Max Herrmann-Neiße: Ich gehe, wie ich kam

Herrmann-Neiße-Ich gehe wie ich kam

MIR BLEIBT MEIN LIED

Mir bleibt mein Lied, was auch geschieht,
mein Reich ist nicht von dieser Welt,
ich bin kein Märtyrer und Held,
ich lausche allem, was da klingt
und sich in mir sein Echo singt.
aaaOb jedes andre Glück mich flieht –
aaamir bleibt mein Lied.

Schutzengelhaft gibt es mir Kraft,
denn seine Melodie beschwört
das Böse, das den Frieden stört,
doch nicht in meinen Abend dringt,
den zärtlich die Musik beschwingt.
aaaOb sich der Himmel schwarz umzieht,
aaamir bliebt mein Lied.

Was lärmend schallt, ist bald verhallt,
mißtönende Vergangenheit,
die nur die eigne Schande schreit,
wenn maßvoll mit holdseligem Ton,
in fast jenseitiger Klarheit schon,
mein Lied auf seinem Abschiedspfad
aaaden Sternen naht…

 

 

Nachwort

1
Vor dreiundvierzig Jahren hat unweit von dem Haus, in dem ich jetzt an meinem Tisch sitze und diese Sätze schreibe, ein aus Deutschland emigrierter Schriftsteller an seinem Tisch gesessen und über einen anderen Schriftsteller geschrieben, der wie er aus Deutschland emigriert war. Der eine, der Ehrende, starb 1955 in Zürich; der andere, der Geehrte, bereits 1941 in London. Ich spreche von Thomas Mann, der „diesem lieben und schönen Buch ein Wort des Geleites auf seinen ungewissen Weg“ mitgab, und von Max Herrmann-Neiße, dessen 1936 bei Oprecht & Helbling in Zürich in einer kleinen Auflage von nur 500 Exemplaren erschienenem Gedichtband Um uns die Fremde das Geleit galt. Die Zeiten ändern sich, sagt man, und: Geschichte wiederholt sich nicht. Hier, in Küsnacht am Zürichsee, bin ich vom Grab Max Herrmann-Neißes weiter entfernt, als ich in Berlin seinem Geburtsort Neiße nahe gewesen bin, und doch fühle ich mich diesem Dichter, den seine Freunde Macke genannt haben, enger verbunden als manchem Gefährten aus meiner Generation. Ein politisches Ritornell der deutschen Literaturgeschichte.
In Zeiten, da gern über die angebliche Unverständlichkeit moderner Lyrik geklagt wird, trifft das Werk Max Herrmann-Neißes paradoxerweise immer wieder einmal der Vorwurf, diese Gedichte seien zu einfach. Daß man sie auf Anhieb versteht, daß sie unverstellt Gefühle aussprechen und entwaffnend ehrlich sind, scheint zu befremden. Für den interpretatorischen Bienenfleiß germanistischer Seminare allerdings sind sie tatsächlich nicht geeignet. Sie reden von der Bauernmagd, die auf dem Markt ein wenig mit den Preisen mogelt oder vom Eigensinn der Dinge oder vom wunden Herzen, über das in der Fremde die Feilen einer bösen, unerbittlichen Zeit fahren. Nein, Max Herrmann-Neiße hat keine neue Strophenform erfunden; er hat sich damit begnügt, die vorgefundenen lediglich zu benutzen, um beispielsweise einen Vorstadtmorgen zu beschreiben, in dem von nichts anderem die Rede ist als von duftenden Linden auf leeren, stillen, verschlafenen Straßen und von zerzausten Mädchen, die sich um das Wägelchen des Milchmanns scharen, von einem Kind, das in der Frühe vom Bäcker kommt, ein Brot unterm Arm, und von Burschen, die gähnend ihre Pferde striegeln. Das mag wenig scheinen, ein idyllischer Bericht aus der