Oskar Pastior: Mein Chlebnikov

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Oskar Pastior: Mein Chlebnikov

Chlebnikov/Pastior/ Pastior-Mein Chlebnikov

RÄTSEL, NEBEL, MANIE …

Eis-Echo, wiederhell, ist still. Ehre die Woche sie.
Zagbart, Schneemensch, Trabgast.
Ton tut not.
Reite, Tier!
Latz, mußt zum Stall.
Troff Seemann die Nelke talglatt, eklen Eid nahm es
aaaaafort.
Borg Mut, kotz Last, zahl Stocktum grob!
Husch! Lieb, Gras, Sarg, Beil, Schuh,
Nordachse, Zahn – naht’s Eskadron.
Hilf, Frosch! Schorf, Flieh!
Spring, Knirps.
Ton tut not.
Taub gurrt, Trutz zurrt, Trug baut,
Stille niest, Krummbeil, ob lieb murkst eine List,
schaut, Leckertrumm! Kuckuck murrt Röckeltausch.
Netze, Weh, Tote wetzen.
Renner,
trank die Ränder nie, ein Rednereid knarrt,
euere Schlafenge segne falsche Reue.
Geh, Welle! Steige Geist, Elle, Weg!
Spring, Knirps!
Rätsel, Nebel, Manie – nein, am Leben läßt er!

 

 

Oskar Pastior: Mein Chlebnikov. Masterbänder. Aufnahme im Literarischen Colloquium Berlin 1989.

Soundbox – Lesung: Oskar Pastior, Michael Lentz, Lutz Görner, Valeri Scherstjanoi am 4.7.199 9m Gasteig München.

 

 

Velimir Chlebnikov, 1885–1922,

gilt als herausragender Exponent

des russischen Modernismus, seine „transmentale Sprache“ war Zeitgenossen wie Majakowski und Burljuk und vielen späteren sprachalchemistischen Dichtern Inspiration. „Bei Chlebnikov“, schreibt Oskar Pastior im Nachwort, „reizte mich gerade die Unmöglichkeit, diesen Wortgebilden mit einer Sinn-Klang-Rhythmus-Übertragung beizukommen; die Herausforderung, seine Methode, die er als „Sternensprache“ universell theoretisiert, aber den Ableitungs-, Kombinations- und Flexionsmöglichkeiten der russischen Sprache entnommen hatte, auf die im Deutschen angelegten Möglichkeiten zu übertragen. Wahrig, Kluge, Dornseiff und andere Wörterbücher halfen mir, deutsche Stammsilbenfamilien zu durchforsten. Wirkliche Hilfe im einzelnen waren die Ko- und Tugendbolde meiner durch relative Mehrsprachigkeit, durch ein eklektisches Germanistikstudium und durch die Liebe zu barocker und experimenteller Literatur erworbene ,Aufweichung‘ des normativen Denkens – sie gaben mir den Mut zu Hochstapelei und Invention.“
„Was es zu übersetzen gilt“, schrieb Felix Philipp Ingold, „ist das Unübersetzbare, das was Benjamin das ,Sprachliche an der Sprache‘ genannt hat: das Poetische. – Die von Pastior praktizierte Art des Übersetzens entspricht nicht nur dem chlebnikovschen Konzept einer selbstorganisierenden ,hintersinnigen‘ Laut- oder Vogel- oder Sterne- oder Göttersprache, sondern auch Oskar Pastiors eigener Arbeit am ,Wort als solchem‘. Wenn Oskar Pastior von ,meinem‘ – also seinem – Chlebnikov spricht, verweist er damit nicht nur auf ein literarisches Erbe, sondern auch – darüber hinaus – auf eine eigenständige literarische Hervorbringung.“
„Mein Chlebnikov“ erscheint hier mit allen Texten von Oskar Pastior von und mit und zu Velimir Chlebnikov und den entsprechenden russischen Originaltexten sowie einer CD, auf der Pastior seine Übertragungen liest. Das Compact-Buch ist nach den Wilhelm Müller- und Charles Baudelaire-Bearbeitungen der dritte Band von Oskar Pastiors Wechselreden mit Kollegen in diesem Verlag.

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 2003

 

Paßt ins Ohr. Ein Wort zu Pastiors Chlebnikov

Wenn Oskar Pastior von „meinem“ – also seinem – Chlebnikov spricht, verweist er damit nicht nur auf ein literarisches Erbe, sondern auch, darüber hinaus, auf eine eigenständige literarische Hervorbringung. Denn um Chlebnikov in eine andere Sprache überzusetzen, genügt es nicht und ist es auch nicht möglich, Chlebnikov korrekt zu „übersetzen“; Chlebnikov zu dichten, heißt Chlebnikov fortzuschreiben in der Zielsprache – hier also im Medium des Deutschen. Eine derartige Fort-Schrift setzt, wenn sie denn adäquat sein soll, zweierlei Rücksichtnahmen voraus; zu berücksichtigen ist einerseits die lautliche, morphologische und syntaktische Eigengesetzlichkeit der Herkunftssprache, andererseits die von Chlebnikov speziell, vom russischen Futurismus generell praktizierte Methode einer transmentalen Wortkunst … Die von Patstior – frei nach Chlebnikov – praktizierte Art des Übersetzens entspricht, zumal im Hinblick auf die dabei angewandten Verfahren der Wortneubildung durch Kontamination oder Verschiebung sprachlicher Elementarteile, nicht nur dem Chlebnikovschen Konzept einer selbstorganisierenden „hintersinnigen“ Laut- oder Vogel- oder Sternen- oder Göttersprache, sondern auch Pastiors eigener Arbeit am „Wort als solchem“. Mein Chlebnikov – das besitzanzeigende Fürwort der ersten Person Einzahl bezeugt also auch die enge poetische Wahlverwandtschaft zwischen Dichter und Nach-Dichter; für diesen ist jener – ich zitiere Pastior! Oder zitiere ich Chlebnikov? – zu einem „Mögner, Ermöchtiger, Möglichmacher“ geworden, „den ich mag, den ich kenn, den ich möglich mach“. Indem Pastior einen neuen Chlebnikov „möglich macht“, ermöglicht der alte Chlebnikov auch einen neuen Pastior: „Dieser Möglichmacher, mein Ich.“

