Olga Martynova: In der Zugluft Europas

Martynova-In der Zugluft Europas

Wenn die Schatten wachsen und die Libellenflügel
sich den Fluß entlang strecken wie verlangsamte
aaaaaLichter,
schüttelt die Zeit unhörbar die Schellen und treibt
die Ziegen unter das Dach zum Abend… Und mit den
aaaaaSchatten
führt das Ticken der stillen Uhr ein Gespräch, und
aaaaaman hört nichts.

Oder
wenn es schon hell wird, und der Tee ist kalt, und der Wodka
hat seinen Geschmack aufgelöst im Licht vor dem Morgen,
schlägt sich ein schaler Abraum
unhörbar nieder… In dem Gespräch
flüstert die Angst mit dem Ticken der stillen Uhr.

Alles, worin das unhörbare „Es ist Zeit“ hervortritt,
beginnt wie der Prolog eines nicht gezeigten Schauspiels auszusehn,
wenn das Stück schon gelesen ist, das Spiel
mit den Röcken raschelt und man niemandem grollen kann,

doch kann man noch trödeln, den kaltgewordenen Tee noch trinken,
und man kann sich noch einen Chinesen vorstellen,
der sich vorfindet jenseits der Großen Mauer,
die sich vorfindet als nicht aus Stein gefügt, sondern Zeit,
und kann deutlich erblicken, wie seine schlichten Träume
gleiten durch die unsichtbaren Falten,
die dem Ticken der stillen Uhr gleichen.

(Übersetzung: Elke Erb und Olga Martynova)

 

 

Editorische Notiz

Olga Martynova wurde 1962 in Dudinka bei Krasnojarsk in Sibirien geboren. Sie wuchs in Leningrad (St. Petersburg) auf und studierte dort am Pädagogischen Institut russische Sprache und Literatur. Seit 1991 lebt sie in Frankfurt am Main. Anfang der achtziger Jahre, als eine freie Literatur in der Sowjetunion undenkbar erschien, gründete sie in Leningrad zusammen mit ihrem Mann Oleg Jurjew, mit Dmitry Sachs und Valery Schubinsky Kamera Chranenija (auf Deutsch etwa „Aufbewahrung“) – eine Dichtergruppe, eine poetische Strömung, ein Verlag und bis heute ein Internetprojekt. Der Almanach Kamera Chranenija war Samisdat, Untergrundliteratur, und in der Tat zur „Aufbewahrung“ von Texten gedacht.
Wichtige Anreger waren für Olga Martynova und ihre Freunde die Oberiuten, eine avantgardistische Dichtergruppe der zwanziger und dreißiger Jahre um Daniil Charms, der 1942 in einem Gefängnisspital verhungert ist. Die Oberiuten, letzte Vertreter der russischen Moderne, formulierten gern provokativ und entdeckten für sich das Potential des Absurden. Ihr Denken und Dichten war – ähnlich wie bei Dada – ein kompromissloser Aufbruch in den „Unsinn“.
Olga Martynovas Gedichte sind bildkräftige, selbstreflexive, nicht leicht verständliche Gebilde, ein Kaleidoskop aus Metaphern. Die Dichterin bevorzugt historische und mythologische Sujets, besingt Städte und Länder Europas, schlägt gelegentlich auch kritische Töne an, das historische Erbe als Last empfindend. Europa ist ihr ein „Flickenumhang“, unter dem die Menschen nackt erscheinen:

In der Zugluft Europas stehend,
hat unsere Erzählung keine Stimme.

Auch die Sprache, „der Falter mit dem Hinkeflügel“, zeigt sich als ein verletztes und zerbrechliches Gerüst. Doch immerhin gibt es noch den „Flügelschlag der Vogel-Harfe“, die „in die Zweige gehängt“ wurde.
Die Lebenssituaition zwischen zwei Ländern und Sprachen fördert Nähe, erzeugt aber auch Distanz, Fremdheit des Blicks. Nach wie vor schreibt Olga Martynova ihre Gedichte auf Russisch. Doch ist sie in der deutschen Sprache so weit heimisch geworden, daß sie seit einigen Jahren Rezensionen auf Deutsch verfasst und sich als Vermittlerin zwischen der deutschen und der russischen Literatur begreift. Eine Auswahl ihrer Besprechungen erschien 2003 unter dem Titel Wer schenkt was wem. Zusammen mit Elke Erb hat sie einen Großteil ihrer Gedichte ins Deutsche übertragen, so 2001 die Auswahl Brief an die Zypressen. 2006 veröffentlichte sie gemeinsam mit Jelena Schwarz Rom liegt irgendwo in Russland. Zwei russische Dichterinnen im lyrischen Dialog über Rom.
Auch die im vorliegenden Band versammelten Gedichte wurden zu einem beträchtlichen Teil von Olga Martynova und Elke Erb übersetzt. Die übrigen Übertragungen entstanden 2003 in der Edenkobener Lyrikwerkstatt Poesie der Nachbarn und erschienen erstmals in dem von Gregor Laschen und Hans Thill herausgegebenen Band Leb wohl lila Sommer. Gedichte aus Russland (2004).

