Lettau hat in seinem Werk Thüringen, genauer gesagt: Erfurt, immer wieder zum Mittelpunkt der Welt erhoben. Einer der Gründe mag darin zu finden sein, dass er 1929 in Erfurt geboren wurde und dort seine Kindheit und Jugend verbrachte. Das bescherte ihm gute Ortskenntnisse und so haben auch inzwischen nach Erfurt eingemeindete Vororte wie Bindersleben, Ilversgehofen oder Bischleben Eingang in seine Prosa und Lyrik gefunden.
So ist es auch in diesem Text, eine Art ironisches Lehrgedicht. Im ersten Teil wird ein überraschender Zusammenhang zwischen „Bischleben“ und „der englischen Krone“ angebahnt – die thüringische Provinz und die Weltmacht auf Augenhöhe? Ja, so will es Reinhard Lettau und versteigt sich zu der erstaunlichen These, dass ein „großer Teil des englischen Hochadels“ aus einem Dorf bei Erfurt kommt. Vielleicht gibt es eine Anekdote aus der Familiengeschichte seines Freundes, des Malers und Grafikers Uwe Bremer, der 1940 in Bischleben zur Welt kam, die Reinhard Lettau hier ins Allgemeingültige wendet. Wir wissen es nicht. Der Autor stellt eine absurde Behauptung auf, die der Realität widerspricht und Bischleben als Machtzentrum benennt, was natürlich Auswirkungen auf die politische Weltordnung hat. Über diese von Reinhard Lettau mit Witz betriebene Simulation der Wirklichkeit darf der Leser gerne lachen.
Ist es nicht ein schönes Gedankenspiel, annehmen zu können, dass die Thüringer eine viel größere als bisher bekannte Macht über das britische Imperium haben und (im Verborgenen) seine Geschicke lenken? Die Bischleber, also die Thüringer, könnten als Kolonialisten auf diese Weise wiederum der gesamten Staatenfamilie unter der englischen Krone ihre heimischen Sitten und Gebräuche aufzwingen. In der Tat wären die Folgen unübersehbar.

Martin Onnaschaus Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann (Hrsg.): Thüringer Anthologie. Weimarer Verlagsgesellschaft, 2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.