Mircea Dinescu: Exil im Pfefferkorn

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Mircea Dinescu: Exil im Pfefferkorn

Dinescu-Exil im Pfefferkorn

TANZ

der tod liest zeitung am straßenrand,
dem toten bettler deckt sie das gesicht.
er hebt sein glas mit sicherer hand,
der tod auf den feldern, der tod im gedicht.

bürst ihm die kleider, leck ihm die schuh,
dein leben lang diene ihm gut.
nimm den talmiglanz der moscheen dazu,
er leuchte dir bei ebbe im blut.

schwing die ketten, sklave, beim totentanz,
das passende musikinstrument…
durch unser fleisch zieht sich byzanz,
mal als Europa, mal als Orient.

 

 

 

5.

Nun gut, wir haben es also mit einem Dichter zu tun, der Zivilcourage bewiesen hat und immer noch beweist; mit einem Autor, dem das Leben zum Alptraum gemacht wird, weil er nicht schweigend hinzunehmen bereit ist, was ihm und seinen Landsleuten an Entbehrungen und Demütigungen im Alltag zugemutet wird. Klar ist damit nur, daß es etwas zu rühmen gilt. Nur – was? Ist es die Courage des Rumänen oder die literarisch-ästhetische Leistung des Poeten? Ist also Mircea Dinescu ein politischer Fall, oder ist er ein interessanter, vielleicht sogar bedeutender Lyriker?
In Deutschland, wo das Verhältnis zwischen Literatur und Politik schon immer problematischer als in vielen anderen Kulturen war, neigt man dazu, sich bei der Beantwortung derartiger Fragen entweder für das eine oder für das andere zu entscheiden; im Wechsel des Zeigeists und der Moden (die man, solang sie nicht vergangen sind, für Weltanschauungen hält) neigt sich die Waage mal nach der einen, mal nach der anderen Seite.
Doch auch in Rumänien ist dieses Verhältnis schon seit einiger Zeit mehr als problematisch; auch dort hat sich also die halb öffentliche Diskussion über das, was angesichts der politischen Zustände Literatur ausrichten kann oder soll, polarisiert. Auf der einen Seite stehen Schriftsteller, die sich die feingliedrigen Finger an Politik nicht schmutzig machen wollen und statt dessen lieber „das Absolute“ suchen. Über diese schreibt einer der besten Kenner der rumänischen Lyrik, der bekannte rumänische Kritiker Lucian Raicu (er lebt seit drei Jahren im Pariser Exil), in einer Rezension zu Mircea Dinescus drittem Lyrikband Proprietarul de poduri („Der Besitzer der Brücken“,1976): „Eine Poesie, die ausschließlich das Absolute und das Ewige in den Dingen sucht und sich mit Hochmut über die Dinge erhebt, riskiert den Verlust ihrer Vitalität, sie wirkt falsch und affektiert und wird zu Karikatur ihrer selbst; die Geschwindigkeit, mit der sie sich … verbraucht, ist umgekehrt proportional zur Größenordnung ihrer Ansprüche.“
Mircea Dinescus Poesie ist anders: „(Sie) konstituiert sich aus der Beobachtung dieses scheinbaren Paradoxons (…); mit intelligentesten und mit gleichzeitig dichterischen Mitteln tritt sie der poetischen Griesgrämigkeit entgegen, sie entlarvt deren Lächerlichkeit und Leere…“
Ist Poesie noch möglich? Dies ist, nach Lucian Raicu, die Frage, die Mircea Dinescu sich selbst mit seinen Gedichten stellt. Er stellt sie auch seinen Lesern, nur müßte sie dann lauten: Ist etwas wie Glück, im weitesten Sinn, doch gleichzeitig auch sehr konkret, noch möglich? „Was in seiner Lyrik beeindruckt, ist die Anspannung, mit welcher (Dinescu) eine affirmative Antwort sucht: ja, es gibt diese Möglichkeit, diese Chance noch. Es ist allerdings eine Antwort, die er unter undankbaren Bedingungen findet; in Situationen, die die Existenzmöglichkeiten der Poesie auszuschließen scheinen.“
Mircea Dinescus Lyrik ist also sowohl politisch wie poetisch; sie unterzieht die Realität – aus der sie kommt, in die sie geht – einer kritischen Analyse; vor allem meidet sie nicht die konkreten Aspekte dieser Realität. Die Analyse, die der Lyriker vornimmt, hält aber bei Systemkritik nicht inne; sie ist ein zwar wichtiger, doch eben nur ein Bestandteil neben anderen, aus denen Poesie entsteht.
Die von mir eingangs gestellte Frage erledigt sich also von selbst; sie kann nicht nach dem bewährten Schema – „entweder Systemkritik in Versen – oder apolitisches Kunsthandwerk“ – beantwortet werden. Um die scheinbar so einfachen Gedichte von Mircea Dinescu in ihrer ganzen Kompliziertheit (die sich im geschickten Gebrauch überlieferter poetischer Methoden nicht erschöpft) zu begreifen, sollte der Leser sich die Kompliziertheit des Gegenstandes nicht durch eingängige Parolen künstlich einfach machen…