Felix Philipp Ingold aus dem Nachwort

„In liebeloher Zulieblichung“

− Oskar Pastior ,übersetzt‘ Velimir Chlebnikov. −

Wie ein „Freiheitsrausch“ sei „die Arbeit an und mit Chlebnikov“ gewesen, bemerkt Oskar Pastior im Rückblick auf seine Auseinandersetzung mit den Texten des russischen Futuristen: von den Übersetzungen für die 1972 von Peter Urban herausgegebene Chlebnikov-Werkausgabe bis zum 1997 im Pastior-Gedichtband „Das Hören des Genitivs“ gewissermaßen nachgereichten Text „getoengedroehn um den verstand“. Nun versammelt eine neue Publikation alle Texte Pastiors „von und mit und zu“ Velimir Chlebnikov sowie die entsprechenden russischen Originaltexte – nebst einer CD, auf der Pastior im O-Ton zu hören ist.
Der russische Naturwissenschaftler und Dichter Velimir Chlebnikov (1885-1922) zählt zu den Bahnbrechern der russischen Avantgarde, die am Anfang des 20. Jahrhunderts nichts Geringeres anstrebte als eine radikal neue, von Künstlern gestaltete und gelenkte Gesellschaft. Chlebnikov allerdings verknüpfte seine künstlerischen mit wissenschaftlichen Verfahren. Als Mathematiker suchte er unter anderem nach einer historischen ,Weltformel‘, mit Hilfe derer zukünftige Ereignisse berechnet werden könnten, und fand heraus, dass die Zahl 317 und deren Vielfache eine gewisse Regel-, also auch Gesetzmäßigkeit in der Abfolge geschichtlicher Vorgänge aufzeigen könne. Mit der gleichen verblüffenden Akribie und Experimentierlust widmete er sich als Dichter der Entwicklung einer transmentalen/transrationalen ,Weltsprache‘, die primär nicht bedeutungsbezogen sein sollte. Er operierte zunächst mit Wortstämmen, dann konzentrierte er sich auf Laute, nämlich auf die Konsonanten, deren „Wahrheit“, d. h. universell gültige Beschaffenheit, er mit mathematischen Begriffen und Zeichen zu erfassen und theoretisch zu begründen strebte.
Sein Schüler Wladimir Majakowskij bemerkte anerkennend, dass Chlebnikov „ein ganzes Periodensystem des Wortes“ geschaffen habe. Trotzdem sollte sein Werk, wie schon Majakowskij feststellen musste (vgl. Chlebnikov, Werke 1), ein Fall für ,Insider‘ bleiben: „Chlebnikovs Ruhm als Dichter ist unermeßlich viel geringer als seine Bedeutung. Von den hundert, die ihn gelesen haben, nannten ihn fünfzig einfach einen Graphomanen, vierzig haben ihn als Unterhaltung gelesen und sich gewundert, warum sie von all dem keine Unterhaltung hatten, und nur zehn (die Futuristen-Dichter, die Philologen des ,Opojaz‘) kannten und liebten diesen Kolumbus neuer poetischer Kontinente […] . Chlebnikov ist kein Dichter für den Gebrauch. […] Chlebnikov ist ein Dichter für Produzenten.“ Er starb wenige Monate vor der Gründung der UdSSR, zu deren Zeiten es ihn als Persona ingrata offiziell nicht gegeben hat.
Oskar Pastior begegnete Chlebnikovs poetischem Werk 1969, als Peter Urban auch an ihn appellierte, am Übersetzungsprojekt mitzuwirken – mit Ergebnissen, die wiederum bahnbrechend waren: sowohl für die Chlebnikov-Rezeption als auch für die literarische Produktion der beteiligten deutschen Autoren. Im Nachwort zu „Mein Chlebnikov“ hält Pastior fest: „An Chlebnikov – ich war gerade nach Berlin gekommen – reizte mich gerade die Unmöglichkeit, seinen Wortgeflechten mit einer Sinn-Klang-Rhythmus-Übertragung beizukommen – als Herausforderung, seine poetische Methode, die er als ,Sternensprache‘ universell theoretisiert, aber den Ableitungs-, Kombinationsund Flexionsmöglichkeiten der russischen Sprache entnommen hatte, auf die im Deutschen, anders angelegten Möglichkeiten zu übertragen.“ (S. 103 f.).
Die Lösungen, die Pastior findet, sind von Text zu Text verschieden und auch für den Leser/Hörer eine Herausforderung, da sich Pastiors Verfahrensweisen nicht ohne weiteres nachvollziehen lassen. Etwas müheloser ist ein Zugang zu jenen Texten zu finden, in denen er wie Chlebnikov mit Wortstämmen experimentiert, wie „lach“ im Text „Allerleilach“: „ich bin zum Verlachen ins Lachen verlacht, ins lache Gelächter über lacherlei Lachnis“ (S. 49); oder „mach“ im Text „MSatz „. „Macht mag Macht, Macht macht Macht, Macht macht Macht möglich, Macht macht machtmachende Macht möglich, Machthaber mächtig. Die Mächtigeren. Entmachtende Macht. Entmachtung?“ (S. 61). Der umfangreichste Text, der von einem Wortstamm ausgehend morphologische und syntaktische Möglichkeiten sprachschöpferisch umsetzt, trägt den Titel „Lieb-Satz“ und füllt etwas mehr als drei Druckseiten: für „Liebler liebhaftiger Erliebnisse. – Ad libitum.“ (S. 51). Am Rande sei hier eine ebenso bezeichnende wie skurrile, von Majakowskij überlieferte Anekdote wiedergegeben: Chlebnikovs sechsseitiger, „lieb“-Text konnte nicht veröffentlicht werden, weil in der Provinzdruckerei das L nicht reichte!
Relativ einfach auszumachen ist auch die Palindromstruktur, die Pastior in „Rätsel, Nebel, Manie…“ vom entsprechenden Chlebnikov-Text übernimmt: „Ton tut not. […] Spring, Knirps,!“ (S. 71); oder Chlebnikovs theoretische Erklärung des L, mit der Pastiors „Protokoll vom El“ unter anderem operiert: „Das Lot im Schnürlregen und im Rinnsal. / El als der Weg eines Punkts aus der Höhe, / aufgehalten im Wall einer Fläche. / Die Sohle, das Fleisch, die Plane, das Land.“ (S. 13). Doch bleiben für den Leser/Hörer so manche „fragen an den ergaenzenden verstand“ offen – „sinnsinn in, jedwedem binding / sinn ist ein anderer / – als was?“ (S. 9 1). Unbenommen bleibt hingegen jedem der Spaß, sich anhand von Pastiors Texten an jene Sprach-Freiheit heranzutasten, die jenseits unserer allzu begriffsstutzigen bzw. begriffsschwangeren Alltagsgepflogenheiten zu entdecken ist: „in liebeloher Zulieblichung“ sozusagen.

Edith Konradt, Siebenbürgische Zeitung, 30.11.2003

Sein Chlebnikov

− Über Oskar Pastiors klangvolle Interpretationen eines Gründers der Moderne. −

Überaus dankenswert ist die Neigung der Ein-Mann-Institution Urs Engeler, Editor, in seiner Buchreihe zur Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ Nachdichtungen zu bringen – und unter diesen vermehrt Neu-Übersetzungen von Dichtern, deren OEuvre, ist es einmal ins Deutsche transponiert, allzu schnell ein gültiges Gesicht erhält. Wie Musik und Theaterstücke leben auch Gedichte in jedem neuen Durchgang neu auf, sie von einer Sprache in eine weitere zu übersetzen belebt sie umso mehr. Geschieht dies in mehreren Stimmen, kann im Leser ein Eindruck davon entstehen, wie groß die Spielräume der Übersetzer und wie freisinnig das Original sein mag.
Im Falle von Velimir Chlebnikov war das in dem Sinne Beste schon 1972, zu seinem 50. Todestag, geschehen: Bei Rowohlt erschien die Gesamtausgabe, worin Peter Urban die fähigsten Dichter und Philologen seiner Generation den Wegbereiter der russischen Avantgarde ins Deutsche bringen lässt, darunter auch Pastior. So erhielt – und das ist ein seltener Glücksfall in der Praxis des Übersetzens – jeder Chlebnikov-Text mehrere Interpretationen, von streng interlinearen, kommentierten Versionen seiner um die Semantik der Wortwurzel spielenden Sprach-Auslotungen bis hin zu deutschen Entsprechungen dieses Verfahrens, die mit dem im Russischen entstehenden Sinn nichts mehr gemein haben.
Pastior gehörte freilich zu jenen Extremisten, auf die letztgenannte Charakterisierung zutrifft: Als „Oulipote“ macht er sich die Spielregel zu eigen, um in seiner Sprache selber zu spielen. Die Auseinandersetzung mit den Verfahren Chlebnikovs ist allerdings ernsthaft, so ernsthaft, dass Chlebnikov in Pastiors Poetik-Vorlesungen regelmäßig den Ehrenplatz erhält. Als ehemaliger Zwangsarbeiter in der Sowjetunion ist der deutschsprachige Siebenbürger ja im Russischen unfreiwilligerweise bewandert – anders als im Italienischen, mit dem er aus Petrarca pastiarke Bastarde fabrizierte. Das macht aus Seinem Chlebnikov Unseren Chlebnikov – einen Besessenen, der, wäre seine Sprache deutsch gewesen, geschrieben hätte wie Pastior ihn schreibt.
Die neue Ausgabe würdigt Pastiors Chlebnikov-Leidenschaft, in dem hier sämtliche „Übersetzungen“ und andere Arbeiten zu Chlebnikov versammelt, vom Autor kommentiert und mit einer CD versehen sind, worauf Pastior seinen Chlebnikov liest. Die russischen Originaltexte, die in Urbans Ausgabe bei Rowohlt leider fehlten, enthält der Band auch. Der Essay von Felix Philipp Ingold wertet das private Verhältnis Pastiors zu Chlebnikov auf recht verständliche Weise noch auf.