Provinz, ohne Belang für den Gang der Welt, nur das allmähliche Erwachen einer kleinen Stadt, die für den kurzen Zeitraum, in dem ein Brot nach Hause getragen wird, der Mittelpunkt der Welt ist. Keine die Sekundärliteratur beflügelnden Metaphern, keine raffinierten Enjambements, kaum ein Reim, der nicht schon vor ihm zu hören gewesen war. Die Hinwendung Max Herrmann-Neißes zum Expressionismus bleibt eine rasch vorübergehende Episode, sie hinterläßt keine wesentlichen Spuren. Dieser Dichter war kein Avantgardist, sondern ein Bewahrer, ein passionierter Traditionalist, dem das Essentielle eines Verses mehr bedeutete als das Artifizielle, das sich selbst genug ist. Die Natürlichkeit, die in seinen Gedichten waltet, erklärt sich zum einen aus der großen schlesischen Tradition von Andreas Gryphius bis zu Joseph von Eichendorff, in der dieses Werk wurzelt, und zum anderen aus einer Biografie, die viel Schatten kennt und nur wenig Licht.
Das Gefühl, ein Ausgestoßener zu sein, einer, den niemand ernst nimmt, hat Max Herrmann-Neiße sein Leben lang nicht verlassen. Bitter erinnert er sich, er stehe dem Leiden unter seinem körperhaften Mißgeschick und unter der Brutalität seiner Mitschüler gegen den wehrlosen Buckligen stets hilflos gegenüber. Deshalb suchte er nach einer Möglichkeit, sich auszuleben, sich im Strudel schnell verblassender Ereignisse zu behaupten. Für ihn war es über einen Zeitraum von fünfunddreißig Jahren hinweg das Gedicht. Freunde berichteten, daß es kaum einen Tag gegeben hat, an dem er nicht ein Gedicht feilte oder ein paar Verse in sein Notizbuch schrieb. Er lebte mit Gedichten, und er lebte in Gedichten. Alles, was für ihn von Belang war, kehrte im Gedicht wieder. Dabei galten ihm Rhythmus und Reim, das Spiel mit der Klangfarbe der Vokale als Katalysatoren, über die er sich Welt aneignete, indem er sie im Gedicht neu herstellte. Und Welt nicht in globalem Sinn, sondern eher die fünf, sechs Stationen seines Lebens fassend, eine (in ihren Anfängen) nach innen gekehrte Welt, doch auch da schon ohne den Hermetismus und das schöne Leid, wie es die tonangebenden Gedichte um die Jahrhundertwende hervorbrachten; eine Welt, die ihm Schmerz zufügte und die er von ihren eigenen Schmerzen nicht zu befreien vermochte. Aber er unternimmt den Versuch, in Gedichten und Aufsätzen zu erklären, wie dieser Schmerz abzuwenden wäre, und er wirft das Stichwort von der proletarischen Revolution in die literarische (und politische) Diskussion.
Oskar Loerke, Carl Sternheim, Carl Hauptmann und Alfred Döblin haben mit Hochachtung vom Werk Max Herrmann-Neißes gesprochen. Heinrich Mann bekannte, dieser Dichter habe „dermaßen zaubrisch gesungen, daß es nachklingen wird, wer weiß bis wann“. Für Stefan Zweig waren die Verse Max Herrmann-Neißes „die schönsten vielleicht die seit Heinrich Heine im Exil geschrieben wurden“. Wahrscheinlich wäre ein von Ausdauer gehärteter Biograph in der Lage, eine Art Reimchronik dieses Lebens zusammenzutragen, die mit den frühen Gedichten aus dem Jahre 1905 beginnen und mit dem kurz vor dem Tod niedergeschriebenen Gedicht „Der Spiegel“ abgeschlossen werden könnte.

