Miklós Szabolcsi: Zu Attila Józsefs Gedicht „Besinnung“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Attila Józsefs Gedicht „Besinnung“ aus Attila József: Gedichte. –

 

 

 

 

I
Sanft von der Erde löst den Himmel
die Früh, und mild ihr Wort, es läßt
kullern ins Tageslicht die Kinder
und Käfer aus des Dunkels Nest.
Kein Hauch von Dunst die Lüfte näßt,
flirrende Leichtigkeiten schwingen!
Und nachts, gleich kleinen Schmetterlingen
setzen sich Blätter aufs Geäst.

II
Blau, rot, gelb, schlierig nachts in Träumen
standen mir Bilder vorm Gesicht,
und ich erfühlte sie als Ordnung –
im Flug kein Stäubchen ward zunicht.
Nun zieht mein Traum als Dämmerlicht
durch mich, und Ordnung herrscht von Eisen.
Ist’s draußen Tag, drin Sterne gleißen,
ist’s Nacht – in mir der Tag anbricht.

III
Mager bin ich und esse manchmal
nur Brot und bin umsonst im Braus
sabbernder Seelen nach was Sichrerm
als nach dem Fall des Würfels aus.
An meinem Mund kein Bratenschmaus,
an meinem Herz kein Söhnlein reibt sich –
wo gäb’s die Katze, die gleichzeitig
fing drinn- und draußen eine Maus.

IV
Es liegt die Welt übereinander,
Spaltholz im lockersten Geviert,
wo jedes Scheit von jedem andern
gepreßt, gedrückt, getragen wird,
und alles ist determiniert.
Nur was nicht ist, hat einen Buschen,
nur was sein wird, ist eine Blume,
und das zerfällt, was existiert.

V
Am Güterbahnhof, ein Stück Stille,
geduckt ich zwischen Stämmen stak;
an meinem Mund ein graues Unkraut
von seltsam roh-süßem Geschmack.
Tot späht’ zum Wächter ich: Was mag
er fühlen, und stur sprang sein Schatten
zur Kohle, die in tauig glattem
Glanz auf den stummen Wagen lag.

VI
Hier drinnen, siehst du, ist das Leiden,
doch draußen das, was es erklärt.
Die Welt ist deine heiße Wunde,
ihr Glühn macht, daß die Seele schwärt.
Solange sich dein Herz empört,
bleibst du unfrei – erst wenn kein Haus mehr
du dir erbaust, das dann ein Hausherr
besetzt, die Freiheit dir gehört.

VII
Unter dem Abend in der Himmel
Zahnradwerk ich die Blicke hob –
und sein Gesetz aus Zufallsfasern
der Webstuhl des Vergangnen wob,
und wieder meinen Blick ich schob
durch meiner Träume dichte Dünste
und sah: die gleißenden Gespinste
zertrennten sich stets irgendwo.

VIII
Die Stille lauschte – es schlug eins.
Du könnt’st nach deiner Jugend sehn;
könntest zwischen den klammen Wänden
Zement ein wenig Freiheitswehn
träumen – so dacht ich. Und vorm Gehn
sah oben strahlend in der Ferne
ich einem Gitter gleich die Sterne
über der stummen Zelle stehn.

IX
Weinen hab ich gehört das Eisen
und Lachen, da der Regen schießt.
Sah, daß Vergangenes zerstückt ist
und daß man nur Ideen vergißt;
und daß mir nichts gegeben ist
als lieben trotz der Last ohn’ Maßen –
ach, goldenes Bewußtsein, daß man
dulden muß, daß du Waffe wirst.

X
Ein Mann ist reif erst, wenn nicht Rücksicht
auf Vater ihn und Mutter quält,
der weiß, daß er zum Tod das Leben
nur als die Draufgabe erhält,
die man, fundgleich, zurückerstellt,
bewahrt für unbestimmte Frist,
und der nicht Gott, nicht Priester ist
für sich noch sonstwen auf der Welt.

XI
Ich habe auch das Glück gesehen.
Sanft, blond, ziemlich drei Zentner schwer.
Im Hof sein Ringellächeln schwankte
auf strengem Rasen hin und her.
Sprang in das laue, weiche Meer
der Pfütze, grunzte unverdrossen –
und Sonne flirrte unentschlossen
auf seinem flaumbesäten Schmer.

