orte-Verlag

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Theo Breuer: Im Delta der Lyrikverlage

EIN BILD

Dieses Insekt: Im Flug stehend
Stichelnd

Gegen verwitterten Fels – das
Namenlose. Wie leid

Einem da (angesichts dessen)
Die Wörter tun.

In Lauter letzte Worte, dem 1980 von Karl Corino bei Suhrkamp herausgegebenen Gedichtband von Dieter Leisegang (1942-1973) lese ich dieses vortreffliche Gedicht. Stets treffen wir beim modernen Dichter auf das Mißtrauen gegenüber den Wörtern (Robert Musil: „Das Wort ist bloß das Siegel auf einem lockeren Pack von Vorstellungen“) und das Vertrauen in die Dinge, das W.C. Williams gleichsam als dichterisches Dogma verkündete, denn die Dinge sind es, die dem Gedicht seine Vorzüge verleihen, nicht Idee, Reim oder Rhetorik. Ein Dichter, bei dem Williams viel Eindruck hinterlassen hat, ist Walle Sayer, der mit Vreni Merz und Michael Kohtes das Autorentrio von Zeitzünder 5 – Drei Gedichtbände in einem (1990) bildet. Die Reihe Zeitzünder erscheint im Schweizer orte-Verlag und basiert auf der Idee, das Gedicht aus dem berühmten Elfenbeinturm zu befreien. Poeten und Poetinnen scheuen sich nicht, gemeinsam aufzutreten, selbst, wenn es Preisträger sind, wie es im Klappentext heißt. Michael Kohtes hat seinem Gedichtband das Motto „Doch niemals habe ich das, was ich schreibe, in dem gefunden, was ich liebe“ von Paul Eluard vorangestellt, das getrost für die ganze Reihe in Anspruch genommen werden darf, denn „Gedichte, die herausfordern, die mit- und gegeneinander im Clinch liegen“ will der orte-Verlag als positive Provokationen in Umlauf bringen. In der Zeit nach 2000 habe ich etliche neue Bücher aus Werner Buchers Verlag gelesen, die ich erneut höchst interessant finde. Einen Endorphinschub bewirkt die Lektüre von Virgilio Masciadris Wegen Marianne (2002), dessen Tonart mich ohne Umschweife an- und dessen Botschaft mir – wie im folgenden Gedicht – tief aus der Seele spricht:

EINFÜHRUNG IN DIE LITERATURTHEORIE

Heute morgen in der Zeitung (warum
muß es Feuilletons geben reichen nicht
Haupt- und Staatsaktionen und der Bildbericht
vom Jodlerabend vom Dienstag?) zwei ganze Spalten
über die neuere Lyrik
welche dadurch gekennzeichnet sei
daß sie in Überschuß oder Verknappung
der Worte (schreibt
der gelehrte Germanist) Ausdruck
sei für die wachsende
Skepsis gegen die Sprache / ich Armer
der noch zu wissen meint
was Amsel heißt oder Pneu oder einfach
Gegenwart Gottes (schmerzlos sind wir
von gestern)

aaaaaaaaaaaFussnote
Als Zenon seinen
Beweis geführt hatte stand
Sokrates auf und
ging davon.