2
Max Herrmann wird am 23. Mai 1886 in Neiße geboren. Der Vater betreibt in der Stadt einen Bierverlag. Der Ausbildung nach Lehrer, später zusätzlich den Beruf eines Kaufmanns erlernend, verließ Robert Herrmann bald die ländliche Gegend seiner Kindheit. Auch die Mutter, Anna Sambale, stammt vom Land, und zwar, ebenso wie ihr Mann, aus einer alten Bauernfamilie. Der Vater schließt dem Bierverlag eine kleine Probierstube an, in der er ausschenkt und seine Frau bedient. (Max Herrmann hat an mehreren Stellen seines Werkes an die anheimelnde Atmosphäre im Elternhaus und in der Gaststube erinnert; und wirklich waren die Eltern auf nichts mehr bedacht, als ihr Kind vor den oft rohen Angriffen der Umwelt zu bewahren. Das schönste Denkmal hat er seiner Mutter in dem Gedicht „Die Nelken“ gesetzt.) 1905 absolviert er das Neißener Humanistische Gymnasium. In dieser Zeit versucht er sich in ersten Gedichten, die noch deutlich Abhängigkeit von Heinrich Heine und Detlev von Liliencron erkennen lassen. Ein Jahr später, 1906, erscheinen sie in dem schmalen, mit autobiographisch gestimmten Prosaskizzen untermischten Bändchen Ein kleines Leben. Nach einigen Semestern Literatur- und Kunstgeschichte an den Universitäten München und Breslau kehrt er 1909 nach Neiße zurück. Er unternimmt den Versuch, das Leben eines freien Schriftstellers zu führen. Neben Gedichten schreibt er vor allem Theaterkritiken, die das Neißer Tageblatt in regelmäßiger Folge veröffentlicht.
Als am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, bleibt auch das Städtchen Neiße von jenem sich patriotisch gebenden Gefühlsüberschwang nicht verschont. Die Zeitungen bringen Gedichte drittrangiger Verfasser, aber auch der ersten Dichter des Landes, in denen der Kriegsausbruch hymnisch gefeiert wird. Kein Zeugnis dieser Art von Max Herrmann. Im Gegenteil: Er beginnt den Antikriegsroman Cajetan Schaltermann. Nebenher arbeitet er für Zeitschriften, die gegen die Kriegspsychose ankämpfen: Zeitecho, Mistral, Weiße Blätter, Die Aktion und Sirius.
Im Dezember 1916, kurz vor Weihnachten, erliegt der Vater einer Herzattacke. Die Mutter, die den Tod ihres Mannes nicht verwinden kann, begeht im März 1917 an seinem Grab Selbstmord. Für Max Herrmann ist die Idylle häuslicher Geborgenheit für immer zerstört. Im Frühjahr 1917 übersiedelt er aus der geliebten Kleinstadt ins weitläufige, ihm fremde Berlin. Er findet in Alfred Kerr, dem er für dessen Zeitschrift Pan Gedichte eingeschickt hatte, einen literarischen Berater und verläßlichen Freund. Kerr vermittelt ihm eine, wenn auch untergeordnete, Anstellung im Verlag von Samuel Fischer, der bereits 1914 Herrmanns vierten Gedichtband herausgebracht hatte: Sie und die Stadt. Die Gedichte dieses Buches schildern kleinstädtische Situationen in durchaus kritischer Sicht. In ihnen kündigt sich etwas an, was Herrmann rückblickend das „überrealistische Mehr“ genannt hat. Vorausgegangen war die Sammlung Das Buch Franziskus: von hohem Formbewußtsein getragene melancholische Sonette. Max Herrmanns erster literarischer Ruhm führte zu Freundschaften mit Franz Pfemfert, Oskar Loerke, Moritz Heimann und Carl Hauptmann, der ihm vor allem in den dramatischen Entwürfen Mut machte. Obwohl er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Leni Gebeck in Berlin wohnt, empfindet er immer schmerzlicher die Trennung von der Heimatstadt. Um ihr stets nah zu sein, fügt er ihren Namen dem seinen bei und nennt sich von Stund an Max Herrmann-Neiße.
Während der Roman Cajetan Schaltermann wegen Schwierigkeiten, auf die er bei der Zensurbehörde stößt, erst nach dem Krieg erscheinen kann, veröffentlicht Herrmann-Neiße noch 1918 in Kurt Wolffs berühmter Reihe Der jüngste Tag den Gedichtband Empörung Andacht Ewigkeit. Es ist auf die motivische Dreiteilung im Werk des Dichters hingewiesen worden, die sich schon früh andeutet, aber gerade am Titel des fünften Gedichtbuches sinnfällig wird:

Empörung wider ihre Höllen, Andacht vor ihren Wundern, Ewigkeit in der letzten Hingabe an das Göttliche über ihr.