XII
Ich wohne an der Bahn. Viel Züge
kommen und gehn an mir vorbei,
im wehenden Samtdunkel seh ich
schweben der lichten Fenster Reih.
So durch das ewge Einerlei
der Nacht erhellte Tage jagen,
und ich im Lichte jedes Wagen
steh da und lehn mich an und schweig.1

 

Höhepunkt der Józsefschen Gedankenlyrik: „Besinnung“

Gleichsam die Krönung der Józsefschen Gedankenlyrik ist das Anfang 1934 entstandene, aus zwölf Teilen bestehende philosophische Gedicht „Besinnung“:
„Besinnung“ ist nicht nur ein Schlußstein in der Folge der Weltanschauungsgedichte, sondern auch für sich genommen ein äußerst komplexes Werk, das offenbar mit dem Anspruch auf Endgültigkeit abgefaßt wurde. Mit diesem Gedicht überwand József jene dogmatische Enge, die in seiner Zeit und Umgebung insbesondere in einem engherzigen Ökonomismus zum Ausdruck kam. Zugleich hob er die Methode und den gedanklichen Anspruch der Klassiker des Marxismus in schöpferischer Weise auf. Konsequent näherte er sich seinem Gegenstand auf zweierlei Weise, durchdachte er ihn als intellektuelles Problem und persönlich quälende Frage. Bediente sich József anderer Lösungen, so ging es ihm jedoch stets darum, die marxistische Weltanschauung zu bereichern, d.h. schöpferisch weiterzuentwickeln.
„Besinnung“ ist ein dialektisches Gedicht, in dem Antithetik und Spannung bereits dem gedanklichen Material immanent sind. Die durch Rede und Gegenrede erzeugte Spannung wird zudem durch die einzelnen Strophen mit ihren jeweils aufreizenden und abfallenden Teilen verstärkt; sie erfährt eine weitere Steigerung durch den Verlauf der ersten sechs Strophen, die gegen die zweite Hälfte des Gedichts gerichtet sind, sowie durch den Widerstreit der einzelnen Strophen untereinander. Von daher ist zu erklären, warum die Einheitlichkeit in der Struktur des Gedichts mit einer eigentümlichen Lockerheit einhergeht und die Strophen numeriert sind, d.h. innerhalb der Einheitlichkeit also differenziert wird. (Man könnte annehmen, das Gedicht sei in zwei Anläufen geschrieben worden.)
Mit den weichen Tönen und Farben der ersten Strophe wird zunächst eine spezifische Stimmungslage geschaffen und der Schauplatz abgesteckt. Doch nicht nur dies, denn Attribute der Anmut, wie sich etwa die Bilder organisch entfalten, und die Ungezwungenheit der Enjambements suggerieren die eine Seite der Wirklichkeit: das unverbindlich-schwebend Leichte und Harmonische der Natur. Hier dominieren noch Unschuld und Arglosigkeit.
In der zweiten Strophe stehen sich bereits mehrere Gegensatzpaare gegenüber: der schwebenden Leichtigkeit der Natur im Kontrast mit der vergleichsweise komplizierten, verworrenen Welt des menschlichen Bewußtseins eine Welt des Dämmerscheins mit der Schwere und dem Eisen, in der neue und schwierigere Gesetze herrschen. Hier können schwingende Schönheiten nicht ungestört und ungestraft Aufnahme finden, denn diese Welt widerstrebt dem Schönen ebenso wie der Mensch gegen seine eigenen eigentlichen Bestrebungen arbeitet. Zwei Ordnungen stehen sich gegenüber: da die erträumte und hier die bestehende Ordnung, die des Eisens; sie wiederum werden als Gegensatzpaar einerseits auf die subjektive innere Welt der Empfindungen und Triebe und andererseits auf die objektive äußere Welt kausal zurückgeführt. Die Diktion der zweiten Strophe ist im Unterschied zur Harmonie und lyrischen Weichheit der ersten auffällig abgehackt und kantig. Der zweimalige Gebrauch von „Ordnung“, jeweils mit anderem Sinngehalt und anders akzentuiert erinnert zudem an den Schlußteil des Gedichts „Am Rand der Stadt“;2 die