N.C. Kaser: Elementar

Kaser-Elementar

SCHERZO 8

das knopfloch

das knopfloch beklagt
sich bitter beim knopf
der knopf ist zu klein
und macht sich immer
davon
endlich hats ihn richtig
erwischt und er muß bleiben
bis zum
abend

 

 

Vorbemerkung

Aus keinem Leben – auch dem nicht eines Dichters – ist jene einheitliche Geschichte zu machen, wie sie Biographien uns gerne erzählen. Denn da ist das, was an einem Leben die Rolle ist, die man sich und anderen vorspielt; und das, was jede Person unabhängig davon in ihrem Innersten ausmacht. Bei einem Dichter kommt noch hinzu, daß das, was er ist, zu sein glaubt und sein möchte, immer auch noch mit dem gleichgesetzt wird, was er schreibt: als wäre jedes Werk stets auch Ausdruck seiner eigenen Lebenswirklichkeit. Eins hellt das andere auf, gewiß – genauso wie jede Selbstdarstellung auch etwas über den Menschen selbst aussagt. Doch in welchem Grad sie miteinander übereinstimmen und wo sich Werk, Mensch und die von außen sichtbare Figur voneinander unterscheiden, ist nie ganz auszumachen. Biographien konturieren und karikieren, verzerren, vereinheitlichen – und vereinfachen dabei: die eigentlichen Komplexitäten aber vermögen sie kaum wiederzugeben. Was hätte man davon, würde man behaupten, daß bei N.C. Kasers der Wein, die Poesie und seine Schüler das einzig Konstante gewesen wären? Oder wenn man sich im Gegenzug auf die unzähligen Widersprüche versteifte, die er in sich verkörperte: als Querkopf unter Holzköpfen; abtrünnig Glaubender; um Almosen bettelnder Kommunist; inbrünstig Liebender, ders lieber bei Worten beließ; verlorener Sohn, der sich selber verstieß; der nur in seiner Treulosigkeit verläßlich war – und sich doch treu blieb bis zum Schluß; als Avantgardist, dem es zugleich um Tradition ging; oder als deutscher Schriftsteller, der doch Südtiroler blieb? Gewonnen hätte man dadurch nur ein paar allzuglatte Kapitelüberschriften. Diese Anthologie setzt deshalb Stellen aus Kasers Briefen und Interviews kommentarlos neben Gedichte und Prosatexte. Das einzige, woran sie sich hält, ist die Strenge der Chronologie: nur die Zeit ist ein objektiver Biograph. Das Subjektive einer Auswahl läßt sich zwar auch durch diese Art der Präsentation nicht umgehen. Sie kann jedoch das Passagenhafte eines Lebens den Passagen eines Werkes so gegenüberstellen, daß sie etwas von ihrer ursprünglichen Offenheit zurückerhalten. Wieviel sich dabei ausgelassen findet, markieren jeweils die schwarzen Rauten: −. In den eigentlichen Leerstellen jedoch schreibt allein der Tod sich langsam ein. Und der kam bei N.C. Kaser noch bevor er mit sich und seinem Werk fertig war.

Raoul Schrott, Vorwort

Norbert C. Kaser,

Dichter und Provokateur, ist eine wichtige Stimme der deutschsprachigen Nachkriegsdichtung. Raoul Schrott hat seine persönliche Auswahl aus dem Werk des Südtiroler Autors getroffen: Er präsentiert die besten Gedichte, Prosatexte und Briefe Kasers – und zeichnet damit das kurze Leben dieser schillernden Persönlichkeit nach.

