„Matthias‟ BAADER Holst: Versensporn 2

BAADER Holst-Versensporn 2

CEAUCESCU MEINER SEELE!

tot wie bossert liegst du in meinem garten unbefleckt
die händchen überm kopf und beinchen breiter
mein unter-ich hat deinen ausweg angesägt

trotz aller schöße des jahrhunderts
ich möchte traurig häßlich sein
es sagt sich leicht
wir werdens schaffen!!!
in mir beklagt den halt das schwein

ich bin am ende doch das hat nichts zu heißen
wer zu lang lebt verliert sich schnell
ich mag die augenklappe an tom sawyer viel lieber
als allen ostseesand in wilhelm tell

 

 

Punkpoet, Sprachperformer, Aktionist aus Halle/S.

Der ursprünglich ironisch gemeinte Spitzname BAADER geht wohl auf seine Sympathien für die RAF zurück und wird von ihm – bei gleichzeitiger Referenz auf den Dadaisten Johannes Baader – als Künstlername übernommen. 1985/86 Mitherausgeber der inoffiziellen Literaturzeitschrift GALEERE, die nach behördlichem Verbot eingestellt werden muss. Seit 1988 in Berlin. Dort enge Zusammenarbeit mit Peter Wawerzinek. Zahlose Auftritte in der DDR-Provinz, auf Partys, in Kneipen, bei Spontanaktionen. Frontmann und Texter der Bands Die letzten Recken und Frigitte Hodenhorst Mundschenk. Stirbt am letzten Tag der DDR-Mark an den Folgen eines Straßenbahnunfalls in Berlin.

Edition POESIE SCHMECKT GUT, Ankündigung

Interview E. Maas und P. Wawerzinek

über „Matthias“ BAADER Holst

Erich Maas: Ja und wie ist das mit seiner Dichterei? Da hast du mir mal was erzählt, daß du zu ihm sagtest: „BAADER, du bist wahrscheinlich ein Dichter.“ Wie hat er darauf reagiert?

Peter Wawerzinek: Das war die Situation, wo ich diesen angebrannten Fuß hatte, und BAADER sich darum gekümmert hat. Also: ich hatte diese Riesenbrandblase, weil ich versucht hatte, durchs Feuer zu gehen, und BAADER hat das versorgt. Ich bin schließlich eingeschlafen und BAADER hat weitergearbeitet, konnte nicht schlafen. Da hat er dieses Gedicht geschrieben: „es läßt sich keiner umerziehen usw.“ Und dann hat er mich geweckt und mir das vorgelesen. Und da hatte ich den Eindruck, hier geht’s ganz klassisch zu – nur er erweitert es um eine Silbe, oder zwei – vom Klassischen her – daran hatte ich gedacht, und da hab ich ihm voller Erstaunen, wie’s ist, wenn man so gerade geweckt wurde, also in allergrößter Ehrlichkeit, gesagt: „Mensch BAADER, du bist wahrscheinlich’n Dichter. Du bist’n Dichter.“ „Na Jaahh“, hat er gesagt, du kennst ja seine Bewegungen, kennst du ja auch noch, „ist mir heute Nacht so eingefallen, ich glaube auch, daß ist o.k.“ So. Oder besser gesagt: Trakl, über Trakl haben wir uns viel unterhalten. Daß da Farben vorkommen. Also, Farben in Gedichten hat er akzeptiert. Wie Trakl die Farben traktiert hat für ganz bestimmte Bilder. Aber seine Zeichnungen in Halle, die farbigen, das waren einfach naive Rückstände. Das hat er eher hängenlassen, um’s abzutun: „HA, HA, das hab ich auch mal gemacht.“

Maas: Wie würdest du einen Text von BAADER beschreiben, was für eine Form von Herangehensweise ans Schreiben hatte der BAADER.