Ute Eisinger, literaturkritik.de, Nr. 1/Januar 2004

Futurist und Sprachmagier

− Oskar Pastior über Velimir Chlebnikov. −

„Von hundert, die ihn gelesen haben, nannten ihn fünfzig einfach einen Graphomanen, vierzig haben ihn als Unterhaltung gelesen und sich gewundert, weshalb sie von all dem keine Unterhaltung hatten, und nur zehn, die Futuristen-Dichter und die Philologen der Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache, kannten und liebten diesen Kolumbus neuer poetischer Kontinente…“ schrieb Majakovskij 1922 in seinem Nachruf auf den früh verstorbenen Velimir Chlebnikov und befand: „Chlebnikov ist kein Dichter für den Gebrauch. … Chlebnikov ist ein Dichter für Produzenten.“
Peter Urban folgte Majakovskijs Diktum, als er Anfang der siebziger Jahre eine zweibändige Ausgabe mit Werken und Schriften Chlebnikovs herausbrachte und damit den Dichter erstmals deutschen Lesern vorstellte: Er ermunterte Gedicht- „Produzenten“, Chlebnikov ins Deutsche zu übertragen. Oskar Pastior, nach eigener Definition „Selbstschreiber“, steuerte damals 27 Nachdichtungen bei, die nun der Basler Verlag Urs Engeler Editor mit den russischen Originalen zu einem Band zusammengefasst hat. Beigegeben ist eine CD, denn – „Chlebnikov kann man nicht lesen.“ – wie schon Majakovskij schrieb. Nun kann man ihn hören, mit Oskar Pastiors Stimme.
Mein Chlebnikov hat Pastior seine Nachdichtungen genannt und „sein“ ist der russische Dichter in mehr als einem Sinne: Chlebnikov, der Futurist und Sprachmagier, gehört zweifellos zu Pastiors poetischen Ahnen. Nachdichtend hat sich Pastior den großen Russen zu eigen gemacht, denn übersetzen im traditionellen Verständnis lässt er sich nicht: Chlebnikovs futuristische Dichtung lotete den Reichtum der russischen Sprache in nie dagewesene Tiefen aus, sie ist Sprachschöpfertum und Spracherforschung zugleich. Magie und Wissenschaft schießen in ihr zusammen; sie war es, die Linguistik und Literaturwissenschaft epochale Impulse verlieh – man denke nur an die Formale Schule, die ihre ersten Instrumente an ihr schliff, oder an den Strukturalisten Roman Jakobson, für den Chlebnikov schlicht der „größte Dichter des Jahrhunderts“ war.
Chlebnikov, von Hause aus Mathematiker und Biologe, befreite die Sprache vom Ballast der Bedeutung, ihn interessierte das „Wort als solches“, sein Klang, seine Beschwörungsqualitäten. Er führte die Wörter auf ihren Ursprung zurück, auf Wortwurzeln, die vielleicht einmal am Beginn der Sprache gestanden haben. Ein archaischer Fundus, Urwörter, aus denen unter Einsatz der gewaltigen Produktivkräfte der russischen Sprache mit ihren Ableitungs-, Kombinations- und Flexionsmöglichkeiten neue Schöpfungen einer zukünftigen Sprache entstanden, „Gneis und Genesis“, wie Pastior sagt, Splitter einer allumspannenden „Sternensprache“, von der Chlebnikov träumte.
„Invokation, Nominierung, Beschreibung und Beschwörung, Appell“, beschreibt Pastior in einer Nachbemerkung Chlebnikovs Erfindung und seine Nachschöpfung: „Der Name warnt vor sich selber und seinesgleichen wie vor seiner Aussprechbarkeit, starrt gebannt in den Zeitflug, den er markiert – mein „feurott“ ist mot à mot der „_ar-bog“ Chlebnikovs, dem das G ins Verbum („go“ – troll dich“) ausgelagert wurde … Aus dem Zeitpunkt „jetzt“ entstehn die personifizierten „jezzen“, aus „nun“ ihre finster personifizierte Art und Weise. Und das geopferte G in seiner widerspäuzigen Häufung wird als Gamma gleichzeitig zur Nummer 3 im griechischen, zur 4 im kyrillischen wie zur 7 im lateinischen Alphabet, siehe Glutenkiste oder Gelsenkirchen. Lautes Menetekel einer Neo-Neon-Zukunfts-Zuckung.“
Soweit Oskar Pastior bei seinem Versuch, „nachträglich dem Vorgang des Übersetzens auf die Spur zu kommen“. Leider unternimmt er solche Analysen bei sehr wenigen Gedichten, und so bleiben seine poetologischen Rezepturen weitgehend unter Verschluss. Einen Blick in seine sprachalmimistische Werkstatt gewährt der Dichter aber doch: Geradezu anrührend beschreibt er, dass ihm vor über 30 Jahren, als er sich für Peter Urbans Chlebnikov-Ausgabe rüstete, eine gründliche „semantisch-etymologisch-syntaktische Textanalyse“ an die Hand gegeben wurde, in der eine Zeile des Dichters oft eine ganze Seite beanspruchte: „Sie struktural zu entziffern war schon spannend: was da alles innerhalb des Russischen passiert; und was das Deutsche, wenn auch anders, aber analog dazu, an Wort- und Syntagmen-Neubildungsmodalitäten bereithalten könnte, sollte, müsste…“
An Chlebnikov, schreibt Pastior, habe ihn „gerade die Unmöglichkeit, seinen Wortgeflechten mit einer Sinn-, Klang-, Rhythmusübertragung beizukommen“ gereizt. Pastior ist ihnen beigekommen – mit analogen Schöpfungen eigenen Rechts, Gedichten „nach“ Chlebnikov. Geholfen hat ihm dabei, neben deutschen Wörterbüchern, seine Mehrsprachigkeit, ein, wie er schreibt, „eklektisches“ Germanistikstudium und wohl auch die Tatsache, dass er den Klang des Russischen noch im Ohr hatte – ein Relikt der vier Nachkriegsjahre, die der in Siebenbürgen geborene Dichter in sowjetischen Arbeitslagern verbrachte. Auch in diesem Sinne könnte man Pastiors Äußerung verstehen, die „Arbeit an und mit Chlebnikov“ sei für ihn „stellenweise wie ein Freiheitsrausch“ gewesen.

