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Werkausgabe – ein seltsames Geschehen. Denn auftauchen kann mir das Wort mit dem Hautgout von Deskomposition und Starre ja nur bei lebendigem Leibe; das macht die Sache prekär und mein Räsonieren darüber mit Verlaub unseriös.
Andererseits ist einem so mit 75 ja daran gelegen: der Opusgedanke geistert mir längst und nicht erst seit den ersten runden Jahrestagen, wie sie in eingespielt nuancierten Dosen einem dann doch immer wieder zur Verblüffung erstmalig widerfahren, durch den Kopf. Und länger, sowieso, bereits durch diese Spielregeln der Texte, die immer wieder, wie sich rückblickend herausstellt, in beklemmendem Tempo die noch verbleibenden offenen Möglichkeiten besetzen, dies und jenes zunehmend ausschließen und als Engführung, wenn es gut geht, etwas, was mehr als ein Ausweg ist, virulent, also fruchtbar halten und machen. Ja, diese Bündelung in Buchprojekte (Projektbücher) ist schon in gewissem Sinne vom Werkgedanken und seinem Experimentieren mit Archivsystemen in Szene gesetzt. Wucherungen, Wildwuchs, Knötchenbildung – das organische Wortarsenal, mit dem ich die Ungeplantheit und. gleichzeitige Stringenz bedenke, mit der die Projekte in eine schließlich irreversible (biographische) Reihenfolge geraten, ist natürlich uralter Zaubertrick, Beschwören & Bannen.
Daß ich nun freiwillig in diese leichtsinnige Lage geraten bin, mir für den Beginn einer Werkausgabe (der, genau besehen, noch gar nicht der für später gedachte Band Eins mit den allerersten Publikationen sein wird) selber ein Vorwort (Nachwort) zu überlegen, ist freilich auch ganz handfesten Abwesenheiten zu verdanken: die meisten der bis zirka Mitte der Achtziger Jahre erschienenen Gedichtbände sind längst nicht mehr greifbar; kleinere verstreute Publikationen ebenso. Ich wandle zur Zeit sehr defizitär durch sehr sporadische Lektüreerwartungen sehr etwaiger künftiger Leser – dem also abzuhelfen soll ich nun sukzessive wieder mit den insgesamten Gliedmaßen versehen werden. Darauf, solange ich dabei bin, freue ich mich.
Wie hier, beim Wiedersehen mit den Gedichtgedichten von 1973, noch einmal darüber, daß diese 1969-70 in Berlin in einem Schwung entstandenen kleinen Kunstmaschinchen, denn das waren sie (und zwar, wie ich vermute, radikalere als später sagen wir die Sestinen) dann sofort erscheinen konnten, als Klaus Ramm, damals noch Lektor in Darmstadt, sie zu Gesicht bekam – in der Reihe Typoskripte, die dem egalitären Impetus der mechanischen Schreibmaschine (Vor dem Anschlag sind wir alle gleich!) bestens entsprach; und dazu noch herrlich unpaginiert! Für mich ein Wurf, nur so geflutscht, und, wie ich später einsah, insgesamt ein Fazit all der Bukarester aufgestauten Form-Inhalt-Realismus-usw-Fruste, -diskussionen und -miseren; nun, denke ich, war ich tatsächlich mit einer Eigenstimmlage in der Familie der Wörtlichnehmer angelangt, auch ohne die Cousinen und Onkels noch alle zu kennen.
Beiß nicht in die Birne (Südfunk Stuttgart 1971) und Reise um den Münd in 80 Feldern (WDR 1971) hießen meine ersten Hörspielproduktionen, in denen sich das Wort als Ohr der Kognition als Medium des Elixiers usw. oral zum Klingen und zum Klingeln brachte. Und auch die ersten paar Hörichte zum Buch, das 1975 dann bei Klaus Ramm selber In den Weingärten 13 in Lichtenberg erschien, waren quasi als gesprochene Verbindungstexte (oder Trennungspuffer) für die NDR-Sendung „Meine Schallplatten“, zu der mich Gisela Lindemann 1973 ins Studio nach Hannover eingeladen hatte, entstanden – noch vor dem Gedanken, daß daraus ein Buchprojekt werden könnte.
