Miodrag Pavlović: Einzug in Cremona

Pavlović-Einzug in Cremona

DIE LETZTE STUNDE

Alles bleibt stehen
umsonst zieht man die Uhren auf
am Markt
niemand geht aus
nichts kommt heraus
nirgends ein Zeichen
ein Handwerker kommt vorbei
und fragt
was repariert werden soll
unten an der Mündung
berichten die Kapitäne
die Sonne
verkehre nicht mehr im Hafen
auch die Boote
ziehen sich aus der Affäre
wer bleibt bei uns?
nur die Photographen

 

 

Dies und das zu den unverwöhnbaren Dichtern

(statt eines Nachworts zu den Gedichten von Miodrag Pavlović)

*

Ein Phänomen der heutigen Zeit? nur dieser?: der Typus des verwöhnten Dichters, des arrivierten? Einmal ausgewählt von einer Öffentlichkeitsinstanz als ein Auserwählter, oder „Götterliebling“, tritt er sein Lebtag lang als solcher auf, als Gastpoet von San Francisco bis Venedig, von Johannesburg bis Stockholm; als Poetiklehrer von Campus eins bis Campus hundert; bedichtet nicht bloß eine jede seiner Gratisgaststätten, sondern weiß darüber hinaus zu jeder noch so fernen Weltlage was zu sagen; gibt sich, als poeta doctus etc., nicht bloß souverän, sondern spielt auch, ganz Teil und Ausgeburt der Instanzen, die ihn ausgewählt haben, vor diesen und innerhalb dieser den Universellen, oder eher den Eigentümer aller je aktuellen Themen. Statt sich wie andere Dichter von den Problemen mit Menschen, Dingen, Orten überwältigen zu lassen, bemächtigen sich diese verwöhnten Dichter dessen, was jeweils Sache ist – sind eher Annektierer.

*

Der serbische Dichter Miodrag Pavlović gehört zu den anderen Dichtern, den nicht bloß unverwöhnten, sondern unverwöhnbaren Dichtern – ohne freilich mit seinesgleichen eine Reihe, Riege oder Konferenzgruppe zu bilden. Seinesgleichen, das sind zum Beispiel: Paul Celan, Ilse Aichinger, René Char, Antonio Machado und vor allem, gerade in der gegensätzlichen Grundeinstellung, der Pole Zbigniew Herbert. Herbert: die vertrauenserweckende Trockenheit seiner Poesie; das Ja-ja, Nein-nein des Moralisten (so hat er sich selbst bezeichnet). Miodrag Pavlović: die anders Vertrauen erweckende Rhapsodik – obwohl er sich zwischendurch von ihr verabschiedet – seiner Gedichte: das über ein halbes Jahrhundert, trotz sich verändernder Rhythmik und Stimme, sich behauptende Enthusiastische. Früh enttäuscht – wenn man psychologisch argumentieren wollte, etwa durch die Bomben auf Belgrad 1941 und dann 1944 –, doch unverdrossen ausholend in den Zeiten – der Balkangeschichte – und den Räumen – dem Balkan als dem ewigen tragischen Zwischenraum. Eine begeisterte Enttäuschtheit, wild, schön – unverbesserlich; eine fruchtbare Desillusion – wobei doch eins der häufigsten Worte bei Pavlović die „Hoffnung“ bleibt (oder sollte man das serbokroatische „nada“ mit „Zuversicht“ übersetzen?), mit dem zugehörigen Beiwort „groß“ (als Gruß an Ilse Aichinger). Und wie alle die unverwöhnbaren Dichter tritt auch Pavlović niemals als ein Offizieller auf – selbst im eigenen Land ist er der zittrige, fragende, immer wieder beinahe bettelnde Gast. („Im Traum bin ich Bettler geworden…“) Universell: das sind er und seinesgleichen. So universell wie untröstlich. Poetikvorlesungen? Ja, aber nur von seinesgleichen, im stillen Lesen. Und zum Glück wird seinesgleichen ja auch nie zum regelrechten und regelversessenen Poetikdozenten, samt – Stuhl, bestellt werden.

*

Noch einmal zusammengesehen das Werk von Miodrag Pavlović mit dem Zbigniew Herberts, doch nicht in der Gegensätzlichkeit jetzt – in der Übereinstimmung: das „Cave Musicam!“, Hüte dich vor der Musik, Nietzsches, und dafür, bei aller Musikalität, das Beharren beider Poeten auf den Bildern, auf dem Malen, dem Bild, dem Gesetz des Bildes; dem unerkennbaren Gesetz im Bild:

Das Inbild der Schönheit wird Gnosis.

