Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser (Hrsg.): Lyrik von Jetzt 3 / Babelsprech

Czollek, Fehr, Prosser-Lyrik von Jetzt 3 / Babelsprech

SPIELREGEL #7: SHANGHAI

kongresshalle der KPCh, oder: 1000 männer, leiser als die
roten zeichen, die da oben blinken, eins pro haus, von
kopf bis fuß. urbaner wolpertinger aus licht, nebel,
vertikale: nacht-shanghai.

am rande der geräuschkulissen obliegt den ampeln
das vorhang auf! den fahrradleichen im kanal
das bühne frei! tag-shanghai.

nimm den kopfhörer ab & hör die knarzenden
gerüste, hochgeschlürfte nudeln & die küste. krass,
was hier, wie eine wirbelsäule von rind zu rind gewachsen,
reden & sein gegenteil vermengt.

es gibt da parks, da kann man die krampfadern aus dem
abendrot ziehen, fledermäuse aus weichen schienen
bauen, den hummeln taillen binden, um sie als wespen
long time no see
aaaaazurückzulegen, in die gewohnten bereiche der taxonomie.

Daniel Bayerstorfer

 

 

Vorwort

Lyrik von Jetzt 3 / Babelsprech versammelt Schreibende aus einem geografischen Raum von Flensburg bis Bozen, von Basel bis Wien, die 1980 oder später geboren wurden. Jede*r Autor*in ist mit drei bis fünf Seiten vertreten. Die Texte sind nach Inhalt, Stil oder poetischer Herangehensweise geordnet. So eröffnet sich nicht nur ein Panorama konzeptioneller Zugänge junger deutschsprachiger Gegenwartslyrik, sondern auch die Möglichkeit einer offenen oder gezielten Lektüre.
Betrachtet man die 124 Autor*innen, die in Lyrik von Jetzt (2003) und Lyrik von Jetzt 2 (2008) vertreten sind, liest es sich als Verzeichnis maßgeblicher deutschsprachiger Dichtung. Lyrik von Jetzt 3 / Babelsprech führt diese Tradition fort. Für die hier vertretende Generation gelten dabei nicht wenige der in den ersten zwei Bänden publizierten Autor*innen als wichtige Referenz.
Im Rückblick steht die Publikation der Anthologie 2003 für einen Wendepunkt, an dem Strukturen ihren Anfang nahmen, die heute selbstverständlich wirken. Programme wie das Treffen junger Autoren, das Institut für Sprachkunst in Wien und das Schweizerische Literaturinstitut in Biel haben bereits bestehende Formate wie den open mike, Institutionen wie das Deutsche Literaturinstitut Leipzig und den Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim ergänzt. Im Jahr 2015 gibt es zudem eine Vielzahl an auf Lyrik spezialisierten Verlagen, aber auch die Selbstorganisation der Autor*innen in unabhängigen Lesereihen und Schreibkollektiven ist Teil dieser neuen Lebendigkeit.
In Fortführung der Arbeit der bisherigen Herausgeber Björn Kuhligk und Jan Wagner widmet sich die vorliegende Anthologie nun der Überschreitung nationaler Grenzen. Lyrik von Jetzt 3 / Babelsprech versammelt neue Lyrik aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und stellt sie einer interessierten Öffentlichkeit vor.
Ein solches Vorhaben verlangt sorgfältige Vorbereitung. Ein Netzwerk musste geschaffen werden, welches die nach wie vor national und lokal getrennt agierenden Autor*innen miteinander verbindet. Zudem brauchte es unterstützende Institutionen. Ausgehend von einer Initiative der Literaturwerkstatt Berlin und Max Czollek wurden in Österreich das Literaturhaus Wien und Robert Prosser und in der Schweiz Michael Fehr dazu gewonnen. Den vereinten Anstrengungen entwuchs ein trinationales Projekt von bisher unbekanntem Ausmaß.
Während Babelsprech mit der Herausgabe von Lyrik von Jetzt 3 / Babelsprech sein Ziel erreicht, ist seit der Initialkonferenz im September 2013 in Lana viel in Bewegung geraten. Im Verlauf des Projektes trafen sich junge deutschsprachige Dichter*innen zu gemeinsamen Lesungen, zum digitalen Austausch auf babelsprech.org und zu einer neuerlichen Dichter*innenkonferenz im April 2015 in Bern. Aktuelles, lyrisches Schaffen lässt sich nicht mehr durch lokale Gegebenheiten begrenzen, sondern beginnt, das Potenzial des gemeinsamen Sprachraumes auszuschöpfen.
In den vergangenen zwei Jahren hat sich gezeigt, dass Vielfalt wahrzunehmen auch bedeutet, die Geschichte und Position der jeweiligen Texte, ihren Bezug auf literarische Vorbilder und Traditionen nachzuvollziehen. Die Auswahl erfolgte mit größtmöglicher Aufmerksamkeit für das weite Spektrum poetologischer Zugänge innerhalb der Gegenwartsdichtung. Wir freuen uns über jede einzelne Stimme, die wir im Folgenden vorstellen dürfen.

