Oleg Jurjew: Von Zeiten. Ein Poem

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Oleg Jurjew: Von Zeiten. Ein Poem

Jurjew-Von Zeiten. Ein Poem

DAS PARADIESGÄRTLEIN

Alle, die gestorben sind – Wolodja, Boris, Witja,
aaaaaSerjoscha, und Anja, und
Lena – sie alle sind jetzt dort, im Paradiesgärtlein
aaaaavom berühmten Bild,
möglicherweise dem allerbesten Bild auf der ganzen
aaaaaWelt.

Sie sitzen, sie liegen, sie schlagen rote kleine Äpfel in den Korb herunter,
sie zupfen Psalter, blättern im „Grafen von Monte Christo“ am sechseckigen
Steintisch, schöpfen mit einem angeketteten Löffel das schwarze körnige
Wasser aus dem Brunnen von weißem Jerusalemer Stein und fragen sich:
wann ich endlich komme.

Habt keine Furcht, ich komm’ bald.

Sie haben keine Zeit, um dieses bald zu definieren. Die habe auch ich nicht.

Bald öffnet sich das derzeit unsichtbare kleine Tor in der frontalen Mauer
von weißem Jerusalemer Stein, von der die linke Seite entweder nach vorne
geht und dadurch das Gärtlein zu einem seligen Gefängnishof umschließt,
oder nach hinten, in dem Fall ist es der offene Ort unter der Mauer des
himmlischen Jerusalem, und ihr picknickt einfach.

Ihr werdet euch am Eingang? Ausgang? zusammendrängen – in
paradiesischer Enge? in paradiesischer Weite? Ihr werdet zu lärmen
beginnen, wenn ich, konfus und verblendet, an der Schwelle erscheinen
werde: „Oleg, Oleg!“, werdet ihr schreien, „Hallo, komm her!“ Das war ein
Scherz selbstverständlich – wenn das Tor in der Mauer des himmlischen
Jerusalem sich öffnen wird, wird Finsternis sein, und Schimmern der
Sterne, und Flüstern der Wasser, und es wird weder euch noch mich noch
das Gärtlein mehr geben.

 

 

 

„Ich kenne in meinem Schreiben

von Gedichten zwei Grenzen sehr gut. Eine zwischen dem Jahr 1980 und dem Jahr 1981, seit dem ich richtige Gedichte schreibe. Das war eine (für mich und für die Menschen in meiner Umgebung) offensichtliche und ziemlich schnell und ziemlich qualvoll entstandene Mutation. Irgendwann stellte sich heraus, dass ich Gedichte auf die überall gebräuchliche Weise, d.h. durch Ausdrücken eigener Empfindungen, Gedanken und Vorstellungen mit dieser oder jenen technischen Beschlagenheit, einfacher gesagt, durch Selbstmitteilung, nicht mehr schreiben konnte und nicht mehr schreiben wollte. Ich fing an, das Schreiben von Gedichten als Mittel aufzufassen, den mich umgebenden Raum zu erweitern. Nicht einmal mein Bewusstsein, sondern die objektive Welt. Ich fing an, Gedichte nicht als Nachrichten von jemandem an jemanden zu betrachten, sondern als Räume, die geschaffen werden. In die man hineingelangen und in denen man sogar wohnhaft werden und leben kann, die aber auch eine Weile leer sein können. Hauptsache, es gibt sie. Aus meiner Sicht hat ernsthafte Literatur keine direkte kommunikative Funktion (natürlich hat sie eine indirekte, aber diese hat alles Seiende).
Wenn man mich jetzt fragen würde, wozu ich Gedichte schreibe, würde ich das höchstwahrscheinlich viel einfacher ausdrücken: Ich schreibe Gedichte, um herauszufinden, worüber sie sind. Das ist sozusagen mein persönliches Interesse. Aber das ist eher eine Übersetzung der Vorstellung von der Erweiterung der Welt in die alltägliche Informationssprache.
Ebenjene ,Mutation‘ aus dem Jahre 1981 hat alles in meinem Leben verändert. Ich bin dem Schicksal unendlich dankbar dafür, dass das passiert ist, obwohl ich natürlich verstehe, dass ich es mit den ,vorigen Gedichten‘ deutlich einfacher im Leben hätte.“
„Und die zweite Grenze waren einige Jahre der neunziger Jahre, als ich fast aufgehört hatte, Gedichte zu schreiben […] Die Theorie war die folgende: Russische Dichter fallen um das Alter von siebenunddreißig Jahren herum (das Alter, in dem Puschkin starb) in eine gewisse Zone des Schweigens, eine Art Starre. Es scheint, daß die Quelle versiegt ist. Das ist nicht notwendigerweise mit einem völligen Nicht-Schreiben von Gedichten verbunden, aber meistens tritt dieses tatsächlich auf. Diese Pause, diesen schrecklichen Abschnitt aus einigen Jahren, in denen die Welt scheinbar verstummt ist, nicht mit dir redet und nicht auf dich reagiert, überlebt man unter Umständen schlicht und einfach physisch nicht, manchmal geht man aber auch als ein völlig anderer Dichter daraus hervor. Aber das Schrecklichste ist natürlich nicht zu warten, bis die Welt wieder mit dir spricht, und durch einen Willensakt anzufangen, ,Gedichte zu schreiben‘. Zu einem Vogel bekannter Art zu werden.“

Oleg Jurjew, Interviewauszug im Klappenplakat

 

Der Band von zeiten. ein poem

bildet den zweiten Teil der Poem-Trilogie des russischen Dichters Oleg Jurjew, die mit von orten. ein poem begann.
Der Frankfurter Autor entführt den Leser mit seinen ganz eigenen sprachlichen Streifzügen nicht nur durch bekannte Landschaften und Orte, sondern in nicht geahnte Gebiete und Gefilde.
Ausgestattet mit Plakatumschlag, der eine ausführliche Biografie sowie einen Interviewtext enthält.

gutleut verlag, Ankündigung

 

Beitrag zu diesem Buch:

Jan Kuhlbrodt: Zu Oleg Jurjew: Von Zeiten. Ein Poem
signaturen-magazin.de

 

Oleg Jurjew: „Wenn ,übersetzt‘, dann aus der Sprache des Orts und Moments ins Russische und ins Deutsche.“ Ein Interview von Maria Lipiskova mit Oleg Jurjew am 17.9.2010.

Ulrich Erler: Ein Gedicht fragt nicht, es kommt einfach

 

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Die Autoren Olga Martynova und Oleg Jurjew zum Thema „Finanzierung von Kreativität“.

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