In der Fleischeslust (1976, wieder bei Klaus Ramm in Lichtenberg) war die organische Bereichlichkeit ja ziemlich naheliegend: ein Pendant zum Ohr mit anderen Sinnesmitteln anzurühren, ein Pseudokochbuch oder Falsches Traktat über Einverleibung, Peristaltik und Metabolismus von Lebensmitteln diversester Art vorzulegen, gewiß auch mit einigen sehr persönlich biographisch mir erwachsenen Hungerängsten aus den Lagerjahren durchsetzt; und ein paar Rezepturen dagegen.
An die Neue Aubergine/Zeichen und Plunder – 1976 bei Rainer Pretzell in der Berliner Werkstatt in Blei gesetzt, mit Pfeilchen hin und her und meinen Kugelschreiberzeichnungen bestückt (und ich kann sagen, ich bin bei der Herstellung dabei gewesen!): eine Art Ligurisches Tagebuch, leicht exaltiert aber noch keine Persiflage (die Aubergine als die „andere Heloise“) – Zurück zur Natur, liebe Achtundsechziger? Wahrscheinlich doch ein Irrtum! Als Text im Reißverschlußverfahren aber lesbar, die oberen Blöcke mit dem Rückverweis, der auch beim Überblättern ganzer Seiten immer stimmt: die unteren „finalgrotesken“ Zeilen mit kursivem Angebot, wie das dritte Ding da auf der gegenüberliegenden Seite (die Zeichnung) gelesen oder benannt werden könnte. Ein triadisches Modell insgesamt, und nimmt ja irgendwie den Rösselsprung der Wechselbälger und allerlei spätere Palindromie vorweg.
Ich stelle mir den weiteren Verlauf der Werkausgabe ähnlich vor: im Zustand einer relativen Vorläufigkeit (also lesbar und lesefreundlich) gehalten und gebündelt, ungefähr, durch die Chronologie der Publikationen, dabei ohne großes Tamtam um Zuordnungs- und Gattungsrivalitäten (Lyrik/Prosa, Übersetzung/Original, Graphik/Text, usw.) letztlich aber doch, leider, und wie sollte man es sonst lesen können, alles nur auf der dem Papier zugewandten Seite des Buches.
Oskar Pastior, Nachwort, Mai 2002
Rumänien, das Land, in dem Oskar Pastior im Oktober 1927 geboren wurde, und das er um die Osterzeit 1968 klandestin verlassen hat, brauchte lange, um sich mit einem der bedeutendsten Lyriker der deutschen Gegenwartsliteratur auszusöhnen. Im September 2000 war Oskar Pastior zu einer Lesung in seiner Geburtsstadt Hermannstadt (rum. Sibiu) eingeladen worden, und im gleichen Jahr hat die Fundaţia Culturală Română ihn mit einem ihrer Preise ausgezeichnet. Im März 2001 folgte dann die Universität Hermannstadt und verlieh dem Dichter und Übersetzer die Ehrendoktorwürde. Da hatte der jahrzehntelang Totgeschwiegene sich längst in zäh-sanftem Widerstand gegen die Prägungen durch die „dogmalaria“ seiner Herkunftsregionen eine in jedem Sinne eigene Biographie erschrieben und in die Grundlagen dieser Konstruktion die Freiheit der Selbstdefinition eingetragen. Wenn nun die Werkausgabe, anders als gemeinhin üblich, mit dem zweiten Band beginnt, mag der geneigte Leser die Entscheidung dazu auch als Ausdruck dieser Freiheit ansehen.
„im folgenden weigert sich der weigerer entschieden den exilstern zu tragen mit welchem recht einerseits so argumentiert er andererseits mit welcher schuld unvernünftig verschließt er die augen diese vaterlandslosen gesellen diese heimwehlosen melancholisten diese scham- und maßlos nüchternen“, liest man im Exiltext von 1973, in dem auch die Setzung „my home is my biography“ steht, die freilich auch in der Umkehrung ihre Gültigkeit bewahrt. Heim und Biographie sind gleichermaßen zu möblieren; und über die Anordnung der unverzichtbaren Dinge verfügt souverän der Bauherr.