Wawerzinek: Naja, aus Krümeln wieder ein Brötchen machen, oder sowas. Also, wie ich gesehen habe, hat er sich ständig Notizen gemacht und dann hat er’s wieder zusammengesetzt; wie so’n Philatelist – (das wieder auf einer einzelnen Seite zu gestalten.) Also BAADER war immer eher verliebt in einen einzelnen Einfall, den er hatte, einen einzelnen Satz, einzelnen Ausdruck. Aus diesen Sachen hat er dann, ich will nicht sagen Gedichte gebaut, eher eine Art Installation hergestellt, die so’ne Art Gedicht wurde.

Maas: Es gibt ja einerseits die Texte, die wie Prosa gesetzt, eigentlich aber Gedichte sind, aber auch solche, die älteren, die durch die Satzform als Gedichte gleich erkennbar sind. Zum Schluß hat er ja nur noch die Prosaform benutzt, die extrem verkürzten, hochgradig komprimierten, reduzierten…

Wawerzinek: Ja, das hab ich nicht so genau mitgekriegt, aber jedenfalls gibts die Wandlung, die gab’s aber schon, bevor ich ihn kannte, also vor ’87. Irgendwann hat er vielleicht mal einen Text abgeliefert, also in Prosaform, und es hat ihm gefallen; und dann hat er mehr und mehr diese Texte gemacht, das ist wie so’ne Zahnfüllung – sie sind breiter geworden. Und dieses Ding, das du eben erwähnt hast, das ist eben ein Schlüsselding; wo er es noch als Gequatsche abgetan hat, als ich gesagt hab: „Du bist’n Dichter.“ Aber gefallen hat’s ihm auch. 
Ich glaube Gedichte waren für ihn immer noch ernsthafte Sachen und das andere war die Leichtigkeit des Ausdrucks oder sowas; daß man schnellere, verrücktere Sachen machen kann, das man da Namen, Zusammenhänge reinnehmen kann wie: „Bärbel Bohley mir 5 Mark“ – also sowas wie Boley, das erwähnt man doch nicht in Gedichten! Ich glaube, er hat’s gemacht, damit er auch diese Seite noch textlich umsetzen konnte, damit sich nicht soviel anstaute. Deswegen war der ja immer noch halbwegs so frei und locker; weil er das in dieser Form abgearbeitet hat.

Maas: Wie würdest du seine Arbeit überhaupt einordnen, in Bezug auf das Umfeld, in dem er gearbeitet hat – seine DDR-Situation. In welchem Zusammenhang sind seine Texte zu sehen.

Wawerzinek: Ich weiß schon, was du ungefähr meinst. Ich glaube als blutige Binden, die man sich abnimmt und der Welt vorwirft, so blöd das klingt, so ungefähr würd ich sagen, hat der BAADER gearbeitet und es war echtes Blut, echte Binden und auch echtes Hinwerfen. Diese Verzückung in Einzelheiten ist nicht das Wesensmerkmal von BAADER, ich glaube, daß er schon ganz genau gewußt hat, daß er mit 16 oder 14 einen Weg begonnen hat, der nicht normal ist, und daß die Gedichte und Texte, die er abgibt… der würde jetzt lachen, so wie ich das jetzt sage, und der würde tönen: „Jaah, das ist Kampf, das ist Krätze, Grafitti ist das!“ oder ähnlich – ist aber gar nicht so gewesen, war nicht ’ne Message, war eher: Ich schmeiß euch den Beutel hin – sowas glaub ich.

Maas: … und ist wohl auch nicht so zu sehen, daß BAADER sozusagen für die Kunst gelitten hätte, insgeheim einem Kunstleidensmuff, einer Betroffenheitskünstlerei gehuldigt hätte.

