Nicolai Gumiljov: Ausgewählte Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Nicolai Gumiljov: Ausgewählte Gedichte

Gumiljov-Ausgewählte Gedichte

DAS WORT

Damals, als in ersten Schöpfungstagen
Gott sich beugte über Erdenland,
hat man Städte durch das Wort zerschlagen,
durch das Wort die Sonne festgebannt.

Und die Adler nicht die Flügel hoben,
Sterne flohn voll Angst zum Monde fort,
wenn vorüberschwamm am Himmel oben
rosenroter Flamme gleich das Wort.

Zahlen gab es für das niedre Leben
wie im Hause das versklavte Vieh;
feinste Sinn-Nuancen wiedergeben
kann die Zahl: Sie irrt, sie täuscht sich nie.

Auch der Patriarch, der mit den Händen
Gut und Böse unter sich gebannt,
wollte sich zum Laute hin nicht wenden,
malte lieber Zahlen in den Sand.

Doch vergaßen wir: Das Wort, entzündet,
macht die Wirrnis dieser Welt zum Spott,
und im Evangelium verkündet
hat Johannes uns: Das Wort ist Gott.

Grenzen haben wir dem Wort errichtet,
Grenzen der Natur, die arm und karg.
Bienen gleich, im leeren Stock, vernichtet
riechen Worte übel wie im Sarg.

 

 

Nachwort

Als im vergangenen Jahr in der russischen Zeitschrift Ogonjok anläßlich des 100. Geburtstags von Nikolaj Gumiljov acht seiner Gedichte erschienen, wurde damit die Rehabilitation eines Dichters eingeleitet, der bald nach seinem frühen Tod im Jahre 1921 von sowjetischer Seite völlig totgeschwiegen wurde. Die Gründe hierfür lagen vor allem in Gumiljovs politischer Einstellung, andrerseits in seiner Zugehörigkeit zu einer literarischen Bewegung, dem Akmeismus, die von den Sowjets als reaktionär und dekadent abgetan wurde. Noch 1952 erschien sein Name in der 2. Auflage der Großen Sowjetenzyklopädie überhaupt nicht; er wird dort nur unter dem Stichwort „Akmeismus“ genannt. In der 3. Auflage von 1972 erscheint immerhin sein Name als Stichwort; er wird aber nur kurz und durchweg negativ abgehandelt. Ausgaben von ihm sind in Rußland bis heute nicht erschienen. Eine erste größere Auswahl seiner Gedichte erschien 1959 in Paris, die vierbändige Gesamtausgabe 1962-68 in den USA. Es gibt wenig Sekundärliteratur über ihn, und er ist auch kaum übersetzt worden. Damit und mit dem langen, hartnäckigen Totschweigen von sowjetischer Seite hängt es zusammen, daß man ihn bei uns bis heute so wenig kennt.
Das Leben Gumiljovs war kurz – er wurde nur 35 Jahre alt −, aber überaus bewegt und ereignisreich. Es war ein ausgesprochen kämpferisches und abenteuerliches Leben. Nicht umsonst trägt sein erster Gedichtband den Titel Weg der Konquistadoren. Man hat Gumiljov als „kriegerischen“ oder „ritterlichen“ Dichter bezeichnet, und er selbst hat von sich als „Dichter und Krieger“ gesprochen. Seine Muse hat er einmal die „Muse ferner Wanderungen genannt“. In dieser Hinsicht sind sein autobiographisches Gedicht „Erinnerung“, aber auch die Gedichte „Don Juan“ und „Fünffüßige Jamben“ sehr aufschlußreich. Durch seine Dichtung geht ein männlicher, manchmal heroischer Zug; in dem Gedicht „Meine Leser“ sagt er (in bezug auf eben diese Leser):

… wenn ringsum die Kugeln pfeifen,
wenn die Wellen die Borde brechen,
lehre ich sie, wie man sich nicht fürchtet,
sich nicht fürchtet und tut, was not ist.

Und wenn die Frau mit dem schönen Antlitz,
dem einzig teuren auf der Welt,
sagt: „Ich liebe Sie nicht“,
dann lehre ich sie, wie man lächelt
und fortgeht und sich nicht mehr umwendet.
Und wenn ihre letzte Stunde kommt,
ein gleichmäßiger, roter Nebel die Blicke bedeckt,
dann werde ich sie lehren, sich auf einmal zu erinnern
des ganzen grausamen, lieben Lebens,
der ganzen vertrauten, seltsamen Erde
und, vor dem Antlitz Gottes erscheinend,
mit einfachen und weisen Worten
ruhig Sein Gericht zu erwarten.