Harmonie zwischen dem Trieb „in unserer Brust“ und der Welt draußen, die zu schaffen dort verheißen wurde, ist wieder in Frage gestellt und scheint unerreichbar. Drinnen und Draußen, Trieb und Bewußtsein, Traum und Wirklichkeit sind hier erneut unversöhnlich einander gegenübergestellt. In der stark verdichteten Schlichtheit der beiden letzten Zeilen ist dieser vom Dichter bis zum äußersten erlebte Gegensatz verabsolutiert und ins Universelle erweitert. Vor der äußeren Welt, in der „Ordnung herrscht von Eisen“, und dem Himmel draußen sieht der Dichter sich auf der Flucht ins Innere, wo für ihn „der Tag anbricht“: die Licht und Wärme spendende Sonne der Poesie, des Traums – zugleich auch der humanistischen Haltung und der Bewußtheit sozialistischer Überzeugung. Der Gegensatz zwischen der Außenwelt und der Welt im Innern ist kraß und schmerzlich und drängt zu der hier offenbleibenden Frage: Was also ist nun Ordnung, was ist Wahrheit? Das da „draußen“ oder dies hier „drin“? Die erste Hälfte der Strophe suggeriert innere Ordnung, harmonische Gewißheit; in der zweiten stellt József jedoch die Problematik, den Widerspruch daneben, das dialektische Vorgehen erweist sich hier als schematisches Setzen einer Einheit, die negiert werden muß, ohne zunächst eine Lösung parat zu haben.
In der dritten Strophe wird der gleiche Gegensatz vorerst noch von anderer Seite beleuchtet. Eine Folge von Bekenntnissen, von „Beichten“ setzt ein, die an Villon erinnert. Der Autor stellt sich dem formulierten Problem – ähnlich wie in dem zwei Jahre zuvor erschienenen Aufsatz „Individuum und Wirklichkeit“3 – mit seinen persönlichen Erfahrungen, mit einer Rechenschaft seines Lebens. Bereits hier taucht ein weiterer Gegensatz auf, der sich durch das ganze Gedicht zieht: der Konflikt zwischen der politischen Arbeit des Kommunisten und der Familie, zwischen einem Leben für die Gemeinschaft und dem Rückzug ins Individuelle, und hinter all dem der Zwiespalt, noch an die Menschen glauben zu können. Die Bitterkeit des Dichters, der für die anderen wirken will, jedoch so viele Enttäuschungen erlebte, wird bis in den spöttisch-scharfen Klang der Reime und Alliterationen („sabbernder Seelen“) spürbar; immer noch setzen ihm das Kindheitstrauma und die schmerzende Gegenwärtigkeit des Hungers zu. Für die Menschen da sein und für ein Prinzip einstehen, oder aber sich auf die eigenen Belange beschränken, zurückgezogen in die Wärme einer Familie – zu diesem schmerzlich persönlichen Konflikt gesellt sich noch eine weitere, im Grunde philosophische Frage: ob es überhaupt sichere, mit mathematischer Bestimmtheit wirkende Gesetze in der menschlichen Gesellschaft geben könne. Am Schluß der Strophe wird eine völlige Übereinstimmung von individuellen Bestrebungen und objektiven Gesetzen – die Chance, „drinn- und draußen eine Maus“ zu fangen – ausgeschlossen.
Die vierte Strophe ist eine Antwort auf die vorgebrachten Zweifel. Die harmonische Exaktheit des Jambus im Strophenbeginn, der Abschluß der Reime, die Ausgewogenheit des Satzbaus und das in sich geschlossene Gefüge der Metaphern legen nahe, daß hier Endgültiges ausgesagt werden soll. Die Antwort im Sinne der Marxschen Philosophie ist entschieden und summierend: Die Welt wird sehr wohl von Gesetzen regiert, die Dinge hängen miteinander zusammen – also auch das Drinnen und Draußen –, sie sind determiniert und erklärbar. Aus der Marxschen Philosophie erhält zunächst die strenge Determiniertheit den Akzent, jedoch mischt sich in die rationale Einsicht zugleich auch persönliche Beklemmung, denn determiniert konnte die Welt und darin die Situation des Individuums ja auch in einer schlechten Richtung sein. Dennoch sind die Sentenzen der Dialektik von Hegel und Marx mit aller Härte in den Schlußzeilen verdichtet: Die bestehende Welt der „sabbernden Seelen“ zerfällt, wird zunichte; worauf man vertrauen kann und muß, ist die „Blume“ der kommenden Ordnung.