Brigitte van Kann, Deutschlandfunk, Büchermarkt, 8.1.2004

Überschreiten, nicht übersetzen

Gedichte sind ihrer Natur gemäss nur schwer in andere Sprachen zu übersetzen. Das fremde Idiom zerbricht zwangsläufig ihre Einheit von Form und Inhalt. Im Falle des futuristischen Poeten Welimir Chlebnikow (1885–1922) erweist sich diese Schwierigkeit gar als Unmöglichkeit.
Chlebnikow hat eine eigene lautmalerische „universelle Sternensprache“ kreiert, die sich allen Übertragungen aufs Entschiedenste entzieht, weil sie selbst den Inhalt negiert. Sie will einzig Form sein, konkret: russischer Wortlaut. Gerade dies jedoch hat den aus Rumänien gebürtigen Dichter Oskar Pastior gereizt. Er wollte Chlebnikows „Wortgeflechten mit einer Sinn-Klang RhythmusÜbertragung „ beikommen, die dessen Poesie im Kern, nicht im Sinn trifft. Nicht Translation, sondern Transgression: Überschreitung ist daraus geworden.
Das Ergebnis, der Band „Mein Chlebnikow“, trägt zu Recht das besitzanzeigende Fürwort im Titel. Pastiors Variationen sind Nachdichtungen, in denen sich die eigene poetische Kraft ausdrückt. Im Extremfall wächst die Aneinanderreihung von wenigen ausgesuchten Worten bei Chlebnikow zu einem seitenlangen Furioso an, in dem Pastior „eine alchemistische, mikrosynthetische, sozusagen ,hüpfende‘ Strategie des somnambulen Findens relationaler und vektorialer ,Offerten‘ im Deutschen“ realisiert. Nun, beim lauten Lesen klingt das lustvoll anspielungsreich, es entwickelt sich schnell ein eigentlicher Leserausch: am schönsten beim wunderbaren „Protokoll vom El“. Es sei deshalb empfohlen, den Band erst selbst laut zu lesen und danach die beigelegte CD einzulegen.
Zur eigenen Stimmung fügt sich bestens Pastiors leichter slawischer Akzent, der Chlebnikows Texte unterschwellig wieder in die Nähe ihres russischen Wortlauts rückt.

Beat Mazenauer, Der kleine Bund, 31.1.2004

Irres Getoengedroehn

− Zwei seelenverwandte Dichter und die vielen Ableitungs-, Kombinations- und Beugungsmöglichkeiten der Sprache: Oskar Pastior und Velimir Chlebnikov. −

Das El. Ihm fallen Elfen ein, Elche, Lessing. Diese „Ver-El-lichung“, den „El-Gewinn“, die „El-Kraft im Lautleib des El“ hat der herausragende Letternforscher und Sprachartist Oskar Pastior bereits vor dreißig Jahren protokolliert. Er schreibt: „Chlebnikov spricht, während ich dolmetsche, von den El, den leichten Leli.“
Anlass des Dolmetschens war ein Projekt, das Peter Urban, Übersetzer, Herausgeber und Essayist, Ende der Sechzigerjahre anging und mit dem er das anthologische Prinzip, das üblicherweise Werkausgaben zugrunde liegt, ausweitete: Deutschsprachige Schriftsteller, die ein Verhältnis zu Velimir Chlebnikov hätten haben müssen, sollten dazu angeregt werden, mit den Mitteln und Methoden dieses russischen Futuristen und „Zaum“-Dichters Entsprechungen in deutscher Sprache zu versuchen.
Hans Magnus Enzensberger beteiligte sich, Franz Mon, Paul Celan, Gerhard Rühm, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und zum Beispiel Oskar Pastior, der sich in seinem Aufsatz „Vom geknickten Umgang mit Texten wie Personen“ an ein reizvolles Vorhaben erinnert, das es am Ende möglich machte, viele Chlebnikov-Texte in drei, vier, fünf Übertragungen parallel zu lesen. Ein Höchstmaß an Offerte. Das war 1969.
Pastior befand sich damals in Berlin. Ein Jahr zuvor hatte sich der Siebenbürger Sachse in den Westen abgesetzt und vom rumänischen Kommunismus Abschied genommen. In Deutschland dichtet er seit nunmehr drei Jahrzehnten lyrische Wechselbälger, schöpft seine Verse aus einem kryptischen Sprachreservoir, aus der Mundart seiner Kindheit, aus Resten von Schullatein und Griechisch, aus Neu- und Mittelhochdeutsch, aus romanischen und slawischen Sprachbeständen.
Schon immer hatte er großen Appetit auf die kompliziertesten Verfahren dichterischer Produktion. Also versammelt sein Werk einen, wie es heißt, „krimgotischen Fächer“, weiterhin Anagrammgedichte, Sonetburger, Palindrome (etwa unter dem Titel „Kopfnuss Januskopf“) und in dem Band „Die Kleine Kunstmaschine“ die Sestine, eine Gedichtart aus sechs Strophen mit je sechs Zeilen und einer dreizeiligen Schlussstrophe. Er wiedererweckte zwei vergessene Poesietypen, linguale Leckereien, nämlich die Villanella, ein neapolitanisches Hirten- und Tanzlied aus dem 16. Jahrhundert, und das Pantun, eine im 19. Jahrhundert von den Malaiischen Inseln nach Frankreich gelangte Gedichtform. Dafür erhielt er vor drei Jahren verdientermaßen den Peter-Huchel-Preis.
Dass er in Chlebnikov schnell einen Anverwandten fand, einen, der wie er selbst als Alchemist im Sprachlabor rumort, ein Mitglied der Familie der Wörtlichnehmer, der dichterische Fleißaufgaben dadurch löst, dass Ableitungs-, Kombinations- und Flexionsgelegenheiten der Sprache gierig ergriffen werden, ist begreiflich. Besonders die Abstraktionsmöglichkeiten in Chlebnikovs Lyrik begeisterten Pastior: „Was da alles innerhalb des Russischen passiert; und was das Deutsche, wenn auch anders, aber analog dazu, an Wort- und Syntagmen-Neubildungsmodalitäten bereithalten könnte, sollte, müsste.“ Wahrig, Kluge, Dornseiff und andere Wörterbücher halfen ihm, deutsche Stammsilbenfamilien auf ihre Chlebnikov-Verträglichkeit hin zu untersuchen.
In seiner „Allerleilach“ („Kopfankopf-Koppel“) spielt Pastior in dieser Weise: „Zum Lachen, dass ich nicht lache. Mich lachzig lache, mich lächerig lache, in Auflachungen die Lacher lächerlich lache, mich vor Lachen erlache, vor Lächerlichkeit mich lachend belache, nach Lache lechze vor Gelächter, lachhaft, lachhaft, lachhaftiglich lachhaft, hach.“ Gleichermaßen im „Liebsatz“: „In liebeloher Zulieblichung, liebst Liebstling liebstersten Maßlubst, wie lieb lieb Lub tut.“
Mit dem neuen, bibliophil gestalteten Gedichtband im Verlag Urs Engeler Editor wird Pastiors Chlebnikov endlich wiederentdeckt. 28 Varianten belegen die Wortmagie zweier ähnlicher Dichter. Der eine, Chlebnikov (1885-1922), zählt zum Umfeld der russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Der andere, Pastior, 1927 geboren, gehört heute zu den bedeutendsten Lyrikern der Gegenwart. Velimir Chlebnikov suchte als Mathematiker eine Weltformel, mit der zukünftige Ereignisse berechenbar werden, und kreierte als Graphomane eine „Weltsprache“ mit universell lautlicher Gültigkeit, die Oskar Pastior verstanden hat und poetisch beherzigt. „Denn um Chlebnikov in eine andere Sprache überzusetzen“, das erklärt ein kluger Beitext von Felix Philipp Ingold am Ende der neuen Ausgabe, „genügt es nicht und ist es auch nicht möglich, Chlebnikov korrekt zu ,übersetzen‘; Chlebnikov zu übersetzen heißt nach Chlebnikov zu dichten, heißt wie Chlebnikov zu dichten, heißt Chlebnikov fortzuschreiben in der Zielsprache – hier also im Medium des Deutschen.“
Das ist die Idee: „Das Wort in seinem jetzigen Sinn ist ein zufälliges Wort, notwendig für irgendeine Praxis. Aber das genauere Wort muss jede beliebige Schattierung eines Gedankens variieren.“ So rief Wladimir Majakowski seinem Lehrmeister Velimir Chlebnikov 1922 nach. Pastior tritt dieses Erbe an, denn auch er bedient sich des „Periodensystems des Wortes“ und bildet gemäß Chlebnikov eine „Sternensprache“, die sich auf den historisch gewachsenen Wortbestand stützt. Ebendies tun Dolmetscher. Sie interpretieren den Kern der fremden Sprache. Das Übersetzen ist für Pastior deshalb ein „Sonderfall des Selberschreibens“, „ein Experiment, dessen einmalige Anordnung, die von der Sache kommt, auch eine zum Projekt gehörende Ästhetik generiert“. Erst übersetzt heißt richtig gelesen.
Allen Übersetzungen und Texten von Oskar Pastior zu Velimir Chlebnikov wurden erstmalig die entsprechenden russischen Originale gegenübergestellt. Damit wird das ganze Ausmaß des Dolmetschens auf jeder Doppelseite ersichtlich. Hörbar wird es anhand der beigelegten CD, die das Buch zum Booklet macht und ferner zum Bild, denn um den rosaroten Tonträger wurden rosafarbene Halbkreise drapiert, die dem Gedichtband ein ansehnliches Äußeres geben.
Nun schenkt Oskar Pastiors Vortrag seinem Chlebnikov eine sanfte Stimme, die Stimme eines Erzählers, die behutsam ins Ohr passt. Sein Akzent, sein Ausdruck, dieser Klang, das alles ist märchenhaft. Ergänzt wurde die ursprüngliche Tonspur einer Aufnahme von 1989 aus dem Studio des Literarischen Colloquiums Berlin um die Lesung von „getoengedroehn um den verstand“, ein Poem nach Chlebnikovs „blagovest umu“, das Pastior als Hommage an das, was der Umgang mit Chlebnikovs Texten ihm bedeutet, aus der Hand gegeben hat: „sah ums mental-instrumentarium herum / sah um sein pfauch-gepümpel das mich pumpte / den ,kleb-nie-stoff‘ sich fädelnd pumpen“.

