Max Sessner: Küchen und Züge

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Max Sessner: Küchen und Züge

Sessner-Küchen und Züge

ERKLÄRUNGEN

Der Mann ohne Beine erklärt
mir die Sterne er sagt die
Nacht ist eine leere Kuh
es ist zum fürchten aber
was hier leuchtet und flimmert
sind Fliegen nichts weiter nur
Fliegen eines Morgens sitzen
sie auf deinem Butterbrot und
stinken hörst du den Donner
das ist kein Donner das sind
meine Beine die irgendwo
herumrennen auf der Suche
nach mir manchmal kann ich
sie spüren schwer wie nach
einem langen Spaziergang
aber ich fasse ins Nichts alles
Illusion mein Freund sogar du
bist nur eine Idee ein Zeitvertreib
für einen Krüppel jetzt schieb
mich ein Stück weiter siehst
du den Mond das ist das
Auge der Kuh wo das andere
ist kein Ahnung bin ich Gott

 

 

 

Es ist ein ganz leiser, unauffälliger Surrealismus,

der in diesen Gedichten zutage tritt. Bildbeschreibungen (durchaus auch im wörtlichen Sinn), Erinnerungsbilder, festgefrorene Augenblicke verwandeln sich in diesen Zeilen in fremdartige und überraschende Szenen. So liebevoll genau der Blick des Dichters auch sein mag – etwas bleibt immer rätselhaft, geheimnisvoll, ja, unheimlich: Vexierbilder, deren Schrecken unter harmloser Oberfläche fast lautlos bleibt.
Max Sessner hat in diesem Band 80 Gedichte versammelt, das Beste aus mehreren Jahren Arbeit. Er schreibt unzeitgemäß, er gehört keiner literarischen Gruppe an, die Tradition, in der er steht, ist hierzulande nicht sehr populär. Sein Parlando ist von großer Entspanntheit und Leichtigkeit, obwohl doch die Verhältnisse so einfach nicht sind: „Ich bin das kann man sagen / ein Hund der mir zugelaufen / ist“.
Diese Gedichte sind eine Entdeckung: entdeckt werden kann in ihnen eine wunderbare poetische Kraft, die Welt zu verändern durch genaues Hinsehen, und zwar nicht auf die Brennpunkte, sondern auf die Ränder, auf das Abseitige, auf die Nebensachen. Wie mit leichtester Hand kommt hier Schönheit zustande: eine unbedingte Leseempfehlung!

Literaturverlag Droschl, Ankündigung, 2005

 

Mein Vater, der Stein

Mein Vater, war ein rollender
Stein er rollte die Straße
hinunter solange bis nichts
mehr von ihm übrig war dann
fegte man die Reste unter einen
Tisch …

Herrlich, wie Max Sessner seine kleinen großen Gedichte auf wundersame Gleise führt, mal gleich zu Beginn, wie hier, mal erst am Ende – bis der Alltag einen ganz fremd anschaut, fast fantastisch. Der in Fürth geborene Autor, jetzt in Augsburg zuhause, singt mit seinem Band Küchen und Züge den Blues der gewöhnlichen Dinge, halb traurig, halb froh schieben sich die Sätze ohne Interpunktion zusammen, gehen die Bilder bruchlos ineinander und geben noch dem Dreck unter den Fingernägeln sein Geheimnis: „als lauerte da was“. Ein Ausnahmetalent!

Nürnberger Zeitung, 7.4.2006

Wenn Tische im Wirtshaus weinen

Von diesem Buch muss man einfach schwärmen. Weil es einen anrührt und erfüllt, wie ein Lied oder ein Märchen. Der 1959 in Fürth geborene Max Sessner lebt zwar mittlerweile in Augsburg, und sein wunderbarer Gedichtband erschien im renommierten österreichischen Droschl-Verlag, aber das Buch ist durchdrungen von fränkischer Landschaft, vom hiesigen Jahreslauf und vertrauter Szenerie: Kleingärten, Kartoffelkeller, Kirchweih, Kuchenteig, Kreuze an den Böschungen. Gleichwohl ist da nichts Provinzielles. Sessner macht aus dem Landläufigen wahrhaft Poesie.