Michael Buselmeier, Nachwort

 

Über dieses Buch

Olga Martynovas Gedichte sind bildkräftig und selbstreflexiv. Die Dichterin bevorzugt historische und mythologische Stoffe, besingt Städte und Länder Europas, schlägt manchmal auch kritische Töne an.
Anfang der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als eine freie Literatur in der Sowjetunion undenkbar erschien, gründete Olga Martynova zusammen mit Oleg Jurjew und anderen Kamera Chranenija (deutsch „Aufbewahrung“) – eine Dichtergruppe, eine poetische Strömung, ein Verlag und bis heute ein Internetprojekt. Der Almanach Kamera Chranenija war Samisdat und in der Tat zur „Aufbewahrung“ von Texten gedacht. Europa ist der 1962 in Sibirien geborenen russischen Dichterin ein „Flickenumhang“:

In der Zugluft Europas stehend,
hat unsere Erzählung keine Stimme.

Ola Martynova lebt seit 1991 in Frankfurt/M. Ihre Gedichte schreibt sie nach wie vor auf russisch. Zusammen mit Elke Erb hat sie einen Großteil der Texte dieses Bandes ins Deutsche übertragen. Die übrigen Übersetzungen entstanden 2003 in der Edenkobener Übersetzungswerkstatt Poesie der Nachbarn und erschienen zuerst in dem Band Leb wohl lila Sommer. Gedichte aus Rußland (2004).

Verlag Das Wunderhorn, Ankündigung

 

Liebe und Erkenntnis

– Olga Martynova ist schreibend in zwei Sprachen zuhause. –

Olga Martynovas Gedichtband In der Zugluft Europas beginnt mit den Versen:

So seltsam in der Zugluft Europas zu stehn.
Die Spalten in diesem Raum dichtet niemand zu.
Der vierblättrige Wind, der Klee rollt
Nach dort, nach hier den Tau auf die unnötigen Träume.

Erstaunlich, wie viel sich schon aus diesen ersten vier Gedichtzeilen über ihr Werk ablesen lässt: Die Verwunderung – „seltsam“ – darüber, auf diesem Kontinent zu leben, das Unbehauste dieses Aufenthalts (in der Zugluft steht niemand gerne), der Anspruch, es mit diesen Leerstellen und blinden Flecken aufzunehmen, die mit all dem zusammenhängen. Diese Leerstellen erscheinen hier als „Spalten“, sind also nicht nur im Sinne von Ritzen lesbar, die es gegen Zugluft abzudichten gilt, sondern – und hier erkennt man die Vielschichtigkeit von Martynovas Sprache – auch als „Spalten“, wie sie in einem Text, einem Buch zu füllen, zu (be-)dichten sind. Wie beunruhigend, aber eben auch beruhigend, dass „niemand“ sie ganz „zudichtet“, dass immer weiter gedichtet wird und werden muss. Dass der „vierblättrige Wind“, der aus jeder Himmelsrichtung wehen kann, zu Klee wird, sich in einer Pflanze materialisiert, ist ein eindrückliches Bild: Das ganz Große, das Elementare des Windes wandelt sich in etwas sehr kleines: in Tau, der bekanntlich glitzert und die „unnötigen Träume“ berührt, tränengleich, perlengleich, und damit diese „unnötigen Träume“ gleichermaßen tröstet wie adelt.
Vier Verse (von insgesamt zwölf) eines Gedichts sollen genügen, sich der Kunst dieser Autorin zu nähern und gleich auf einen weiteren Aspekt im Werk der 1962 in Dudinka geborenen, in Leningrad aufgewachsenen, heute in Frankfurt am Main lebenden Olga Martynova zu sprechen zu kommen: Es handelt sich bei dem zitierten Gedicht um eine Übersetzung aus dem Russischen, der Sprache, die die Autorin nach wie vor für die Lyrik wählt, während sie für die Prosa das Deutsche verwendet.  Sind diese Verse der Gegenbeweis für die vielzitierte Behauptung von Robert Frost:

I could define poetry this way: it is that which is lost out of both prose and verse in translation?