Oliver Ruf, die tageszeitung, 14.2.2004 und literaturkritik.de, 6.6.2004

Raum für Worte

− Oskar Pastior: Mein Chlebnikov. −

Sagen wir mal, der Sinn sei Behauptung, die Bedeutung der Worte allgemeine Übereinkunft; Sprache sei noch etwas anderes, Tieferes; etwas allen Sprachen Gemeinsames, syntaktisch Paradiesisches läge ihr zugrunde. Was geschieht mit der Sprache in Gedichtzeilen wie diesen: „litze latze freilich fraulach / ich liebitze lacherdingse / aber fort! kopfüblachunter / mit den ungereuten hahas!“? – Die Worte sind der Verpflichtung zu bedeuten enthoben. Sie müssen nichts; sie schwingen frei zwischen unendlicher Vergangenheit und unendlicher Zukunft und doch eingefangen in Wortstammsilben und Bedeutungssplitter. „Wortschöpferspiele“?
Der russische Dichter Velimir (Viktor) Chlebnikov (1885-1922) „war schon zu Lebzeiten eine Legende“. Dies schrieb der russisch-tschuwaschische Dichter Gennadij Ajgi (geboren 1934) in seinem Essay zu dessen 100. Geburtstag. In der Mitte des 20. Jahrhunderts suchte eine neue Dichtergeneration nach eigenen Anfängen – „der ,Geist Chlebnikovs‘ schwebte über allem“. Auch Oskar Pastior (geboren 1934), rumäniendeutscher Lyriker und Übersetzer, fühlte sich, als er 1969 nach Berlin kam, von diesem Geist angezogen. Peter Urban plante damals eine Chlebnikov-Ausgabe, die dann 1972 und 1985 beim Rowohlt-Verlag erschien, in der hauptsächlich „Selberschreiber“ übersetzen sollten. Pastior standen zur Verfügung: das Original mit einer äußerst gründlichen Textanalyse, Wörterbücher und ein Russisch aus vier Jahren im russischen Arbeitslager am Don. „An Chlebnikov reizte mich gerade die Unmöglichkeit, seinen Wortgeflechten mit einer Sinn-Klang-Rhythmus-Übertragung beizukommen – als Herausforderung, seine poetische Methode, die er als ,Sternensprache‘ universell theoretisiert, […] auf die im Deutschen anders angelegten Möglichkeiten als im Russischen, zu übertragen.“

Mit der Sprache plastizieren
Am eingangs zitierten Textbeispiel läßt sich erahnen, daß es sich nicht um eine wortgetreue Übersetzung handeln kann, eher um Entsprechungen. Denn wie übersetzt man eine „Sternensprache“? Chlebnikov geht zurück an die Anfänge des kindlichen, geschichtlichen, mythologischen Ursprechens, umspielt Stammsilben mit Wortschöpfungen zu neuem poetischem Potential. Er plastiziert mit der Sprache, dem ,Wortmaterial‘. Darin steht ihm der 42 Jahre jüngere Pastior mit seiner eigenen poetischen Methode und Praxis nahe. Beide arbeiten mit Archaischem wie Lauten oder Silben und schaffen neue poetische Formen, Pastior bringt sie gar in rhythmische Systeme. Mit dem Chlebnikovschen Wortschaffen gelang erstmals der Aufbruch in die Ur- und Abgründe der Sprache, der Silben, der Syntax, der Laute, des Klangs. Die neue Sprache ist unverständlich. Aber das Unverständliche ist zugleich das Poetische, das durch nichts Ersetzbare.
Unverständlich, wie wir auch die Natur, geschaffen durch das Wort, nicht verstehen, den Baum, die Wiese, auf der wir stehen. Unverständlich wie das Leben. So, wie der Sinn des Lebens das Leben ist, sind die Wortschöpfungen ihr eigener Sinn. Schöpfungen aus etwas Vorhandenem, Unsichtbarem, einem abgründigen Geistigen. Übersetzbar nur durch Ähnliches oder annähernde Entsprechungen. Der Baum, der Stein, der Vogel sind nicht übersetzbar. Wir können sie malen, beschreiben, besingen; alles bleibt Annäherung, Bild, worin sie anwesend sind. Bestenfalls scheint etwas durch von ihrem Wesen. Der Dichter ist im Gespräch mit den Dingen, mit der Erde, mit der Zeit. Der Dichter hat eine Zeit, die ihm entgegenkommt. Eine Zeit, die auch vergeht, aber er kann sie anhalten, Raum darin schaffen. Raum für Worte, Bruchstücke, Silben, Laute … Ein einziger Laut kann diesen Raum füllen, eine einzige Silbe. Andrej Belyj, Chlebnikovs Zeitgenosse, nannte den Laut eine „geistige Persönlichkeit“. Zu jedem Wesen gehört eine/seine Zeitgestalt, gehören Anfang-Genesis und Ende-Gneis. Ende oder Gegenwart: und überwinden sie zugleich, wie sie auch den Raum überwinden.

