Michael Krüger: Zu Ernst Stadlers Gedicht „Der Spruch“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Ernst Stadlers Gedicht „Der Spruch“ aus Ernst Stadler: Der Aufbruch und andere Gedichte. –

 

 

 

 

ERNST STADLER

Der Spruch

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

 

Mensch, werde wesentlich

Das Gedächtnis ist ein eigenwilliger Anthologist. Es sammelt Gedichte, die einem auf seltsame Weise die Treue halten, auch wenn ihre Verfasser schon längst im Kleingedruckten der Literaturgeschichte verschwunden sind. Oft sind es nicht einmal die besten Gedichte, die diese haftende Eigenschaft besitzen, und oft sind ihre Widerhaken stärker als ihre ästhetischen Qualitäten. So jedenfalls geht es mir mit Ernst Stadlers „Spruch“, einem Gedicht über ein Epigramm, und es ist gar nicht sicher, ob am Ende der Dichter Stadler überleben wird oder der Autor, den er zitiert. „Expressionismus meint Ausdruck, Aufbruch, Sprengung“, heißt es bei Gerhard Kaiser, und „Aufbruch“ ist auch der Titel des (nach den mit Recht so genannten Präludien) einzigen Gedichtbandes von Ernst Stadler, der im Dezember 1913 gedruckt und im Jahr des Kriegsausbruchs ausgeliefert wurde. Er wurde sein Vermächtnis. Der Elsässer Stadler, Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universite Libre in Brüssel, starb im Oktober 1914 in Zandvoorde in der Nähe von Ypern als Leutnant der Reserve. Am 4. Juli hatte er eine Berufung nach Toronto angenommen, am 9. Juli hielt er in Straßburg einen Vortrag über „Die elsässische Dichtung des 16. Jahrhunderts in ihrer Bedeutung für die Geschichte der deutschen Literatur“, am 31. Juli wird er einberufen, am 2. August beginnt sein Einsatz an der Westfront, von Colmar bis Flandern, am 30. Oktober, kaum 31 Jahre alt, ist er schon tot.
Ernst Stadlers Gedicht „Der Spruch“ berichtet in der ersten Zeile von einem Fund, der Entdeckung eines lebensgeschichtlich unerhört wichtigen Satzes, der ihn wie ein Schlag trifft. Wo er ihn gelesen hat? Das verrät er nicht. Und erst im letzten Vers, als Pointe und Abschluß, teilt er wortwörtlich den kurzen Satz mit, der ihn im Innersten aufgewühlt hat: Mensch, werde wesentlich. Die weit ausholenden Verse zwischen dieser Klammer, zwischen Bekanntgabe und Mitteilung des Fundes, lesen sich wie ein Manifest des Expressionismus: „Wir sind Expressionisten. Es kommt uns wieder auf den Gehalt, das Wollen, das Ethos an“, heißt es bei Kurt Hiller. Das war auch Ernst Stadlers Programm, der auf der Schwelle stand zwischen dem Ästhetizismus Georges und einer Avantgarde, die am Vorabend des Ersten Weltkrieges zu einer umfassenden Erneuerung des Denkens, Fühlens und Handelns aufrief, gegen die Entfremdung von Ich und Welt. Es war eine Generation, die den Aufbruch wollte und in den Stahlgewittern verheizt wurde.
Auch der Dichter, bei dessen Lektüre Ernst Stadler schockhaft die Augen aufgingen, wollte einen Aufbruch, allerdings einen zu Gott. Der 30. Spruch im zweiten, „anderten“ Buch des „Cherubinischen Wandersmann“ lautet: „Zufall und Wesen“:

Mensch werde wesentlich: denn wann die Welt vergeht
So fällt der Zufall weg
das wesen das besteht.

Der Barock-Experte Stadler hat die mystischen Epigramme des Angelus Silesius aus dem 17. Jahrhundert in seine Zeit und damit ins Weltliche übersetzt. Aber trotz aller Selbstermutigung durch die Spruchweisheit des schlesischen Dichters bleibt ein dunkler Schatten auf Stadlers Versen liegen, als hätte er geahnt, daß alle Anstrengungen, den moralischen Niedergang der Zivilisation aufzuhalten, vergeblich waren: Die Welt wollte im ersten großen Krieg vergehen.

Michael Krügeraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiundzwanzigster Band, Insel Verlag, 2000

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