Nora Zapf: homogloben

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Nora Zapf: homogloben

Zapf/Wagener-homogloben

MINOTAUR, FRÜHER MORGEN

animierte gletscher, luftjoch das
eiserne farbe spuckt
schleichen tropfen wie eine träne davon
stehlen sich um hufgelenke
dazwischen seile mit ankern
diese insel war einmal
hoch aufgelöst, jetzt verschwimmt sie immer mehr.

die kufen deuten richtungen an
stöbern in rillen nach dem morgenrot des
vergangenen winters.
ja, so muss man das sagen.
der eine große schlitten lässt die andern zurück
wird nebengeräusch, wird stiergeschrei.
wusstest du, dass im netz keine spur ist
von der erdabgewandten seite? wobei
papageien gehen auch in netze.
hier: ein glas wein für dich allein – für heute abend.

du weißt, nur alle paar jahre schaut
jemand vorbei. bis dahin schmilzen
böden geklonter lichter hundertfach
bis dann ist die glocke nicht zu hören, die
dir um den hals hängt, um sich
dir gefahrlos nähern zu können
umprogrammieren allerdings ginge.

 

 

 

Mischwesen verschiedenster Art

stehen im Zentrum von Nora Zapfs Lyrik-Debüt homogloben, das im Herbst 2018 als Band 04 in der Reihe licht erscheint. Während Mischwesen aus Mensch, Tier, Gottheit oder Monstrum in der Mythologie oft negativ oder bedrohlich dargestellt wurden, erfahren sie in homogloben eine andere Betrachtungsweise. Neben den mythologischen Chimären Minotaur, Hermaphrodit oder Zentaur evoziert Nora Zapf in dem Zyklus „tag auf der kippe, oder 25 mischwesen“ ebenso Mischwesen aus dem technologischen Zeitalter, wie Cyborgs sowie mechanische Tiere.
In homogloben folgt Nora Zapf den Gedanken, dass auch der Mensch ein Mischwesen ist, dessen Identität sich aus einem Konglomerat von verschiedenen Welten, Kulturen und Sprachen zusammensetzt und das Mischwesen Mensch somit multiple Wirklichkeiten in sich vereint. In diesen ,MenschWelten‘ fließen nicht nur die Sprachen ineinander („ode an den zweifel, in dubio pro dubio // auf das idealizzare, eine exklamation. ein / prosit auf die immaginazione, idea, concetto und / all den firlefanz des ganzen verbum magnum historicum.“), sondern auch Gegen-sätzlichkeiten wie Tag und Nacht, unterschiedliche Musikstile und Jahrhunderte („homogloben, tagsüber // ziehe den stöpsel der welt, verkehre mit / lauter schnipseln aus gestein, déjà-vues, / anemonen, winkel die beine an, setze / mich auf wertstoffhöfe, schüttel die kugel wie / schnee, meere laufen aus, mir entgegen“).

Gutleut Verlag, Ankündigung

 

Im Wörtermeer

Natürlich besteht die Münchner Lyrikszene nicht nur aus Nora Zapf und Tristan Marquardt samt Freunden. Den Eindruck könnte man allerdings schon gewinnen, so omnipräsent wie sie sind, zum Beispiel als Veranstalter von Reihen wie Meine drei lyrischen Ichs. Nun legen auch noch beide zeitgleich neue Gedichtbände vor, die sie an diesem Mittwoch im Lyrik Kabinett vorstellen. Und beide Bände sind, alles andere hätte überrascht, natürlich sehr ambitioniert.
Dafür, dass diese jungen Lyriker nicht gerade Verständlichkeit als oberstes Ziel ausrufen, sind ihre Bände einigermaßen zugänglich geraten. Beide interessieren sich durchaus für die Tradition, suchen dabei aber den Bezug zum digitalen Lebensgefühl von heute. Nora Zapf denkt in ihrem Band Homogloben (Gutleut Verlag) zum Beispiel bei mythologischen Figuren wie dem Minotaur auch ans Umprogrammieren; in einem anderen Gedicht ist das lyrische Ich ein Cyborg:

mensch, mir schmerzt mein rechter arm.

(…)

Antje Weber, Süddeutsche Zeitung, 30.10.2018

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Jürgen Brôcan: Ver(w)irrt im Sprachlabyrinth
fixpoetry.com, 23.12.2018

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