Doch damit ist die Auseinandersetzung nicht beendet nach der Verallgemeinerung im Abstrakten folgt erneut ganz und gar erdgebunden Konkretes, denn in der fünften Strophe werden wiederum Fragen, Bedenken und. Zweifel laut; die Instinkte und Nerven gehorchen dem Wissen nicht, Erinnerungen und Visionen der Angst, des erschreckenden Fremdseins in der gegebenen Welt brechen hervor. Satzbau und Reime verstärken dieses Gefühl der Beklemmung. Der Dichter erinnert sich, wie drohend der Schatten des Wächters zwischen ihm und der Kohle lag, die Wärme, Licht und Schönheit verhieß, und dieser Schatten liegt auch zwischen ihm und dem Menschen, der als Wächter zwar ebenfalls ein Leidender ist, dem er aber trotzdem nicht trauen kann.
In der sechsten Strophe kehrt die Entschiedenheit der Antwort aus der vierten wieder, nur weit differenzierter; anstelle einer mechanischen Determiniertheit wird auf kompliziertere dialektische Zusammenhänge hingewiesen, werden nicht mehr allgemeine Sentenzen bemüht. Von den persönlichen Qualen wird nunmehr in der persönlichen Anredeform der zweiten Person berichtet, die Antwort ist komplizierter, gründet sich jedoch auch hier im wesentlichen auf die marxistische Philosophie: Da das Bewußtsein vom Sein bestimmt wird, sind die Ursachen für die Störungen im Innern des Menschen draußen, d.h. in der Gesellschaft, in den objektiven Gegebenheiten zu suchen. Um die innere Not zu überwinden, sind somit die Verhältnisse draußen von Grund auf zu ändern. Primär zielt hier der Dichter nicht auf die soziale Revolution (sie wird mit dem „Hausherrn“ nur stimmungsmäßig beschworen), sondern auf den Ausbau eines festen gedanklichen Systems, eines philosophischen Weltbildes, das innere Souveränität sichert und die Richtung des Handelns und der Zukunft weist.
Obgleich die aufgeworfenen Probleme analysiert und Lösungswege erarbeitet sind, wird das Resultat noch einmal in Frage und zur Diskussion gestellt.
Mit der siebenten Strophe ebenfalls durch das Zusammenspiel neuer Fragen und Antworten antithetisch strukturiert, wird ein neuer Problemkreis berührt. Aus den ersten sechs Strophen sprach der Mann, der sich vom Kind hin zum Erwachsenen entwickelte, die Träume abstreifte und Bewußtsein erlangte; in den Strophen VII bis XI sinnt der Erwachsene über die Notwendigkeit nach, sich zur Verantwortung zu bekennen, die Welt in ihrer Veränderbarkeit zu erkennen. In der Schlußstrophe zeichnet sich dann das Bild eines Menschen ab, der die Dinge der Welt begreift und sich mit dem Ganzen identifiziert.
Die zweite Hälfte des Gedichts ist in einem Raum, gleichsam in einem anderen Medium angesiedelt. Die Vergangenheitsformen zeigen an, daß hier Erinnerungen reflektiert werden, als kehrten die Zweifel, Fragen und Antworten in Echogestalt wieder; der epische Bogen weist Brüche auf, überhaupt muten diese Strophen im Vergleich zur ersten Hälfte des Gedichts weniger einheitlich, nicht ganz so durchgearbeitet an.