Vielleicht, denn wenn schon in der Übersetzung dieser Verse so viel zu entdecken ist, wie mögen sie erst im Original klingen, worauf (an-)spielen? Oder waren hier außerordentlich begabte Übersetzer am Werk, die tatsächlich alle semantischen Schwingungen aus dem Russischen herübergerettet haben?
In dem Zitat ist das Gregor Laschen, an anderen Texten von In der Zugluft Europas haben auch Gerhardt Czejka, Sylvia Geist, Sabine Küchler, Hans Thill und Ernest Wichner mitgewirkt. Und Elke Erb, Lyrikerin und Freundin der Autorin, die auch für die Übersetzung von Von Tschwirik und Tschwirka mit Olga Martynova zusammengearbeitet hat, jenem Band, dessen Erscheinen im Jahr 2012 zeitlich zusammenfiel mit der Verleihung des Klagenfurter Bachmann-Preises, den Martynova für den Text „Ich werde sagen: Hi!“ zugesprochen bekam, jener Auskoppelung aus dem 2013 erschienenen Roman Mörikes Schlüsselbein. Dass die deutschen Übersetzungen ihrer Gedichte so geist- und bedeutungsreich bleiben, hat wohl insbesondere damit zu tun, dass sie selbst daran mitwirkt.
Von Tschwirik und Tschwirka ist übrigens der titelgebende Zyklus des Gedichtbandes, der im zeitlichen Umfeld von Martynovas Debütroman Sogar Papageien überleben uns, also 2010 entstanden ist. Dessen Hauptfiguren, Marina und Andreas, tauchen in Martynovas zweitem Roman Mörikes Schüsselbein wieder auf. Was kompliziert klingt, ist eine weitere Besonderheit von Martynovas Schreiben, das kontrolliert und anarchisch ist und dessen Figuren, Motive und Fragen durch die einzelnen Bücher weiterwandern. Im Grunde ist es gar nicht so „tschwirik“ zu begreifen, wenn man erst einmal damit begonnen hat, sie zu lesen. Man wird die vielfältigen Bezüge auf das eigene und das Schreiben anderer nicht unbedingt alle entschlüsseln können, aber bemerken, dass sie da sind, dass es ein ganz besonders bezugs- und anspielungsreiches Schreiben ist, das „in der Zugluft Europas“ vieles empfängt, was dann literarisch produktiv wird.
Olga Martynova, Tochter eines Journalisten und einer Laborantin, studierte in Sankt Petersburg, damals noch Leningrad, russische Literatur und begann früh, Gedichte zu schreiben. Mit neunzehn lernte sie ihren Mann Oleg Jurjew kennen, ebenfalls Lyriker und Romancier. Das Paar begann zusammen zu arbeiten, während der Perestroika unter anderem für einen deutschen Radiosender. 1990 kamen die beiden im Zuge eines Autorenaustauschs nach Deutschland und blieben hier. Neben Gedichten entstehen seither Radiobeiträge, Kritiken und Essays für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, etwa die Neue Zürcher Zeitung und Die Zeit, vornehmlich über russische Dichter. Viele von ihnen, etwa Ossip Mandelstam oder Joseph Brodsky, spielen in ihrem Werk eine Rolle, wenngleich in Martynovas Schreiben sich die „Zugluft Europas“ auch in Form zahlreicher Bezüge auf nichtrussische Autoren wie Paul Celan, Emily Dickinson, Johann Wolfgang von Goethe, Eduard Mörike ausmachen lässt. In Martynovas Auseinandersetzung mit der russischen Literatur wird man auch aufmerksam auf das mit dem Unsinn so innig sich verbindende Schreiben der „Oberiuten“ um Daniil Charms, die in Von Tschwirik und Tschwirka und in Sogar Papageien überleben uns eine zentrale Rolle spielen. In deren Schreiben erkennt die Autorin, so scheint es, etwas von dem, was Paul Celan in seiner Büchnerpreis-Rede als „die für die Gegenwart des Menschlichen zeugende Majestät des Absurden“ bezeichnet hat.
Dass die Texte der „Oberiuten“ heute überhaupt noch existieren, beruht auf Glück und Zufall: „Wir kennen ihre Texte nur, weil einer von ihnen, der Philosoph Jakow Druskin, im belagerten Leningrad beinahe verhungert, sich eines Tages zur Wohnung des verhafteten Charms begab und dessen Archiv auf einem Kinderschlitten zu sich nachhause brachte. Er hätte auf dem Hin- und Rückweg unter den deutschen Bomben sterben können, oder am Hunger, wie mehr als eine Million Einwohner in Leningrad, oder er hätte verhaftet werden und das Schicksal seiner Freunde teilen können“, bemerkt Martynova in einem Essay. Fast alle Dichter, die sich zu den „Oberiuten“ zusammengetan hatten, starben: Daniil Charms verhungerte 1942 im Gefängnisspital, Alexander Wwedenskij starb 1941 beim Häftlingstransport, Nikolaj Olejnikow wurde 1937 verhaftet und erschossen. Es kommt, und auch davon spricht Martynovas Schreiben, eben auf Glück und Zufall an. Und auf das, was jemand zu tun bereit ist für andere oder im Dienst der Kunst, auf das, was jemand findet, schätzt, bewahrt oder rettet.
Es ist dieses Wissen um das Singuläre, das Unersetzliche, und es ist die kluge und phantastische Kombinatorik von Zufälligem und Absicht, die Olga Martynovas Schreiben ebenfalls bestimmt. Was sich auf der Handlungsebene ihrer Romane zuträgt, ist so schnell zusammengefasst wie nichtssagend: In Sogar Papageien überleben uns trifft die Russin Marina in Deutschland während eines Forschungsaufenthaltes ihren deutschen Geliebten wieder, in Mörikes Schlüsselbein überkreuzen sich zwei Familiengeschichten, eine deutsche und eine russische. Die Bezauberung liegt im bereits erwähnten Aufladen der Worte mit Bedeutungen und in den Gängen durch die (Literatur-)Geschichte und die Zeit. Beliebig geht die Autorin dabei aber nie vor, wie sich an folgendem Beispiel zeigt: In Mörikes Schlüsselbein, jenem Roman über das untergründige Netz, das die Literatur durch die Zeit hindurch webt und für dessen Wirken Mörikes Schlüsselbein steht, das er in einer mystisch-phantastischen Transformation gegen dasjenige Hölderlins ausgetauscht hat, denkt Moritz, ein junger Mann, der Schriftsteller werden will, über Folgendes nach:

Hätte Adam Eva geliebt, hätte er anders reagiert, als sie ihm sagte: „Schau, eine Frucht. Schmeckt auch. Koste mal, hat mir ein Kerl von nebenan gegeben.“ Was tat Adam? Er kostete, klar, warum nicht. Er war nicht wählerisch und aß alles, was sie ihm auftischte. Hätte Adam Eva geliebt, hätte er sich gefragt: „Von was für einem nebenan bekommt meine Frau Geschenke?“ – „Eva“, hätte er gesagt, „bring das Ding sofort zurück und sprich nie wieder mit dem Typen von nebenan.“ – „Mensch“, hätte Eva gesagt, „er ist so ein netter, ein Engel von einem Wurm!“ „Wurm?!“, hätte Adam gesagt. Und er hätte den Feind erkannt und erschlagen.

Auch Olga Martynova würde beileibe nicht „in jeden Apfel beißen“, den man ihr hinhält. Sie unterscheidet messerscharf, fragt nach, legt, wie das Zeitflussweib in Sogar Papageien überleben uns, sich überlagernde Bedeutungs- und Zeitschichten frei. Die Dichterin gewinnt ihre Erkenntnis aber nicht nur aus der Intelligenz, die aus all ihren Texten hervorblitzt, sondern eben auch aus Liebe. Liebe und Erkenntnis fallen, anders als in der Genesis, nicht nur in dieser Szene, im Moment des Erzählens, in eins. Martynovas Schreiben lebt ganz grundsätzlich aus dieser glücklichen und nicht nur in der Literatur höchst seltenen Konjunktion. Nicht zufällig trägt ein früher Essayband von Olga Martynova den Titel Wer schenkt was wem. In ihrem Werk werden sozusagen dauernd (nicht nur intertextuelle) Geschenke freudig entdeckt, vorsichtig ausgepackt, dann aber sorgfältig untersucht und nur nach bestandener kritischer Prüfung und Verwendung durch die Autorin weitergereicht. Dadurch bewegt sich etwas, im Schreiben der Schenkenden, aber auch in den Köpfen der von ihr Beschenkten.
Zur Zeit lebt Olga Martynova als 52. Stipendiatin der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung in Calw. Am Sonntag, 26. Juli wird sie um 11.15 Uhr im Saal des Hesse-Museums aus ihrem Roman Mörikes Schlüsselbein lesen und sich im Gespräch vorstellen.