Haymon Verlag, Klapentext, 2007

 

Die Zeit, da Norbert Conrad Kaser

von falscher Seite post mortem kanonisiert wurde, und „die Legende, die sich seiner bemächtigt hat, eine wahre Hagiographie des Haders, die komplementäre Kehrseite der Liturgie der ,Heimatliteratur‘“, sind Vergangenheit. Claudio Magris, der heuer am Literatur-Nobelpreis vorbeigemunkelt wurde, hat solches noch 1997 in seinem Essayband Microcosmi (dt. 1999) empfunden. Wie literarischer Hader als gut inszenierter literarischer Skandal funktioniert, konnte man unmittelbar im Jahr darauf verfolgen, als Michel Houellebecqs Elementarteilchen ganz Paris erregten, und später auch noch halb Europa. Bei Kaser schlugen die Wellen der Provokation nie so hoch, dass sie über den Brunecker, den Flaaser oder Wiener Horizont ausgeufert wären. Ich vermute, weil ihr Grund eine unkontrollierte Hitze war, die sich von Houellebecqs kalkulierter Kälte ursächlich unterscheidet. Immer schon nahm man aber Kasers Dichterqualitäten wahr, was eine Sache der Wenigen sein mochte, aber das soll vorkommen. Und so geschieht es, dass heutigen Tages, zur Zeit der Frankfurter Buchmesse, Benedikt Erenz, Feuilletonist bei DER ZEIT, Raoul Schrotts Reader Elementar begrüßt, einen Reader, der „dazu einlädt, Kaser wieder oder neu zu lesen“. Fand sich der „stille Wilde“ (Erenz) noch nicht im Neuen Conrady, dem „großen deutschen Gedichtbuch“, aus dem Wendejahr 2000 vertreten, sieben Jahre später, in Reclams großem Buch der deutschen Gedichte, das bis ins 21. Jahrhundert reicht, ist er drin. Das ist nun keiner sentimentalen Dichter-Renaissance, sondern der Qualität von Kasers Lyrik geschuldet, die Stilwandel mit einiger Rasanz vornimmt, aber stets der (Sprach-)Spannung verpflichtet bleibt, der „lieben, guten Spannung“. Die Person selbst, die in Raoul Schrotts Auswahl zu Wort kommt, ist kein Dichterklischee mehr. Kasers Briefe sind ja nicht bloß von autobiografischem Wert, sondern Zeitdokumente, die erstaunen machen, wie weitläufig das Netz dieses Provinzmenschen bei aller „eingeklemmten“ Innerlichkeit doch war. Und bei all dem, was man hier an Leben liest, denkt man: Was wäre wohl noch alles gekommen, wenn… Ein leider absurder Gedanke.

Bernhard Sandbichler, Universität Innsbruck, 2007

Sein Ton von tiefer Traurigkeit ist elementar

– N.C. Kasers Leben in Texten und Briefen. −

Norbert Conrad Kaser, Dichter und Lehrer, Trinker und Provokateur, Einzelgänger und Liebender, ein „Querkopf unter Holzköpfen.“ In der Anthologie Elementar sammelt Raoul Schrott Briefe, Interviews, Gedichte und Prosatexte des Südtiroler Autors, Fragmente eines kurzen Lebens, die sich zu einem offenen, brüchigen Porträt des Künstlers als junger Mann zusammenfügen. Das Bruchstückhafte der Sammlung entlarvt den Anspruch der traditionellen Biographie, ein ganzes Leben erzählen zu können, als Anmaßung und stellt den Konstruktcharakter eines jeden, insbesondere eines literarischen Lebensentwurfs in den Vordergrund. „Das einzige, woran sie“, die Anthologie, „sich hält, ist die Strenge der Chronologie: nur die Zeit ist ein objektiver Biograph.“
Bereits die ersten literarischen Zeugnisse des zwanzigjährigen Hilfslehrers Kaser geben den melancholischen Grundton der Sammlung vor, sprechen von seinen Ängsten, von seiner inneren Zerrissenheit, die ihn als Mensch und als Künstler sein Leben lang begleiten werden: „Nun bin ich der Fremdling meiner selbst, der Trost sucht, wo es ihn nicht gibt: bei Bier und Wein.“ Ohne Schulabschluss, ohne Geld, ohne familiären Rückhalt, hungrig, frierend, hoffnungslos, doch nie ohne feine Ironie seiner Umwelt und sich selbst gegenüber kämpft Kaser um seine Existenz als Dichter: meine lichtblicke sind gezaehlt und wenn dann sehen sie so trist aus dass nur schlafpillen stricke rasierklingen und schnaps dagegen helfen. wie froh waere ich wenn alles so witzig waere wie es klingt. es ist ernst. ich gebe keine verspechen mehr ab weil ich sie nicht halten werde ich lege die haende in den schoß und um die hoden.. ich hasse jede art von aktion.