Immer denke ich mir den November
als das beige Innere eines VW Käfers
den ein Onkel jahrelang fuhr
,

so beginnt das allererste Gedicht, das die ungeliebte Verwandtschaft mit stimmungsvollen Details zurückholt ins Gedächtnis und ins Gemüt.

Unsere Väter sterben und wachsen wieder in
den Vorgärten unserer Häuser und schauen
uns an sie tragen Stiefel mit schweren Sohlen
damit marschieren sie nachts durch unsere
Träume
,

heißt es in einem anderen Text.
Danach sitzt man mit einer Katze auf dem Schoß in einer Wirtswchaft an Tischen, die weinen:

ich hörte genauer hin tatsächlich
war da etwas wie ein Wimmern im
Holz meine Güte sofort kamen auch
meine Hände in ihre Taschen zurück −
ich hab dann ein trauriges Lied
gepfiffen so eines das die Herzen
schwer macht und die Taxis von
beiden Enden der Stadt herbeilockt.

Nein, da ist nichts Falsches, nichts Aufgesetztes. Max Sessner ist ein Wortmaler, ein Stimmungskünstler. Aus dem Alltäglichen zaubert er im Handumdrehen einen märchenhaften Moment. Plötzlich wachsen einem Flügel oder der keuchende Atem wird zu einem Fuchs aus einem Märchen. So rätselhaft, geheimnisvoll und unheimlich ist unsere kleine Welt! Ja, es geht um Verwandlung.

Heute habe ich dich auf der
Straße gesehen als alte Frau
liefst du an mir vorbei und
ich der vor dir starb sah mich
in deiner Brille gespiegelt
als junger Mann du hast durch
mich hindurchgeschaut mit einem
Blick wie aus einem offenen
Fenster aus dem du gleich
springen wirst auf diese Straße
hinab vor ein fahrendes Auto
dessen Fahrer mir ähnlich sieht.

Helmut Haberkamm, Nürnberger Nachrichten, 8.12.2005

Der Mond zu Gast

Die Küchengedichte Max Sessners geben sich weniger praktisch. Sie formulieren keine und verstecken auch keine Liebeserklärungen, müssen diesbezüglich auch weder Verletzungen berichten noch Scherben beichten. Im Gegenteil: Der geneigte Leser traut sich schnell zu, mit Titeln wie „Saubermachen“ der „Schlaflos“ fertig zu werden. Die allfällige Vertrautheit mit den Situationen trägt jedoch nicht weit: Zeilen tiefer stutzt man darüber, dass Besenarbeit „in der dunklen Küche“ mir nichts dir nichts verfremdet wird durch das „dämonische“ Leuchten eines Siegelrings. Solcherlei Verblüffen hat bei Sessner Methode. Wie soll man die Platznot einschätzen, welche am Ort herrscht, wo einem nichts übrig bleibt, als „das schmutzige Geschirr“ wegzuräumen – damit der Mond, der er eingeladen hat, sich „in / der Küche“ breit machen können, zu Lasten von „Messer und Gabel“, die darum nicht mehr „zueinander kommen“ können, ganz zu schweigen vom „Bier / im Kühlschrank“, das deshalb auf seinen Trinker warten muss.

Rainer Stöckli, Tageblatt 3.5.2010

Max Sessners Küchen und Züge

Ich möchte gleich vorweg zugeben, daß ich kein Kritiker bin, sondern selbst „Lyriker“ und mich mit Kritiken bisher zurückgehalten habe. Zu anmaßend kam es mir stets vor, fremde Gedichte mit meinen Gedanken, meinen Vor-Urteilen zu beschweren. Ich möchte auch hier weniger eine ausführliche Kritik schreiben, als Ihnen den Band von Max Sessner ans Herz legen: er hat einen großen Gedichtband geschrieben, dessen nichtssagender Titel hoffentlich eines müden Lektors Feder entsprungen ist. Wenn nicht, auch nicht schlimm – ignorieren Sie den Titel, und lesen Sie die Gedichte.
Eleganz und Wunderlichkeit ist vielen der Metaphern Max Sessners zu zeigen. Liest man zum Beispiel:

der
Kopf meiner Tante immer zitternd als
wehe darin ein ständiger Wind klein
und hart wie der Kern einer Frucht

ist man beeindruckt und möchte denjenigen widersprechen, die sagen, Wie-Vergleiche könnten heutzutage nur noch abgeschmackt wirken. Sessner weiß seine Wort-Bilder genau zu setzen:

Unsere Väter sterben und wachsen wieder in
den Vorgärten unserer Häuser und schauen
uns an sie tragen Stiefel mit schweren Sohlen,

so der Anfang des Gedichts „Unsere Väter“. Beendet wird es schlicht aber prägnant und treffend mit den Zeilen:

… ein Geräusch von Schritten in uns
drin ein Türenschlagen jemand geht jemand
kommt macht Licht und unsere Augen leuchten.

Ein bißchen vom frühen Gerhard Falkner ist da zu erkennen und eine, vielleicht ungekannte, Verwandtschaft mit dem ebenfalls unterschätzten Hellmuth Opitz. – Wie es ja sowieso eine unterschätzte Nebengeneration der um die 1955 geborenen gibt, zu der sich die drei zählen lassen, die oft übertönt werden, von Lyrikern wie Durs Grünbein oder Raoul Schrott (eine halbe Generation später, die dafür doppelt so viel Bildungsspeck angesetzt haben).
So dachte ich jedenfalls beim ersten Lesen. Beim zweiten Lesen bröckelte die Gewissheit ein wenig und nach dem dritten Lesen war ich mir nicht immer sicher, was ich von dem Changieren Sessners zwischen Hoher Warte und Alltagsnotiz halten sollte. Doch ich kam zu dem Schluß: sicher ist er zuweilen sehr „eigen“, doch ist das letztlich auch ein Vorzug. Und dabei findet sich weder zuviel Bilderpracht, noch zuviel Lakonie.
Sessner ist wohl auch einer der wenigen, die zur Zeit gute Gedichte über Gemälde schreiben können, eine Kunst für sich, die man erst zu schätzen weiß, wenn man sich das unsägliche Bilderkopieren in Worten angetan hat, daß einige gelangweilte Lyriker in den letzten Jahren verstärkt versucht haben.
Zum Beispiel Runges „Hülsenbecksche Kinder“ betrachtet Max Sessner wie folgt:

Die Hülsenbeckschen Kinder
das waren drei Kinder die sich
lieb hatten im Garten traf man
sie oft das Jüngste in einem
Wägelchen sitzend und gezogen
von seinen Geschwistern aber
wie war das erreichten sie je
das Haus den Tisch mit dem
Abendbrot Vater und Mutter hoch
standen die Sonnenblumen in
jenem Sommer wir suchten an
Teichen in Gräben sie blieben
verschwunden im Haus welkten
die Eltern wie das so ist
.

Und dann kommen in seinem Band auch noch Dichter, andere zu Wort. So zum Beispiel im Gedicht: „Mit Eichendorf“– ein Gedicht, in dem vieles von dem zusammenkommt, was vorher schon in dem Band auftauchte. Stimmige Bilder sind das: Herbst, ein welkender Fernseher, ein Mantel, später taucht noch ein Pulk von Dichtern auf:

Jahre danach wieder ein Herbst
mach hin flüstert mein Mantel ins
staubgraue Zimmer der Fernseher
läuft auf Hochtouren Arabella fragt
Klaus und Klaus ist gepierct und
stirbt bald aber das macht nichts
Klaus lacht Arabella lacht mach hin
flüstert mein Mantel wir verlassen
die Welt diesmal pünktlich (…)

Ein letztlich überzeugender, berührender Gedichtband, den es lohnt, zu kaufen.