Aufgabe des Herausgebers muß unter solchen Umständen sein, den Plänen zu folgen; die lange vergriffenen Gedichtbände Gedichtgedichte, Höricht, Fleischeslust und An die Neue Aubergine / Zeichen und Plunder in die von der Chronologie des Erscheinens vorgegebene Folge zu bringen, ihnen die in jenen Jahren verstreut erschienenen Texte, sofern sie keine Aufnahme in einen späteren Band fanden, hinzuzufügen und die Hörspiele für einen späteren Band der Werkausgabe aufzubewahren. Strebte man nämlich eine streng chronologische Synopsis des gesamten Werkes von Oskar Pastior an, so gelangte man zu Textschichtungen und Interferenzen, die spielend über die Grenzen von Typographie und Buchgestaltung hinausgingen. Wir stellen uns dieses Buch lediglich vor und verweisen neugierige Leser auf die von Klaus Ramm in dem Lesebuch Jalousien aufgemacht (1987) inszenierte Motiv- und Themensynopsis. Unser Spiel begnügt sich mit einfacheren Regeln: wenn Sie als Leser mitspielen wollen, müssen Sie noch erfahren, daß das schlanke Gedichtgedicht von Seite 9 in der hier wiedergegebenen Gestalt auf dem Umschlag des Bandes von 1973 stand, daß die drei Textstücke, die wir als Meine Schallplatten. Am Mikrophon Oskar Pastior präsentieren, zusammen mit weiteren Höricht-Texten das Sendemanuskript bildeten. Und daß die Zeichnungen im Auberginenbuch maßstabsgetreu reproduziert worden sind; zur Originaltreue fehlt ihnen nur das beigemischte Blau der Kugelschreiberminen von 1976.
Ernest Wichner, Nachwort
ist seit Jahrzehnten als einer der eigenwilligsten, produktivsten und sprachmächtigsten Dichter der deutschen Sprache berühmt. Jetzt, zu seinem 75. Geburtstag ist es an der zeit, dieses große, aber verstreute Werk zum ersten Mal in seiner ganzen Fülle zu präsentieren. Jetzt kann man schreiben was man will – der Titel des Bandes, mit dem die Werkausgabe nunmehr begonnen wird, ist Programm: Hier sind die Gedichtbände versammelt, von Gedichtgedichte bis Fleischeslust und An die Neue Aubergine, die der Siebenbürger Dichter in den siebziger Jahren schrieb, nachdem er aus Rumänien in den Westen übergesiedelt war und seiner Produktivität keine ideologischen Grenzen mehr gesetzt wurden. Eine Wiederentdeckung lange vergriffener Bände, ergänzt um Texte, die noch nie in Buchform erschienen sind.
Carl Hanser Verlag, Klappentext, 2003
Werkausgabe Band 2
Hübsch kommen sie daher, die in der Edition Akzente erscheinenden Bücher. In sanften Farben und weichem Papier. So auch der Band, mit dem die Werkausgabe des Dichters Oskar Pastior eröffnet wird. Dessen Inhalt allerdings bietet zum beschaulichen Gewand reichlich Kontrastprogramm: Jetzt kann man schreiben was man will, unter diesem Titel sind vier seit vielen Jahren vergriffene Veröffentlichungen Pastiors aus den 70er Jahren gefasst, Gedichtgedichte, Höricht, Fleischeslust und An die Neue Aubergine. Zeichen und Plunder. Was von Pastior zuvor erschienen war, in Rumänien und nach seiner Flucht 1967 in Deutschland, steht als Band 1 der Werkausgabe noch aus.
