Matthias Buth: Die weiße Pest

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Matthias Buth: Die weiße Pest

Buth-Die weiße Pest

FLÜCHTIG

Ein Buch lese er nicht
Was solle denn da drinstehen
Er habe seinen Rhythmus
Den das Gemäuer bestimme
Die Bäume die blühten und Früchte trügen
Und im Herbst warmes Laub abwürfen
Das er zusammenkehre

Alles warte auf ihn was nicht spräche
Die Leitern die er in die Bäume stelle
Seien seine Satzzeichen
Auch sie blieben stumm
Die Bienen kämen nicht mehr
Nur im April wenn ein weißes Meer
Auf den Zweigen liege

Er sei alt geworden ohne Buchstaben
Und werde bald sterben
Nur wo solle er liegen
In Frankreich oder doch in Deutschland
Habe er alle Friedhöfe abgegrast
Und keinen Platz gefunden

Er wird nicht sterben
Denn er ist längst angekommen
Im luftigen Grab Burgunds
Wo keine Sprache enttäuscht
Auch sie ist eine flüchtige Geliebte

 

 

 

Nachwort

– Lyrik und Seuche. Auf der Suche nach einem Bedingungsverhältnis unter dem Eindruck der „weißen Pest“. –

Wie man sich halten soll so die pestilencz regmeret.

Mit diesen Worten ist ein sogenanntes Pestregimen, erschienen 1482 in Reutlingen, überschrieben. Das spätmittelalterliche Dokument präsentiert in lyrischer Form ein ganzes Arsenal an Präventivmaßnahmen gegenüber dem Einbruch der tödlichen Seuche, die im 14. und 15. Jahrhundert ganze Landstriche heimsuchte. Auffällig ist beim Pestregimen die Detailverliebtheit der Vorschriften gegenüber den unterschiedlichsten Symptomen der Pestilenz und die Abfassung dieses Schutzkanons in einer gebundenen und bildhaften Sprache, welche sowohl die möglichen Leiden und Gefahren, aber auch die Folgen des Selbstschutzes kunstvoll zu formulieren und zu illustrieren vermag. Und das verwundert heutzutage, unter dem Eindruck aktueller Lockdown-Vorschriften und ihrer kaum lyrischen Präsentation in den Medien, zutiefst. Denn eigentlich werden mit dem Erleben der CoronaKrise relativ wenig lyrische Ergüsse oder gar Stimmungen in Verbindung gebracht. Assoziiert wird dagegen ein starres Bündel an Verhaltensmaßregeln, die aus dem geforderten Lockdown zwecks Eindämmung der Pandemie hervorgehen. Derlei kommt dem Freiheit liebenden demokratischen Mitbürger liberaler Gesinnung zunächst ungewohnt bis verwirrend vor und es bedarf schon eines sehr gut funktionierenden Gedächtnisses, um die neuen Kodizes des eingeschränkten sozialen Lebens nicht nur zu behalten, sondern auch umzusetzen und die Nase eben unter der Maske zu tragen.
Bereits in vormodernen Gesellschaften ist die Verbreitung eines Verhaltenskodex im Kontext einer ansteckenden Krankheit ebenso eine kulturelle und soziale Praktik wie der sogenannte Lockdown. Sogar die – in unseren Zeiten kaum mit der Corona-Erfahrung assoziierte – Sprache der Lyrik leistete dazu immer wieder ihren Beitrag. Grund genug also, sich mit dem Verhältnis von Seuche und Literatur im Kontext der Publikation von Matthias Buths neuem Gedichtband auseinanderzusetzen, welcher bewusst keine reinen Corona-Verse vorlegt, sondern Gedichte zu Zeiten von Corona! Bereits im Untertitel wird deutlich, dass es Buth um die dichterische Erfassung eines Zeit- und Epochenphänomens geht, für das die neue Pandemie eventuell stehen könnte und wofür das geheimnisvoll anmutende Wort von der „weißen Pest“ als übergeordnete Metapher fungieren könnte. Dabei wird durch Buths Texte das Allgemeine der Situation mit dem Besonderen des (poetisch fass- und gestaltbaren) Eindrucks vermengt und damit ein der konventionellen medialen Berichterstattung und Rhetorik entgegengesetztes und alternatives Panorama entworfen, welches sich einer literarisch-lyrischen Tradition ebenso verpflichtet weiß, wie es auch ganz eigene Akzente setzt. Covid 19 und all seine Folgen werden bei Buth zu einem großen Projekt dichterischer Einbildungskraft und lyrischer Reflexion über das Leben, das Sterben, vergangenes Glück und über so viel mehr, was im prosaischen Alltag scheinbarer Normalität selten bedacht wird.
Die ungewohnte Situation ermöglicht jedoch eine ungewöhnliche Sprache und ein Innewerden verschütteter Dinge, für die sich in der Lyrik von Matthias Buth eine ästhetische Aufmerksamkeit und Zeit findet – und wenn es Tauben sind:

