Odysseas Elytis: Glänzender Tag Muschel der Stimme

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Odysseas Elytis: Glänzender Tag Muschel der Stimme

Elytis-Glänzender Tag Muschel der Stimme

SILBERNES GEDICHT ALS GESCHENK

Ich weiß daß das alles nichts ist       und daß die
aaaaaSprache die ich spreche kein Alphabet hat

Weil auch Sonne und Wellen eine Silbenschrift
aaaaasind die du nur in Zeiten der Trauer
aaaaader Verbannung entzifferst

Und das Vaterland       ein Fresko mit aufeinan-
aaaaaderfolgenden Schichten, fränkischen oder
aaaaaslawischen       läßt du dich aber zufällig
aaaaadarauf ein es zu erneuern       landest du
aaaaasofort im Gefängnis und mußt Rechen-
aaaaaschaft ablegen

Vor einer Menge fremder Mächte       stets
aaaaamittels deiner eigenen

Wie das bei Mißgeschicken so üblich ist

Dennoch       stellen wir uns einmal vor daß auf
aaaaaeiner Tenne aus alter Zeit die auch in
aaaaaeinem Hochhaus sein könnte
aaaaaKinder spielen       und der der verliert

aaaaaDen Regeln ggemäß       den anderen eine
aaaaaaaaaaWahrheit sagen und bieten muß
Bis alle am Ende merken daß sie in Händen
aaaaaaahalten ein

Silbernes Gedicht als kleines Geschenk.

 

 

Nachbemerkung

Odysseas Elytis, den ich 1979, kurz nach seiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis, besuchte, ist ein zurückgezogen lebender Mann, der öffentliche Auftritte meidet und deshalb gern der „Schweiger“ genannt wird. Geboren auf Kreta, lebt der Dichter seit langem in Athen. Der Stadtteil Kolonaki, in dem er irgendwo ein kleines Appartement im fünften Stock bewohnt, ist ein vornehmes Viertel, das freilich den Reiz des Exklusiven nicht ganz eingebüßt hat. Den alten Kolonaki-Platz mit seinen Kaffeehäusern – Treffpunkte der Dichter, Maler, Schauspieler, Politiker und der reichen Nichtstuer – findet man nicht mehr, er ist dem Bulldozer zum Opfer gefallen. Früher, sagt Elytis, da habe er von seinem Fenster noch die Akropolis sehen können, doch jetzt habe man ihm die Sicht verbaut, so wie nach und nach alles verbaut werde in dieser Stadt. Geblieben seien Zement und Eisen, an denen sich der Blick wund stößt.
Der Dichter überfliegt meinen Entwurf für eine Auswahl seiner Gedichte, nickt. Er bevorzuge die chronologische Reihenfolge, meint er. Wir verständigen uns rasch. Noch während wir miteinander sprechen, fallen mir die herrlichen Verse ein:

Lange schon ist der letzte Regen gefallen
Auf Ameisen und auf Eidechsen
Jetzt brennt der Himmel unendlich weit
Die Früchte färben sich die Lippen…
O Körper des Sommers nackt verbrannt
Verzehrt von Öl und Salz
Körper des Felsens und Schauer des Herzens
Großes Wehen von Weidenhaar

Basilikumhauch über belocktem Glied
Voller Sternchen und Piniennadeln
Körper tief in die Reise des Tages gehüllt!