Florian Voß, lyrikkritik.de, 9.12.2005

 

„Ich bin ein Hund, der mir zugelaufen ist…“

Da saß er nun vorn am Tisch mit seinen Zetteln. Das dunkle Haar verstrubbelt, nicht wirklich rasiert, ein bisschen nervös. Er blinzelte aus seinen grauen Augen in die Runde, lächelte kurz, seufzte. Dann beugte er sich über sein Skript und begann zu lesen. Es wurde schlagartig mucksmäuschenstill. Nicht nur aus Respekt vor dem Autor, der seine Gedichte vortrug. Es war, als hätte sich schon bei den allerersten Sätzen die Gewissheit im Raum verbreitet, dass man das, was man gerade hörte, noch nie gehört hatte. – All dies geschah im Januar 2001 im bayerischen Kloster Irsee. Dort findet jedes Jahr der Literaturwettbewerb um den Irseer Pegasus statt, mit 20 oder 25 Teilnehmern. Der Mann am Tisch war Max Sessner. Er gewann in jenem Jahr den ersten Preis. Es war fast von Anfang an klar, dass er ihn gewinnen würde. Vieles, was bei dem dreitägigen Wettbewerb vorgetragen wurde, hatte man so oder anders schon mal gehört. Aber niemand schrieb wie Sessner. Niemand schreibt wie Sessner.

UNSERE VÄTER

Unsere Väter sterben und wachsen wieder in
den Vorgärten unserer Häuser und schauen
uns an sie tragen Stiefel mit schweren Sohlen
damit marschieren sie nachts durch unsere
Träume nehmt uns mit wenn ihr aufwacht
flüstern sie und wir wälzen uns im Schlaf
und fangen an zu schwitzen unsere Frauen
ahnen nichts von alledem sie nicken und
reichen uns die Marmelade zum Frühstück
unterwegs zur Arbeit später wie soll man
das sagen ein Geräusch von Schritten in uns
drin ein Türenschlagen jemand geht jemand
kommt macht Licht und unsere Augen leuchten

Max Sessner wurde 1959 in Fürth geboren. Heute lebt er mit Frau und Hund in Augsburg. Er ist Buchhändler und auch privat ein Büchernarr, außerdem Musikkenner, Bildbetrachter, Motorradfahrer. Seine Gedichte nehmen den Leser oft mit in Küchen oder Gaststuben, es wird getrunken, es ist dämmerig und etwas melancholisch. Und es gibt wimmernde Tische in diesen Gedichten, sprechende Fahrräder, flüsternde Mäntel.
Dabei ist Max Sessner kein Surrealist. Er ist, im Gegenteil, ein genauer Beobachter und Beschreiber der Wirklichkeit. Aber er bleibt dabei nicht stehen. Er spürt all dem nach, was hinter den Dingen, den Bewegungen, den Sätzen liegt. In seinem Gedicht „Augustabend“ heißt es:

… die Tanten
sind da lächeln stecken mir
Kleingeld zu und was ich
einmal werden will fragen
sie der Geist sag ich eines
Jungen der voriges Jahr
beim Schwimmen ertrank…

In dem Gedicht „In Rauhnächten bereits am frühen Abend betrunken“ lesen wir:

… als ich mir beim
Gemüseschneiden in den Finger
schnitt nahm ichs als schlechtes
Zeichen dass aus den Blutstropfen
kleine verschlagene Männchen
wurden die singend und polternd
den Abfluß hinabzogen

Ich bin das kann man sagen
ein Hund der mir zugelaufen
ist…

beginnt der Text „Meine Hälfte des Lebens“.
Sessners Texte sind nicht modern, aber auch nicht altmodisch. Sie sind nicht laut wie so vieles derzeit, das sich nur hervorheben will. Sie sind nicht vollgestopft mit Zitaten, die oft nur die Belesenheit des Autors demonstrieren sollen. Sessners Texte sind einfach nur Sessners Texte. Sie scheinen alle rückgekoppelt zu sein an eine Zeit, in der das Leben noch langsamer war, dörflicher, stiller. In der man noch Muße hatte zu denken und zu phantasieren. Das hat nichts mit Sehnsucht nach Vergangenheit zu tun, sondern eher mit Erdung.