Gumiljov wurde 1886 als Sohn eines Schiffsarztes in Kronstadt, einer Petersburg vorgelagerten Festung am Finnischen Meerbusen, geboren, verbrachte aber den größten Teil seiner Jugend in Zarskoje Selo, der Zarenresidenz in der Nähe von Petersburg. Dort lernte er – noch als Gymnasiast – seine spätere Frau Anna Achmatowa kennen, die dort das Mädchengymnasium besuchte. Schon 1905, mit neunzehn Jahren, veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, dem allerdings von der Kritik noch jede Originalität abgesprochen wurde. Mit seinen späteren Gedichtbänden war er von Mal zu Mal erfolgreicher.
Nach Verlassen der Schule studierte er 1907/08 in Paris an der Sorbonne französische Literatur; das Studium setzte er später (1912) in Petersburg fort, ohne es abzuschließen. Er behielt aber zeit seines Lebens ein starkes Interesse für französische Literatur.
Von Paris aus machte er 1907 seine erste Reise nach Afrika. Das Afrikaerlebnis – er war dreimal dort – und überhaupt das Exotische spielt für die Thematik seiner Dichtung eine große Rolle. In dieser Auswahl verdeutlichen das die Gedichte „Die Giraffe“, „Der Wald am Äquator“ – und vor allem das autobiographisch überaus wichtige „Ezbekiyeh“. 1910 heiratete Gumiljov Anna Achmatowa und machte mit ihr eine Reise nach Paris. Im Herbst desselben Jahres war er zum zweiten Mal in Afrika, in Abessinien.
1911 gründete er die sog. „Dichterinnung“ (oder -zunft / Cech poetow), deren Mitglieder zunächst sehr verschiedenartige Dichter waren. Sie gab aber schon bald den Anstoß zum Entstehen einer neuen literarischen Richtung in Rußland, die sich als Akmeismus bezeichnete und sich als bewußte Gegenbewegung zum Symbolismus verstand. Gumiljov wurde zu ihrem führenden Theoretiker.
Ebenfalls 1911 machte er eine Reise nach Italien und im Jahr darauf seine dritte Afrikareise.
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete er sich sofort als Freiwilliger. Er wurde zweimal mit dem Georgskreuz ausgezeichnet.
Im Mai 1918 war er wieder in Petersburg, das inzwischen Petrograd hieß. In diesem Jahr wurde er von Anna Achmatowa geschieden, die er doch zumindest eine Zeitlang sehr geliebt haben muß (ich verweise besonders auf das Gedicht „Sie“). Ein Jahr nach der Scheidung heiratete er die Tochter eines Orientalisten, Anna Nikolajewna Engelgardt. 1920 wurde eine Tochter Elena geboren. Über ihr weiteres Schicksal und das ihrer Mutter ist nichts bekannt. Aus der Ehe mit Anna Achmatowa stammte ein Sohn.
Nach seiner Rückkehr nach Petrograd war Gumiljov literarisch sehr aktiv; er leitete literarische Kurse und hielt Vorlesungen. Außerdem arbeitete er als Redakteur an dem Verlag Vsemirnaja literatura (Weltliteratur), in dem auch Übersetzungen von ihm erschienen. Auch an der Kulturpolitik nahm er regen Anteil.
Aus seiner Ablehnung des bolschewistischen Regimes hatte er von Anfang an kein Hehl gemacht, ohne ausgesprochener Monarchist zu sein. Er war in die sog. Taganzew-Verschwörung verwickelt. Am 3. August 1921 wurde er verhaftet und am 25. August als Konterrevolutionär erschossen.
Seine erste Frau Anna Achmatowa überlebte ihn um 45 Jahre. Sie starb 1966.

Die literarische Richtung, der beide angehörten, leitet ihren Namen „Akmeismus“ von dem griechischen Wort „akme“ her, was „Blüte“ und in übertragenem Sinne „Vollendung“ bedeutet; Vollendung war von den Akmeisten vor allem in formalem Sinne gemeint. Der Akmeismus war von kurzer Dauer (1912 bis in die zwanziger Jahre) und hatte auch im Gegensatz zum Symbolismus – eine nur auf Rußland beschränkte Wirkung; dort allerdings war die Wirkung sehr stark, weniger durch die literarischen Theorien als durch die dichterischen Leistungen seiner Hauptvertreter, zu denen neben Anna Achmatowa und Gumiljov auch Ossip Mandelstam gehörte.
Der Akmeismus verstand sich als Gegenbewegung zum Symbolismus, der zur Zeit der Entstehung des Akmeismus in Rußland bereits in eine Krise geraten war. Man hat den Akmeismus als eine Art Neoklassizismus bezeichnet – im Gegensatz zum Symbolismus, der mehr romantische Züge trug. Das Wesen des Akmeismus erfaßt man am besten, wenn man seine Grundzüge denen des Symbolismus gegenüberstellt.

1) Inhaltlich: Der Symbolismus war in seiner Thematik auf das Transzendentale, Mystische, schlechthin das Unbekannte ausgerichtet (in der Außenwelt sowohl wie in der Seele des Menschen). Demgegenüber forderte der Akmeismus die Rückkehr zum Diesseitigen, zur Dinglichkeit und somit eine größere Wirklichkeitsnähe. Für Gumiljov speziell ist dabei zu bemerken, daß diese Hinwendung zum Diesseitigen bei ihm nicht so sehr in einer literarischen Theorie begründet war, sondern psychologisch in seiner tiefen Liebe zu allem Irdischen, wie sie schon in seinem frühen Gedicht „Credo“ und dann – mit mehr tragischem Akzent – in den Gedichten „Don Juan“ und „Ich kann es kein Leben nennen“ zum Ausdruck kommt.