Max Czollek • Michael Fehr • Robert Prosser, Vorwort

 

In Babylon kennt man keine Reime mehr

Lyrik von Jetzt, die dritte Staffel: Eine Anthologie überwindet die letzten Grenzen des Gedichts. –

Als im Jahr 2003 die bahnbrechende Anthologie Lyrik von Jetzt erschien, die junge Dichtung im deutschsprachigen Raum versammelte, war der Aufschrei im Kritikerwald groß. Die beiden Herausgeber, Björn Kuhligk und Jan Wagner, die Teil dieser Lyrik-Szene waren, verschafften sich die Aufmerksamkeit ohne Hilfe der üblichen Honoratioren. Prompt sahen sich einige von ihnen ihrer vermeintlichen Deutungshoheit beraubt und schrieben wütende Verrisse. Einer von ihnen ging so weit, von den 74 darin vorgestellten Dichterinnen und Dichter nur zwei gelten zu lassen. Ein anderer bezichtigte eine ganze Reihe der Autoren des Epigonentums.
All dies hat sich mittlerweile in Wohlgefallen aufgelöst, denn die meisten Beiträger sind ihren Weg konsequent und erfolgreich weitergegangen an die Spitze der (Lyrik-)Verlage und Preisverleihungen. Ihre ehemaligen Kritiker sind heute mitunter ihre Förderer und rühmen sich, sie zuerst entdeckt zu haben. Dabei hatte sich damals eine neue Generation von Autoren praktisch selbst organisiert.
Im Vorwort zu dem gerade erschienenen Band Lyrik von Jetzt III schreiben die Herausgeber Max Czollek (Berlin), Michael Fehr (Bern) und Robert Prosser (Wien), dass ohne den damaligen Perspektivenwechsel ein Projekt wie Babelsprech nicht möglich gewesen wäre. Auf der Internetseite babelsprech.org werden laufend Texte, Essays und Kommentare veröffentlicht, wird über die Zukunft der Poesie diskutiert. Aus diesem Projekt ist die neue Anthologie hervorgegangen, die 84 junge Lyriker aus Österreich, Schweiz, Italien und Deutschland vereint. Die drei Herausgeber sind Männer, aber in der Anthologie befinden sich die weiblichen Stimmen deutlich in der Überzahl.
Formale Grenzen des Gedichts scheinen endgültig aufgehoben. Was auf knapp dreihundert Seiten zu lesen ist, zeigt eine Vielfalt, wie man sie so noch nicht bestaunen konnte. Waren bisher deutliche oder indirekte Anknüpfungen an tradierte Formen, an Reim und Strophe, in der zeitgenössischen Lyrik unübersehbar, so verfügen die meisten Texten kaum mehr über eine feste oder vorgegebene Struktur. Die meisten Gedichte ankern in der fortgesetzten Postmoderne. Gerade dies macht ihren Reiz aus. Es herrscht eine Tendenz zum Versatzstückhaften, zum Schreiben und Denken in zerbrochenen, nicht mehr zusammenzufügenden Teilen. Es geht nicht mehr um das Große und Ganze.
War das Gedicht vor einigen Jahrzehnten noch ein Träger von Botschaften, eine Art Kassiber, so ist es heutzutage ein stupender Kunstgriff oder ein kritisches Selbstgespräch. Es richtet sich nur noch selten emphatisch an einen Leser, eine Leserin. Das Gedicht will häufig mit sich sein, ein Fragen stellender und womöglich klärender Monolog:

Ich habe noch nie so viel Schnee gesehen
nicht so viele Landschaften so dick überfroren
kalt und eisesstill wie das Land das sich abkehrt von uns
in ein inneres Gespräch…

wie es bei Anja Kampmann heißt.
Und doch haben viele Gedichte mit einem Aufbruch zu tun, einer Reise oder Expedition zu anderen Territorien, die womöglich auf einer realen Landkarte nicht zu finden sind. Wenn dies magische Welten meint und mit einschließt, verwundert es kaum, wenn der Autor Oravin, dessen Name wie der eines Dichterfürsten klingt, schreibt:

was schert mich licht
mein körper flutet
das meer

Bei mehr als zweihundert Texten gibt es selbstverständlich ein stärkeres Gefälle, wie immer bestehen die Ausnahme und die Regel. Entdeckungen sind reichlich zu machen. Man trifft auf beeindruckende Arbeiten wie die Collagen zum Balkankrieg von Mónika Koncz (*1985), die in der Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft und dem Völkermord in Serbien den aus Tageszeitungen collagierten und verdichteten Zeilen eine ethische Dimension verleiht. Oder wenn die Schweizerin Simone Lappert (*1985) in ihrem Gedicht „1992“ schreibt:

hattest beschlossen, dich bis zum gefrierband zu monden

treffen die Zeilen den Leser an einer empfindlichen Stelle der Großhirnrinde.
Für raffinierte Prosa in Versen stehen die Texte von Lea Schneider, Maren Kames und Linus Westheuser. Zu den ausgereiftesten Beiträgen zählen die Gedichte von Jan Skudlarek und Carolin Callies, Stephan Reich und Marie T. Martin. Und dann gibt es doch ein- oder zweimal den geglückten Rückgriff auf Tradition und Formbewusstsein wie in den kurzen poetischen Stills von Sina Klein:

welche stunde spuckt die glocke aus
wie einen husten? – wusstest du das,
mein tintenfass ist nachts entsetzlich weiß
und nur aus spaß kratzt der füller das blatt,
weil er lust auf blessuren hat.