Zwischendurch entstehen Kritiken, Artikel, Aufsätze und immer wieder Gedichte. Die Preisgabe heißt der nächste Band, der 1919, zum Zeitpunkt einer sich wieder, und stärker als bislang, in Geschäftsinteressen verhärtenden Welt erscheint, von der sich Herrmann-Neiße in seismographisch wahrnehmenden und von Schmerz erfüllten Gedichten distanziert. Wie sehr er sich in Berlin als Fremder fühlt, beweist die noch im selben Jahr publizierte Sammlung Verbannung. 1927 wird ihm der Gerhart-Hauptmann-Preis für den Band Im Stern des Schmerzes verliehen, der als dichterisches Dokument aller fehlgeschlagenen Versuche, an einer sozial gerechteren Welt mitzubauen, gelten kann.
In den zwanziger Jahren gehört Max Herrmann-Neiße zu den regelmäßigen Beiträgern der von Franz Pfemfert geleiteten Wochenzeitschrift Die Aktion. Er veröffentlicht in ihr Gedichte und Publizistik. Gemessen am Umfang seines damals bereits vorliegenden Werkes nehmen die lyrischen Arbeiten der Aktion-Zeit keinen breiten Raum ein, aber ihre gedankliche Planung ist von höchstem Interesse für die proletarisch-revolutionäre Literatur. Das vergleichsweise verhalten vorgetragene Pathos sozialkritischer Thematik, die ekstatische Sprachgebärde regulieren sich nun an der Frage des proletarischen Klassenstandpunktes. Die Larmoyanz über die gestörte Welt weicht der Einsicht, daß dieses Deutschland einen Staat des krassen Egoismus repräsentiert, dessen Idealfigur der erfolgreiche Geschäftsmann ist. Am 19. Mai 1922 entwickelt er in dem Vortrag „Die bürgerliche Literaturgeschichte und das Proletariat“, den er auf einer öffentlichen Versammlung in Berlin hält, seine Ansichten in größerem Zusammenhang. In Rezensionen und Artikeln zur Tagespolitik setzt er sich mit den gewonnenen Erkenntnissen auch in den folgenden Jahren auseinander; sie münden schließlich in dem umfangreichen Essay „Emile Zola“, der den Auftakt zu der geplanten Reihe „Dichter für das revolutionäre Proletariat“ bildet und 1925 als Doppelband 59/60 der Bücherei Der rote Hahn erscheint. Wie Franz Jung, dessen Jack London-Aufsatz Aufsehen erregt hatte, geht es auch Max Herrmann-Neiße darum, „eingehender das wichtigste Lesematerial“ „für ein Publikum“ zu propagieren, „das klassenbewußt, mit revolutionärem Temperament Lektüre aufnimmt“. Er wählt das Beispiel Zola, indem er gleichzeitig auf einige – lediglich das wilhelminische Deutschland karikierende – Romane von Carl Sternheim, Leonhard Frank und Heinrich Mann hinweist, weil, „am wenigsten allerdings bei uns in Deutschland, wo ja selbst zu den erregendsten Momenten, zu den abenteuerlichsten Situationen des Klassenkampfes und des revolutionären Schein- und Wahrgefechts der nächsten Gegenwart im Schrifttum fast gar nicht Stellung genommen wurde“.
Max Herrmann-Neißes Gespür für die Krisensituation der Jahre, in der er etwas Schwarzes aufsteigen sah, hat ihn nicht getäuscht. 1928 gibt er in dem Versbuch Einsame Stimme dunkle Voraussagen; die Warnung vor aufziehenden Gefahren, die oft mehr geahnt als zu beweisen waren, ist drohend anwesend. Zwei kleine Bände, Abschied (1928) und Musik der Nacht (1932), die beide das vorgegebene Thema aufnehmen, erscheinen noch auf dem deutschen Büchermarkt, bevor Max Herrmann-Neiße die Konsequenz aus seinen Vorahnungen und den Tagesereignissen zieht: Am 28. Februar 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, verläßt er Deutschland. Zusammen mit seiner Frau geht er über Zürich und Paris nach London. Wie schwer ihm der Entschluß gefallen sein muß, führen die Gedichte der Zürcher und der Londoner Zeit vor Augen, in denen das Motiv der verlorenen Heimat, des vertauschten Lebens mannigfaltig variiert wird. Mit welcher Entschlossenheit er dennoch diesen Weg wählt, zeigt eine einzige Bemerkung: Später erinnert er sich, daß er damals die Chance hatte, mit seiner Naturlyrik und seiner uralten schlesischen Bauernahnenreihe ein anerkannter deutscher Lyriker zu werden, aber er habe es nicht über sich bringen können, sich auch nur stillschweigend von einem System fördern zu lassen, das für ihn „das wahrhaft teuflische“ war.
Das Jahr 1933 bedeutet eine entscheidende Zäsur im Werk Herrmann-Neißes. Seine Dichtung gleicht jetzt einem großen „Monolog auf fremder Bühne“, sie ist geradezu ein Sinnbild für das Schicksal der Emigrierten. Im sechsten Jahr des Exils, 1938, wird er vom Reichs- und Preußischen Minister des Inneren ausgebürgert. Max Herrmann-Neiße antwortet mit dem Gedicht „Ewige Heimat“. Seine Gedichte sind fortan die einzige Brücke, über die er mit Deutschland verbunden bleibt. Möglicherweise war die 1936 von Stefan Zweig und Ernst Toller veranstaltete Lesung zu Ehren seines fünfzigsten Geburtstages der letzte Lichtblick, den er erlebte. Zwar kursieren nach wie vor unter Freunden handgeschriebene Gedichte, doch das Gefühl des endgültigen Ausgeschlossenseins zersetzt seine physische und psychische Konstitution. Von den Kriegsereignissen bleibt er selbst in London nicht verschont; die Bombenangriffe treiben auch ihn in den Luftschutzkeller. Den größten Teil des Tages verbringt er in den Parks der Stadt, die ihn entfernt an die heimatliche Landschaft erinnern. Er lebt unauffällig. Als er am 8. April 1941 an einem Herzversagen stirbt, verbreitet sich die Nachricht von seinem Tod nur langsam.