Gegenstand der mit Strophe VII wiederaufgenommenen Auseinandersetzung ist die Existenz allgemeingültiger Gesetze. Während die ersten sechs Zeilen das Wirken solcher Gesetze augenscheinlich bestätigen, bestreiten die beiden letzten deren absolute Gültigkeit mit dem Hinweis auf Ausnahmen, unerklärliche Erscheinungen und Fluchtmöglichkeiten; und dies mit der Folgerung, daß auch des Dichters Schicksal nicht unabänderlich, die Notwendigkeit keine Antonomie zur Freiheit sei. Die grammatische Struktur der beiden Zeilen spricht allerdings eher für die Regel als für die Ausnahme.
Keine andere Strophe ist so aufgewühlt, gesteigert aufs eigene Ich bezogen, wie die achte, die völlig antithetisch zu Strophe VII angelegt ist. Zunächst auch mit dem Bild der Nacht („es schlug eins“) an diese anknüpfend, wird nun in bezug auf die Freiheit das Exempel statuiert. Das Ergebnis widerlegt den Traum von „ein wenig Freiheitswehn“, denn es führt kein Weg um die gesellschaftliche Bedingtheit und die Naturgesetze herum.
In der neunten Strophe erscheint ein weiteres Gegensatzpaar: Liebe und Bewußtsein, sinnlich veranschaulicht als Weichsein und Härte. Der schmerzliche Zwang, sich alternativ für die vom Wissen geforderte Härte entscheiden zu müssen („ach, goldenes Bewußtsein… daß du Waffe wirst“), da dem Dichter doch „nichts gegeben ist als lieben“, läßt József hier den Konflikt des Menschen seiner Zeit mit allerpersönlichstem Bezug aussprechen. Die Qual, dies erkennen und befolgen zu müssen, findet selbst in der Prosodie und Syntax der beiden letzten Zeilen ihren Niederschlag.
Der rückhaltlosen Analyse der Situation des Menschen in den Strophen VIII und IX folgt in den beiden anschließenden die Synthese: einmal die Antwort der Härte, sodann die extreme Alternative dazu. In der zehnten Strophe ist das Bild eines Menschen entworfen der bis zur letzten Konsequenz ein Kämpfer ist: hart, illusionslos: unbedingt zur Tat bereit. Es ist dies ein Menschenbild, das einseitig vielleicht sogar schon unmenschlich, keinesfalls jedoch einem auf Liebe angelegten Menschen gemäß ist.
Im Gegenentwurf der Strophe XI zeichnet der Dichter ein Bild des Glücks im Alltag: Selbstvergessen, Versinken in Behaglichkeit, kleinbürgerliche Zufriedenheit. Die Ansiedlung dieser Seligkeit in dem vom Schwein symbolisierten Animalischen signalisiert zum einen Distanz, zum anderen deutet die Musikalität der ganzen Strophe und die Häufung von Attributen zugleich unbewußt Nostalgie an, Sehnsucht nach innerer Ruhe und Frieden. Die Korrespondenz mit den Bildern des Hungers in Strophe III ist unübersehbar. So erweist sich selbst diese Vision des Glücks als spannungsgeladen.
Eine Lösung der philosophischen Problematik in ihrem engen Bezug zum lyrischen Ich bleibt auch in der letzten Strophe aus. Abschluß und Ruhepunkt wird vielmehr durch eine Synthese im Hegelschen Sinne erreicht: durch die alles fassende Erweiterung der Dichterpersönlichkeit, die in sich Trieb und Bewußtsein, Vernunft und Gefühl, Kampf und Frieden und damit auch Notwendigkeit und Freiheit, Regel und Ausnahme, Subjektives und Objektives vereint.
Der intellektuelle Prozeß des Gedichts ist von einer inneren, vor allem im Musikalischen realisierten emotionalen Struktur begleitet, die zu jenem bald parallel verläuft, ihm bald verstärkend unterlegt bzw. entgegengesetzt ist. Dabei sind im poetischen Stoff die Kombination und der Kampf dreier Elemente zu beobachten: die Beschreibung äußerer Wirklichkeit, die Meditation und Reminiszenz. Vom Schluß der zweiten Strophe an dringt die Meditation in den Vordergrund, in der fünften dominiert die Erinnerung, während in der sechsten wiederum die Reflexion vorherrscht. Der Wechsel dieser drei Elemente beschleunigt sich dann von der sechsten Strophe an und steigert die innere Unruhe. Die intellektuelle