Das Dreimalgurren der Tauben am Nachmittag
Unsichtbar wie Stille

Fugt die Grauwacke der Mauer
Mit eisgrauem Mörtel aus Wolken und Klang

Rhododendron patrouillieren
Mit aufgepflanzten Knospen

Um Teich und Abend
Die beieinander liegen.

Hier nimmt jemand Nuancen wahr bzw. er lässt sie entstehen. Die Beobachtung des Allerkleinsten verlangt wiederum viel Zeit, die vielleicht durch die temporäre Stilllegung im Corona-Jahr gegeben ist und in Gedichten wie Tauben ihre poetisierende Transformation erfährt. Im Gedicht „Sommergras“ setzt sich dieses poetologische Konzept auch bildhaft-performativ gegen die Geschwindigkeit und das Übersehen durch:

An den Straßen steht das Sommergras hoch
Und erwartet den Fahrtwind der Autos

Sie flattern und winden und biegen sich
Als wollten sie auffliegen als wollten sie weg

Die Grasripsen halten den Samen zusammen
Südgräser sind sie wie wir

Häutiger Saum umspannt die Blättchen
Unterirdische Ausläufer halten sie fest

Kein Wind nimmt sie mit
Die Autos sind keine Liebhaber.

Deutlicher lässt sich der Unterschied zwischen Matthias Buths Ästhetik und Poetik auf der einen Seite und einer schnelllebigen Gegenwart auf der anderen Seite gar nicht benennen. Nein, diesen verfehlten „Liebhabern“ gibt sich seine Sprache nicht hin. Da aber auch eine allgemeine Entschleunigung eingetreten ist, mag nun auch die Zeit vorhanden sein, um sich Zeit zu nehmen für das wehende Sommergrass und das Gurren der Tauben.
So wird jedenfalls erkennbar, dass Corona nicht nur der Gegenstand der Gedichte von Buth ist, sondern vielmehr der Auslöser für die Aufstellung von Horizonten, die eben nur mit den Mitteln der Poesie fassbar gemacht werden können. Damit wäre auch schon ein wesentlicher Unterschied zwischen den Texten von Matthias Buth und denjenigen benannt, die in diesem literaturhistorischen Passbild gestreift werden sollen. Die weiße Pest berührt viel mehr als den pandemischen Anlass aus dem Jahr 2020, während Buths Vorgänger sich allesamt an der Krankheit selbst abarbeiten. Somit wird bereits hier deutlich, wie der Autor die literarhistorische Tradition der Pest-Gedichte durchbricht. Bei Matthias Buth stehen auch nicht der Versuch artistischer Selbstbespiegelung des Dichters oder Künstlers durch die Krankheit oder den Verfall im Mittelpunkt, sondern auch all das, was die semantischen Felder Krankheit, Seuche und Verfall an Bildern und Vorstellungsinhalten auslösen. Gewiss werden von diesen Komplexen nicht nur Dichter und Künstler heimgesucht, sondern auch sogenannte gewöhnliche Zeitgenossen, in Form von bild- und stimmungshaft erlebten Ängsten, Erinnerungen, Ahnungen und auch Hoffnungen. Aber es liegt in der Hand von Lyrikern wie Matthias Buth, diesen allgemeinen Bildkomplexen ein konkretes Ausdrucksmedium zu verleihen, also ihnen – durch die Zuwendung des poetischen Blicks – Kondensat und Gestalt zu geben. Dabei müssen nicht exponiert die Krankheit oder die Seuche als solche thematisiert werden, sondern vielmehr ein ganzer Erlebnis- und wohl auch Erinnerungsraum unter dem Eindruck der weißen Pest, mit welcher Matthias Buth seine Corona-Gedichte überschreibt.
