Nelly Sachs (Hrsg.): Schwedische Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Nelly Sachs (Hrsg.): Schwedische Gedichte

Sachs (Hrsg.)-Schwedische Gedichte

ZU FUß GEHE ICH DURCH DAS SONNENSYSTEM

Zu Fuß mußte ich durch das Sonnensystem gehen,
bevor ich den ersten Faden meines roten Kleides
aaaaafand.
Ich ahne nur mich selbst.
Irgendwo im Raum hängt mein Herz,
Funken strömen von ihm aus, erschüttern die Luft,
zu anderen maßlosen Herzen.

Edith Södergran

 

 

 

Schwedische Gedichte

– Neue Uebertragungen von Nelly Sachs. –

Der deutschen Dichterin Nelly Sachs, die in Stockholm lebt und Ende dieses Jahres fünfundsiebzig Jahre alt wird, ist in Deutschland erst in den letzten Jahren die verdiente Aufmerksamkeit und Anerkennung zuteil geworden. Während noch vor einem Jahrzehnt kein Literaturlexikon ihren Namen nannte und nur wenige Lyrikfreunde von ihren Dichtungen etwas wussten, liegen ihre Gedichte und Szenen nun seit einigen Jahren in zwei repräsentativen Bänden im Suhrkamp Verlag vor; daneben sind preiswerte Auswahlbände aus ihrem Werk erschienen; die Stadt Dortmund stiftete einen Nelly-Sachs-Preis und im vergangenen Jahr wurde der Dichterin in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des deutschen Buchhandels überreicht. Spät erst hat der Ruhm die greise Dichterin erreicht, deren Werk noch einmal, nach kurzer Zeit der Schrecken und des Grauens, eine Synthese zwischen deutschem und jüdischem Geist herbeigeführt hat.
Doch früher als im Land ihrer Muttersprache hatte man in Schweden, ihrer zweiten Heimat, die Bedeutung der Dichterin erkannt. Noch 1940 war Nelly Sachs durch die Fürsprache Selma Lagerlöfs die Flucht nach Schweden gelungen, wo sie gastfreundlich aufgenommen wurde. Hier in Schweden hat Nelly Sachs dann aber nicht nur an ihrem eigenen Werk gearbeitet, sie hat auch – als Dank gegenüber ihrem Gastland – die Werke zahlreicher zeitgenössischer schwedischer Dichter ins Deutsche übertragen. 1947 erschien ihre erste Sammlung mit Uebertragungen schwedischer Lyrik unter dem Titel Von Welle und Granit, zehn Jahre später eine weitere Sammlung Aber auch diese Sonne ist heimatlos. In den letzten Jahren veröffentlichte sie noch verschiedene Einzelbände mit Uebertragungen aus den Werken der Schweden Edfeld, Ekelöf, Lindegren und Vennberg. Und die erste literarische Ehrung, die Nelly Sachs erhielt, war nicht ein deutscher Literaturpreis, sondern ein schwedischer Lyrikpreis, der ihr 1958 verliehen wurde. Ihre Uebertragungen stellen, so sagte Alfred Andersch, „heute das stärkste Verbindungsglied zwischen der schwedischen Dichtung und Deutschland dar, und diese Arbeit wird ohne jedes Aufsehen und ohne alle Unterstützung geleistet.“
Seit kurzem liegt nun ein weiterer Band vor: Schwedische Gedichte, ausgewählt und übertragen von Nelly Sachs (im Luchterhand Verlag Neuwied). Viele Herausgeber von Anthologien mit Lyrik-Uebertragungen bemühen sich, einen möglichst vollständigen Ueberblick über die Dichtung eines Landes zu geben; deswegen können sie von jedem Autor nur ganz wenige Texte aufnehmen. Damit erhält der Leser zwar einen gewissen Eindruck von der Lyrik des betreffenden Landes, die charakteristischen Merkmale der einzelnen Dichter aber bleiben ihm weitgehend verborgen. Nelly Sachs geht einen anderen Weg. Sie stellt in diesem Band lediglich vier Autoren vor, von jedem dieser vier aber so viele Gedichte, dass es durchaus möglich ist, ihre jeweilige Eigenart und ihren Eigenwert zu erkennen, auch in der Uebertragung.
Die erste Dichterin, die Nelly Sachs vorstellt, ist Edith Södergran. Edith Södergran, 1892 in Petersburg geboren und 31jährig in Karelien gestorben, war Finnin, ihre Gedichte aber, die in Skandinavien die Moderne einleiteten, schrieb sie in schwedischer Sprache. Eins von ihnen, das uns typisch erscheint, lautet:

HOFFNUNG

Ich will ungeniert sein –
darum pfeife ich auf edlen Stil,
die Aermel kremple ich auf.
Der Teig des Gedichtes gärt…
O ein Kummer –
dass ich keine Kathedrale backen kann…
Hoheit der Formen –
inständiges Sehnsuchtsziel.
Kind der Neuzeit –
hat dein Geist nicht seine richtige Schale?
Bevor ich sterbe,
backe ich eine Kathedrale.

Der zweite Dichter, Johannes Edfeld (geboren 1904) war uns schon durch einen Band mit Uebertragungen von Nelly Sachs bekannt. Er gilt als einer der angesehensten Lyriker im heutigen Schweden, und von ihm sind in diesem Buch die meisten Texte enthalten. Genannt seien noch die beiden andern: Ragnar Thoursie (geboren 1919), an dessen Lyrik Nelly Sachs die Verbindung von visionärer Phantasie und scharfem Intellekt rühmt, und Thomas Tranströmer, der – Jahrgang 1931 – zu den führenden Gestalten der jungen schwedischen Lyrik gehört.
Vier eigenständige Dichter stellt Nelly Sachs in ihrem Band Schwedische Gedichte vor, vier Lyriker von jeweils eigenem Temperament und Ausdrucksvermögen. Und doch lässt sich – auch wenn dies nicht der Hauptzweck des Bandes ist – an den Gedichten dieser vier zwischen 1892 und 1933 geborenen Autoren ein wenig die Entwicklung der modernen Dichtung in Schweden ablesen. Noch vollständiger und klarer würde das Bild werden, wenn einmal alle Uebertragungen aus dem Schwedischen von Nelly Sachs in einem grossen Band zusammengefasst würden. Ein solcher Band, der auch die inzwischen vergriffenen Bücher wieder zugänglich machen würde, könnte nicht nur unsere Kenntnis von der schwedischen Literatur vertiefen. Es wäre gleichzeitig eine notwendige Vervollständigung unseres Bildes von der Dichterin Nelly Sachs.

J. P. W., Die Tat, 1.4.1966

 

 

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Porträtgalerie: Keystone-SDA
Nachruf auf Nelly Sachs: TAT

 

Nelly Sachs – Ausstellung „Flucht und Veränderung“.

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