Wortschöpfungen als ,Aufreißen des sprachlichen Schweigens
Das erste Gedicht in ,Mein Chlebnikov‘ in der Übertragung von Pastior heißt: ,Protokoll vom El‘. Gemeint ist der Buchstabe, der Laut ,L‘. „Chlebnikov spricht, wahrend ich dolmetsche, / von den El, den leichten Leli. / Vom El als einer Stulpe / einem Platzregen vieler Punkte. / El als die Lichtlast eines Strahls / auf den Planken des Lastkahns, auch Zille. / Das Licht im Schnürlregen und im Rinnsal. / El als der Weg eines Punkts aus der Höhe, / aufgehalten im Wall einer Fläche.“ Chlebnikov schreckt nicht vor Wortschöpfungen zurück, im Gegenteil. Für ihn sind sie „das Aufreißen des sprachlichen Schweigens, der taubstummen Wortschichten“. Das Wort, sagt er, teilt sich in das ,reine‘ und das ,alltägliche‘. „Man konnte meinen, daß in ihm die nächtliche Vernunft der Sterne verborgen ist und die eines Sonnentages.“ Der Dichter verbindet Anfang und Ende, Nacht und Tag, Zauber mit dem Alltag. Das Wort steht mal matt im Dunkel der Dämmerung, mal getroffen von einem Lichtstrahl oder aufleuchtend, lichterloh.
Einigen der zweisprachig angelegten Doppelseiten fehlt unvermittelt das russische Gegenstück, das heißt, der deutsche Text hat sich unter den wortschöpferischen Impulsen Pastiors wie selbstverständlich weitergeschrieben, als fortlaufender, ineinander übergehender Prozeß organischen Wachstums. Ein Gedicht ist ganz und gar Velimir Chlebnikov gewidmet: ,getoengedroen um den verstand‘. Es ist eine Hommage „an das, was der Umgang mit Chlebnikovs Texten mir bedeutet“ und stammt von 1997, allerdings mehrfach überarbeitet und, wie er sagt, „ziemlich vermaßlost“. Die übrigen Texte folgen weitgehend der Rowohlt-Ausgabe von 1972/1985, jedoch in völlig anderer Reihenfolge und anderem Zusammenhang.
Chlebnikov hatte die Vision einer allgemeinen, sich selbst organisierenden Weltsprache. Hier hat sie sich fortgeschrieben, ist verschmolzen, in eins gegangen in eine Mein-Sprache im Titel ,Mein Chlebnikov‘. Insofern ist diese neue Ausgabe ein gewisses Glück, schon wegen der angefügten CD, die das Lesen oder auch Mitlesen, das Nichtverstehen erleichtert. Pastior belohnt es mit seiner osteuropäisch gewärmten, schlichten Stimme eines Märchenerzählers.
Die Gedichte vertragen zwar die oberflächliche Lektüre, danken es aber mehr, wenn man sich auf sie einlässt. Wie gesagt, die Worte blühen auf zu ungeahnten Möglichkeiten. Es fehlen die Worte.

Brigitte Espenlaub, Das Goethenum, 9/04, 29.2,2004

Geschwisterpaar der Poesie

− Freiheitsrausch: Oskar Pastiors Porträt von Velimir Chlebnikov. −

Als Velimir der Erste beschied er am 30. Januar 1922 in Funktion einer ihrer Vorsitzenden: „Langweilig ist es auf der Erde“ – da die Sonnen „ohne Widerspruch und Geschrei unsere Befehle ausführen“. Das vermag allein Poesie, nicht Physik. Mittels der als kosmische Weltsprache konzipierten Sternensprache nämlich, Velimir des Ersten spezifische Spielart der kubofuturistischen Zaum’-Sprache. Zaum’, erstmalig belegt im April 1913 in Aleksej Krucenychs „Deklaracija slova kak takovogo“ (Deklaration des Wortes als solches), nannte man in der russischen Avantgarde auch „willkürliche Wörter“, „selbsthafte Rede“, „Sprache eigener Erfindung“, „irrationale Sprache“ oder „freie Sprache“. Krucenych war es wohl auch, der Ende 1912 das erste russische Gedicht in Zaum’-Sprache geschrieben hat: „Dyr bul scyl / ubesscur / skum/ vy so bu / r l ez“.
„Zum Korrekturlesen“ war Velimir der Erste, der einmal einen Brief an seinen eigenen Schatten geschrieben hat, allerdings „unmöglich zuzulassen – er strich immer alles durch, alles, und schrieb dann einen neuen Text“, berichtet Vladimir Majakowskij 1922, kurz nach dem frühen Tod dieses „Kolumbus neuer poetischer Kontinente“. Ein solcher ist auch Oskar Pastior, der mit dem Band „Mein Chlebnikov“ diesen bedeutendsten Dichter der transrationalen Sprache neu erfunden hat. Erschienen im Verbund mit einer CD, auf der Pastior seine Textversionen liest, versammelt das schön gestaltete Buch erstmals Pastiors gesamte „Übersetzungen“ und poetologischen Kommentare zu Velimir Chlebnikov sowie dessen russische Originalgedichte in kyrillischer Schrift.
Übersetzungen? „Chlebnikov spricht, während ich dolmetsche“, heißt es im liebeforschenden und die Bezeichnungskraft der Sprache bebildernden Protokoll vom El: Mit seiner „Sternensprache“ unternahm Chlebnikov den komplex-archaischen Versuch der Rekonstruktion des Universums aus dem Alphabet (des Geistes), in dem jeder Buchstabe als Laut oder Graphem die Funktion eines Ideogramms hat.
Den im „Protokoll“ poetisierten Buchstaben „L“ definiert er in seinem „dem gesamten von Menschen bevölkerten Stern gemeinsamen“ Wörterbuch der Sternensprache so: „Übergang einer Quantität von Höhe, identisch mit der Achse der Bewegung, in eine Flächendimension quer zur Bewegungsrichtung“. Bei Pastior liest sich das endprotokollierend folgendermaßen: „El macht den El-Regen zum Liebenden, / die Lache zum Liebling. / Wird ein Punkt im Wall einer Fläche aufgehalten, / gib zu Protokoll: Der Prallverlust / im Wall einer Fläche, das ist, / Protokoll: / die Ver-El-lichung, / der El-Gewinn, oder / die El-Kraft im Lautleib des El.“
Da es sich nicht um eine schnöde Textverrechnung handelt, bedurfte Pastiors Verdolmetschung eines Chlebnikov in allen Aspekten wortkünstlerischen Denkens gleichgesinnten und gleichwertigen Sprach- und Formbewußtseins. Der Titel dieses auch für das ästhetische Sprachdenken Oskar Pastiors so zentralen Bandes ist hierbei Programm. Und gleichzeitig passiert hier mehr als Nachdichtung. So ist etwas Drittes aus Chlebnikov und Pastior entstanden: „Mein Chlebnikov“.

Was auf dem Papier zuweilen wie eine Kettenreaktion selbstentfachter Laut- und Wortgebung aussehen mag, ist bei diesem Geschwisterpaar der Poesie die Pyramidenspitze kalkulierter Kombinatorik auf Laut-, Silben-, Wort- und Satzebene – wobei immer ein Rest bleibt, die sich selbst schreibende, die selbstlautende Sprache: Poesie, sinnstiftende Spürbarkeit.