Werner Söllner, Aus dem Nachwort, August 1989

 

Sklave beim Totentanz

– Mircea Dinescu, Dichter Rumäniens. –

Was wissen wir von rumänischer Literatur? So gut wie nichts, meint Werner Söllner, ein rumäniendeutscher Autor, der vor einigen Jahren seine Heimat verlassen mußte, um weiterschreiben und -leben zu können. Eine im einstigen Ostblock nur allzu übliche Karriere. Söllner, ein wahrlich beachtenswerter und noch zuwenig beachteter Dichter, hat sich nun darangemacht, unsere Unkenntnis zu reduzieren: als Übersetzer, als Nachdichter einer Lyriksammlung des Rumänen Mircea Dinescu, die er mit einem Nachwort versehen und herausgegeben hat.
Werner Söllner schreibt mit durchaus moralischer Emphase: „Am Beispiel Rumäniens wird mithin deutlich, daß nicht nur der in Westeuropa verbreitete Eurozentrismus das Kennenlernen fremder Kulturen verhindert; dieser allein könnte unser Interesse für das europäische Land Rumänien nicht lähmen. Hinderlich für den Austausch von Informationen ist auch die kulturelle Arroganz sogenannter Ieicher Länder (zu denen die Bundesrepublik gehört); diese übertragen ihre wirtschaftliche Vormachtstellung auch auf den Bereich der Künste und der Literatur mit einer Selbstverständlichkeit, die mit Borniertheit zu verwechseln erlaubt sein sollte.“
An einer derartig „materialistischen“ These sind freilich Zweifel angebracht. Schon das Beispiel des enormen Erfolges (und damit verbundener Auflagenhöhen) etwa der lateinamerikanischen Literatur spricht dagegen. Auch die polnische Literatur ist hierzulande bekannt und geschätzt und weithin wahrgenommen; ja, ich glaube, gerade der deutsche Leser, zumindest der geübtere, fühlt sich als Privilegierter der „ersten“ Welt durch ein schlechtes Gewissen der dritten gegenüber so weit verpflichtet, daß er, die billigen Bananen verspeisend, zum Ausgleich auch die geistigen Früchte ferner Landstriche rezipieren zu müssen glaubt. Im übrigen weiß man nur zu gut, daß der deutsche, „eurozentristische“ Leser zum Beispiel auch von der, sagen wir mal, dänischen Literatur und Lyrik sowenig einen Schimmer hat wie von der bulgarischen oder rumänischen.
Aber ich will mich nicht auf eine Polemik einlassen, sondern vielmehr einen Gedichtband Ioben und empfehlen, der „mit Entsetzen Scherz treibt“, oder nüchterner: dessen Gedichte ihre innere Spannung daher beziehen, daß sie mit den unsäglichen Zuständen in Ceausescus Reich ironisch und beinahe beiläufig umgehen. Das heißt jedoch nicht, hier werde in Gedichtform satirisch Systemkritik getrieben und weiter nichts – im Gegenteil.
Die Gedichte Dinescus bedeuten dank ihres metaphorischen Erfindungsreichtums, dank ihrer nahezu spruchartigen Eindringlichkeit weitaus mehr als nur die „Chronologie der laufenden Ereignisse“. In ihnen meldet sich das unterdrückte, gefährdete und nicht nur existentiell fragwürdige, sondern amtlich fragwürdig gewordene Ich zu Wort. Und diese Worte, fast immer auf glückliche Weise vom Gegenständlichen, Konkreten her bezogen, ergeben in ungewöhnlichen, häufig bissigwitzigen Kombinationen eine Landes- und Menschenkunde von unerbittlicher Schärfe. Den Dichter speisen „große vorräte an nachgiebigkeit und angst“; offenkundig der einzige Reichtum des armen, leidenden Landes.
Thema und Ton widersprechen einander: Über Trostlosigkeiten wird tändelnd gesprochen wie in dem fast aphoristisch knappen Gedicht: „Wie wär’s?!“:

gebt mir eine provinzzeitung an die hand
und eine bretterbaracke mit schmutzigem firmenschild
und in drei tagen werden die städte nach vanille duften
und nach offenen häfen.

Oder folgende zwei Zitate aus einem anderen Gedicht, geschrieben mit bitterböser Lustigkeit über die eigene (und wahrscheinlich nicht nur eigene) Situation:

im briefkasten hat sich eine schere eingenistet
mit der man finger abschneidet.

Und weiter heißt es dann:

wenn auch idioten eßbar wären
wären die schlangen vorm intellektuellenmetzger
nicht mehr so lang.

„Wird in den finsteren Zeiten auch gesungen werden?“ fragte einst Brecht, um sich selber die Antwort zu geben: „Ja, da wird auch gesungen werden. Von den finsteren Zeiten.“ Nun – Mircea Dinescu singt von den finsteren Zeiten in Rumänien, und der „Conducator“, der „Führer“ dieses Staates, hat es dem Dichter prompt vergolten: denn der steht seit langem unter Hausarrest, sein Telefon ist abgeschaltet, Briefe, außer anonymen Morddrohungen, werden ihm nicht mehr zugestellt; es ist ihm verboten, auf der Straße mit jemandem zu sprechen, eine fremde Wohnung zu betreten oder gar Besuch zu empfangen. Was Wunder, wenn unter derartigen Verhältnissen Gedichte entstehen wie: „lied bei erloschener lampe!“, dessen letzte Strophen lauten:

aus dieser erde wachsen keine kirchen
und keine fahnen mehr aus diesem grund
die einen zucken mit den schulterstücken
die andern schlagen sich die stirnen wund

wer auf mich wartet, wartet nicht auf mich
was in mir lebt ist sonnenuntergang
gebeugt der strahl und ranzig ist das licht
die träne nicht erlösung sondern zwang

Freilich: Hoffnung auf Gegenwehr, auf einen allgemeinen Widerstand gegen den herrschenden Wahnsinn ist nicht vorhanden. Das Volk? Wohl nicht mehr als ein verbrauchter Begriff. Denn ein „brief an Michail Bulgakow“ endet unversöhnlich:

Ezechiel, vorhang! das ende ist da.
der krieg ist verloren. pensioniert ist der held.
das experiment ist gescheitert, hurra,
der mensch ist ein hund: auch wenn er nicht bellt.

Und mit radikaler Entschiedenheit das Urteil über das Stiefvaterland:

völker viele und menschen wenige
dafür hochstapler und vizekönige
vorn dirigiert sie vom notenblatt
unser märchenriese nimmersatt.