*

Was für eine herzliche Einladung in der Gedichtzeile: „Kommt doch auch einmal zu uns / unser Lied ist ein schöner Schrei“ – Gast, der einlädt in sein geliebtes Gastland. Und natürlich ist das Zwischenraumland Serbien gemeint, und damit auch dessen Hauptstadt Belgrad, БЕОГРАД, Pavlović’ Stadt. Verhaßte, an- und eingeschwärzte Stadt in aller Welt? Und wie kommt es aber, daß kaum eine Stadt auf der Welt heutzutage wohl so überzeugend geliebt wird, geliebt werden kann, nicht nur von Miodrag Pavlović, sondern von vielen, vielen, Einheimischen wie Fremden, am stärksten überzeugend und ansteckend aber von diesem ganz und gar nicht verwöhnten Dichter? – weil auch die Stadt, der Ort, das Land ganz und gar nicht verwöhnt sind, und es auch verachten, sich je verwöhnen zu lassen? Wie schrieb die Dichterin Desanka Maksimović aus dem Dorf Brankovina bei Valjevo (kein Gegensatz Stadt – Land!), eine Vorläuferin dieses Vorläufers wieder eines Vorläufers?:

Unser Land wird nicht verlorengehen.

Peter Handke, Nachwort

 

Ein Dichter von europäischem Rang

ist zu entdecken, neu zu entdecken – Miodrag Pavlović, der Grandseigneur der serbischen Gegenwartslyrik. Sein legendärer Lyrikband 87 Gedichte machte ihn, den angehenden Arzt, 1952 in Jugoslawien über Nacht berühmt.  Heute gehört er mit seinem Œuvre von über 30 Gedichtbänden in eine Reihe mit Joseph Brodsky, Jan Skácel und Zbigniew Herbert.
Die vorliegende repräsentative Auswahl umspannt ein halbes Jahrhundert und versammelt eine Vielfalt lyrischer Formen, Tonlagen, poetischer Ansätze vom „Aufschrei am Rande der Existenz“, den schockhaften lapidaren Gedichten des Anfangs, bis zu den ruhigen, zur Ursprungserzählung tendierenden späten Prosagedichten. Von den frühen traumatischen Erfahrungen mit Krieg und Revolution bis zur Tragödie Jugoslawiens in den 90er Jahren, die er in visionären Gedichten vorhergesagt hat, zieht sich ein Thema durch das gesamte Werk: das Verhältnis des Menschen zu seiner Geschichte.
Im Rückgang auf die griechische Antike und die Mythen der Slawen auf dem Balkan sucht er die Grundlagen der heutigen Zivilisation, befragt Ideologien und nationale Mythologien. Seine Helden, die berichten, wie es war, sind gestürzte Götter, gescheiterte Fürsten, verfolgte Sektierer, Flüchtlinge oder eben jene Hunde auf Knossos, die sich von der Eroberung des Palastes durch die Dorer mehr Freiheiten versprochen hatten und resigniert feststellen müssen:

Wir hatten auf ein besseres Leben gehofft
unter neuen Herren.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2002

 

Eine Henne hängt aus den Wolken

– Allerhand Traumbilder: Das lyrische Werk Miodrag Pavlovićs ist (wieder) zu entdecken. –