„Jetzt kann man schreiben was man will“ ist ein Zitat aus einem der etwa siebzig kurzen Stücke der Gedichtgedichte. Und bei diesen Stücken ist der Titel tatsächlich wörtlich zu nehmen – was bei der Pastior-Lektüre überhaupt anzuraten ist, zählt er sich doch selbst zur „Familie der Wörtlichnehmer“. Bei den Gedichtgedichten handelt es sich um Gedichte über allerlei mögliche sowie unmögliche Gedichte und Gedichtarten, beispielsweise das Leitartikelgedicht, das Druckfehlergedicht oder das durchsichtige Gedicht. Indem die „Gedichtgedichte“ sich diese nicht-existenten Gedichte zum Gegenstand machen, verkörpern sie sie zugleich: „die ornipse ist eine flatterhafte eigens für das LUSTIGE VOGELGEDICHT gemachte stilfigur“ lautet der erste Satz eines Textes, der anscheinend etwas über die rätselhafte Ornipse und vielleicht auch etwas über das Lustige Vogelgedicht sagen will. Der Eindruck, dass es sich um einen Sachtext handelt, wird dadurch verstärkt, dass die Zeilen nicht in Verse gegliedert sind, sondern in kompaktem Blocksatz dastehen. Es folgt nun eine Aufzählung der „handwerker unter den vögeln“: „der polir die spachtel der nußknacker der spengler der laubsauger […] die feldhaubitze der stieglhupf…“ Von diesen lustigen Vögel wird man kaum je woanders gehört oder gelesen haben als eben hier. Und schon folgt der knappe Schluss: „im LUSTIGEN VOGELGEDICHT erfüllt die ornipse eine nicht unwichtige funktion sie wird mit blei gelötet“. Es wird also noch genaueres über die Ornipse gesagt. Und nebenbei rundet dieser Satz das Gedicht mit einer Ellipse ab, einem Bogen der vom Ende zum Anfang geschlagen wird. Diese Ellipse wird nicht mit Blei gelötet, sondern verweist noch einmal auf die kaum zu fassende, da flatterhafte und eben drum im Vogelgedicht so passende Stilfigur.
Oskar Pastior, vor allem durch seine Lesungen zu Ruhm und einiger Berühmtheit gekommen, ist weniger Schrift- als vielmehr Hörsteller. Seine Gedichte wollen laut aufgesagt werden und sind deswegen eher Hörichte. Höricht. Sechzig Übertragungen aus dem Frequenzbereich heißt denn auch eine Sammlung von Texten, die alltägliche Wahrnehmungs- und Äußerungsmuster konsequent auf den Kopf stellt. Die Ich-zentrierte Perspektive, wie sie in Gedichten und gerade denen der 70er Jahre vorherrscht, wird zugunsten der Dinge der äußeren Welt verschoben und aufgelöst: „Im Bombay benannten Höricht bemüht sich ein wunderbarer Klangkörper, die Silhouette dieser Stadt dem Hörer vors geistige Auge zu bringen. Währenddessen erwächst vor dem geistigen Ohr dieser Stadt eine wunderbare Melodie.“
Pastiors Mut zum Kalauer („Effi, das Briest, liest bloß Krimis“) und seine Vorliebe für Definitionen („den rosasauren Zustand ungesättigter Flecken auf einem Löschblatt nennen wir Seele“) ziehen sich durch den Band Fleischeslust. Beherrscht wird er allerdings – zum Essen und Sprechen gibt es nur einen Ort – von der Verquickung der Wörter und der Nahrung im Mund. Die Hungerzeit, die Pastior während des Krieges in Rumänien und später im russischen Arbeitslager durchlebte, wird bei der Entstehung dieser Texte eine Rolle gespielt haben. Man spürt und hört „das Knurren einer Bauchnähmaschine“, die zum Ausgleich Wörter produziert. Auch in An die Neue Aubergine wird ein solcher, köstlicher Wortsalat angerichtet. Eine „Große Essigmutter“ tritt da auf oder eine „Grübelspeise, hin- und herflorierende“. Zum Hin- und Herspringen ist der Leser angehalten: Auf der linken Seite steht zuoberst jeweils ein Text(bruch)stück, das mit „derentwegen“ beginnt, am unteren Rand derselben Seite ein toastierendes Schnipsel, das jeweils mit „auf daß“ einsetzt. Auf den gegenüberliegenden Seiten finden sich Zeichnungen, die ebenfalls aus Pastiors Hand stammen und eingedellte, verbogene und zermatschte Figuren und Konstellationen darstellen, höchst vergnügliche Wesen und Gebilde, die in Beziehung zu den Satzfragmenten zu setzen nicht immer leicht ist. Aber es ist ein faszinierendes Spiel (bei dem „aber jede Behauptung ernst oder wörtlich zu nehmen ist“), eines, das die Lektüre anregt und das Lese-Auge schärft.