Wer der Märchenriese wohl sei, der alles verschlingt und verschwinden läßt, bedarf keiner mühevollen Deutung. Jeder kennt ihn, und selbst die „Eurozentristen“ wissen ganz gut, wen Dinescu meint. Viele seiner teils gereimten, teils reimlosen Gedichte sind Anrufungen, ja nahezu Fürbitten, denn immer aufs neue schleicht sich die Anrede „herr“ in die Strophen und Zeilen.
Doch obgleich so häufig dieser Adressat genannt wird, geschieht es ohne jede Spur von Religiosität, ohne metaphysischen Hintergrund, ohne Heilsdenken oder Heilsverlangen, weil das Unheil schon so weit fortgeschritten ist, daß der Märchenriese Nimmersatt sogar jegliche noch vorstellbare Transzendenz aufgezehrt hat. Dafür ist in einem Großteil der Gedichte der Tod präsent, doch ein Tod, der auch nichts anderes mehr darstellt als einen Angestellten des umfassenden Terrors und der „die zeitung am straßenrand liest“: „bürst ihm die kleider, leck ihm die schuh, / dein leben lang diene ihm gut“, heißt es da, als sei der Tod tatsächlich ein Beamter der „Securitate“, des rumänischen Geheimdienstes. Aber bei den letzten vier Zeilen vergeht dem Dichter der Galgenhumor völlig, und in einem verzweifelten Klartext heißt die vernichtende Bilanz:

schwing die ketten, sklave, beim totentanz,
das passende musikinstrument…
durch unser fleisch zieht sich Byzanz,
mal Europa, mal Orient.

Günter Kunert, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.12.1989

 

Der Reaktor im Kropf

Mircea Dinescu verkörperte für den kurzen Augenblick eines historischen Wendepunkts das Schicksal eines ganzen Volkes. Das war am 22. Dezember 1989 – unmittelbar nach dem Sturz Ceauçescus, als man den Poeten aus seinem amtlich verordneten Hausarrest befreite, ihn auf den Schultern durch die Straßen trug und ihn dazu auserkor, vor der Kamera des rumänischen Staatsfernsehens den Tod des Diktators zu verkünden.
Der Poet, den die meisten seiner Landsleute bisher nur wegen seiner ins Ausland geschmuggelten und von Radio Free Europe und der Deutschen Welle verbreiteten subversiven Verse kannten, trat nun plötzlich leibhaftig in Erscheinung, aufgewühlt, tränenerstickt und mit dem Pathos eines Menschen, der selber noch nicht ganz begriff, was da geschehen war und was er nun zu verkünden hatte:

Dies sind Momente, in denen Gott sein Antlitz den Rumänen zugewandt hat. Wenden auch wir uns Gott zu, ein paar Sekunden lang, bevor wir uns an die Armee wenden, die mit uns ist.

Dinescu geriet, seinen eigenen Worten zufolge, durch „einen Betriebsunfall der Geschichte“ ins Scheinwerferlicht und in die Schlagzeilen. Er wurde in die Rolle des Volkstribuns lediglich hineingedrängt und akzeptierte triviale Tagesaufgaben – überzeugt davon, daß er seine Arbeit als Interimspräsident des neuen rumänischen Schriftstellerverbandes ebenso wahrzunehmen habe wie seine populistische Tätigkeit als unabhängiger Abgeordneter des Parlaments.
Zwar trauerte er den Zeiten nach, in denen er sich ganz der Literatur hingegeben hatte. Aber weil es in seiner Heimat an Berufspolitikern wie an qualifizierten und moralisch integren Nachwuchskandidaten fehlte, willigte er vorerst ein in ein Tun, über das er nicht ohne Selbstironie sagte:

Mir persönlich sind Politiker sympathischer, die eine gewisse Schwäche für Lyrik zeigen, als Schriftsteller, die auf dem Gebiet der Politik dilettieren. Auch finde ich, daß letztere gefährlicher sind.