Da ist es, das Gesicht Griechenlands! Die Bausteine für die Lyrik von Elytis liefert die Landschaft der Ägäis: die Sonne, das Licht, die Farben des Himmels, der Fels, das Ufer, der Kiesel, das Strandgut und natürlich das Meer mit seinen Schiffen und Wogen – es ist wie eine zweite Erde, die bestellt werden muß, ein Garten, der dem Dichter vertraut und nahe ist.
Odysseas Elytis kennt das Meer, denn er wurde auf Kreta geboren, und zwar 1911 in Iraklion. Damals hieß er noch Alepoudelis. Seine Eltern – sein Vater war ein reicher Seifenfabrikant – stammten von Lesbos, der Insel Sapphos. 1912, als Kreta von den Türken befreit wurde, zogen sie nach Athen, wo der Sohn mit neunzehn Jura zu studieren begann. Nach wenigen Semestern gab er jedoch die Jurisprudenz wieder auf, um sich ganz der Kunst widmen zu können. In dieser Zeit wählte er auch das Pseudonym Elytis, dessen Anfangssilbe er traditionsschweren Wörtern entnahm: Elladha (Hellas), Elephteria (Freiheit), Elpidha (Hoffnung) und Eleni (Helena, die Schönste unter den Frauen). Schon die ersten Gedichte, die 1935 in der Zeitschrift Nea Grammata (Neue Texte) erschienen, trugen diesen Namen.
Es ist schwer zu sagen, welche Einflüsse und Erfahrungen den jungen Mann dazu bewegten, sich der Dichtkunst zuzuwenden. Unübersehbar ist jedoch das Erlebnis des Lichts. Elytis, der seine Schulferien auf den ostionischen Inseln, vor allem auf Lesbos, verbrachte, lernte in dieser Zeit die Farben und den Duft dieser zauberhaft schönen Welt lieben. Der Anblick der kargen, sonnenüberfluteten Insellandschaft mit ihren weißgekalkten Würfelhäusern, die der zerstörerischen Wut der Zivilisation noch nicht ausgeliefert war, die Bekanntschaft mit Wind und Wellen, mit den Felsen, über welche die Meeresvögel dahinglitten, dazu der Umgang mit den Inselbewohnern selbst, das alles war entscheidend für seine Weltsicht und machte ihn zum Poeten des Lichts, zum „Sonnenschlürfer“, dem die gleißende Helligkeit gewissermaßen Weitsicht und Gedankentiefe verlieh. Für Elytis ist deshalb die Meerlandschaft der Ägäis nicht einfach ein Stück Natur, sondern der „Fingerabdruck Griechenlands“, wie sich ein Kritiker einmal ausdrückte.
Doch das Naturerlebnis war es nicht allein, daß Elytis zum Dichter wurde, schon gar zu einem Dichter, der nie die Schranken provinzieller Enge kannte. Wie er selbst gesteht, erhielt er Ende der dreißiger Jahre ganz wesentliche Impulse vom französischen Surrealismus, dessen Mitbegründer Paul Eluard ihn am nachhaltigsten beeindruckte. Fasziniert von Eluards geschmeidiger und klangvoller, allen Gefühlen offener Sprache, schrieb er an den sechzehn Jahre älteren Dichter, der damals auf dem Gipfel seines Ruhms stand. Erst Jahre später lernte er ihn in Paris kennen. Elytis empfand diese neue Richtung in der Poesie wie ein reinigendes Gewitter, als „Sauerstoff für die dem Untergang geweihte Gesellschaft“, als etwas, das das Gefühl befreite und den jungen griechischen Dichtern geradezu verlockende Wege eröffnete und Mut machte, mit den muffigen Traditionen zu brechen. „Ich und meine Generation“, schreibt Elytis, „haben uns bemüht, das wahre Gesicht Griechenlands zu finden. Das war notwendig, da bislang nur das zu gelten schien, was die Europäer als das wahre Gesicht ansahen. Der Surrealismus machte die Landschaft klarer, er gab den Dichtern die Möglichkeit, sich auf natürliche Weise mit ihrer Heimat zu verbinden und der griechischen Wirklichkeit vorurteilsfrei ins Gesicht zu sehen“. In dem Kreis junger Dichter, der sich, Mitte der dreißiger Jahre um die Athener Zeitschrift Nea Grammata geschart, der Aufgabe unterzog, die griechische Poesie der Welt zu öffnen, gehörte Elytis zweifellos zu denen, die die Anstöße von außen ins unverwechselbar Eigene übertrugen. Mit welcher Hingabe er sich der Entwicklung seiner geistigen Welt und der Schulung seiner formalen Fähigkeiten widmete, ist beispielsweise an seinem enormen, nicht allein auf diese frühe, „heroische“ Periode beschränkten Werk als Übersetzer ablesbar. Im Laufe der Jahre übertrug er Gedichte von Rimbaud, Lautréamont und Jouve, Eluard, Breton und Ungaretti, aber auch García Lorca, Majakowski und Brecht (Der kaukasische Kreidekreis) in seine Muttersprache. 1937 besuchte Elytis die Militärschule in Kerkyra – Auftakt für neue Erfahrungen, die die Todesahnung einschlossen. Als Unterleutnant nahm er am Feldzug gegen die faschistischen italienischen Truppen an der albanischen Front teil und entging nur durch ein Wunder dem Tode, der ganz unheldisch daherkam; beinahe wäre er an Typhus gestorben. Erschüttert von diesem Erlebnis und beeindruckt vom Freiheitswillen seiner Landsleute, schrieb er den Helden- und Klagegesang auf den verlorenen Leutnant in Albanien (1945) und die Albaniade (1946 und 1950), ein Gedicht für zwei Stimmen.
Nach Kriegsende wurde Elytis für kurze Zeit Programmdirektor beim Rundfunk Athen. 1948, während des Bürgerkrieges, der in Griechenland von 1946 bis 1949 tobte, verließ er seine Heimat und ging nach Frankreich, wo er an der Sorbonne Philologie studierte. In dieser Zeit schloß er Bekanntschaft mit vielen bedeutenden Schriftstellern, aber auch mit Künstlern wie Picasso, Giacometti und de Chirico, die sein eigenes Schaffen nachhaltig beeinflußten. Um die Erfahrung reicher, daß die Kunst in der Emigration nur mühsam gedeiht, kehrte er 1952 zurück. Zwei Jahre lang arbeitete er wieder beim Athener Rundfunk und unternahm in der Folgezeit, oft auf Einladung von Regierungen, ausgedehnte Reisen, z.B. in die USA, in die Sowjetunion, nach Bulgarien und Ägypten. 1955 wurde er für drei Jahre Präsident des griechischen Chorspiels.
1960 erhielt Elytis den Großen griechischen Staatspreis für Lyrik für seinen Gedichtzyklus Gepriesen sei (To Axion Esti; 1959), der bis heute als das wichtigste Werk des Dichters gilt. Darin verschmelzen sich Elemente des Alten Testaments und der antiken Dichtung – Homer, Sappho, Platon −, der byzantinischen Liturgie des Mittelalters, der neugriechischen Poesie und des französischen Surrealismus. Gepriesen sei ist ein hymnischer Gesang der Sehnsucht nach einer neuen Welt, die frei ist von Haß und Barbarei. Einige wichtige Passagen dieses Zyklus wurden, wie schon zuvor die Kleinen Zykladen Mitte der sechziger Jahre, von dem griechischen Komponisten Mikis Theodorakis vertont und erlangten dadurch eine ungewöhnliche Popularität, vor allem bei jungen Menschen.
1965 erhielt Elytis den Phönixorden. In den siebziger Jahren veröffentlichte er die Gedichtzyklen Sonne die erste (1971), Der Lichtbaum und die vierzehnte Schönheit (1971), Das Monogramm (1972), Die Halbgeschwister (1974) und das große Gedicht Maria Nepheli (1978). Alle diese Gedichte, in sich ruhende lyrische Gebilde „unzeitlichen Hellenentums in zeitloser griechischer Landschaft“, wie ein Kritiker schreibt, geben Zeugnis von der Gedankentiefe und vom Humanismus dieses großen Dichters, der auf seine Art zur Erneuerung dieser Welt beizutragen versucht. „Ich betrachte die Lyrik“, schrieb der Dichter einmal, „als eine Quelle kämpferischer UNSCHULD, die ich in meinem Bewußtsein gegen eine schuldige Welt richte, um diese… so umzuformen, daß sie mit meinen Träumen in Einklang steht.“
Als Odysseas Elytis 1979 eine der höchsten künstlerischen Auszeichnungen, den Nobelpreis für Literatur, zugesprochen bekam, galt diese Würdigung auch dem Kunstkritiker und Übersetzer, vor allem aber dem Poeten, der – wie es in der Begründung des Nobelpreis-Komitees heißt – „mit sinnlicher Vitalität und intellektuellem Scharfblick den Kampf des modernen Menschen für Freiheit und Kreativität gestaltete“. Wie tief sich Odysseas Elytis seiner Verantwortung für die Gesellschaft bewußt ist, wie unerschütterlich sein Vertrauen in die Zukunft der Menschheit, sagen seine Verse:

Entblößt meine Brust           und die Winde entfesselt
Verjagen die Trümmer        die zerborstenen Seelen
Befrein die Erde                     vom dichten Gewölk
Daß strahlend erscheint     das GEFILD DER FREUDE!

Thomas Nicolaou, Nachwort, 1981

 

Odysseas Elytis

„Griechisch war die Sprache, die man mir gab; armselig die Hütte an den Küsten Homers. Meine einzige Sorge die Sprache an den Küsten Homers“, lautet das Credo des Dichters Odysseas Elytis, der 1911 in Iraklion auf Kreta geboren wurde. Es bestimmt seine Verse, die das Damals und Heute des griechischen Nationalschicksals unaufdringlich ins Bewußtsein rücken und ihren magischen Zauber vor allem aus der ägäischen Landschaft beziehen, aus den kargen Bergkuppen und Inseln, denen die Flut der südlichen Sonne immer neue Faszination verleiht. Der Dichter, in dessen Werk Elemente des Alten Testaments und der antiken Literatur, der mittelalterlichen byzantinischen Liturgie und des modernen Surrealismus eingeschmolzen sind, betrachtet seine Lyrik als eine „Quelle kämpferischer UNSCHULD“, die er einer schuldigen, von Barbarei heimgesuchten Welt entgegensetzt. Diese Welt so umzuformen, daß sie mit seinen Träumen von Würde und Gerechtigkeit in Einklang steht, ist ihm vornehmstes Ziel.

Verlag Volk und Welt, Begleitzettel, 1982

 

Asteris Kutulas erinnert sich an seine Besuche bei Odysseas Elytis

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Manuel Gogos: Der Schaumgeborene
Neue Zürcher Zeitung, 5.11.2011

Hansgeorg Hermann: Kämpferische Unschuld
junge Welt, 2.11.2011

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfGIMDb

 

Odysseas Elytis: AXION ESTI in einer Version von Mikis Theodorakis im Lycabetus Theater in Athen im August 1977.

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