Auch literarhistorische Stationen dokumentieren solche komplexen Vorstellungsprozesse: In sein Versepos Savonarola von 1837 integriert der Romantiker Nikolaus Lenau auch eine lange Beschreibung der Folgen einer Pestepidemie in Florenz. Wie bei Versepen üblich, betreibt der lyrische Sprecher in diesem Zusammenhang eine Erzählung der Pest-Erfahrung. Vor allem erstaunt die Betonung sozialer Entdifferenzierung und Egalisierung aufgrund der Seuche. Die Pest frisst sich bei Lenau durch die Körper aller Stände, Schichten und Berufe und nähert die sozialen Dichotomien im Sterben einander an. So kraftvoll dessen Verse auch anmuten, so wenig spiegeln sie die gesellschaftliche Realität wider. Krankheit, Seuche und Pandemie sind heutzutage längst zu Modalitäten sozialer Differenzierung geworden, gegen die auch Matthias Buth in Gedichten wie „Risikogruppe“, „Intensivstation“ und „Gesundheitssystem“ leidenschaftlich anschreibt, ein System in dem „die Triage Dich nicht wird zurücklassen / Und abschieben auf die röchelnden Flure / Zum finalen Verebben.“ Deutlich wird in diesen Versen wieder einmal die in der Wohlstandsgesellschaft gerne ins Unbewusste verdrängte Gewissheit der Abhängigkeit der Gesundheit von eben diesem Wohlstand. Ergo: Krank ist nicht gleich krank, ebenso wenig bedeutet Corona gleich Corona. Ähnlich wie das Alter, ist das Ausmaß der Krankheit und die Chance auf angemessene Heilung gebunden an die sozialen Möglichkeiten des Erkrankten. Gesundsein wird damit zu einer Praxis sozialer Distinktionsbildung. So schmerzlich eine solche Einsicht auch sein mag, so sehr und unhintergehbar manifestiert sie sich in den kritischen Anliegen des Lyrikers Buth und seiner Verse.
Realitätsbewusst zeigt sich die frühe Beschreibung eines Lockdowns durch den amerikanischen Schriftsteller Edgar Allan Poe. In seiner Erzählung Die Maske des roten Todes (1842) wird versucht, über den Lockdown die ständische Differenz aufrechtzuerhalten, man könnte auch sagen zu perfektionieren und zu verabsolutieren: Leben und Gesundheit auf der einen Seite, die Krankheit und die Toten auf der anderen Seite der Schlossmauern. Nicht nur materielle Wertigkeiten, sondern der Gesundheitszustand drücken auf beinahe schon aktuelle Weise soziale Dichotomien bei Poe aus. Doch jeder, der die mysteriöse Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers kennt, weiß auch, dass sich die Banalität allumfassender Todesgewalt nicht aus dem elitären Zirkel der Festgesellschaft ausschließen lässt. Unter der titelgebenden Maske ist die Seuche des roten Todes bereits schon Gast und damit Bestandteil der Festivität. Sie war immer schon da und hält nun ihr Vernichtungswerk auch innerhalb der feiernden und tanzenden Hofgemeinde. Dass der rote Tod unter einer Larve verborgen war, bestätigt wahrscheinlich nur die hilflosen Versuche die Todesgewissheit durch einen standesbewussten Lockdown zu verdrängen.
Auch die Florentiner Adligen in Boccaccios Il Decamerone (1348–1353) klausurieren sich von der verpesteten Außenwelt und der Ansteckungsgefahr ab, aber im Gegensatz zu ihren dekadenten Standesgenossen in Poes Text, die nur karnevaleske Feste feiern, sind Boccaccios Aristokraten im Lockdown kreativ: Sie erzählen sich Geschichten, Neuigkeiten, also Novellas im besten Sinne und konstruieren damit in einer kunstvollen Rahmenhandlung das eigentliche Dekameron, eine Novellensammlung voller Sinnlichkeit und Erotismen. So wird die Literatur zu einem „Dennoch“, zu einem „Trotzdem-Aufruf“ des Lebens und der Kreativität inmitten der Todesverfallenheit und schreibt gegen diese an, etwas was im besonderen Maße auch für die Verse von Matthias Buth gilt.