Dinescus Einmaligkeit erklärt sich, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad, aus den besonderen Umständen seiner Herkunft. 1950 in einer Kleinstadt als Sohn von Eltern geboren, in deren Haushalt es nur ein einziges Buch, ein Bilderbuch, gab, geriet, wie Frank Schirrmacher mitgeteilt hat, der Vierzehnjährige lediglich durch eine absurde staatliche Maßnahme an die Poesie: jede Familie mußte einen bestimmten Beitrag ihres Jahreseinkommens zum Erwerb von Büchern ausgeben.
Durch dieses Bildungsverdikt wurde aus dem Kind eines Schlossers, das weder lesen noch schreiben konnte, ein wißbegieriger Autodidakt, der Eliot auswertete und Rilke liebte und schon 1971 seinen ersten eigenen Gedichtband herausbrachte, Anrufung an niemand.
Mircea Dinescu spürt das Lähmende, das von der modernen verplanten Welt ausgeht, und mit aberwitziger Dichterkonsequenz attackiert er die Logik und das Nützlichkeitsdenken: „da wir schon mal regierungen auf dem mond eingesetzt haben / werden wir bald auch ein brot mit gebiß erfinden“; oder, sich selbst als Erfahrungssonde einbringend:

Als paßte ich mein Lied
der Langeweile andrer an –
so überholt mich langsam das Leben:
baue ein paar Kneipen am Strand
und ich weiß nicht mal
ob die Musik mein Weinen übertönen
oder es begleiten will
ob die Revolte der feige Schatten der Tat ist
ob nicht die Bierstube das Authentische ist
und das Meer nur ein Vorwand

Wie Rimbaud, mit dem ihn nicht nur der Titel seiner Verssammlung Rimbaud als Kaufmann von 1985 verbindet, bringt Dinescu Bilderfluten und Assoziationsketten hervor, die allen Harmonisierungs-Tendenzen trotzen und sinnvoll nur im Hinblick auf die rigorose Befragung der zugrunde liegenden existentiellen Widersprüche sind.
Da kann es heißen: „Jetzt da ich in den tiefsten Süden der Konservenbüchsen verreise“, oder aber:

Die Lerche mit dem kleinen Reaktor im Kropf
könnte uns mit ihrem Trillern zum Himmel jagen

Die Metaphern stehen hart und befremdlich nebeneinander, und die Phantasie des Dichters kennt keine Grenzen und keine Tabus.
Dabei ist Dinescu alles andere als ein Aufklärer, ein Agitator des technischen Fortschritts. Das Ungestüm seiner revolutionären Kraft ist unverkennbar rückwärts gewandt … hin zu jener ländlichen Kultur, die Ceauçescu um jeden Preis hatte vernichten wollen. „Dörfer abreißen“, sagte der Dichter noch nach dem Tod des Tyrannen, „das ist noch schlimmer als Städte zerstören.“
Dinescus Surrealität, seine metaphorische Raserei, hat ihren tiefsten Grund in der Unlösbarkeit des Konflikts zwischen Natur und Technik, Land und Stadt, Tradition und Moderne, gläubigem Christentum und nihilistischer Wut.
Dieser Dichter, der einerseits ein enfant terrible und bewußter Bürgerschreck ist, macht andererseits eine tiefe Verbeugung, wenn er älteren Bauern die Hand gibt; und er bekreuzigt sich in aller Öffentlichkeit – aus einem religiösen Grundgefühl heraus, das in seinen Gedichten allerdings nur noch gebrochen zutage tritt, etwa wenn er klagt „im autofriedhof hab ich den engel rosten gesehen“ oder wenn er Gott mit einem Maler vergleicht, der im regenfeuchten September mit rheumatischer Hand die Schöpfung vollendet.
Mircea Dinescu entwickelte eine individuelle poetische Ikonographie. Er sprach den Trendsettern das Recht ab, ihn wegen seiner erfindungsreichen Bildersprache zu rügen:

der literaturkritiker wirft dem meer vor
es sei manieristisch

Und seine Modernität als Dichter erlangte er letztlich im ausdauernden Kampf mit den Objekten der Industriezivilisation. Gerade indem er sich kundig zeigte über das, was er ablehnte, gelang es ihm, seine Metaphern, die oft Flüche und Verwünschungen sind, in die Richtung zu schleudern, aus der er sich und die Werte seines Ursprungsmilieus bedroht sieht:

Bei uns auf dem Land ist es gut ist es schön
die Prinzipien sind ein bißchen älter geworden
dafür verjüngt Alkohol, den man mit Brot ansetzt
und den der Feldseher zur inneren Anwendung empfiehlt.
Bei uns ist der Kirchhof an die Landwirtschaft verscheuert worden

unsre Kleinen stehen mit Kannen vorm Fernseher
vielleicht gibt’s da irgendwann Milch…

Dinescus Utopie, sein psychischer Zufluchtsraum, ist nicht die klassenlose Gesellschaft und auch nicht die Konsum-Spielwiese des Westens, sondern es sind barbarische Tropenregionen, gottverlassene Himmelsstriche, die dem kolonialen Ostafrika Rimbauds ähneln, doch die trotz ihrer schäbigen Exotik zu belebenden Inhalten von Tagträumen werden:

WIE WÄR’S ?!

gebt mir eine provinzzeitung an die hand
und eine bretterbaracke mit schmutzigem firmenschild
und in drei tagen werden die städte nach vanille duften
und nach offenen häfen

Der Dichter, der sich selber in einem seiner Texte „eine Art Rimbaud“ nennt, würde sich am liebsten von einer Eidechse „ein paar nachhilfestunden im fach stille“ erteilen lassen. Das schlichte Dasein der Kreatur, nicht das überspannte Bewußtsein des spätabendländischen Menschen, ist sein Ideal. Und der Polizeistaat, in dem zu leben er gezwungen gewesen war, stellte für Dinescu gewissermaßen nur den zentralen Zellenblock eines gigantischen Gefängnisses dar, das bis in die letzten Winkel der Erde reicht… weswegen denn auch kein anderes Mittel bleibt als die Metaphysik halluzinierenden Protests:

leuchtturmkrank im viehtrog Balkan
wo das meer sogar im kneipenklo gluckert
mit einer zaunlatte zimmerst du dir ein schiff
mit einer mütze voll kürbiskerne wirst du zum handelsmann…

Doch wenn Dinescu auch rigoros diagnostiziert „man malte den Kranken Salbe auf den Schorfs, so erscheint ihm die Absurdität menschlichen Daseins letzten Endes nicht als gesellschaftspolitisches Fiasko, sondern als trivialisiertes Menetekel:

DIE KATZE UND DER TOD

Nur die Katze versteht das Pfeifen im Ofen
sie geht hinaus und erzählt die Geschichte dem zerbeulten Ofenrohr
dann entziffert sie die Hieroglyphen des Mäuschens
ausgiebig gähnt sie
und verschluckt das Haus, den Glockenturm, das Stadtviertel
dann schlägt sie die Augen auf und erfindet uns allesamt neu.
Nur der Priester verweilt noch ein bißchen in ihren gelben Pupillen:
Er geht weg und sieht nach
ob er nicht vielleicht irrtümlich
eine Alte eingesperrt hat in der Kirche

Angewidert von einer Welt, die Dörfer planiert und Landschaften mit Beton versiegelt, versucht der konservative Revolutionär Mircea Dinescu einen letzten Abglanz von Naturschönheit und Religiosität in seine magischen Gedichte zu retten.

Hans-Jürgen Heise, Erstpublikation in: Stuttgarter Zeitung, 19.10.1990. Hier in Hans-Jürgen Heise: Rangierbahnhof fremden Lebens. Essays über 33 Schlüsselfiguren der Moderne, Wallstein Verlag, 2008 revidiert.

 

 

Mircea Dinescu – Lyrik, Revolution und das neue Europa. Ansprachen und Texte anläßlich der Verleihung der Akademischen Ehrenbürgerwürde der Universität Augsburg. Herausgegeben von Ioan Constantinescu und Henning Krauß. Augsburg 1991

Detlev Konnert: Im Schatten der Karpaten – Rumäniens Weisheit

 

 

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Zum 70. Geburtstag des Autors:

Knud Cordsen: Poesie als Waffe
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Mircea Dinescu liest Gedichte 1967 als 17jähriger.

 

Mircea Dinescus Auftritt am 22.12.1989 in Rumänien als Dichter und Verkünder.

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