Pastiors Gedichte sind auf seltene Weise radikal. Aus seinen Wortkombinationen spricht eine Freiheit des Denkens, die in höchstem Maße poetisch und zugleich unermesslich welthaltig ist. Sie tritt mit unerschütterlicher Bestimmtheit auf und ist doch fern aller und jeglicher „dogmalaria“. „Fehlleistungen perspektivieren die Hoffnung“ heißt es an einer Stelle. Ein wahr oder falsch, ein ja oder nein oder pro oder contra gibt es nicht, nur eine Haltung gegenüber der Sprache, eine Bereitschaft, sich von sprachlicher Konditionierung freizumachen. Pastior treibt die Grenzen nach außen. „Grotesken spielen sich ab, wenn man so will, jedenfalls von übergeordneten Standpunkten aus“. Ist man allerdings bereit, den übergeordneten Standpunkt, den man als Leser automatisch einnimmt, zu verlassen, sich darauf einzulassen, das gängige Gefüge der Sprache aufzubrechen, dann wird man in diesen Gedichten ein seltenes Gefühl von Freiheit verspüren. Denn diese neue Freiheit muss sich erarbeitet werden, sie ist eine verdiente Freiheit. Sie wird dem Leser nicht als Bruch und Auflösung aller Konventionen vorgesetzt, sondern ihm verlockend und unpathetisch angeboten. So bewahren seine Gedichte den Reiz des Neuen, des Wunderbaren. Kein Korsett des Alltags und der Gewohnheit vermag sie einzufrieden: „ein Schwarm silberner Bedeutungsträger schwirrte hoch und kippte schwindelerregend hinab zum Meer“.
Tobias Lehmkuhl, satt.org
− Oskar Pastior, der diesjährige Träger des Georg-Büchner-Preises, ist der Vertreter einer einzigartigen Dicht-Kunst. −
Man nehme einen Band Pastior und schlage ihn an beliebiger Stelle auf. Ohne zu zögern, beginne man laut zu lesen, wohin das Auge führt. Das Staunen wird kein Ende nehmen. Was man zu begreifen meint, entzieht sich dem wörtlichen Nachfassen.
Probe aufs Exempel: Jetzt kann man schreiben was man will (Werkausgabe Band 2, Hanser 2003). Der Daumen macht halt auf Seite 185: „Das zweite falsche Gebiß ist eher sättigend. Es benötigt weder Kukuruzkolben, noch ein halbes Dutzend gewiegte Personen, noch anderthalb mal soviel Graupen.“
Wie bitte? Nach welchem Rezept wird denn hier gekocht? Nach Fleischeslust, wie schon der Titel dieser Art Texte besagt. Kochen einmal anders: Textkochen. Ein Metabolismus, der so nur der Poesie möglich ist, eben falscher Hase. Da ist es zur Metabasis nicht weit.
Infrasprache ohne System
Deshalb nun ein hingeblätterter Zufallsfund aus Minze Minze flaumiran Schpektrum (Band 3). Wir landen auf Seite 109, bei einem Gedicht mit dem Titel: „Latzomygon“:
Mi mitsch mig
Omykron
mi mitsch mig / phoran
Grom
phoran atzan Grom
Moize myon Gny
Mimozeron
phoran gyan Tom
Was ist da los? Abzählverse? Hören wir lesend eine phonetische Variante des Handspiels „Schnickschnackschnuck“?
Sind alle Wörter Eigennamen? Ist der Buchstabe ein Tier? Was hier wie dort anzitiert wird, was sich da wie hier kreuzt und in die fruchtbare Quere kommt, welche Metamorphosen da am Werke sind, welche Versteckspiele, und liest man genauer hin, futsch sind sie, die eben noch erkannten Anspielungen. Pastiors Webstuhl läßt oft gerade da System erkennen, wo gar keines ist, und umgekehrt. Und so ist auch das „Krimgotisch“, in dem „Latzomygon“ aus „Der Krimgotische Fächer“ verfaßt ist, gar keines, nämlich kein System und schon gar keins, dem eine stringente Grammatik zugrunde läge.
Eher hat jedes krimgotische Einzelgedicht eine eigene Infrasprache, die sich aus bestehenden Sprachen, aus Phantasiesprachen und kindersprachlichen Resten speist. Und wenn’s gutgeht, fallen Lesen, Hören, Verstehen, Deuten und Hervorbringen in eins. Damit spielt der Leser und Hörer das Pastiorsche Spiel nach, mit dem Unterschied, daß der Dichter immer einen Schritt voraus ist. Versteck mich, ich fang’ dich einmal anders.
