Michael Braun: Zu Arne Rautenbergs Gedicht „wenn ich nicht mehr bin“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Arne Rautenbergs Gedicht „wenn ich nicht mehr bin“ aus Arne Rautenberg: permafrost. 

 

 

 

 

ARNE RAUTENBERG

wenn ich nicht mehr bin

wie ist es denn so
wenn ich nicht mehr bin
fragte mein sohn mich
ich sagte es ihm
es ist wie es war
bevor du geboren
du warst noch nicht da
du hast nicht gefroren
du hast nichts vermisst
du hast nichts gesehen
als du noch nicht sahst
du hast nicht gelitten
als du noch nicht warst
so wirst du nichts sehen
wenn du nicht mehr bist
so wirst du nicht leiden
wenn das was war ist.

 

Wenn man bestimmen will,

welche Eigenart den Dichter Arne Rautenberg von seinen lyrischen Zeitgenossen unterscheidet, dann kann man festhalten: Es ist die Zuversicht. Die kaum irritierbare Zuversicht in die Sagbarkeit der Dinge und das Vertrauen darauf, dass stets „ein Gesang in Gang kommt“, wie es in einem Gedicht seines neuen Bandes permafrost (2019) heißt. In einer Selbstinterpretation hat der 1967 geborene Wortkünstler, den Freunde in Anspielung auf seine sprachspielerische Passion gerne auch „Arne Schwittersberg“ nennen, angemerkt, dass es ihm darauf ankomme, sich selbst im Gedicht zu überraschen. Diese Fähigkeit zum virtuosen Durchbuchstabieren der unterschiedlichsten formalen Mittel führt er auch in permafrost vor, wobei seine Lust am ausgelassenen Sprachspiel fast zum Tarnmanöver wird. Zwar enthält auch dieses Buch wieder heitere wortspielerische Exerzitien und makaber eingefärbte Sinnsprüche, aber der Weg dieser Gedichte führt doch in den meisten Fällen zu den letzten Dingen und einer skeptischen Metaphysik. Nicht erst die ernüchternden „mutteranhänge“ im letzten Teil des Bandes signalisieren, dass hier einer spricht, der dem Tod begegnet ist und nun seine Erfahrungen mit der Vergänglichkeit evoziert. Das Eröffnungsgedicht von permafrost markiert bereits diese Grenze, an der sich der noch Lebende aufmacht, um in den Bezirk zu gehen, in dem die Existenz ihre Negation erfährt. Es ist ein anrührendes Elementargedicht, eine Mixtur aus poetischer Parabel, religiösem Gleichnis und Kinderreim, die eine diskrete Antwort auf die Frage gibt, was denn noch bleibt, wenn das Ich der Vergänglichkeit anheimfällt. Durch strenge Reduktion, Wiederholungsfiguren und minimalistische Konsequenz erreichen Rautenbergs Verse eine starke Suggestivität. So entsteht ein Programmgedicht zu den Konstituenten vergehenden Lebens – mit der Einsicht, dass auch der Zustand der Wunschlosigkeit mit einer Erlösungsfantasie verbunden sein kann.

Michael Braun, Volltext, Heft 4, 2019

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