Es wären noch eine Reihe von avancierten Texten zu nennen, die das Wagnis nicht scheuen, wie die Gedichte von Georg Leß oder die konkreten Versuchsanordnungen von Charlotte Warsen. Auch die visuelle Poesie ist dank Andreas Bülhoff wieder auf dem Vormarsch. Alle drei stehen für eine große Poetry-Szene in Berlin, die mit Abstand die meisten Autorinnen stellt, gefolgt von der alten und wieder verjüngten „Literaturhauptstadt“ Wien. Manches jedoch steht noch in den Anfängen und trägt eher autodidaktische Züge: eine Art Poetik des verheißungsvollen Beginnens. Was kaum anders denkbar ist, denn die jüngsten Autorinnen sind gerade zwanzig Jahre alt.

Wenn Sirka Elspaß (*1995) feststellt:

meine zehen sehen wie E.T.s finger aus
nach hause telefonieren ging damit noch nie

begreift man, dass jedem Aufbruch ein nicht schmerzfreies aber lustvolles Erkunden innewohnt. Gedichte wollen verändern und ihr adoleszentes Potenzial, das von einer gefühlsmäßigen Intelligenz geleitet wird, richtet sich gegen totalitäre Herrschaftsformen und korrupte Eliten. Oder schlichtweg gegen die Verdummung der Massen. Im Gedicht von Christoph Szalay aus Graz wird offenkundig, das auch das politische Moment weiter existiert:

unter dir zieht deutschland vorbei immer noch golden immer noch glaenzend
immer noch sommermaerchen
so gehn die gauchos die gauchos die gehn so und so gehn die deutschen, die deutschen
die gehn so…

Und einen Absatz weiter:

#chillindachau oder was weißt du uebers eigene verschwinden was weißt du uebers verstummen
sag was also weißt du ueber die waelder den winter das letzte wegstück vor den zaeunen…

Dass Babelsprech von potenten Geldgebern wie der Pro Helvetia und den Kulturstiftungen des Bundes in Deutschland und der Republik Österreich großzügig gesponsert wurde, sei erwähnt. Auch hier setzt eine neue Generation Maßstäbe. Sie organisiert und erweitert ihren eigenen Bekanntheitsgrad und ist in Sachen Selbstvermarktung schon auf höchstem Niveau angekommen. Und doch haben wir es mit Gedichten zu tun, die sich nicht jedermann unter sein Kopfkissen legt und dann nachts von ihnen träumt. Der Zauber der Poesie, wie ihn viele Leser immer noch mit Eichendorff oder Rilke verbinden, ist nicht ungebrochen. Aber er lebt trotzdem weiter. Denn die besondere Leistung und Qualität von Babelsprech besteht darin, die Sprachgrenzen ein Stück weit zu verrücken. So liegt Südtirol nah an Berlin, und Bern schafft den Brückenschlag nach Wien.
Das Gedicht kennt von Hause aus keine Grenzen, es will ins Freie und Offene. Es will leuchten und manchmal brennen. Sachlich formuliert: Gedichte dienen der erweiterten Wahrnehmung und Sensibilisierung, der kunstvollen Versprachlichung der Welt. Die vielstimmige Anthologie Lyrik von Jetzt III lädt eindrucksvoll ein, daran teilzuhaben.

Tom Schulz, Die Welt, 24.10.2015

 

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Stefan Schmitzer: Babelsprech?
fixpoetry.de, 13.10.2015

Artur Nickel: Babelsprech
fixpoetry.de, 14.10.2015

Fabian Thomas: Kanonfutter: Lyrik von Jetzt 3 ist da
fixpoetry.de, 13.10.2015

Juliane: Czollek, Fehr, Prosser (Hgg.): Lyrik von Jetzt 3
poesierausch.com, 8.12.2015

Hellmuth Opitz: Unwirksame Zaubersprüche
Das Gedicht blog, 11.1.2016

Konstantin Ames: Schlafbereich der Superlative und Abflughalle
signaturen-magazin.de

Christoph Szalay: Zu Konstantin Ames‘ Kritik an Lyrik von Jetzt 3 oder The kids are alright / Yeah / The kids are alright
dumdidumdidumdidum usw.

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Katharina Kohm: Nur die Ehrlichkeit kann uns noch retten
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Fakten und Vermutungen zu Max Czollek
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Max Czollek: poetisiert euch (1).

 

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Michael Fehr: Wenn Literatur aus pulsierender Sprache entsteht.

Tom Schulz, Die Welt, 24.10.2015

 

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