Beate Tröger, literaturblatt.de, Juli/August 2015

Die Perspektiven der Produzenten

Gespräch mit Olga Martynova, 28.6.2013

Anja Utler: Frau Martynova, was bedeuten Lesungen für Sie? Ist der Vortrag Ihrer Gedichte Ihnen wichtig, oder ist er etwas Sekundäres?

Olga Martynova: Das ist etwas absolut Wichtiges. Und zwar auch während des Schreibens. Ich muss mir alles laut vorsagen, jede Zeile. Ich glaube, das machen alle, die Lyrik schreiben. Der Ursprung der Lyrik ist Vortrag und Gesang, und man darf das nicht trennen. Obwohl ich selbst ein Büchermensch bin. Der geschriebene und der gedruckte Text sind für mich sehr wichtig. Vielleicht lese ich sogar lieber, als dass ich etwas höre; obwohl ich auch gerne höre. So genau kann ich das gar nicht sagen. Und wenn ich zum Beispiel Prosa schreibe, sage ich auch jeden Satz laut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese beiden Dinge getrennt werden.

Utler: Wie ist das beim Schreiben? Schreiben Sie etwas, das Sie schon hören, oder entwickelt sich der Klang durch das Tun?

Martynova: Das ist unterschiedlich. Beides, glaube ich. Ich denke, der Klang ist überhaupt das Wichtigste in einem Gedicht. Wenn der Klang nicht stimmt, kann auch alles andere nicht stimmen. Die Priorität ist die Musik – nun ja, Musik ist hier kein gutes Wort. Die Prosodie, das Prosodische ist die Hauptsache in einem Gedicht. Ob das Gedicht gelungen ist oder nicht, hängt für mich davon ab, ob es diesen Klang hat oder nicht hat. Diesen Klang, den ich mir von ihm wünsche und den ich mir auch in den Gedichten von anderen wünsche. Ich glaube, für diejenigen, die Lyrik schreiben, gibt es die Frage, ob man ein Gedicht versteht oder nicht versteht, überhaupt nicht. Denn es existieren andere Gesetze und andere kognitive Wege, wenn man ein Gedicht spricht. Und ich glaube – das gehört vielleicht nicht zum Thema – aber ich glaube, der größte Fehler eines Lesers ist, wenn er ein Gedicht oder auch Prosa, denn das gilt auch für Prosa, verstehen will. Wenn er glaubt, dass er etwas unbedingt zu verstehen hat. Genau das stört am meisten beim Begreifen. Ich glaube, wenn man sich von dieser Vorstellung befreit, wird man sofort viel mehr begreifen. Und ich habe ja gesagt, dass ich lieber lese als höre, aber wenn ich Gedichte der anderen lese und dabei nicht im Zug bin, sondern zu Hause, dann lese ich mir diese Gedichte auch laut vor, egal, von wem sie sind.

Utler: Ist es eine Art musikalisches Verständnis, das man dann von Lyrik hat? Oder meinen Sie, es ist ein emotionales Verständnis, wenn Sie sagen, es ist ein anderer kognitiver Prozess?

Martynova: Beide Wörter, glaube ich, sind nicht ganz genau. Denn Musik ist eben Musik. Zum Beispiel kann ich, wenn ich schreibe, keine Musik hören, das stört, das ist eine andere Musik – obwohl ich Musik sonst sehr gerne höre und liebe. Also weder noch. Es ist etwas anderes, eine andere Logik.

Utler: Gibt es einen anderen Begriff, der Ihnen einfallen würde?

Martynova: Bestimmt, aber ich muss mich sehr konzentrieren. Falls es mir jetzt nicht einfällt, werde ich quälend daran weiterdenken. Kennen Sie denn jemanden, der einen Vorschlag hätte? Oder haben Sie einen?

Utler: Eigentlich nicht.

Martynova: Auch nicht.

Utler: Nein. Es ist eben sehr schwierig zu fassen, in diesen Kategorien und Adjektiven. Sie sprechen ja auch in Ihrem Buch Von Tschwirik und Tschwirka von der „бессмыслица“ („bessmyslica“). Ist diese Art von Unsinn oder Nonsense, wie Sie es nennen, ist das ein integraler Bestandteil von Lyrik generell oder nur von Ihrer Lyrik, in diesem Buch?