„Das ist der dritte Blick auf die Dinge: / auf der leprösen Grundlage des Seins beginnt die Phantasie / ihre Arbeit an der Schönheit, und verschenkt freigebig / ihre egoistischen Werke“, heißt es in einem 1977 publizierten Gedicht des serbischen Lyrikers Miodrag Pavlović. Welche beiden Blicke mögen ihm vorangehen? Einmal angenommen, dass es sich auf der untersten Stufe um einen passiven, lediglich absorbierenden, dass es sich sodann um den die Welt analysierenden Blick handelt, so ist es wohl nicht völlig verfehlt, Pavlovićs dritten Blick als den poetischen zu bezeichnen – jenen, der die Welt um eine Möglichkeit ihrer selbst bereichert. War dem englischen Romantiker  Shelley  in seiner Defense of Poetry noch daran gelegen, den „Schleier von der verborgenen Schönheit der Welt“ zu ziehen, so ist es hier das Lepröse, das offenkundige Auseinanderfallen des Weltfundaments, das zum poetischen Tun motiviert. Es nimmt daher nicht Wunder, dass Pavlovićs Lyrik im Grundton weniger optimistisch als vielmehr dunkel, ja oft bedrohlich wirkt in ihrer keine Untiefen scheuenden, kraftvollen Bildlichkeit.
Es war 1952, als die lesende Öffentlichkeit des damaligen Jugoslawien erstmals die Früchte von Pavlovićs drittem Blick begutachten konnte – ein Jahr bevor  Vasko Popa, der andere Neuerer der modernen serbischen Lyrik, debütierte, und bereits vier Jahre nachdem Titos Staat aus der Kominform, also dem de facto von Stalin kontrollierten „Informationsbüro der kommunistischen und Arbeiterparteien“, ausgeschieden war und sich damit auch weitestgehend von den Dogmen eines Sozialistischen Realismus verabschiedet hatte.
Auf 87 Gedichte, so der schlichte Titel von Pavlovićs Erstling, sind bis heute rund dreißig Gedichtbände gefolgt – genug Material also für den heute teils in Belgrad, teils in Süddeutschland lebenden Autor, um einen repräsentativen Querschnitt durch das eigene Werk zusammenzustellen, der nun, wie schon eine erste, 1961 erschienene Auswahl, von  Peter Urban  ins Deutsche übertragen wurde. So ist ein Band entstanden, der eine ungemein packende Lyriklektüre bietet, deren Pole die jüngste Lyrik in Prosa und die Gedichte aus dem Frühwerk bilden – nicht zuletzt jenes herrliche, knapp gehaltene auf eine soeben geschlachtete Henne:

An den Füßen zusammengebunden
hängt aus den Wolken eine Henne
ohne Kopf

Blut in der Kloschüssel

Hand in Hand
spielen zwei Messer
Klavier

Die Federn im Kissen
werden vergeben
unseren nackten Hälsen

So deutlich die formalen Veränderungen werden, die Pavlovićs Gedichte im Lauf der Jahrzehnte durchgemacht haben – pendelnd zwischen schnellem Zeilensprung und dichter poetischer Prosa, zwischen Kurz- und Langgedicht –, so deutlich bleibt die Verbundenheit mit dem französischen Surrealismus, der schon in den dreißiger Jahren als „Nadrealizam“, als durchaus eigenständige Variante in Belgrad in Erscheinung getreten war. „Das stärkste Bild, muss ich gestehen, ist für mich das, das von einem höchsten Grad von Willkür gekennzeichnet ist; für das man am längsten braucht, um es in die Alltagssprache zu übersetzen, sei es, dass es einen besonders hohen Grad an offenkundiger Widersprüchlichkeit aufweist, sei es, dass einer seiner Ausdrücke merkwürdig verborgen bleibt, sei es, dass es sensationell zu sein verspricht und sich dennoch leicht auflösen lässt (dass es plötzlich den Schenkel seines Zirkels zusammenklappt)“, hatte André Breton in seinem ersten surrealistischen Manifest formuliert, und es sind solche Bilder, die in Pavlovićs Lyrik immer wieder hervorstechen – als kompakte, im Frühwerk oft genitivische Metapher, oder als von ebenso verstörender wie betörender Traumlogik geprägte Szenerie:

Wir schlendern weiter ohne Scham
bis zu dem Klavier mitten im Feld,
du lachst, das Klavier ist größer als der Acker
und ein Adler spielt auf ihm.

Während Vasko Popa den Surrealismus mit serbischer Folklore anreicherte, greift Pavlović immer wieder auf die griechische Mythologie, auf biblische wie geschichtliche Motive zurück und bevölkert seine Gedichte mit einer beachtlichen Anzahl historischer Gestalten; so begegnet der Leser Agamemnon, Orest, Oedipus, Pindar und anderen. Der Mythos – die mythische Episode, ihr Schauplatz – wird zur Folie, mit deren Hilfe sich über die Welt von heute sprechen lässt; neu interpretiert und verhandelt, erhellt das transponierte Material die Gegenwart – etwa wenn „Odysseus auf der Insel der Kirke“ sein Geschick und das seiner Mannen zu deuten beginnt und schließlich ein Urteil in eigener Sache fällt:

Auch unseren schweinischen Zustand haben wir verdient
um es rundheraus zu sagen
mit der Liebe zu einer Hure von Frau
und der Sehnsucht nach den finsteren Formen der Macht