3
Max Herrmann-Neiße hat zwischen 1906 und 1941 – neben Theaterstücken, Erzählungen, Romanen und Aufsätzen – zwölf Gedichtbände veröffentlicht. 1941 gibt Leni Gebeck die Letzten Gedichte heraus; ihnen folgt 1942 die Sammlung Mir bleibt mein Lied. Im Zeitraum von 1946 bis 1974 erschienen sieben Auswahlbände. Die frühen Versbücher Ein kleines Leben (1906) und Porträte des Provinztheaters (1913), sowie die wenigen, der Dichtung Max Herrmann-Neißes keine neuen Züge einschreibenden Gedichte des Bandes Musik der Nacht (1932) wurden in dieser Auswahl nicht berücksichtigt. In vier Fällen greift der Band auf Gedichte zurück, die Max Herrmann-Neiße 1912, 1915 und 1924 in den Zeitschriften Die Aktion, Der Mistral und Der Querschnitt veröffentlicht, jedoch nicht in spätere Bände aufgenommen hat.
Die Abschnitte sind chronologisch angeordnet; der erste vereinigt Gedichte aus den Jahren 1911–1919 (aus motivischen Gründen wird hier ein Gedicht aus dem Jahr 1924 eingereiht), der zweite aus den Jahren 1924–1927, der dritte aus den Jahren 1936–1941. Innerhalb der Abschnitte wird die Auswahl von thematischen Gesichtspunkten bestimmt.