Bei Kaser verschränkt sich die Rede über sich selbst stets mit der Rede über sein literarisches Schaffen, der Mensch Kaser ist in seinen schriftlichen Zeugnissen stets auch der Dichter N.C. Kaser. Ob implizit oder explizit, stets reflektiert Kaser sein Schreiben als Spiegel seines Lebens und vice versa, sein Kunstbegriff ist existentiell, der Einsatz ist nichts Geringeres als die eigene Person. Und die Gefahr ist groß:

ich habe mich totgeschrieben (…) ich glaube mir selbst nicht mehr. ich verdruecke mich ins lager der taubstummen. ich habe nichts mehr mitzuteilen.

Schonungslos offen, doch gleichzeitig nachsichtig, beinah barmherzig, spricht Kaser in seinen Briefen von seinen Selbstzweifeln, von seiner Einsamkeit, von seiner Alkoholsucht und dem zunehmenden körperlichen Verfall. Er will kein Sonderling sein, doch, so muss er schon früh erkennen, „ich bin es.“ Trotzdem ergreift er nicht die Flucht, sondern wählt die Konfrontation: bis auf kurze Studien- und Arbeitsaufenthalte in Wien und Norwegen bleibt Südtirol seine (Wahl)heimat, die Enge des Landes, Hinterland und Bauernland, ist gleichzeitig Begrenzung und Fluchtpunkt seiner Dichtung. „In der Sprache Norbert C. Kasers“, so ein Kritiker der FAZ, „weitet sich das regional Beschränkte zur Provinz des Menschen.“
Kaser selbst will seine Dichtung stets in Bezug auf die einheimische Literaturtradition verstanden wissen – „ein gemisch aus realismus konservativismus trakl’scher nachfolge derbe & kitschige reimerey ehrlichkeit und verschlagenes kurzum tyrol“. So sind seine Gedichte trotz prominenter avantgardistischer Einflüsse keineswegs bloß leere Worthülsen oder manieristische Sprachspiele – „ich lehne jedwedes Experiment mit der Sprache ab (…) Also keine Akrobatie mit der Sprache, das duldet die Sprache sowieso nicht, kein großes Wörteraneinanderbauen, Übereinanderstellen, Durcheinanderwerfen – nix – ganz einfach eine relativ realistische Schreibweise.“ Und Kasers Realität, seine Lebenswelt, das sind die Landschaft Südtirols, das bäuerliche, dörfliche Leben, die katholische Religion, der Schulunterricht, die Dorfkneipe – sie bilden den thematischen Grundstock seines Schreibens.
Dabei ist seine Sprache keineswegs volkstümelnd, reaktionär, sondern höchst lebendig, er schreibt eine reiche, bildhafte Poesie, mal herb und spröde, mal zart, behutsam, insbesondere dann, wenn er sich an seine Geliebte richtet: „die tage steigen / in langes licht / bald / ist mir nimmer kalt / & ich bei Dir.“ Doch über allem, selbst über seinen Liebesbriefen, schwebt stets ein Ton von tiefer Traurigkeit und Melancholie, als Zeichen der Unruhe eines ewig Suchenden: nach Worten, nach Liebe, nach dem Leben. Leben und Schreiben sind bei Kaser dauerhaft im Sinne eines Dritten verflochten, ich will es Lebenssuche nennen. Seine Gedichte sind dabei „wie kilometersteine auf diesem weg (…). ein lied ein klingen dann faellt licht in mich & die vielen netze in mir bilden klare muster schoene zeichnungen von allem.“

Martina Wunderer, literaturhaus.at, 13.1.2009

 

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Rauol Schrott im ORF Interview bei Treffpunkt Kultur am 24.10.1997, Teil 1/2.

 

Rauol Schrott im ORF Interview bei Treffpunkt Kultur am 24.10.1997, Teil 2/2.

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