Man ist bei vielen Gedichten Pavlovićs versucht, einen politischen, einen gesellschaftsrelevanten Sinn herauszulesen (und wird darin gar bestärkt durch den gelegentlichen allegorischen, wenn auch keinesfalls eindimensionalen Text wie etwa „Verwaltung“), doch verweigern sich Pavlovićs Gedichte der allzu einfachen Lesart und drängen am Alltäglichen vorbei zum Existenziellen, Grundlegenden, oft nur in Paradoxien Greifbaren vor. Der Mittelpunkt ist dabei stets derselbe: Es ist „der Mensch, dieser Prophet und Lotterbube“.
Bei allem Pessimismus, bei aller Herbheit, die Gedichten wie etwa einer „Variation über den Schädel“ zu eigen sind, gibt es immer wieder Momente von Saloppheit, ja Komik. Pavlović meidet nicht die verspielteren Formen des Surrealen, flirtet mit dem Profanen, gelegentlich sogar mit dem Slapstick, und sagt in dem Langgedicht „Verteidigung unserer Stadt“ von 1953:

Wenn ich schon die Frivolität verteidigen muss
von etwas das ich liebe, dann schon bei einem Bier

Und wenn „dieser kleinste Erlöser, / diese Maus am Horizont“ mit dem Ausruf „unsere große Hoffnung!“ begrüßt wird, erscheint das nur bedingt als Zynismus eines von der Geschichte Ernüchterten, denn Pavlović überzeugt fast durchgehend als Verfasser von gleich „zwei Chroniken, / von denen ich dir ständig erzähle: / dem Archiv der Spuren im Schnee vom vergangenen Jahr / und dem Gewächshaus temperierter Kerne die morgen blühen sollen“.
Hier ist einer, der in einem Memento mori das „Zwinkern des Staubs“ erwidern kann und zugleich „das gelbe Blatt / das nicht vom Zweig fällt“ zu feiern versteht, einer, den  Peter Handke  in seinem knappen Nachwort „zu den nicht bloß unverwöhnten, sondern unverwöhnbaren Dichtern“ zählt. Zumindest was die Gedichte dieses schönen Auswahlbandes angeht, ist trotz eines jahrzehntelangen Schaffens in der Tat kein Nachlassen an poetischer Intensität, an feinjustiertem Skeptizismus, an aufregender Bildlichkeit und gedanklichem Ernst zu spüren in einer Lyrik, die den Leser ebenso belohnt wie fordert. „Wer unbedingt sprechen will“, begründet dies der Dichter selbst, „der ziehe sich noch tiefer ins Dunkel zurück / und spreche dort alles aus, / nur solche Rede rettet sich aus dieser Zeit / und wird zum Symbol“.