Bernd Jentzsch, Mai 1979, Nachwort

 

Empörung, Andacht, Ewigkeit,

Verbannung, Im Stern des Schmerzes, Im Fremden ungewollt zuhaus – das sind nur einige der Gedichtbücher, in denen Max Herrmann-Neiße seine Erfahrungen mit Deutschland beschrieb: Erfahrungen mit provinziellem Kleinbürgertum und hektisch gewordenen Städten, mit dem erlittenen Nationalsozialismus und der Einsamkeit des Exils.
1886 in Neiße geboren, ging Max Herrmann Anfang des Jahrhunderts nach Berlin, wo er in linksbürgerlichen Zeitschriften seine ersten Gedichte gegen den Krieg veröffentlichte. Enttäuscht vom Scheitern der Nachkriegsrevolution, zog sich Max Herrmann in ein scheinbar privates Leben zurück, schrieb Romane, Erzählungen, Theaterstücke und eine Fülle von Gedichten, mit denen er die Welt in seine unmittelbare Situation hineinholte. Er gehörte zu den bestimmenden Expressionisten der zwanziger und dreißiger Jahre, über seine Ausbürgerung durch die Nazis hinaus.
1933 emigrierte Max Herrmann nach London. Dort schrieb er auf einsamen Wanderungen seine resignativen Gedichte, deren formale Geschlossenheit erschreckend seinem verkrüppelten Körper kontrastiert. Die späten Gedichte, Allgemeines resümierend und immer persönlich, sind große Exillyrik, und dies gerade in ihrer pessimistischen Reflexion darüber, „daß Opposition nirgends beliebt ist, daß es eine internationale einige Ablehnung grundsätzlicher Störenfriede gibt. Eher läßt man den erfolgreichen Verbrecher gelten“, schrieb Max Herrmann, „der die Macht erobert hat, als daß man einem machtlosen Empörer aus Überzeugung, einem anhanglosen Freiheitskämpfer, Gerechtigkeit widerfahren läßt.“
Der hier vorgelegte Band, repräsentativ nach Themen, Formen und Schaffensphasen, will einen Querschnitt durch Max Herrmanns lyrisches Werk geben, von den vorexpressionistischen Anfängen bis zu den letzten Gedichten des Londoner Exils. Hier liegt einer der Schwerpunkte dieser heute einzigen neuen Werkausgabe, die der aus der DDR stammende Erzähler und Lyriker Bernd Jentzsch besorgt hat. Im Anhang enthält die Edition Max Herrmanns berühmte Schrift über „Die bürgerliche Literaturgeschichte und das Proletariat“, die auch auf die Lyrik ein politisches Schlaglicht wirft; ferner eine Zeittafel, ein Nachwort des Herausgebers und eine Bibliographie aller Gedichtbände.

Carl Hanser Verlag, Klappentext, 1979

 

MAX HERRMANN-NEISSE

Die Ruhe trog. Er gierte durch die Heide.
Er schnappte geil nach Allem, was ihn traf.
Ob alte Hure ob Maid – er nahm beide
und plötzlich waren alle Weiber auf ihn scharf.

Frau Holle. Vom Hans die Gret.
Die dreizehnte Fee, die er nach
den zwölf vorher nahm, die zum
ersten mal kam, wie sie sagte,
und das zum Glück nicht zu spät.
Schneewittchen und Dornröschen.
Rapunzel gar ohne Unterhöschen.
Amsel, Drossel, Fick den Star,
alle Vöglein immerdar.

Er war so roh zu ihnen, ohne Gnade.
Er wollte, dass er jeden Halt verlor,
Und die Geschändeten stöhnten Schade
den Opfern kam es wie der Anfang vor.

Und dass er sie am roten Kleid erkannte
und wieder fühlt wie er sie wild sein ließ
in dem er sie ins heilige Wunderbar
stieß, stieß, stieß
erschien Rotkäppchen,
beraten von ihrer Tante,
überdies ohne Kappe
mit offenem, wallenden Haar.

Peter Wawerzinek

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
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