Der sich in die lange Reihe und Tradition der Dichterjuristen einordnende Lyriker, Essayist und Erzähler Matthias Buth verfasst nämlich kein Pestregimen für gegenwärtige Lebensverhältnisse. Vielmehr gelingt es ihm unter dem Eindruck von letzterem, der Erfahrung und Reflexion einer Pandemie ein lyrisches Ausdrucksmedium und damit eine eigene Sprache zu verleihen. Das Gedicht ist nicht am Verhalten, sondern an der Erfahrung orientiert. Erfahren wird bei Buth in Bildern und Tönen, die außergewöhnlich sind und auch die literarhistorische Reihe des Komplexes „Dichtung und Seuche“ nicht nur bereichern, sondern radikal durchbrechen. Mit der lyrischen Gestaltung und Konzeption der Corona-Krise als eines allgemeinen und subjektiv erlebten Erfahrungsraums, holen die Texte von Matthias Buth etwas in die Schrift, das dort kaum einen Ort für seine tatsächliche Realität finden kann. Corona wird dort zum Imaginationsfeld, um im literarischen Text etwas ausdrücken und Gestalt werden lassen zu können, was im alltäglichen, medizinischen und medial aufbereiteten Diskurs der Pandemie nicht zu Wort kommen kann. Es ist daher nicht die Aufgabe von Buths Gedichten, Ereignisse wie Corona und ihre Folgen ein weiteres Mal so stattfinden zu lassen, als wären diese noch ihrer vernichtenden Tatsächlichkeit verhaftet. Die ästhetische Artikulation liegt jenseits davon und bringt eine subkutan verborgene Tatsächlichkeit und Evidenz der Corona-Krise zutage, welche ohne die Literatur nicht erfasst und erfahren werden kann, nämlich das Trans-Diskursive der Phantasie, der Träume, der Ängste und der durch sie erschaffenen Bilder. In diese begibt sich Buth und verlässt damit auch assoziativ und konnotativ den faktizistischen Kosmos pandemischer Reportagen. Corona wird zum Katalysator eines ganzen Kosmos, der sich niederschlägt in der Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit, dem Verhalten von Menschen angesichts der Bedrohung, aber auch der bisweilen sozialkritischen Schau auf das Verhalten der Mächtigen und ihrer eigenen Präventionspolitiken, also eine Kombination schriftstellerischer Tätigkeitsfelder.
Der Dichter-Jurist Matthias Buth fragt sich nämlich bisweilen, wie und ob sich die präventiven Reglements gegenüber der Aufrechterhaltung von Grundrechten konform verhalten, nach dem Motto: Lassen sich Axiome in Konfrontation mit einer akuten Bedrohung und den aus ihr resultierenden Maßnahmen aufrecht erhalten? Buth bietet keine Lösungsvorschläge an, sondern diskutiert das Problem auf subtile Weise in der melancholisch-lakonischen Musikalität seiner Verse, so auch in dem brisanten Gedicht „Artikel 20 Abs. 4 GG“ zu Beginn des Bandes.
Subtil wird es bei Matthias Buth auch, wenn der Lockdown zu Reminiszenzen der eigenen Vergangenheit und Kindheit im Wuppertaler Sonnborn genutzt wird. Hier entsteht qua Memoria ein Schatzkästlein an intensiven Wahrnehmungsmomenten:

Was eine Cellokantilene war wusste ich nicht
Aber ich sehe seitdem das Auffliegen des Fischreihers
Als habe es sich aus einem Cello erhoben
Die Löwen im nahen Zoo wurden sanft
Die Wolken schrieben blaue Märchen übers Haus und
Unter den Rhododendron behüteten Schatten
Groschen und einsame Nähe.

Im Poem „Sonnborn“ entsteht durch die Überblendung und Vermengung von epiphanisch aufleuchtenden Erlebnisfragmenten eine Idylle. Das ist eine Zeit Vor-Corona, ja eine Zeit vor aller Zeit wird offenbart, der sich eben nicht mit einer diskursiven, sondern nur mit einer lyrischen Sprache angemessen angenähert werden kann. Sie wird aber zu Zeiten von Corona erstellt und das romantische „blaue Märchen“ suggeriert die Sehnsucht nach eben solchen Momenten. So gewinnt die Lesergemeinde Eindrücke (und Ausdrücke) von der Bedeutung, die Räume, Orte und Landschaften gerade während einer Krise wieder gewinnen können. Ebenso ermöglicht es die Tödlichkeit einer Pandemie dem Tod und dem Sterben selbst wieder den Platz einzuräumen, der ihm gebührt, nämlich im Leben. Buth erneuert damit in seinen Gedichten ein metaphysisches Anliegen und begreift es als kritisches Moment, auf das jedoch in Zeiten des Lockdown weder die Politik noch die Kirchen Antworten zu geben wissen. Womöglich wird es auch von vielen Fragenden selbst kaum als ein solches begriffen.
Wie auch immer, Buth gelingt es für die neue Todesnähe der Gegenwart scharfe Ikonen zu zeichnen, welches dieses Anliegen fast schon allegorisch verkörpern. So wird der in der Fastenzeit erteilte sakramentale Segen von Papst Franziskus auf dem leeren Petersplatz in Rom für den Autor zur fast schon mythischen Projektionsfläche für das stumme Anschreien religiösen Erlebens und Trostes gegen die Allmacht des Todes, die sich für so manchen Gläubigen womöglich auch im allgemeinen Abschluss der Kirchen angesichts der Krise ausgedrückt haben mag: „[…] / Sprachlos und kalt steht der Doppelturm // Die Herbergen der Psalmen / Geben kein Asyl dem Stummen.“, heißt es in Buths Gedicht „Mitra“ über den Kölner Dom und die Aussetzung religiöser Feiern. Dagegen erhebt sich der anrührende Text Franziskus, in welche die sakramentale Geste, vollzogen in einer unendlichen Einsamkeit vor der unendlichen Öffentlichkeit der Medien, den Pontifex den Mitmenschen annähert:

Und da stand er allein
Vor den todesbunten Fenstern
Hochfliegenden Säulenbeinen
Den Altar im Rücken
Ein geöffnetes Buch das blutete
Und versteinte
Seine Lippen vergruben die Silben

Weiß waren seine Augen
Die er ins Mittelschiff aussandte
Niemand ihm gegenüber
Bis auf die Objektive von TV Rai
Sie nahmen ihn stumm
Eins mit der Stille
Und sein Wort wurde ein
Vogelrufen in alten Tönen
Als könne es trösten
Und erwachen im Bild.

Die Wirkungskraft von Urbi et orbi wird hier bewusst durch den lyrischen Sprecher in einem elegisch wirkenden Konjunktiv gehalten; nicht um diese zu schmälern, sondern um die Einsamkeit des Segenspenders zu betonen, mit welcher er im Gedicht eine Nähe zu den ebenfalls vereinsamten Zuschauenden aufbauen kann. So entsteht eine expressive Radikalität, die Buth schlussendlich in der Ikonizität und auch nackten Materialität des Passionsgeschehens kulminieren lässt. So heißt es in dem kurzen Gedicht „Immer“:

Die Viren sind Nägel
Die silbenfein geschlagen werden

Das Kreuz schweigt uns ab
Und will umarmen

Auf die Gefahr hin
Und atemlos.