Wawerzinek: Nee, es ging bei ihm ja überhaupt nicht um Kunst, bei BAADER geht’s gar nicht um Kunst. Es geht bloß um dieses Existieren, um Leben, also die Texte als Stelzen sozusagen, um weitertorkeln zu können. Der ist ja irgendwann sozusagen textös gebunden gewesen, der kam ja gar nicht mehr davon los, hat immer nur noch versucht, alle Dinge, die er gesehen hat, textlich zu fixieren, komplett infiziert. Nee, also für die Kunst überhaupt hat der gar nichts gemacht, ging ihm am Arsch vorbei, die Kunst. Es gingen ihm vielleicht einzelne Künstler nahe, einzelne Figuren, aber nicht wegen der Texte, sondern auffälligerweise durch die Lebensart und Weise – na, wie hat er gesagt: „Immer auf der Flucht.“

Maas: Er hat ja mit seinen Texten gelebt, auch in Gesprächen sind ja immer Textbrocken hochgekommen, so hat er wohl auch gearbeitet.

Wawerzinek: Ich weiß nicht, wie man das bewerten muß. Sicher hat er in seinen Texten gelebt, hat sie ja nicht nur vorgetragen. Mit seinen Einfällen ist er ja auch über den Tag gekommen. Damit hat er sich Würste und Suppen verschafft. Der ist ja auch in Kneipen nie allein geblieben, hat ja auch mit Prolos rumgestanden, die gesagt haben: „Iss o.k., bist’n schräger Vogel, aber kriegst deine Suppe und dein Bier jetzt:“ Aber wie soll man das bewerten? Ich denke, er hat schon ziemlich genau gewußt, daß es eine Bewunderung gibt und hatte das ähnliche Problem, das ich auch habe, bloß in, sagen wir mal, volkstümlicherer Art hab ich das, zu wissen, daß es doch alles durch mich selbst gemacht werden muß. Und dieses Jacke-ausziehen-hochreißen-Augenverdrehen ist natürlich in dem Augenblick, wo er es macht, ehrlich und echt, aber er weiß natürlich auch: seine Texte kann er nicht einfach pur vorlesen, das geht nicht.

Maas: Nochmal zur Tendenz der Verdichtung und extremen Hermetik seiner Texte, bis hin zu einem fast nicht mehr nachvollziehbaren Punkt und dann seinem eigenen Verschwinden, was ja wie eine perfekte Inszenierung aussieht.

Wawerzinek: Ja. Space-Shuttle. Und dann ist die Rakete eben weg. Und dann sind die sieben Kosmonauten unterwegs, so ungefähr. 
Den Eindruck hab ich auch jetzt wieder, seit ein paar Monaten, daß das überhaupt kein Unfall war. Ich bin schon eher wieder bei dem Gedanken einer Inszenierung. Aber ich halte BAADER nicht für so mutig, daß er sich in eine Straßenbahn fallen läßt.

Maas: Nee.

Wawerzinek: Weeßte, und das ist ja der Punkt. Er müßte sich ja im Bewußtsein, daß sie da ist, daß sie jetzt auf seiner Schulterhöhe ist, zurück fallen lassen, vom Hergang her; und doch nicht mit dem Gesicht hin, zur Gegenbewegung, das geht nicht. Und ich glaube nicht, daß es bei BAADER sowas gibt. Aber vorangetrieben hat er’s schon, textlich, auf ein Ende zu.

Maas: Wie ist seine Arbeit zu sehen, jetzt, wo er weg ist?

Wawerzinek: Ich halte das für sowas wie einen Restbestand in einem Filter. Ich halte das für wirklich noch untersuchbar. Es ist ja bisher noch gar nicht groß bekannt geworden, was das für eine Welt ist. Damals wars irgendwie zeitgemäß. Zur Zeit von „ceaucescu meiner seele“ war Ceaucescu noch da. Und nach diesem Satz gabs keine anderen Zeilen, dafür hat BAADER bei Lesungen ja durch seinen Vortrag gesorgt. Und ich glaube, daß man jetzt so die folgenden vier, fünf Zeilen untersuchen muß, bis wieder so ein Ausspruch kommt wie: „ich schenke dir meinen Gummislip.“ Ich glaube, das macht seine letzten Texte aus, da gabs mehr den Text und mehr den Wahnsinn des textlichen Festmachens von Zuständen, die auch nur als Wahnsinn zu sehen sind.