Im Frühling 2003 verbrachten meine Frau Birgit und ich eine Woche in Werner Buchers und Irene Bossharts [Irene ist als Lebensgefährtin und rechte Hand des Verlegers aus der – auf der Höhe der Zeit nach 2000 angesiedelten orte-Verlagsstruktur – nicht wegzudenken. Unter anderem bräche Buchers und meine in erster Linie per E-Mail geführte Korrespondenz ohne Irenes Unterstützung vollständig zusammen, gell Werner?!] appenzellischem Holz- / Wirts- / Haus mit Blick über den Bodensee. Dort erst habe ich erfahren, was „knarren“ wirklich bedeutet. Unvergessen bleiben jene ungewöhnlich warmen frühen Apriltage nicht bloß wegen der verschiedensten Schweizer Käsesorten von der Alm und anderer Spezialitäten, mit denen wir verwöhnt wurden, während wir Elvis aus der ROCK-OLA lauschten und (nicht nur!) über Probleme der Lyrik debattierten, diskutierten, disputierten. Werner Bucher setzt sich konsequent und kompromißlos für die Außenseiter bzw. unerkannten Stimmen in der Lyrikwelt ein. In der bibliophil ausgestatteten Reihe „fund-orte“ können Sie wahrhaftig Funde machen, die anderswo unmöglich wären: das zweisprachige (deutsch-spanische) Buch Hans Leopold Davi, Ein Reisepass für das Wort (2000) oder den 1996 publizierten Band Im Falle eines Falles (vom Ross), dessen Autor Bill Offermann ist. Wer, bitteschön, ist Bill Offermann? 1935 in Düren-Birkesdorf [Ein Bücherpaket mit Gedichtbänden und Romanen von Werner Bucher, Jon Durschei und Bill Offermann, das die Chefsekretärin des orte-Verlags, Irene Bosshart, aus dem Appenzeller Land an mich in die Eifel schickte, wurde als verfängliche Sendung vom Zoll abgefangen. Das Zollamt in Düren (!) liegt über 50 Kilometer von meiner Sistiger Wahlheimat entfernt. Ein Anruf beim Zollamt führte zu vermehrtem Streß. Man meinte, eine Anreise von 50 Kilometer sowie ein Urlaubstag seien nicht zuviel verlangt für eine zollamtlich erfaßte Paketsendung. Nein, es sei unmöglich, die Sache auf telefonischem Wege zu klären. Ich sprach von staatlicher Schikane, wofür der unzugängliche Zollbeamte wenig Verständnis aufbrachte. Als ich das Paket persönlich in Düren abholte, beschied mich eine freundliche Mitarbeiterin (die am Tag des Anrufs frei hatte), das hätte man doch ohne weiteres telefonisch klären und anschließend auf dem Postweg befördern können. Nun denn. Übrigens: Als die freundliche Dame das Paket inspizierte und die Lyrikbände achtlos beiseite legte, rief sie plötzlich begeistert aus: „Oh, ich liebe Kriminalromane, aber Jon Durschei kenn ich nich!“, wollte aber keinesfalls einen Krimi als kleines Geschenk annehmen, wodurch sie sich angenehm von einer Reihe deutscher Fußball-Schiedsrichter unterscheidet.] – am Rande der Eifel – geboren, verschlug es ihn nach dem Krieg in die Schweiz, wo er mit der Zeit das Lesen und Schreiben regelrecht verlernte. Werner Bucher, der das schöpferische Talent Offermanns erkannte, ermunterte den verwunderten Bill Offermann zum Schreiben von haikuähnlichen Dreizeilern, mit denen schließlich ein ganzer, durch und durch gelungener Band gefüllt wurde:

Ich soll mich ändern
Hab aber keine Lust dazu
Höchstens versuchen

Mit Jürgen Stelling verbindet Werner Bucher eine jahrzehntelange Freundschaft, die ihren literarischen Höhepunkt in dem gemeinsamen (dialogischen) fund-orte-Buch Kandidaten im Schatten der Liebe (1996) fand. Jürgen Stellings Lyrikband Fremde Zimmer (2000) führt uns in die verschiedensten Hotels und Pensionen, in denen der reiselustige Autor im Laufe der Zeit abgestiegen ist. Wir sehen, nicht nur Raoul Schrott schreibt über Hotels (Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1998). Sehr empfehlen möchte ich noch das Gedichtbuch des zu Unrecht vergessenen Alexander Xaver Gwerders Wenn ich nur wüßte, wer immer so schreit, das 1978 in der blauen Reihe erschien. Spitze. Das soll’s aber noch nicht gewesen sein. Bitte lesen Sie in Sistiger Favoriten, Tür zum Meer und anderen Kapiteln weiter über Werner Bucher, die Zeitschrift orte sowie andere Autoren aus dem orte-Verlag.

Erschienen in: Theo Breuer – Aus dem Hinterland, Edition YE, 2005

Fakten und Vermutungen zum Autor und Buch + Würdigung
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