Trösten wollen und womöglich nicht können! Dahinter verbirgt sich nicht nur die dichterische Rekonstruktion der Segensgeste durch Matthias Buth, sondern womöglich auch das eigene lyrische Bekenntnis, also eine Selbstaussage über die Funktion von Dichtung durch den Autor. Vielleicht dürfen solche Gedichte auch nicht trösten, selbst wenn sie es wollten. Könnten sie es, würden sie sich den zerstreuenden Produkten der Kulturindustrie annähern. Und genau davon emanzipieren sich die Buthschen Verse und benennen damit auch die Tragik gegenwärtiger Lyrik: Trösten wollen – aber nicht trösten können (und vielleicht auch gar nicht dürfen). Aus diesem Konflikt entsteht jedoch der spezifische Tonfall von Buths Versen.
Der Tod bleibt damit Bestandteil der Gedichte von Matthias Buth und mit ihm auch das memorierende Moment. Allerdings wandelt der Autor das Memento Mori in diesem Band immer wieder auch in ein Gedenken der einst Lebenden um. So wird auch an ehemalige Weggefährten erinnert, zum Beispiel an den vor wenigen Jahren verstorbenen Germanisten Walter Hinck, mit dem Buth die Liebe zur Lyrik so sehr verbindet und damit auch die Möglichkeit einer Metapher (Die weiße Pest) einen ganzen Kosmos an Bedeutungen und unterschiedlichster lyrischer Verfahren zu entlocken, die sich um das numinose und kaum fassbare Titelbild versammeln.
Gerade über diese ungewöhnliche Verwendung der Pest-Metapher verdeutlicht sich auch das Verfahren der Corona-Gedichte Matthias Buths. Seine „weiße Pest“ steht für so vieles ein und bedeutet so viel, was man an dem langen titelgebenden Gedicht „Pest“ auch ablesen kann. Das zwischen Hymne und Elegie angelegte Poem verfügt über eine ungeheure Dynamik, über einen unglaublichen Fluss, was auch eine dezente Anspielung auf die Verbreitung des Virus sein könnte. Zugleich kulminiert alles in der Nicht-Farbe des Weiß. Eine gespenstische Farbe, die es eigentlich nicht gibt und zugleich immer schon da ist. So wie auch all das, was mit ihr und durch die Verse von Matthias Buth verdeutlicht werden soll. Denn: Erinnerungen, Gefühle, Beobachtungen, Gedankenflüsse und im Verborgenen liegende sinnliche Wahrnehmungen, vollzogen und erfahren unter dem Eindruck krisenhafter Veränderungen, benötigen zwecks Visualisierung eine ungewöhnliche Sprache, die der Lyrik, die Sprache von Matthias Buth. 

Torsten Voß, Nachwort

 

Corona, das ist eine Metapher,

die uns unsere Endlichkeit vor Augen führt. Sterben ist lieben, leben ist Abschied. Aber Matthias Buth stellt sich der Wortverdunkelung entgegen, poetisch, politisch, humanistisch. Seine Lyrik kommt aus den besten Quartieren der deutschen Dichtung. Die existenziellen Befunde in dieser großen Sammlung neuer Texte begrenzen sich nicht auf die Pandemie, Buths Dichtung leuchtet in viele Verlorenheiten unserer Gegenwart hinein. Sein Gedicht ist ihm Degen und Feder, es gibt Atem und Halt.
„Ist es nun existenzielle Lyrik? Ist es Naturlyrik? Es ist beides in hohem Maße“, erkannte Axel Vieregg in der Frankfurter Allgemeine Zeitung zum 2019 erschienenen Gedichtband Weiß ist das Leopardenfell des Himmels. Torsten Voß, der in Wuppertal lehrt, misst die neuen Texte in den Kontext der europäischen Literaturen zu Seuchen und Krankheiten ein.
Die Essenz dieser Lyrik: Wir sind von Tod umgeben, leben aber weiter im Lied, im Gedicht.

PalmArtPress, Klappentext, 2020

Die Pandemie

durchzieht Staaten und Nationen weltweit. Es ist die weiße Pest. Wir müssen mit ihr leben, sie lässt uns nicht mehr los. In dieser Sterbe- und Überlebenszeit schreiben sich Matthias Buth Texte zu: Gefühl, Verstand, Sehen und Empfinden verbinden sich. Kann man mit Gedichten Fassung gewinnen? Oder kommt auch die Sprache an Grenzen? Das ist sicherlich so und nie war es anders. Und dennoch oder gerade deshalb wird geschrieben, schreibt Buth. Corona ist eine Metapher geworden für Leben, Überleben, Solidarität und für die Erkenntnis, dass – wie abends von den Balkonen in Bergamo, Köln und München in Dankbarkeit für die Helden der Kliniken gesungen wird – die Menschen Brüder und Schwestern sind, dass uns die Pandemie zusammenwirft und benachbart.
Die Gedichte dieser Sammlung sind in diesem Jahr entstanden, viele nehmen Themen auf, die unmittelbar aus den Wochen und Monaten der Corona ins Wort drängen, andere kommen hinzu, die sich andere Sprachinseln suchen, Gefilde, die Halt geben wollen – auf Zeit. Herausgegeben und verbunden mit einem literaturhistorischen Paßbild von Torsten Voß.