Jan Wagner, Frankfurter Rundschau, 12.10.2002

Poesie als Geschichtslehre

– Eine Gedichtauswahl des Serben Miodrag Pavlović. –

Danilo Kiš hat lebenslänglich damit gehadert, daß ein jugoslawischer – oder allgemeiner ein ostmitteleuropäischer – Schriftsteller nicht umhinkönne zum homo politicus zu werden; die Geschichte zwinge ihn dazu. Liest man das poetische Œuvre des wohl bedeutendsten serbischen Gegenwartslyrikers, Miodrag Pavlović, wird man die Omnipräsenz dieser Geschichte bestätigt finden: Sie ist dominantes Thema von Anfang an.
Pavlović, 1928 in Novi Sad geboren, erlebte als Jugendlicher die Bombardierung Belgrads durch die Deutschen. Seine Erinnerungen an die Jahre 1941 bis 1944 (Usurpatoren des Himmels) hat er im März 2000, genau ein Jahr nach Beginn der amerikanischen Luftangriffe, erscheinen lassen. Kein Zufall. Nach dem Krieg studiert Pavlović Medizin und wirkt mehrere Jahre lang als Arzt. Mit dem Erfolg seiner ersten Lyrikbände (87 Gedichte, 1952; Säule des Gedächtnisses, 1953; Oktaven, 1957) wechselt er zum Beruf des Dramaturgen, dann des Verlagslektors. Seine literarische Produktion umfaßt – neben Gedichten – auch Essays (über Kunst und Rituale, über Anthropologie und Philosophie), poetische Prosa (Reminiszenzen, Reiseeindrücke) sowie Theaterstücke. Im Zentrum aber steht das lyrische Wort: Kurz- und Langgedichte, lapidare und visionäre Verse (etwa der Canto Apokalypse, 1972, über die jugoslawische Tragödie), Gereimtes und Ungereimtes, Narratives und Gleichnishaftes – insgesamt über dreißig Bände mit vielsagenden Titeln wie Opfergang, Helle und dunkle Feiertage, Geschichtslehre.
Ein repräsentativer Auswahlband liegt unter dem Titel Einzug in Cremona nun auch auf deutsch vor, betreut von Peter Urban, der bereits 1968 in der Edition Suhrkamp mehrere Dutzend Gedichte des Serben ediert und übertragen hatte. Einiges wurde wieder aufgegriffen – dabei lassen sich die übersetzerischen Revisionen studieren, sehr aufschlußreich. Pavlović beherrscht viele Tonfälle: den lakonischen und den psalmodierenden, den erzählerischen und den elegischen, den ironischen und den reflexiven. Sein kurzes Sinngedicht „Auf den Tod einer Henne“ kontrastiert mit dem weit ausholenden Gestus des Poems Verteidigung unserer Stadt. Doch bei näherer Betrachtung ergeben sich motivische Verschränkungen: Gestorben wird hier wie dort.
Tod und Krieg sind Leitmotive von Pavlovićs Schaffen, desgleichen die Geschichte – allen voran die leidvolle serbische –, ferner antike Mythen und Helden, die Zeit und die menschlichen Rituale. Keine bekenntnishafte Ich-Lyrik wird hier zelebriert, sondern ein weiter anthropologisch-historischer Raum entfaltet, in dessen Faltungen und Schichtungen das Einzelereignis eine alt-neue Bedeutung erhält. Wo die Optik bis ins Neolithikum reicht, ist der Blick sensibilisiert für Zusammenhänge und Kettenglieder (so der Titel eines Gedichtbandes von 1977); er assoziiert das Nächste mit dem Fernsten, die „Ahnung des Endes“ mit der „Milch des Ursprungs“.
Rück- und Vorschau, Mythos und Vision im Verein: Miodrag Pavlović – die Dichter-Imago des Forschers und Sehers verkörpernd – geht es um die großen Menschheitsfragen. Und dies schon früh. 1952 entsteht das wegweisende Gedicht „Fragen“:

Ein Fremder werden
oder
nicht weggehn

Den Kopf abwenden
oder
erblinden

Den Mund halten
oder
auf den Rücken fallen

Nicht mehr lang ticken die Uhren
reiche die Hand

Sterben
oder
nicht geboren werden

Neu geboren werden.

Es sind Grundsatzfragen (vor dem Hintergrund politischer Repression), die unbeantwortet bleiben – bis auf das positive Schlußstatement:

Neu geboren werden.

Hoffnung auf Wandel kennzeichnet Pavlovićs geschichtsträchtige Verse, doch wird sie ohne moralisierende Geste vorgetragen. Ob Rollengedicht oder Parabel, ob Klagegesang oder „spätes Gebet“, nirgends macht sich Eindeutigkeit breit. Universalität heißt auch: den Dingen Atem gewähren im Miteinander der Zeiten. Diesbezüglich ist Pavlović, der mit seinem Landsmann Vasko Popa manche surrealistische Bilder und die Hinwendung zur serbischen Historie teilt, freier als der Pole Zbigniew Herbert oder der formstrenge Joseph Brodsky, mit denen er gerne verglichen wird. Pavlovićs vielfältige Lyrik ist nicht zuletzt darum bedeutend, weil sie sich nicht vereinnahmen läßt. Politische Lesbarkeit gibt sich verschlüßelt, und das Spezifische verweist stets auf ein Allgemeines. Auf seiner Suche nach dem Sakralen – ein anthropologischer Impetus – evoziert Pavlović nicht nur die antike Götterwelt und die mittelalterlichen serbischen Klöster, er beschwört Patmos, die großen französischen Kathedralen und den ersten Steintempel der Menschheitsgeschichte: einen megalithischen Komplex auf Malta. Dem hektischen Zeitgeistdenken steht damit eine Gedächtniskultur entgegen, die wenn nicht sinnstiftend so zumindest tröstlich erscheint. Indem sie auch die Begriffe Anfang und Ende, Geburt und Tod relativiert.

Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung, 21.1.2003

 

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Miodrag Pavlović beim Vilenica International Literary Festival 2010, Ljubljana, 23.9.2010.

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