Martynova: Beides. Ich glaube, völlig unsinnige oder absurde Texte gibt es nicht. Wir können sie so nennen, aber das ist rein technisch, damit wir sie irgendwie einstufen. Ich glaube nicht an unsinnige Texte. Warum ich speziell von „бессмыслица“ („bessmyslica“) spreche: Für Vvedenskij und Charms war das tatsächlich ein Erkenntnismittel. Und ich glaube, dass das auch ein Versuch war, das Bewusstsein abzuschalten. Mit sehr ähnlichen Zwecken, wie das tausende Menschen täglich in Fernost machen, sie sitzen stundenlang und versuchen, das Bewusstsein abzuschalten. Wozu macht man das? Bekanntlich erreicht man dadurch den Zustand der Erleuchtung. Und ich glaube, es ging Vvedenskij und Charms um ganz ähnliche Dinge, ihre Themen waren diese berühmten unangenehmen Dinge, zu denen Buddha gewirkt hat, Zeit, Tod und Glück, Alter, Krankheit, all die Unglücke, die die Zeit mit sich bringt. Vvedenskij sagt, die Zeit und der Tod sind seine Themen. Er war auch mit Charms unzufrieden, weil der sagte, weder Zeit noch Tod interessieren ihn wirklich. Ich glaube, dass es in jedem Fall auch im westlichen Denken diese Tradition gibt, diesen Versuch, das Gefängnis des Bewusstseins zu durchbrechen. Und Lyrik, glaube ich, hat damit viel zu tun.

Utler: Sie sagen auch, Sie schreiben Ihre Lyrik deswegen auf Russisch, weil Sie da schneller sind. Das klingt für mich beinahe so, als sei die Lyrik etwas, das im Kopf sowieso abläuft und das man sozusagen erhaschen muss.

Martynova: Ja, ja. Das war auch bei einer Diskussion zwischen mir und Elke Erb zur Übersetzung des Buchs ein Thema, oder auch Peter Waterhouse hat das einmal gesagt, dass Lyrik zu schreiben ohnehin Übersetzen bedeutet. Man übersetzt etwas, das in einer Dimension ist und bringt es in eine andere. Und ich habe gesagt, dass es zwei Meinungen gibt: Die eine Meinung besagt, dass Denken und Sprache dasselbe ist, dass man in Wörtern denkt. Und die andere Meinung ist, dass man denkt und dann muss das, was man denkt, mit Wörtern gefasst werden. Ich bin natürlich der zweiten Meinung. Deshalb muss man auf das achten, was aus diesem Unbewussten befreit oder gezogen werden kann. Und da muss man dann tatsächlich aufpassen und ganz schnell die Wörter bringen, die passen. Das befreit das Denken. Das hilft. Ich glaube, Menschen, die Lyrik lesen, können besser denken, weil sie dort andere Muster finden. Sonst hat man vielleicht einen wunderbaren, genialen Gedanken, aber in dem Moment, wo der Gedanke diese Schwelle passiert, bekommt er die falsche Kleidung, und es kommen ganz banale Sätze. Deshalb glaube ich, dass Lyrik überhaupt für das Denken sehr hilfreich ist.

Utler: Glauben Sie, dass dieses Denken, aus dem man dann übersetzt, dass das selbst bereits eine rhythmische und lautliche Struktur hat?

Martynova: Das weiß ich nicht. Kann sein. Wahrscheinlich, ja. Sehr wahrscheinlich.

Utler: Sie arbeiten mit Elke Erb als Übersetzerin zusammen. Wie ist es, wenn Sie Ihre Gedichte dann auf Deutsch hören? Haben Sie dann den Eindruck, das sind dieselben Gedichte in einer anderen Sprache, oder ist das dann noch einmal etwas anderes, Neues?

Martynova: Erstaunlicherweise sind sie für mich tatsächlich dieselben Gedichte. Ich kann mir das selber nicht erklären, aber so sehe ich sie.

Utler: Liegt das daran, dass Sie an der Übersetzung mitarbeiten?

Martynova: Ja, ich glaube ja. Denn ich habe sehr gute Übersetzungen von anderen, sehr guten Kollegen gehabt, mit denen ich nichts zu tun hatte. Das sind gute Übersetzungen, und ich freue mich sehr, dass ich diese Übersetzungen auch habe, aber dieses Gefühl, dass das dieselben Gedichte sind, habe ich dort nicht.