Verschiebungen und Neuordnungen
Ein Prinzip von Chlebnikovs vielgestaltigem Sprachsystem ist es, daß er nur Teile des Textes in Zaum’ verfaßte. Nur als kontrastreiches Gewebe hat der Text Differenzqualität und kann das Bewußtsein erreichen. In Pastiors Versionen finden sich ganze Etymologien und Wortgeschichten in die oftmals kontaminierten, aus auch fremdsprachlich unterschiedlichen Quellen eingespeisten „Wörter“ eingefaltet.
Chlebnikov und die Lautdichter nicht nur des russischen Futurismus erfanden Neologismen und „Logoide“: formal korrekt gebildete „Wörter“ jenseits konventioneller Semantik oder Wörter, bei denen die phonologische und die morphologische Wortbildung gestört ist. Diese laut- und sinnverschobenen „Logoiden“ konstruierte Chlebnikov oft aus dem Wortschatz fremder Sprachen slawischen und nichtslawischen Ursprungs. Auch Pastior wendet in vielen Variationen diese Techniken an und läßt im Verschobenen, im genau danebengesetzten Sprichwörtlichen das Wohlbekannte erahnen, erhören: „gschwäzität maulaffnis tamisch / sturitum sodumstät damnis / nadelkissenkopferbünd. / wo hat wer sich weh verschwiegen? / wer hat wo sich schluchz verniegen / kapfensterdeklamisch?“
Gute Fragen! Ein Abzählvers? Von was ist hier überwiegend vierhebig die Rede? Fensterreklame? Einen poetologischen Kommentar zu diesen kontaminierten Verschiebungen und Neukombinationen scheint eine Sequenz aus „liebidonis“ zu liefern: „auf die zunge komm kühlfreue / daß vereinte sprichliebworte / durch das hüftschwertrasseln dringen / daß geküssel silbensilbern sich der rippen / annimmt die den eingriff hassen“. Ein Eingriff ins Lachen? Drohender Herzstillstand? Da sei Poesie vor, die bei Pastior immer auch Poetik ist. Für „Allerleilach“ und den „Lieb-Satz“ sind, der russischen Vorlage entsprechend, Alliteration, Polyptoton und Neukombinationen aus der Wurzel „-lach-“ bzw. „-lieb-“ konstitutiv. Prinzipien, die auch einem anderen Bruder im Geiste geläufig waren, dem sprachmagischen Barockdichter Quirinus Kuhlmann.
Mit der autonomisierenden Abkoppelung von Prä- und Suffixen zur kombinatorischen Bildung neuer Wörter geht bei Chlebnikov die Bedeutungsaufladung der Laute einher, bei der die Anfangskonsonanten eine spezifische semantische Valenz erlangen. So zum Beispiel in „Perun“, einer Hommage an den slawischen Donner- und Fruchtbarkeitsgott und an den Buchstaben „P“: „der pfiffige Perun / pichelt mit Pfeidlern, Pülchern, / Prachern, Pennbrüdern, ist / frech und faul auf den Pritschen im Pesel, er / prudelt mit Poggen im Pferch, / pudelt in Pfützen, / puhlt die Pülpe der Pfebe, / prahlt, pranzt in puffiger Pekesche, / prüft Punzen, Pinten, Pfründen, Puffs, / die Pulle, die Plempe, das Pud“. So Pastior. „Der erste Mitlaut eines einfachen Wortes regiert das ganze Wort – er befehligt die anderen“: „Wörter, die mit ein und demselben Mitlaut beginnen, vereinigen sich in ein und demselben Begriff und fliegen gleichsam von verschiedenen Seiten auf ein und denselben Punkt des Verstandes zu“, schrieb Chlebnikov 1920 in „Unsere Grundlage“.

Machwörter, Machtwörter, Wortmachten
Als akustisch-physiognomisches Porträt Velimir Chlebnikovs kann die Pastiorsche Metamorphose „was ich bin / (lächern gammelti mrötn)“ gelesen und gehört werden, eine höchst private Aneignung der Vorlage: „abglitz nd marter künft / herkomm von ruhmertöt / auglsprang blühfärbel / nd zupfe rocken stirbs / nd schlupfe kreisen dralz / nd hupfe kommen wells / ein klingoling von harrnis / ein sperrozwinger starrnis / ein starre heiter künft“. Scheint da nicht auf, wovon scheinbar die Rede ist? Zukünftiges, Aufblühendes, Klingendes, Bewegung, aber auch Erstarrung und Tod und dessen Überspringen. Denn Zupfen, Springen, Hüpfen und Kreisen, das tut diese Pastiorsche Anverwandlung – eben ganz akustisch, eine Tateinheit von Wie und Was, von Sinn, Klang und Rhythmus.

In einem anderen Gedicht heißt es nicht einfach, was so immerhin möglich wäre: „Ich sterbe / erstarrt / Erstarrung“ oder, zum Schluß, „Ich bin dein. Ich bin dein“, was das Gedicht ganz in einen Minnekontext stellen würde, der das Geschwisterpaar Eros und Tod koppelt. In „erfahrendse“ gestaltet Pastior das Benannte phonematisch und liebesliedlich ichverlöschend: „ischuschterbs / ein schtirren / schtorb / ischuschtamblns schäm / ischugrollans schwieg / ischublindins schtümm / ischutauppns schtein / ischuscheuhasts schwieg / ischumühelens schrie – / ischudein / ischudeins“. Das siebenteilige „getoengedroehn um den verstand. ein poem nach velimir chlebnikovs blagovest umu“ bildet als längstes Unternehmen den Abschluß des Bandes. Hält sich die nur vierteilige Vorlage sprichwörtlich wortkarg – zumeist findet man nur ein einziges Wortgebilde in der Zeile, morphologisch-phonetische Variationen eines Wurzelwortes –, so holt Pastior hier aus zum die poetischen Verfahrensweisen bündelnden Finale. Die erste Sequenz von „3 – laminate im werchsten phoph“ ist eine poetologische Arabeske der Zündfigur „Sa-um“ (Zaum’) samt „kleb-niestoff“ Chlebnikov: „sah ums mental-instrumentarium herum / sah um sein pfauch-gepümpel das mich pumpte / den ,kleb-nie-stoff‘ sich fädelnd pumpen / der vorgang nannte sich ,uhu‘ und lullte mir / das lexikon ein das war der schlaf nach / braunschweig und vor ,bleg‘ (war nur den / neaoschn poneatno) und ,chälberchälp‘ rann / mir sein ,jest wjest owjest‘ um ,sa‘ um / ,scha‘ um ,na‘ um ,pa‘ – ums initial am/ sattelpaß am stereo ,a-um‘ zu umbras kan- / ten: ,laubs-ägeumus-teer-ums-kinn‘ … – / ja so gings zum blockhaus ürrr …“
Eine Art sich selbst erklärendes Märchen in vielen Kapiteln präsentieren die akustischen Realisationen. Die Stimme Pastiors ist ein Boot, das den Hörer sicher über die Textwellen setzt. Eine solche Schulung des Laut-Gehörs fördert das Denken mit den Ohren: „Das Wort bedeutet seinen Laut“ (I. Terent’ev, 1919) und „tropus ist ein pott für apokryphe multiplikatoren“. Eben. Das alles ist „schwarmant / tausand / in tausend“ (ei wie). „Machwörter, ach, Machwörter Machtwörter Wortmachten“ heißt es im konkreten „M-Satz“, der „mögliche Machtfragen“ verhandelt.
Wie kaum ein anderes Projekt dürfte „Mein Chlebnikov“ Oskar Pastior die Aktivierung aller multilingualen Vorratskammern und Inventare abverlangt haben. So also ist dieser Chlebnikov eine Erfindung Oskar Pastiors – den Velimir Chlebnikov erfunden hat: Fessel und „Freiheitsrausch“, wie Pastior im Nachwort schreibt, zugleich, Animation und Amalgam. Korrekturlesen? „Rätsel, Nebel, Manie – nein, am Leben läßt er!“ seinen Chlebnikov, mit diesem sich buchstäblich spiegelblickend ganz einig. Jedem hörenden Leser seinen Pastiorchlebnikov! Diesem Chlebnikovpastior alle lesenden Hörer!