Der Autor schreibt ausschließlich Gedichte. Prosa ist seine Sache nicht. Obwohl viele seiner Texte auch einen Prosa-Anteil haben in der Art, wie sie ein ums andere Mal kleine Geschichten erzählen, kompakte Geschichten, gegossen in – man möchte fast sagen: quaderartige Textblöcke, so physisch wirken sie.
1991 trat Max Sessner zum ersten Mal in die Öffentlichkeit mit dem Gedichtbändchen Der Würfel Kummerkorn, 1994 folgte HundszeitAltes Land, beide erschienen in der Hersbrucker Bücherwerkstätte. 2003 kam bei Eric van der Wal der Band Der tschechische Reiter heraus, und 2005 veröffentlichte der Literaturverlag Droschl in Graz die 80-seitige Sessner-Sammlung Küchen und Züge. In Vorbereitung ebenfalls bei Droschl, Sessners neuer Gedichtband. Warum gerade heute heißt er.
Was an den neuen Texten sofort auffällt, ist, dass der Autor, anders als früher, öfter mal Absätze macht, seine Verse in Strophen sortiert. Und die Textblöcke haben sich teilweise verschlankt, sind zu Stelen geworden.

ALTER DICHTER

Alte Dichter riechen wie
ungelüftete Schränke deren
Fächer mit Papier
ausgelegt worden sind
die Arbeit eines
Winternachmittags vor
vierzig Jahren
jemand hat Wäsche gefaltet
ein anderer Papier
zurechtgeschnitten und
dabei aus dem Fenster
geschaut Kinder sind
durch den Schnee gestapft
und verloren gegangen
im Wirbel der Flocken
ein seltsamer Tag
jetzt betritt der Dichter
sein Stammlokal entgegen
dem Uhrzeigersinn sein
Wunsch ist es heute
alleine zu speisen er
nimmt die Brille ab
und blickt nach innen schau
an alles leer der Staub
sorgfältig zu einem
Häufchen zusammengefegt
und noch immer steht
dort im Eck der Koffer
der sich nicht öffnen lässt

In Warum gerade heute erzählt Max Sessner vom Mond („In der Stadt unter / der Stadt ist der Mond / ein vom Finger / gefallener Ring manchmal // wandert er durch / die Dunkelheit nach oben / und liegt plötzlich vor / uns im Gras“). Er berichtet in „Alter Bolzplatz“ von einem schaurigen nächtlichen Fußballspiel („… die Lebenden gegen / die Toten ohne Halbzeit / neunzig Minuten auf ein Tor / wer fällt bleibt liegen das / Maul voll Morast…“). Er erklärt uns, was der Januar ist:

Eine leere Schachtel
in der du träumend
liegst das ist der Januar alle

sind krank oder
unsichtbar geworden
nun bist du allein…

Max Sessner gehört zu denjenigen, die verstanden haben, dass der Realismus der Seele weitaus umfassender ist als der Realismus der Dinge. Einer der schönsten Texte in dem neuen Gedichtband handelt genau davon: Wie sich die Dinge verändern, wenn man sie mit der Seele betrachtet.

DINGE

Wenn wir die Dinge nicht lieben
suchen sie uns heim eines
Tages fallen sie aus ihrer Welt

in unsere und es haftet ein
Geruch an ihnen den wir nicht
kennen der vor langer Zeit

verlorene Stoffhund einäugig
und mit nur noch drei Beinen saß
eines Morgens neben unserem

Bett er sprach zu dir mit meiner
Stimme wie fremd wir uns plötzlich
waren die Morgensonne warf

meinen Kopf als Schatten an die
Wand und er glich einem Kaffeebecher
den du liebtest und den ich

einst im Zorn zu Boden schmiss
in hundert Scherben zerbrochen
machte er sich auf den Weg

an diesem Tag sah ich sie überall
zurück gekommen nahmen sie
von uns Besitz Puppen nackt

und ohne Kopf winkten
uns zu und Spielzeuguhren zeigten
Spielzeugzeit ich fuhr auf

einem Fahrrad von dir fort
das halb von Rost und halb von
Traurigkeit zerfressen war

Ein Fahrrad, das von Rost und Traurigkeit zerfressen ist – es sind diese kleinen Bilder, die winzigen Verschiebungen, die Sessners Lyrik so besonders machen. Es ist das Stille darin, das Langsame, das Alltägliche, das verhalten Bajuwarische. Max Sessner blickt mit Melancholie auf die Welt, mit Staunen und mit sehr viel Liebe.

Bert Strebe, die horen, Heft 241, 1. Quartal 2011

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie: Dirk Skibas Autorenporträts

 

In der Zwischenzeit: Poesie – mit Max Sessner.

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