Utler: Liegt das dann auch an der lautlichen Arbeit, die Sie in diese Texte stecken – denn die sind lautlich ja sehr stark strukturiert. Sie sagen zwar selber, es kommt auf den Reim nicht unbedingt an, aber generell sind die Übersetzungen doch sehr genau durchkomponiert.

Martynova: Wahrscheinlich. Vor kurzem hatte ich eine Lesung in einer Schule, und in jeder Schulklasse gibt es mittlerweile jemanden, der Russisch kann. Dort war ein Mädchen, das gemerkt hat, dass auf Russisch das eine Wort steht und auf Deutsch ein ganz anderes. Und sie hat gefragt, warum. Und die einzige Erklärung war, dass das aus lautlichen Gründen so ist. Es ging um Saatkrähen, und das Wort musste irgendwie entfernt an die Schreie von Saatkrähen erinnern. Ich habe gesagt, dass Elke und ich in diesem Fall bei der Übersetzung natürlich die Freiheit haben, das eine Wort durch ein anderes aus lautlichen Gründen zu ersetzen. Aber sonst ist das immer ein großes Problem. Ich sage immer, die Übersetzung des Raben von Edgar Allan Poe ins Russische ist eine Katastrophe, weil dieses „nevermore“ im Russischen mit „никогда“ („nikogda“) nicht funktioniert. Aber im Deutschen, mit „nimmermehr“, ist das natürlich ein Glücksfall. Im Russischen gibt es verschiedene Versionen, manche Übersetzer lassen das einfach auf Englisch stehen, weil „никогда“ nicht stimmt. Aber hätte Poe die Möglichkeit, dem russischen Übersetzer zu sagen, bitte, nimm einen anderen Vogel, mach etwas, damit es funktioniert, dann könnte man vielleicht eine Lösung finden. Man könnte vielleicht statt einem Raben einen Uhu nehmen und dann nach dem richtigen Wort suchen.

Utler: Sie wollten Ihre Gedichte lieber nicht selber auf Deutsch vorlesen. Warum? Ist das einfach nur zu anstrengend für Sie oder –

Martynova: Nein, nein. Natürlich nicht deshalb. Ich lese die Prosa immer selber auf Deutsch. Die einfache Regel ist: Was man selbst geschrieben hat in einer Sprache, kann man auch selbst lesen. Aber ich glaube, ich verletze zu viele phonetische Gesetze, wenn ich Lyrik lese. Das funktioniert einfach nicht.

Utler: Aber die russischen Texte zu lesen, ist das etwas, das Ihnen, einfach gesagt, Freude macht?

Martynova: Oh ja, ja. Das ist immer ein Glück. Naturgemäß passiert das hier nicht so oft wie in Russland, und ich freue mich immer, wenn ich die Gedichte auf Russisch lesen kann.

Utler: Ja. Als ich mich auf die Lesung heute vorbereitet habe, habe ich gemerkt, dass der Artikulationsvorgang, den diese Verse produzieren, etwas richtiggehend Lustvolles war. Dieser Artikulationsvorgang ist so stark modelliert, es ist ein freudiges Ereignis, etwas so Gestaltetes auszusprechen. Ist das im Russischen für Sie ähnlich, dass es eine Mundfreude ist?

Martynova: Ja, natürlich, ja. Und eben, wenn eine Zeile keine Freude macht beim Aussprechen, schreibe ich weiter daran. Denn man schreibt ja keine Gedichte, um etwas mitzuteilen. Man schreibt Gedichte wie Wesen, wie Lebewesen. Und ich glaube, das funktioniert nur lautlich.

Utler: Ist das dann eine Art spielerischer Freude für den sprechenden Körper?

Martynova: Bestimmt, ja.

Utler: Haben Sie es schon mal gehört, dass jemand Ihre Gedichte auf Deutsch gelesen hat und Sie dachten, das ist jetzt aber falsch, das sind nicht mehr meine Texte?

Martynova: Nein. Mir gefällt es immer, alles, erstaunlicherweise.

Utler: Haben Sie es auch schon von Schauspielern vorgelesen gehört?