Maas: So dumm das ist, muß man die BAADER-Texte auch im literarischen Zusammenhang sehen, weil sie früher oder später auf ein sogenanntes Fachpublikum stoßen werden. Wie sollten sie dann gesehen werden, wenn auch möglicherweise erst in einigen Jahren, vielleicht Jahrzehnten? Wo, und wie hat BAADER sein Zeug abgelegt?

Wawerzinek: Ein wichtiger Aspekt ist, daß er versucht hat, Texte außerhalb der Werbesprache zu machen. Deshalb war er auch so begeistert von Kling, der Texte gemacht hat unter Einbeziehung von Werbeversatzstücken. BAADER hat das Gegenteil versucht mit den Mitteln der Reklame – aber ohne Übernahme von Inhalten – dem Wahnsinn zu entgehen, daß alles, was gesagt werden kann, beispielsweise zu einem Schrecknis, von tagesaktuellen Plakaten, Slogans, Ankündigungen usw. zugeklebt wird, daß eigentlich überhaupt kein Ausdruck mehr, keine Wertung von irgendwas noch ein Recht hat, durchkommen zu können.

Maas: Ja, ich erinnere mich, daß er kurz vor seinem Abtreten begeistert davon erzählt hat sowas wie Werbespots zu drehen, Spots mit eigenen Texten. Er hatte eine Unmenge Ideen und drang darauf sowas zu realisieren, mit den Mitteln der Werbung, aber konträr gedreht.

Wawerzinek: Ja, ich glaube, daß er wußte, daß er das textlich so wie Kling und andere davor nicht zu machen hat. Aber wie das zu bewerten ist? Ich glaube, er hat’s schon gewußt – mit diesem Satz: „wir kriegen euch alle!“ Oder: „wir seh’n uns noch auf dieser welt, wenn nicht, vielleicht in bitterfeld.“ Das sind schon so’ne Sätze gewesen, die zeigen, daß er auch wußte: im Jahre 2017, 2034 dann werdet ihr hören, was ich gesagt habe. Denn auf Feten oder in Gesprächen ist er ja auch nicht weitergekommen als bis zu allgemeinverständlichen Sätzen wie: „Der Mensch kann sich sein Leben nehmen, er hat es ja bekommen“, oder ähnliches. Da sind die Mädels hängengeblieben und die Jungs, die haben ihn ja vorbehaltlos geliebt, bewundert. 
Nee, ich halte BAADER überhaupt noch nicht für erledigt.

Interviewausschnitte anläßlich eines Katalogs zu einer Ausstellung in Halle.

Ina Kutulas: Folgend der Laufmasche durch die Häkelschrift der untermächtigen Überwäsche

Ina Kutulas: Örtliche Schauer und Baader im Anzug

Mirko Wenig: Der Seelenbesetzer – „Matthias“ BAADER Holst

Peter Wawerzinek: Unsere kurze Zeit als BAADER & Sc.Happy und die lange Zeit seitdem

 

Fakten und Vermutungen zu Versensporn
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Porträtgalerie:

2 Antworten : „Matthias‟ BAADER Holst: Versensporn 2”

  1. adonise sagt:

    kumpane,

    wenn ich nicht irre, ist heute baaders 50.
    ein halbes jahrhundert baader holst!
    und das an himmelfahrt, herrentag, nachmuttertag!

    lasset es euch eine freude sein!
    lasst euch inspirieren!
    wer lust hat, der maile an andere und setze in kenntnis …
    und wem der sinn danach steht und wen die lust darauf ankommt, der kann ja seine ganz persönliche baader-material-sammlung am heutigen tag anlegen. noch sind 3 stunden zeit.
    und wer weiß, vielleicht kommt ja der tag, wo wir beschließen: baaderianer, vereinigt eure baader-materialien!

    frohes schaffen euch allen in den nächsten stunden und darüber hinaus!

    brot für das feld!
    herzlich
    ina

  2. ww sagt:

    War ein guter…!

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