2) Sprachlich: Die symbolistische Dichtung fand entsprechend dem irrealen Charakter ihrer Inhalte ihren Ausdruck in einer symbolhaften, metaphorischen Sprache, während der Akmeismus dem dinglichen, konkreten Charakter seiner Themen entsprechend eine Rückbesinnung auf das Wort, und zwar das Wort in seiner ganz schlichten und konkreten Bedeutung forderte. Einfachheit und Klarheit im Ausdruck und in der Sprache war ein Hauptziel der Akmeisten.

3) Formal: Im Symbolismus wurde der irreale Charakter der Dichtung durch musikalische, zerfließende Versformen unterstrichen. Der Akmeismus verlangte demgegenüber strenge, wie gemeißelte Formen. Dichten wurde als Handwerk, als professionelle Meisterschaft angesehen; daher auch die Bezeichnung „Cech poetow“ (Innung, Zunft).
Gumiljov, der in seinen Anfängen noch ganz Symbolist war, fand bald zu einer Dichtung, die stark im Objektiven war. Ein Gedicht wie „Porträt eines Mannes“ ist dafür ein besonders schönes Beispiel, aber auch ein Zyklus wie „Kapitäne“, der für den männlichen, kämpferischen Zug in seiner Dichtung charakteristisch ist, kann hier genannt werden. Sein weiterer Weg war dann der einer immer größeren Vertiefung; das subjektive Element verstärkte sich, ohne daß deshalb die Außenwelt als Thema zurücktrat. Allerdings erhielt die Liebe zum Irdischen immer mehr tragische Akzente. Sie tritt in Kontrast zu einer ebenso tiefen und echten Religiosität. Die daraus resultierende innere Zerrissenheit kommt in leidenschaftlicher Bewegtheit in dem Gedicht „Ich kann es kein Leben nennen“ zum Ausdruck. Das Gleiche gilt für das „Don Juan“-Gedicht, in dem der Kontrast durch die Sonettform noch verstärkt, andrerseits aber auch formal gebändigt ist. Während in dem erstgenannten Gedicht die Liebe zum Irdischen nur in erotischer Getriebenheit zum Ausdruck kommt, tritt im „Don Juan“ wiederum das Kämpferische als Motiv hinzu. Das Don Juan-Motiv spielt in Gumiljovs Dichtung auch sonst eine wichtige Rolle. Ich verweise nur auf das sehr subjektive Gedicht „Fünffüßige Jamben“. Gumiljov sah sich selbst als Don Juan, der auf der Suche nach der idealen Frau ist, die sich für ihn in der Gestalt der Beatrice verkörpert. Der Zyklus der Beatrice-Gedichte ist darum auch autobiographisch wichtig, nicht zuletzt im Hinblick auf seine Beziehung zu Anna Achmatowa. Andrerseits ist gerade dieser Zyklus, in dem er ja Dante und Rossetti geradezu nennt, über das Subjektive hinaus bedeutsam als Ausdruck seiner Bindung an die romanische Kultur.

Eine Vertiefung der tragischen Züge finden wir in dem ebenfalls stark autobiographisch geprägten Gedicht „Ezbekiyeh“. Es ist ein besonders gutes Beispiel dafür, wie Besinnung auf das eigene Innere und Schilderung der Außenwelt nebeneinander stehen. Auch hier zeigt sich wieder die leidenschaftliche Liebe zum Lebendigen, hier speziell zum Exotischen, das außerordentlich farbenreich geschildert wird.
In den Gedichten seiner letzten Lebensjahre näherte sich Gumiljov wieder dem Symbolismus an, allerdings nur im Thematischen; in der Strenge der Form und der Schlichtheit der Sprache blieb er Akmeist. Dabei ist seine Sprache auch in der Gedankenlyrik – ungemein lebendig und farbenreich. Gedichte wie „Das Wort“ und „Der sechste Sinn“ sind Beispiele dafür.
Formale Mittel beherrschte Gumiljov bis zur Virtuosität, ohne jedoch spielerisch zu werden. Das beweisen die Sonette – neben dem schon genannten „Don Juan“ die Gedichte „Sonett“ und „Die Rose“ – und vor allem die „Fünffüßigen Jamben“ mit ihren überaus kunstvoll variierten dreifachen Reimen.

Die vorliegende Auswahl versucht einen Eindruck von Gumiljovs dichterischer Bedeutung zu geben, und wenn sie bei deutschen Lesern Interesse für diesen noch viel zu wenig gewürdigten Dichter erwecken würde, wäre ihr Ziel erreicht.

Irmgard Wille, Nachwort

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

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