PalmArtPress, Ankündigung

 

Die Kompassnadel eine Zunge

– Matthias Buth hat einen Corona-Gedichtband Die weiße Pest im PalmArtPress-Verlag veröffentlicht. –

Der in Hoffnungsthal (Rheinisch-Bergischer Kreis/Nordrhein-Westfalen) lebende und arbeitende Dichter, Erzähler und Essayist Matthias Buth (geboren in Wuppertal-Elberfeld) war bis Ende 2016 Justiziar im Kanzleramt der Bundesregierung, verantwortlich für Kultur und Medien. Gedichte aber schreibt er schon lange. Buth hat auch biografische Schönungen im Leben und Werk mancher Dichter aufgedeckt.
2020 entstand der Pandemie-Band Die weiße Pest, der das Leben im Ausnahmezustand der Corona-Krise in den Fokus nimmt. In diesem Zusammenhang spricht Buth offen über den Tod und legt Klischees im Umgang mit ihm frei, vor allem dessen dialektische Beziehung zum Leben; Zeit und Ewigkeit werden ins Verhältnis zueinander gesetzt. Drastische Beschreibungen der Intensivstation (ein existentielles Verhältnis zur Körperlichkeit: „in Bauchlage die Lungen“), Langgedichte und Widmungen wechseln mit eher lyrischen Stücken ab, in denen das Leben gefeiert wird: Historische und literarische Bezüge werden hergestellt, die den Poeta doctus offenbaren.
Nichts ist, wie es war, verkündet der Dichter angesichts von Corona. Schmerzhafte Gegenwart ruft bessere Zeiten ins Gedächtnis. Buths Gedichte bewegen sich zwischen Sterben und Lieben in dramaturgisch ausgefeilten Balancezuständen. Begriffsspiele durchdringen des Text, teils offen-fragmentarisch mit wie umgedrehten Metaphern in schöner Sprache, wo plötzlich das unerwartete Wort aufscheint, der Bruch, der das paradoxe Gleichnis einleitet. Zwischen dem Luftalarm im Gedicht „20. April“ („Das Wissen, das keinen Grund hat und doch / Alles meint, was an einem Faden hängt / der einmal seiden war“) und dem unseligen Wort „Rasse“ spannt Bush den Bogen zur bestürzenden braunen Vergangenheit. Er beruft sich auf das Grundgesetz Artikel 3 und schreibt

Kein Wort ist dem anderen gleich
Kein Mensch dem anderen
Kein Blatt keine Kunst kein Wind
Kein Tod kein Leben

Zyklon B ist ein deutsches Wort
Beschafft vom Amt für Schädlingsbekämpfung
Sprachgift tötet Goethes Faust-Deutsch
Sulamith und Gretchen sind Schwestern…

Das Zuhause an der Sülz, einem kleinen Fluss, der durch das westfälische Hoffnungsthal fließt, wird poetisch, aber nicht als Idylle beschrieben wie eine nicht zu entbehrende Heimat. Hoffnungsthal ist ein Ort alter Industrien, nach einem Hammerwerk benannt. Heute ein unscheinbarer Ort im Rheinisch-Bergischen. Verwurzelung verpflichtet, der Boden unter den Füßen ist die Grundlage für alles. Behütung ist wichtig. Aber auch das Weite, Offene: Landschaften erscheinen als Projektionen von inneren Konflikten und Brüchen, als Schauplatz des Alltags und historischer Ereignisse, die den Menschen und die Topografie prägen. Aber auch die Fremde kann Heimat sein wie Europa, und man darf mit ihr weinen, wie in dem Paris-Gedicht über die ausgebrannte Kathedrale Notre Dame:

Der Kölner Dom würde gerne sich aufmachen
Hinüber zur großen Schwester Note Dame
Um sie in den Arm zu nehmen und ihr vorzuspielen
Aus der Schwalbennest-Orgel das Ende der Matthäus-Passion
Wir setzen uns mit Tränen nieder…

Wie in den großen Literaturen zur Pestepidemie (z.B. Boccaccios Decamerone) ist für Matthias Buth die Pandemie eine Quelle der Stille, des Rückzuges, des Nachdenkens und der Inspiration. Im Lockdown entstehen neue und oft positiv gestimmte Geschichten. Vielleicht schärft der Dichter auch an dem Thema seine Sprache und Poetologie, sein Credo, wie es sich sehr gut an dem Gedicht „Aufgeritzt“ über Nazim Hikmet darstellen lässt:

Aufgeritzt in den metallenen Kompass
Hikmets Satz
Das schönste Meer ist das noch nicht befahrene

Die Kompassnadel eine Zunge
Sie kennt alle Richtungen
Hört den Wind früher und das Schlagen der Wellen.