Poesie und Poetik
Wer staunt? Der Text. Also weiter im Text. Es zählt nur die Genauigkeit. Die das freie Spiel der Nichtkontrolle, daß der Dichter einmal nicht weiß, was er da tut, ja nicht ausschließt. Diese Poesie kann man nur wortwörtlich wiedergeben. Ein idealer Kommentar dieser Poesie wäre ihre wortwörtliche Wiederholung.
Das ist auch gar nicht so abwegig, finden sich doch eine Reihe von Texten bei Pastior, die Poesie und Poetik in eins sind. Die sich, schön wär’s, selber lesen. Die eine Gebrauchsanweisung sind. Man mache das Exempel zur Probe. Bestens geeignet hierzu: Jalousien aufgemacht. Ein Lesebuch (Hanser 1987). Eines der schönsten Bücher, die ich kenne. Man liest es immer wieder. Und nie aus.
Aus dem Lesebuch folgender Aufschlag, symptomatisch:
Wo der Große Wosinn in den Kleinen Wannsinn mün-
det, dort ist es dann: Vollmond. Wo umgekehrt der
Kleine Wosinn in den Großen Wannsinn mündet: dann
eben nie. Wie Klein und Groß jetzt miteinander müssen!
Unterbrich es nicht, laß es laufen:
müssen! So ist es klar wie Espenlaub
Unablässig beschäftigter Lyriker
Kommentier es nicht, auch nicht den Wannsee, das zu erkennen ist doch Spießerfreude, ebenso dünn wie dieses
Espenlaub – ein Zitat:
Sahne und Silber, ein Wahnwitz. Und sie entleh-
nen sich, und wie sie sich entlehnen, schau, bis
auf die Schuh; klinisch sind beide im Boot. Mün-
den sie aber reihum mal darum mal dahin (,Schilf
im Rohr‘), so ist Schwan im Wind: hol rübel! Kein
Guckloch, wo der Wosinn seinen Wannsinn fände,
Kein Werder so versponnen, daß einer den anderen
zurücklehnt: beide sind einfach dort. Und erst der
Vollmond – nie dann. Ihn sieht man gründeln, bis
an die Knie. ’S ist Schilf im Rohr, setz übel!
Hier ist alles genau so, aber anders. Als hätte man es nie anders gehört. Und die Erinnerung, die uns ja immer einen Bogen spielt. Kannitverstan? Ja, dann eben „kantatensvirn“. Und wenn das nichts nutzt, „antikvarennst“. Oder wie wär’s mit „vintkanastern“? Jedenfalls kein „kantinenvrast“, obwohl auch das drin ist. Und damit ist beileibe noch nicht alles gesagt. Und über die Person Pastior schon viel, aber gar nichts.
Pastior ist unablässig beschäftigt. Mit neuen poetischen Konstellationen, die es in Bahnen zu lenken, und zauberhaften Fachsprachen, die es anzuverwandeln gilt. Er ist immer da, wo wir ihn nicht vermuten. Welimir Chlebnikow, Wilhelm Müller, Gertrude Stein oder Charles Baudelaire können so zu Fachsprachen werden, zu einem babylonischen Dschungel, durch den Pastiors Sprache einen neuen Weg bahnt. Poesie, das zeigt Pastior, ist immer der Zusammenschluß vieler Sprachen.
Literatur als große Familie
Methode? Klar, warum aber denn nur eine? Die Metaphorik der Naturwissenschaften in Betrieb nehmen, könnte so eine Methode sein. Oder die eigene Poetik im Gewande der Naturwissenschaften erscheinen lassen. Analogiezauber. Die Methode ist die Leiter, die man, angekommen, wegwirft, der Filter, das Ventil, die Ausrede, nie aber Selbstzweck.
Und noch den rigidesten Formzwang, dem Pastior sich unterwirft, definiert er um zu seiner eigenen Handschrift. Als Formkünstler ist er Wiederentdecker und Erfinder. Villanelle, Vokalise, Gimpelstift, Palindrom, Anagramm und Sestine sind nicht mehr ohne Pastior zu denken. Hier muß es heißen: Schlag nach bei Pastior.
