Octavio Paz: Figuren und Variationen

Paz/Paz-Figuren und Variationen

STERNBILD DES KÖRPERS

Die Augen, nachtgeboren,
sind keine Augen, die schauen:
es sind Augen, die erfinden,
was wir schauen.

Theater der Verwandlung:
im Zentrum der Stunde
hielt die Rotation des Himmels
inne einen Augenblick,
so lang wie die Augen blicken.

Die Sterne sind Samen,
sie keimen unterhimmlisch.

Die Zeit spielt Schach mit ihrem Schatten;
Spiegel, der sich in Bildern entfacht,
Bilder, die verfliegen:
wer gewinnt, verliert, wer verliert, gewinnt.

Durch die Linse seines Kaleidoskops
sieht der Astronom das Sternbild,
das Frau wurde, Welle aus Licht.

Es ist der Morgen, der zurückkehrt zur Erde:
er schließt die Augen der Nacht
und öffnet die Augen der Menschen.

 

 

Einen ganz eigenen Reiz

haben seit je die schöpferischen Querverbindungen zwischen Poesie und bildender Kunst ausgeübt: Gedichte, die zu Bildern angeregt haben, Bilder, die Gedichte hervorgebracht haben.

Der große mexikanische Lyriker Octavio Paz (1914 – 1998) war fasziniert von den Gebilden, die unter den Händen seiner Frau, der Künstlerin Marie José Paz, entstanden. Aus aufgesammelten Dingen – Bändern, Knöpfen, Schnallen, Eintrittskarten, Streichhölzern – schuf sie Collagen und Assemblagen, deren bildnerische Poesie ihn dazu brachte, das dem Auge Sichtbare in Worte zu verwandeln: Figuren und Variationen. „Die Gischt der Tage“ nennt Octavio Paz das so Entstandene in seinem Nachwort und pointiert damit die Leichtigkeit, die diesen Gebilden innewohnt und der er mit seinen zwölf vollkommenen kleinen Gedichten eine andere Art von Dauer verleiht. Was so entstanden ist, läßt sich mit einem emblematischen Lieblingsbegriff von Octavio Paz erfassen: Zwiegespräche.

Suhrkamp Verlag, Ankündigung, 2005

 

Dritter Kreis – Die neue stürmische Jahreszeit 1959–1990

2. Aktion und Geschichte

Octavio Paz’ Rücktritt und seine Erklärungen vor der Weltpresse bringen seine Regierung in Harnisch. Die regierungstreue Presse attackiert ihn. Im Laufe der folgenden Jahre wird er noch oft öffentlich umstritten sein, weil er seine Meinung frei äußert, politisch Stellung bezieht. In den diplomatischen Dienst kehrt er nicht zurück. Ein Gedicht, „México: olimpiada de 1968“, aus der Wut über das Massaker geschrieben, wird als eine „intermitencia del Oeste“ (Einbrechender Westen) in Ladera Este aufgenommen. Ein weiteres „einbrechendes“ Gedicht, genannt „Canción mexicana“ (Mexikanisches Lied), skizziert seinen Gemütszustand und die eigene Art seines politischen Handelns:

Wenn mein Großvater beim Kaffee saß,
Erzählte er mir von Juarez und Porfirio,
Den Zuaven und den Plateados.
Und das Tischtuch roch nach Pulver.

Wenn mein Vater sein Gläschen trank,
Erzählte er mir von Zapata und Villa,
Von Soto y Gama und den Flores Magón.
Und das Tischtuch roch nach Pulver.

Ich bleibe stumm:
Von wem könnte ich auch erzählen?

Seine Tischtücher riechen nicht nach Pulver, sondern nach Tinte, aber seine Kulturschlachten werden, wie die seiner Vorfahren, wenn nicht gar mehr, die kulturelle Wirklichkeit des Landes aufrühren. Der Dichter kehrt also zurück zu seiner – neuen – stürmischen Jahreszeit, zu einer Zeit glühender Vernunft; und er schreibt einen klarsichtigen, kämpferischen Essay über Mexiko, in dem er offen die Studentenbewegung und das Gemetzel von Tlatelolco anspricht, den Mangel an Demokratie im Lande und das Fehlen politischer Alternativen in dieser Situation; auch eine Kritik an der Illusion des Fortschritts schließt er an. Zunächst bringt er diesen Essay in Form eines Vortrags an der Universität von Texas an die Öffentlichkeit. Dann erscheint er in Mexiko unter dem Titel Posdata (Nachtrag, 1970), denn er betrachtet den Essay als eine Fortführung von Das Labyrinth der Einsamkeit. Es handelt sich um eine Kritik an der Regierung, doch dahinter steht mehr: eine Kritik und eine Dechiffrierung der Geschichte Mexikos mit all den jüngsten Irrtümern und Schrecken. Eine „Kritik der Pyramide“ und der Götzen in uns selbst.
Nachdem er in England und den USA an verschiedenen Universitäten Vorträge gehalten hat, kehrt er in sein Land zurück. Seine frühere Rückkehr, 1953, war geprägt gewesen von dem Bedürfnis, die mexikanische Kultur auf den Stand der modernen Entwicklung zu bringen. Zu Beginn der siebziger Jahre tritt sein politisches Interesse wieder stärker in den Vordergrund. So erläutert er es 1989 in einem Interview:

Als ich in den Fünfzigern zurückkehrte, war das eigentlich Wichtige, Mexiko eine Stimme zu geben. Bei meiner Rückkehr in den Siebzigern ging es in der Hauptsache darum, über Mexiko nachzudenken, um das Land zu verändern. Und so stehen die Dinge auch heute noch für uns.