Struktur drängt zur Auseinandersetzung, zur dialektischen Logik, die emotionalen Komponenten reichern diese einerseits durch die Unmittelbarkeit persönlichen Erlebens noch an, wirken andererseits gegenläufig. Abwechselnd gewinnen der Wunsch auszubrechen, den Zwängen zu entfliehen, und die Kraft der Einsicht in die Gesetze die Oberhand. Nach der homogenen poetischen Komposition der ersten Strophe stellen sich im weiteren Verlauf des Gedichts stets neue Hindernisse ein: Diese sind in der Wirklichkeit oder im gedanklichen Bereich lokalisiert und müssen erst überwunden werden, ehe der Dichter nach erneutem Ansatz und nur unter höchster Kraftanstrengung fortfahren kann. Letztlich geben dabei die zu Ausbruch und Flucht drängenden emotionalen Energien der intellektuellen Bewegung Auftrieb und verleihen dem Gedanklichen Authentizität persönlichen Erlebens. Die innere Spannung des Gedichts erwächst also gleichzeitig aus der Struktur des gedanklichen Prozesses (These – Antithese – Synthese) wie aus dem verwickelten psychologischen Verlauf von Flucht und Höhenflug. Und so zeichnet sich hinter der weltanschaulichen Problematik das Bild einer Dichterpersönlichkeit ab, die mit Gedanken und Sorgen ringt sowie Lösungswege und eine mögliche Harmonie erkundet.
Eine abschließende Bemerkung zur Komposition: Die spannungsgeladene intellektuelle und emotionale Auseinandersetzung ist von zwei Strophen umschlossen, die zueinander in augenfälliger Korrespondenz stehen. In der ersten wie auch in der letzten Strophe des Gedichts erscheinen unmittelbar Bilder der Außenwelt: einmal die Beschreibung des Tagesanbruchs, zum anderen Bilder der Nacht. Beide strahlen in ihrer Grundstimmung Ruhe, Frieden und Harmonie aus, in der ersten tendenziell aufsteigend und verlangsamt bis hin zum Stillstand in der Schlußstrophe. Dem Hinaustreten ins Sonnenlicht steht – nach halsbrecherischer Fahrt in den Sphären widerstreitender Reflexionen – als Spiegelbild das Zurücksinken in die Nacht gegenüber. Am Ende ist zwar der Durchbruch zur Synthese geschafft, doch die psychologisch-emotionale und die musikalische Struktur des Gedichts künden von tiefer Ermüdung. Wird die enge Beziehung der Besinnung zu den großen philosophischen Gedichten wie zu den lyrischen Schmerzensschreien der psychoanalytischen Gedichte in Betracht gezogen, so erweist sich die zwölfte Strophe als Sieg der gedanklichen und poetischen Kraft und zugleich als Ausdruck völliger Erschöpfung. Hier wird ein Einswerden mit dem in sich widersprüchlichen Ganzen und zugleich das Zugrundegehen der eigenen Individualität als dialektische Erlösung offenbar.
In der Komplexität des Gedichts liegt bereits eine neue ästhetische Qualität begründet, wird ein neues Schönheitsideal manifest. Doch auch dem Genre nach ist etwas Neues entstanden: ein Gedichttyp der philosophischen Reflexion, der dialektischen Auseinandersetzung, wie er erst in der Lyrik unserer Tage voll ausgebildet wird.
Die Komplexität der Struktur folgt aus der Kompliziertheit und Komplexität der aufgeworfenen Probleme. Die Einordnung der Gegensätze in eine einheitliche Komposition ist Beweis für die Kraft poetischer Disziplin und marxistischen wissenschaftlichen Denkens; sie belegt, wie der Dichter die Widersprüche der Welt und die eigenen Zwangsvorstellungen in seinem Innern künstlerisch bewältigt. „Besinnung“ stellt damit eine der herausragenden Leistungen der realistischen Literatur dar.

Miklós Szabolcsi, aus Miklós Szabolcsi: Attila József, Akademie Verlag, 1981

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