Martynova: Ich glaube, nur einmal. Das war eine sehr, sehr gute Schauspielerin, Lena Stolze. Und sie hat das sehr gut gemacht. Nein, zweimal. Aber das zweite war keine Schauspielerin. Sie sagt selbst, dass sie keine Schauspielerin ist, sondern eine Sprecherin, Birgitta Assheuer in Frankfurt. Und sie liest Gedichte wunderbar. Sie kann tatsächlich jedes Gedicht lesen. Und das wird wirklich keine Schauspielerlesung, absolut nicht. Denn eigentlich ertrage ich das sehr schlecht, wenn Schauspieler Gedichte lesen. Vielleicht gab es noch etwas, und ich habe das verdrängt.

Utler: Alle Dichter, mit denen ich bisher gesprochen habe, haben das gesagt: Dass Schauspielerlesungen etwas sind, das sie schwer ertragen können. Können Sie das eingrenzen, woran das liegt?

Martynova: Ja, weil sie den Sinn betonen. Weil sie aus einem Gedicht eine Mitteilung machen, was das Gedicht eben nicht ist. Daran, natürlich.

Utler: Wenn wir nun noch kurz über die Rezeption sprechen. Würden Sie sagen, es ist ein vollständiger Rezeptionsvorgang, mit dem Sie als Dichterin auch zufrieden sind, wenn jemand Ihre Texte nur hört? Oder wünschen Sie sich, dass die Gedichte danach dann noch gelesen werden?

Martynova: Eigentlich ist es mir egal. Beides ist gut, und beides zusammen ist gut. Aber wenn das eine oder andere allein ist, ist es genauso gut. Niemand bekommt von einem Text zu einhundert Prozent das, was in dem Text ist. Jeder bekommt sowieso nur eine Facette. Das ist bei uns allen so, wenn wir lesen. Das, glaube ich, ist nach einiger Zeit sogar so, wenn wir die eigenen Texte lesen. Das ist eigentlich egal, was jemand mitbekommt.

Utler: Wie ist das mit der Prosa? Ich nehme an, Sie lesen viel aus Ihren Romanen. Ist das anders? Haben Sie da das Gefühl, wenn Sie aus einem Roman vorlesen, das sei unvollständig und müsste in einem lesenden Rezeptionsvorgang dann noch ergänzt werden?

Martynova: Ich weiß es nicht. Ich glaube tatsächlich, wenn wir für einen Text alles gemacht haben, was man tun kann, dann ist der Klang schon auch im Geschriebenen. Und ein geübter Leser wird diesen Klang auch mitbekommen. Wenn ich Prosa schreibe, muss ich mir tatsächlich auch jeden Satz vorsagen, damit ich weiß, ob er stimmt oder nicht stimmt. Also ist es schon da. Aber das ist unglaublich schwierig zu sagen. Wenn ich Prosa lese, sagen Menschen manchmal, das war sehr schön zu hören, ich habe mehr verstanden als davor. Manchmal sagen Menschen aber auch, ich habe akustisch praktisch nichts verstanden, aber gut, ich habe es gelesen oder werde es lesen. Ein paarmal habe ich in einem Saal gelesen, wo die Akustik so schlecht war, dass die Leute praktisch nichts verstanden haben. Ich bin wegen des Akzents auf die Akustik sehr angewiesen. Und eben da haben erstaunlicherweise die Leute sehr, sehr viele Bücher gekauft. Sie haben gekauft, um dann doch einen Eindruck zu bekommen.

Utler: Sie haben gespürt, da ist etwas, und sie wollen es noch –

Martynova: Ja.

Utler: Ist es denn so, wenn Sie Gedichte vorlesen, dass das immer gleich ist? Oder haben Sie den Eindruck, das hängt sehr stark auch vom Raum ab, vom Publikum, von der Atmosphäre, von Ihrer Tagesform?

Martynova: Ja, sehr. Ich glaube keine Lesung war gleich, jede Lesung ist anders.

Utler: Was ist dann da anders? Ist es die Stimme oder nur die Empfindung?

Martynova: Die Stimme. Ich bin sehr, sehr abhängig von meiner Stimme. Ich kann von meiner Stimme vorher nie sagen, sie ist so oder so.

Utler: Bekommen Sie beim Lesen was mit vom Publikum? Gibt es da eine Wechselwirkung?

Martynova: Ich glaube schon, aber das kann auch täuschen. Ich hoffe ja, aber ich sage das vorsichtig, denn das kann man nie wissen.

aus Anja Utler: „manchmal sehr mitreißend“. Über die poetische Erfahrung gesprochener Gedichte, transcript Verlag, 2016

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum
shi 詩 yan 言 kou 口

 

 

Olga Martynova – Dichter im Porträt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.