Wenn sie ihr Zentrum verlieren
Nicht mehr sich selbst genug
Und sicher sind im Ungefähren des Meeres

an Zungennachbarschaft ist
Der Tod fern oder
Eine schöne Erfindung

Das ungefähre Meer ist sein dichterischer Gegenstand, das Vage und noch nicht Entdeckte und Gesagte Quelle dichterischen Schaffens. das die heilsame Illusion, das Placebo gegen die Furcht vor dem Tod erfindet. Denn der „Dichter will, dass der Mensch mutig lebe“, äußerte der Italiener Salvatore Quasimodo in seiner Rede zur Verleihung des Nobelpreises 1959. Matthias Buth stimmt ein in diesen hellhörigen Satz mit einer Ermutigung:

Bleibe nah
Damit wir das Land erreichen auf der anderen Seite
Wo wir uns finden wohl unter Linden
Wo Wolken singen zumMeer zum Wind

Heinz Weißflog, Dresdner Neueste Nachrichten, 4.2.2021

Die weiße Pest von Matthias Buth

– Lyrik unter pandemischen Umständen: Matthias Buth rückt in seinem neuesten Buch Die weiße Pest – Gedichte in Zeiten der Corona dem Virus poetisch auf den Leib. Ohne Maske. –

Wer bei dem Untertitel „Gedichte in Zeiten der Corona“ glaubt, hier dreht sich ein Dichter allein im Kreis um Covid 19, liegt etwas daneben. Corona höchstpersönlich spielt zwar in einigen Gedichten eine tragende Rolle, dürfte aber eher als Überschrift für eine Zeit gesehen werden, in deren Kontext die hier versammelten Gedichte zu sehen sind.
Groß ist der Kosmos des gelernten Juristen und Dichters Matthias Buth, der 1951 in Wuppertal geboren wurde. Und umfangreich ist sein neuestes Werk. Mehr als 230, mit Ausnahmen ungereimte Gedichte, sind zu lesen, und sie führen uns die Welt des Matthias Buth, der nicht nur ein fleißiger Mensch ist. Matthias Buth ist ein aufmerksamer und detailgenauer Beobachter von so ziemlich allem, was zwischen Himmel und Erde existiert, und ist im Besitz einer wortreichen, metaphern- und bilderreichen Sprache, die ihm eine tiefenwirksame Erfassung seiner Themen ermöglicht.
Da gibt es immer wieder musikalische Verweise, so auf Schubert, Schumann oder Mendelssohn, die seinen Gedichten eine leichte Intonation verleihen. Mit Matthias Buth hören wir ein „Trippelkonzert aus Teich und Park und Haus“, wir sind in Havana, am Bodensee im Mai, hören über „Guantanamo-Organe“, lesen von Aldi, Papst Franziskus, Kara Ben Nemsi und der Liebe in Zeiten der Corona. Und wir sehen das neu im Diskurs befindliche Wortmonster „Übersterblichkeitsrate“ zu Versen verdichtet.
Über allem nämlich und nicht nur in Zeiten der Corona liegt der Geruch des Todes, des Verneinten, der aber so sicher eintrifft, wie das nächste mutierte Virus. Die weiße Pest – Gedichte in Zeiten der Corona beherbergt eine exzellente Sammlung vieler, brillanter Gedichte, die guten Trost und fröhliche Irritation gleichermaßen bieten – und das nicht nur in pandemischen Zeiten.

Matthias Ehlers, WDR5, 5.2.2021

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Stefan Seitz: Lebensspuren oder Lebenslyrik
wuppertaler rundschau, 20.12.2021

Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie: Brigitte Friedrich Autorenfotos

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