Und zur Person immer noch nichts gesagt. Vielleicht soviel: Literatur, das ist für ihn eine große Familie. Seine poetischen Mitstreiter sieht er als Kollegen, die wie er alle am Strang der Poesie ziehen. Oskar Pastior ist das ungekrönte Haupt dieser Familie. Ein Wortschatzmagier mit verdeckter Hebebühne. Einer, dem man nicht ganz auf die Schliche kommt. Der mit Pfunden wuchert. Und jeder Text zeigt das. Und dieses Zeigen steigert den Text. Es läßt uns loslesen. Es macht uns ebenso agil. Da ist jemand in den ewigen Wortbrunnen gefallen. Und der Brunnen ist er selber. Er ist, der sich am Schopfe selber hinauszieht, wörtlich. Jetzt sag schon den Satz: Oskar Pastior ist ein Genie.
Michael Lentz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.5.2006
Alexander Müller: Ohne großes Tamtam
literaturkiritik.de, September 2003
Jochen Hieber: Die Suppe ist einmalig.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1987
Herbert Wiesner: Frauen-Bild-Beschreibungsschrift.
die tageszeitung, 20.10.1987
Hans Bergel: Vom Rückzug der Sprache auf sich selbst.
Siebenbürgische Zeitung, 31.10.1987
Hannes Schuster: Ein „Wörtlichnehmer“, der das Wörtlichnehmen ertragbar macht.
Siebenbürgische Zeitung, 15.11.1992
Bettina Knauer/Gunnar Och (Hg.): Oskar Pastior, 70.
Akzente, 1997
Herta Müller: Minze Minze.
Die Zeit, 17.10.1997
Jörg Drews: Eros & Callas?-: Ein Echo-Kollaps.
Süddeutsche Zeitung, 20.10.1997
Zsuzsanna Gahse: Schwitt, Schwitter, am Schwittersten.
Stuttgarter Zeitung, 20.10.1997
Harald Hartung: Jalousien aufgemacht!.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1997
Paul Jandl: Die Hosenträger der Erkenntnis.
Neue Zürcher Zeitung, 20.10.1997
Cornelia Jentzsch: Gimpelschneise in der Winterreise.
Berliner Zeitung, 20.10.1997
Dorothea von Törne: Der Meister der Wortlust.
Der Tagesspiegel, 20.10.1997
Ernest Wichner: Magier der Vernunft.
Frankfurter Rundschau, 20.10.1997
Thomas Krüger: hart pommern die fritten.
Die Woche, 31.10.1997
Thomas Kling: Die Ballade vom defekten Kabel.
Literaturen, 2002, Heft 10
Thomas Kling: Die glühenden Halden.
Frankfurter Rundschau, 19.10.2002
Nico Bleutge: Ein Verwandlungskünstler der Sprache.
Stuttgarter Zeitung, 6.10.2006
Michael Braun: Vom Sichersten ins Tausendste.
Basler Zeitung, 6.10.2006
Stephan Krass: Der Bauplan des Wortkörpers.
Neue Zürcher Zeitung, 6.10.2006
Michael Krüger: Schamane des Experimentellen.
Süddeutsche Zeitung, 6.10.2006
Michael Lentz: Er war der geliebte König der Poesie.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.10.2006
Christine Lötscher: Er verzauberte die Sprache und Menschen.
Tages-Anzeiger, 6.10.2006
Martin Lüdke: Aus dem Staub gemacht.
Frankfurter Rundschau, 6.10.2006
Peter Mohr: Ein Magier der Sprache.
Badische Zeitung, 6.10.2006
Lothar Müller: Der Zungenzwinkerer.
Süddeutsche Zeitung, 6.10.2006
Hubert Spiegel: Im Exil bei Freunden.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.10.2006
Sabine Vogel: Vom Sichersten ins Tausendste.
Berliner Zeitung, 6.10.2006
Richard Wagner: Der krimgotische König.
Der Tagesspiegel, 6.10.2006
Herbert Wiesner: Zauberspieler der Worte.
Die Welt, 6.10.2006
Max Glauner: Großer Wosinn, kleiner Wannsinn.
der Freitag, 13.10.2006
Christina Weiss: Seine Lust, seine List, seine Waffe.
die horen, 2006, Heft 224
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Oskarine ist ein Gedicht-Generator von Ulrike Gabriel, der auf den Gedichten von Oskar Pastior basiert. Jedes Gedicht spricht sich selbst – immer neu und mit der Dichter-Stimme.