Das Bedürfnis, auf dem Gebiet der Kultur aktiv zu werden – „Räume zu erschließen für die kritische Phantasie“ – charakterisiert offenbar seine neue Beziehung zu Mexiko.
Seine politischen Vorstellungen haben, wie seine Lyrik, in ganz Lateinamerika ein großes Echo gefunden, zuweilen auch heftige Polemiken entfacht. Zehn Jahre nach Posdata veröffentlichte Paz einen umfangreichen Band mit Essays zu Geschichte und Politik, Der menschenfreundliche Menschenfresser (El ogro filantrópico, 1979). Dieses Bild wählt Octavio Paz, um den mexikanischen Staat zu kennzeichnen. Der erste Teil des Buches, „Die Gegenwart und ihre Vergangenheiten“, ist eine Fortführung seiner Analysen aus dem Labyrinth der Einsamkeit und Posdata. Der zweite konzentriert sich auf die Geschichte Mexikos, und der dritte handelt von Totalitarismus und Erotik. Schließlich enthält der Band noch mehrere Essays zum Thema des Intellektuellen und der Macht: Die Dissidenten, sagt Paz, sind die Würde und die Ehre unserer Epoche.
Tiempo nublado (Bewölkte Zeiten) ist eine Sammlung von Essays über Außenpolitik, über die Krise der imperialen Demokratie der USA und des russischen bürokratischen Systems sowie, insbesondere, über den Charakter der Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Lateinamerika. In all seinen politischen Essays bekräftigt Paz die Notwendigkeit einer kritischen Haltung für den modernen Intellektuellen, unabhängig von Parteien oder Dogmen. Seine Arbeit des politischen Analytikers definiert er als die forschende Leidenschaft eines Schriftstellers, eines Dichters, der jenseits seiner Dichtung auch Zeugnis ablegt von seiner Zeit. Ein Großteil seiner Aufsätze zu Literatur und Politik wurden ursprünglich in den Zeitschriften veröffentlicht, die er selbst seit Beginn der siebziger Jahre in Mexiko herausgab: Plural (von 1971–1976) und Vuelta (ab 1976). Immer wieder standen die beiden Zeitschriften im Mittelpunkt der politischen und kulturellen Auseinandersetzung, in die Paz in den letzten beiden Jahrzehnten, den Jahren seiner neuen stürmischen Jahreszeit, aktiv eingegriffen hat.
In diesen beiden Jahrzehnten geistert das Gespenst des Libertären durch Mexiko, durch ganz Lateinamerika, in gewisser Hinsicht vergleichbar mit den dreißiger Jahren. Das kulturelle Milieu, in dem Paz die Rolle übernommen hat, den galoppierenden Totalitarismus anzuprangern, in den sich dieses libertäre Gespenst verwandelt hat, steht ihm oftmals feindlich gegenüber. Seine politische Feder, sein Wort, ist – gelegentlich auch heute noch – der Finger auf der Wunde.
Seine kritische Haltung zum Beispiel dem russischen Totalitarismus gegenüber – in seinen Schriften erkennbar seit den fünfziger Jahren, in seiner Entwicklung bereits seit den Vierzigern, als er sich mit Kostas Papaioannou befreundete – wird jahrelang von den Hohepriestern in Universitäten und Redaktionen als „reaktionäres Denken“ oder „Komplizentum mit dem Imperialismus“ bezeichnet. Als schließlich der russische Totalitarismus mit all seinen Ideologien ins Wanken gerät, bleibt denselben Leuten nur, in der Haltung Paz’ eine „Vorahnung“ zu sehen, denn sie können nicht akzeptieren, daß es sich bei ihm stets um eine Analyse der Wirklichkeit handelte. Zu Beginn des Jahres 1990, angesichts der sich zuspitzenden, unbestreitbaren Krise des sowjetischen Regimes, bringt Paz seine historisch-politische Analyse auf den heutigen Stand und veröffentlicht Pequeña crónica de grandes días (Kleine Chronik großer Tage). Im Vorwort resümiert er die großen Ereignisse, von denen er in seinem Leben betroffen war, sowie seine Entwicklung zum aktiven, streitbaren Politanalytiker:

Ich wurde 1914 geboren, schlug die Augen auf in einer Welt, die von den Ideen der Gewalt beherrscht war, und ich begann, in politischen Begriffen zu denken angesichts dessen, was mich umgab: der spanische Bürgerkrieg, der Aufstieg Hitlers, die Abdankung der europäischen Demokratien, Cardenas, Roosevelt und der New Deal, die Mandschurei und der chinesisch-japanische Krieg, Gandhi, die Moskauer Prozesse und die Verklärung Stalins, den unzählige europäische und lateinamerikanische Intellektuelle verehrten. Ich trat an, erleuchtet von Ideen, die sich nach und nach trübten; also wurde ich zum Schauplatz vieler innerer Kämpfe, die sich bald in öffentliche Auseinandersetzungen kehrten. Weder freue ich mich über diese Kämpfe, noch bereue ich sie.

Alberto Ruy Sánchez, aus Alberto Ray Sánchez: Octavio Paz. Leben und Werk, Suhrkamp Verlag, 1991

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Fakten und Vermutungen zum AutorNobelpreis
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Bernhard Widder: Belesenheit und Fantasie
Wiener Zeitung, 28.3.2014

Peter Mohr: Romantiker in diplomatischen Diensten
titel-kulturmagazin.net, 31.3.2014

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Octavio Paz – Porträt, Gespräch und Lesung Teil 1.

 

Octavio Paz – Porträt, Gespräch und Lesung Teil 2.

 

Octavio Paz – Filmporträt nach seinem Tod.

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