Michael Braun: Zu Martina Webers Gedicht „Als wäre es ein längst vergessener Park aus Schattenrissen. …“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Martina Webers Gedicht „Als wäre es ein längst vergessener Park aus Schattenrissen. …“ aus Martina Weber: Häuser, komplett aus Licht

 

 

 

 

MARTINA WEBER

Als wäre es ein längst vergessener Park aus Schattenrissen.
Da sind die Konturen des Landes, und hier, der Junge neben mir
am Tisch verschiebt Radiergummis und Stifte, nur hier war die Front
in Bewegung. Infrarot. Ein zusammengeklappter Raum. Nachts
brannte das Korn auf den Feldern und immer noch beißt an der Grenze
der Rauch. Der Puls der Heuschrecke im Hohlraum meiner Hände.
Die Angst sitzt im Körper, wird nicht mehr verschwinden.
Sie hatten dünne Aluminiumstreifen aus Flugzeugen geworfen,
zur Verwirrung des Radars. Es heißt, die Leute hätten die Schnipsel
eingesammelt und zu Hause an die Ränder von Ventilatoren geklebt.
Bei geschlossenen Augen klang es wie Blätter von riesigen
Bäumen, die im Sommerwind rauschten.

 

Da, wo fast nichts gesprochen wird,

wo kein außerordentliches Ereignis zu vermelden ist, wo eine Bewegung an ihr Ende kommt und Stille eintritt – das ist der Ort, an dem die Gedichte Martina Webers einsetzen. Es scheint, als würden sich Standfotos überlagern, Fragmente der Erinnerung und feine sinnliche Wahrnehmungen miteinander verschmelzen. Der Blick öffnet sich auf ein Szenarium, in dem Geschichte und Gegenwart in einem hellen Erkenntnisaugenblick zusammenfallen.
Die poetische Einbildungskraft dieser Autorin entzündet sich oft an Fotomotiven, an topografisch markierten Punkten in einer Landschaft, die immer auch eine Landschaft des Gedächtnisses ist. Eine akustische Landschaft auch, in der ein Flirren, Rieseln oder zartes Rauschen zu vernehmen ist, mitunter an der Grenze des Hörbaren. Aus Schattenrissen konturieren sich die Umrisse dessen, was wir als Wirklichkeit erfahren. Das vorliegende Gedicht aus ihrem fabelhaften Gedichtbuch Häuser, komplett aus Licht arbeitet in kunstvoller Akribie an der Topografierung einer Gedächtnislandschaft, wie wir das auch aus den Gedichten Jürgen Beckers kennen. Der Augenblick des erinnernden Subjekts wird in dieser geschichtlich tiefreichenden Probebohrung ebenso erfasst wie die schockhaften Momente aus den Zeiten des Krieges. In fortlaufenden Überblendungen werden hier drei historische Erfahrungsräume parallel geführt: ein Junge an einem Tisch; ein Ich, das Zeichen der Geschichte entziffert und den Lebenspuls einer Heuschrecke registriert – und jäh aufblitzende traumatische Erfahrungen des Bombenkrieges. Das Flirren der Aluminiumstreifen, die als täuschende Reflektoren aus den Bomberflugzeugen zur Störung des Radars abgeworfen werden – dieses hier zitierte flirrende Lichtspiel bereitet ein Inferno vor. In hartem Kontrast steht dagegen das romantische Bild des Blätterrauschens. Im zarten Rauschen wartet jedoch das Verhängnis.

Michael Braun, Volltext, Heft 1, 2020

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