Michael Braun: Zu Norbert Langes Gedicht „7 (Der Mann in der Wand)“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Norbert Langes Gedicht „7 (Der Mann in der Wand)“ aus Norbert Lange: Unter Orangen. –

 

 

 

 

NORBERT LANGE

7 (Der Mann in der Wand)
(Aus dem „Orpheus-Dossier“)

Orpheus
(Der Bus war mit 90
Tage hat es gebraucht
Sie in der Hölle aufzurufen)
Heurtebise, ähem
Der Bus mit der ganzen Crew ist von der Straße abge
Ich glaube, seine Leier
Vermasselte ihm die Tour
Alle brannten im Feuer
(Es brauchte 90 Tage
Bis der Bus abgekommen war von der Straße.)

 

Der Ruf

des unwiderstehlichen mythischen Sängers Orpheus hat schwer gelitten, seit ihn Klaus Theweleit in seinem Buch der Könige (1988) als zwielichtige Gestalt porträtierte, die über Frauenleichen geht. Aus dem Rhodopengebirge im heutigen Bulgarien war der thrakische Magier einst in die Unterwelt hinabgestiegen, um mit seinem betörenden Gesang die Mächte des Hades zu sedieren und seine geliebte Eurydike ins Leben zurückzuführen. Aber er hat bekanntlich versagt. Es besteht also kein Grund für heutige Lyriker, ihm mit allzu großer Ehrfurcht entgegenzutreten. So hat denn auch der amerikanische Lyriker Jack Spicer (1925–1965) sehr viel zur Demontage des mythischen Dichterkönigs beigetragen, als er ihn um 1960 in einer Reihe von Orpheus-Gedichten zur sehr irdischen, fehleranfälligen und narzisstischen Gestalt profanierte. Nach Spicers eigenwilliger Vorstellung ist es nicht der Dichter, der seine Texte komponiert, sondern es ist das Gedicht selbst, das den Dichter erfindet. In Anlehnung an Jean Cocteaus Film Orphée (1949) glaubte er, dass seine Gedichte die Ergebnisse von „Transmissions“ von außen seien. In Orphée vernimmt nämlich ein vom Ennui geplagter Dichter chiffrierte Botschaften aus dem Autoradio, das ihm als „Radioorakel“ poetisch brauchbare Fügungen und Sätze einflüstert. Poesie erweist sich gewissermaßen als okkulte Botschaft aus dem Jenseits. All diese kreativen Verwandlungsprozesse hat sich nun der Jack-Spicer-Übersetzer und Dichter Norbert Lange in seinem Gedichtband Unter Orangen angeeignet und daraus eine überaus anregende und vergnügliche Eigen-Komposition gezaubert. Sodass man spekulieren darf, ob und inwiefern Jack Spicers Geist gewissermaßen von Norbert Lange Besitz ergriffen hat.
Das vorliegende Gedicht greift eine Szene aus Orphée auf. Cocteaus Film versetzt das antike Paar Orpheus und Eurydike in ein merkwürdig zeitloses Nachkriegsfrankreich. Bei seiner Rettungsaktion Eurydikes schaut Orpheus unwillentlich in den Rückspiegel seines Autos – das bedeutet den endgültigen Verlust seiner geliebten Frau. Eine berühmte Orphée-Szene vergegenwärtigt Orpheus’ Gang durch einen Spiegel, worauf wohl der Titel des Gedichts „Der Mann in der Wand“ anspielt. Die hier markierte Figur Heurtebise agiert im Film als Chauffeur einer dunklen, geheimnisvollen Frau, die „Prinzessin“ genannt wird und sich bald als Todesbotin entpuppt. Heurtebise fährt Orpheus nach Hause, wo ihn seine Gefährtin Eurydike bereits erwartet. Die Liebe zwischen Orpheus und Eurydike beginnt da bereits zu bröckeln. In Norbert Langes Jack-Spicer-Adaption wird Orpheus’ Weg in die Unterwelt sehr lakonisch kommentiert. Als ein neunzig Tage währender Trip in die Hölle.

Michael Braun, Volltext, Heft 4, 2021

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