Michael Lentz: Zu Jesse Thoors Gedicht „Rede von der Anschauung“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Jesse Thoors Gedicht „Rede von der Anschauung“. –

 

 

 

 

JESSE THOOR

Rede von der Anschauung

Und es kommen die Vögel von den Bergen und aus jeder Richtung.
Und es kommen die Fische mit den hellen Kreuzen auf ihren Rücken.
Und die Sterne mit den verzweigten Augen und mit den weisen Händen.
Und die Monde mit den silbernen Geräten und mit den höchsten Reden.

Und du bleibst immer bei mir, und du verlässt mich nicht.
Und du wendest mühelos meinen Leib, und du begleitest mich.
Und du läuterst meine Wünsche, und du änderst meine Gedanken.
Und richtest mich wieder auf, und du beendest meine Not.

Und ich erwäge den Lauf des Regens und den Rat der Sonne.
Und ich rufe deinen Namen laut und vor allen Leuten.
Und ich esse dein Brot, und ich trinke deinen Wein.

Und es kommen deine Wochentage zu mir mit großer Verheißung.
Und es kommen deine vier Boten mitsamt den sieben heiligen Zeichen.
Und dein Wille geschieht zur Zeit, und geschieht in Ewigkeit.

 

Seine Poesie wurde zum Gebet

Ein Himmel und Erde ausmessendes Sonett voller Zuversicht. Auf den Endreim hat der Dichter verzichtet, er ist auch gar nicht nötig, reimen sich die Wörter am Ende der Zeilen doch inhaltlich. Und schließlich: die Tradition kennt auch reimlose Sonette. Aber ist das Gedicht wirklich so zuversichtlich? Ist es nicht auch eine Klage, ein Einfordern? Siehe, ich habe das und das gemacht, ich lasse nicht ab von dir, also mußt doch auch du dich erkenntlich zeigen. Da hilft die Form des Sonetts, argumentative Strenge zu wahren, das Reimlose ist hierbei das sprichwörtlich trockene Brot.
Man wird keinen zweiten deutschsprachigen Dichter finden, der Formstrenge, Einfachheit der sprachlichen Mittel, der Metaphorik und Symbolik mit einer liedhaften Einprägsamkeit zu verbinden weiß, ohne dabei banal oder epigonal zu sein. Hier ist einer, der überlieferte literarische und religiöse Motive sich so zu eigen machen konnte, als ging – umgekehrt – von seinen Gedichten ihre Traditionsbildung allererst aus.
Auch die eigenen biographischen Hintergründe ließ Peter Karl Höfler, wie Jesse Thoor mit bürgerlichem Namen hieß, zum Sonett gerinnen. Seine aus dem oberösterreichischen Mühlviertel stammenden Eltern hatten sich 1904 in Berlin-Weißensee niedergelassen. Das Aufgehen des Tischlerhandwerks in der Fabrikarbeit bewog den zum Trinker gewordenen Vater 1912 mitsamt seiner Familie nach Österreich zurückzugehen, wo Jesse „bei den grauen Schwestern“ lernte. In Österreich gescheitert, ging der Vater 1914 nach Berlin zurück, wohin er die Familie 1915 nachholte.
Dem Handwerklichen ist der Dichter immer treu geblieben, auch später im Exil. Thoor ließ sich nach der Volksschule zum Zahntechniker ausbilden, wechselte zu einem Feilenhauermeister, wurde Erd- und Fabrikarbeiter, Flickschuster, Polsterer und Gold- und Silberschmied. Seßhaft wurde er nie. Auf der Walz reiste er nach Bayern, Österreich (wo er in Graz einmal als Fechtbruder festgenommen wurde), Italien, Spanien und Ungarn. In Rotterdam heuerte er als Heizer und Trimmer auf Küstenschiffen an. In Berlin wurde er Mitglied der KPD und des später verbotenen Roten Frontkämpferbundes. Von den Nazis wegen seiner politischen Aktivitäten gesucht, lebte er von 1933 bis zum sogenannten „Anschluß“ Österreichs am 12. März 1938 zumeist in Wien. Von Wien aus floh der Dichter nach Brünn. Fortan nannte er sich – nach dem Propheten Jesaja und dem Donnergott Donar – Jesse Thoor. Ein Stipendium des American Guild for German Cultural Freedom ermöglichte Thoor zusammen mit seiner Frau Friederike Blumenfeld die Emigration nach London. Heimisch wurden sie dort nicht. Am 15. August 1952 starb der herzkranke Dichter nach einer Bergwanderung in Lienz (Osttirol). Zu seinen Lebzeiten ist nur ein einziger Band erschienen: Sonette, 1948 im Nürnberger Nest Verlag. Dem ehemals bekennenden Kommunisten, der seinen Genossen aufgrund seiner spirituellen und zunehmend mystischen Haltung suspekt war, wurde die Poesie zum Gebet. Die zwischen 1944 und 1949 entstandene „Rede von der Anschauung“ ist ein Hallraum voller christlicher und mystischer Insignien, ein poetisches „Vaterunser“, das den überzeitlichen Offenbarungscharakter und die tröstende Allgegenwart Gottes herausstellt.
Ihre suggestive Wirkung entfalten die rosenkranzartig aufgereihten Zeilen der Litanei durch ihre Anschaulichkeit ihre konkreten Bilder und Symbole. Deren Abfolge kann als Prozeß der Läuterung mit den Stationen Ankündigung, Bitte (Gewißheit), Bezeugung und Verheißung gelesen werden. Der Fisch, hier doppelt gekennzeichnet durch das Symbol des Kreuzes, ist ein buchstäbliches christliches Sinnbild. Im Griechischen lassen sich mit den Anfangsbuchstaben „IXΘYΣ“ (= Fisch) folgende Worte bilden: „Jesus Christus Gottes Sohn Erlöse“. Mit den „vier Boten“ sind die vier Evangelisten gemeint, möglicherweise aber auch die vier „Großseher“ der Neuoffenbarung (Hochheim, Böhme, Swedenborg, Lorber). Die von den vier Boten gebrachten „sieben heiligen Zeichen“, die sieben Sakramente, korrespondieren mit den Bitten des Vaterunsers, dessen komprimierte Fassung die letzte Zeile in Thoors Gedicht darstellt. Durchgehend an den Zeilenanfang gesetzt, wird die „Rede von der Anschauung“ von einem kleinen Wörtchen zusammengehalten, dem hier größte Bedeutung zukommt: der Konjunktion „und“. Wer Jesse Thoor gelesen hat, wird ihn nicht vergessen.

Michael Lentz, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg).: Frankfurter Anthologie. Zweiunddreißigster Band, Insel Verlag, 2008

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