Michael Lentz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.4.2003

Oskar Pastior: o du roher iasmin / Mein Chlebnikov

Als vorzüglicher Kenner nicht nur einer Sprache und als Virtuose produktiver Nutzung sprachlicher Materialangebote sieht Oskar Pastior die Kommunikationstauglichkeit der Sprache eher skeptisch. Allzu gut kennt er deren Unschärfen, ihre Ideologiebefrachtung und missbräuchliche Indienstnahme. Darum sucht er für seine Poesie eine Sprache zu gewinnen, die nichts sein will als sie selbst, zweckfreies Materialspiel – möglichst ohne „Innewohnlichkeiten“ und Botschaften. In ähnlichem Sinn distanziert er sich im Titelanagramm des Bandes o du roher iasmin sowie im Nachwort von einem „weihrauchtrunkenen Metapherngeschmack“. (S. 65) Seine 43 intonationen zu „Harmonie du soir“ von Charles Baudelaire seien zwar von „alter anhänglichkeit“ an diesen „betörenden“ Text angeregt worden, doch im Ergebnis stellten sie „materiale strategien der anordnung und ortung“ (S. 65) dar, also Arabesken.
Im Text har mo ni dü so ar (S. 52-53) etwa wird Baudelaires (regelwidrig geschriebener) Gedichttitel in Silben zerlegt (regelabweichend auch das, da der französische Diphthong aus „soir“ getrennt und auf zwei Silben verteilt wird), und aus den so erhaltenen sechs Lautgruppen werden durch Stellungspermutationen die 39 Verse einer Sestine gebildet, wobei nicht nur auf der Senkrechten die Wiederholungsmuster dieser normativen Gedichtform aufscheinen; auch auf der Waagerechten sind die ,Verse‘ so nach der komplexen Sestinenformel gefügt, dass jede Zeile die Verhältnisse einer ganzen Sestinenstrophe spiegelt: Sechs Sestinen also in einer Sestine ähnlich abgebildet, wie in wetscherahnenclub aus sonetburger (1983) vierzehn Sonette in einem Sonett oder wie in kolben und zehen aus Villanella & Pantum (2000) Zeile für Zeile ein Pantum im Pantum erscheint. Ein Text im Korsett künstlicher Regeln, eine Arabeske „unterhalb des gedanklichen Limits“ und ohne naive Harmonieangebote.
Solche Verfahren der „Transscriptase“, d. h. Umgestaltungen oder Umfunktionierungen von Vorlagentexten, sind nicht neu bei Pastior, doch dieser Band bietet ein breites Spektrum unterschiedlicher Umtextungsmöglichkeiten auf der Grundlage begrenzter Vorgaben. Die Autornamen, der Band- und ein Zyklentitel, wenige Einzelzeilen und sonst immer wieder und wieder der zum Kürzel hds destillierte Titel Harmonie du soir veranlassen die 43 „Intonationen“ Pastiors, die sich als Anagramm, Akronym, Sestine, Palindrom darbieten und die verschiedenen Ebenen sprachlicher Materialangebote nutzen.
In den zopfmodulen (S. 56, 57-63) sind es die Buchstaben aus „harmonie du soir“, die sich auf- und absteigend, links- und rechtsbündig hüpfend zu Mustern verschränken, in hds in gleichabständigen reihen (S. 54) bilden die Buchstaben des deutschen Alphabets ein symmetrisches Flächenornament. Buchstabenkombinatorik kann durch Zahlenspiele ergänzt werden (S. 21-22) oder führt über die deutsch-französische Lautungsdifferenz gleicher Grapheme in den umfänglichen Bereich lautbezogener Arbeitstechniken mit vokalischen oder konsonantischen Reihenbildungen (S. 23, 32, 37), gleichabständigen Phonemsubstitutionen (S. 33, 34, 35, 36) oder Lautpalindromen (S. 43). Substitutive Verfahren im Wortbereich stellen die sog. Oberflächenversionen (S. 18) oder Oberflächenübersetzungen (S. 20) dar, neu in diesem Band sind meines Wissens semantisch substitutive Similitäts- und Oppositionsspiele (S. 24, 25, 26, 27) sowie syntaktische Repliken (S. 29). Mehrere Texte sind im Verhältnis zur Vorlage „zungenfrei gepointet“. (S. 38)
Dass „baudelaire“ anagrammatisch (S. 7-9) u. a. als adriabeule, debile aura, idealbauer, dealer baiu oder barde a lieu zu lesen ist, erheitert gewiss, führt aber ebenso gewiss nicht nur von ihm weg, sondern in neuer Weise wieder zu ihm hin. Es ist dabei freilich nicht auszuschließen, dass die geschauten kommenden Zeiten – voici venir les temps – auf dem Weg von Baudelaire zu Pastior irgendwann zu les empty temps (S. 38) geworden sind – empty, englisch „leer“, „hohl“, „nichtig“, „eitel“: voici wenn ihr lest – falls ihr lest – und dann lest dass lest in einer restlichspra- /che ein ballast ist [..] lest /emps. (S. 38) So kämen denn doch, nicht ohne Pastiors Willen, hintergründigere „Innewohnlichkeiten“ ins Spiel.
Findet Pastior bei Baudelaire Ausgangsund Anknüpfungsmöglichkeiten, von denen er sich auf eigenen Wegen entfernt, so stellen seine Texte aus Mein Chlebnikov Wege versuchter Annäherungen dar. Der Titel bekundet durch das Possessivpronomen einerseits die Anhänglichkeit an den Russen als Anreger, andererseits stellt er auch klar, dass es sich um keine herkömmlichen Übersetzungen handelt, sondern um Fort- und Umdichtungen Velimir Chlebnikovs (1885-1922) mit Mitteln und Möglichkeiten der deutschen Sprache. Wie anders auch wäre der eigengesetzlichen „Sternensprache“ des russischen Kubofuturisten translatorisch beizukommen, einer Sprache jenseits von Begrifflichkeiten, die Klangprioritäten setzt und Deformationen des Normalsprachlichen zur Grundlage neuer Bezüglichkeiten macht?
Natürlich lassen sich Lautmalereien als klangliche Nachahmungen von Naturlauten in jeder Sprache herstellen (obwohl schon der Hahn in verschiedenen Sprachen recht unterschiedlich kräht), und Kontaminationen oder Zusammensetzungen aus Teilen, die normsprachlich nicht zusammengesetzt werden, lassen sich leicht erkennen; doch wie übersetzt man etwa „vremysch“, gebildet aus „vremja“ (Zeit) in Analogie zu „kamysch“ (Schilfrohr), wenn in Letzterem zugleich die Wortwurzel „kam“ (Stein) steckt und ein Text von nur 21 Wörtern diese drei gleich achtmal einsetzt und miteinander verflicht? Pastiors zeitgeschöhn binsgeschülf (S. 35) stellt eine der Möglichkeiten grundsätzlicher Unmöglichkeit dar. „Chlebnikov spricht, während ich dolmetsche“, heißt es vorlagenabweichend gleich im ersten Text. (S. 13) Originales Sprechen und Verdolmetschung verhalten sich wie Parallelen, die sich angeblich in der Unendlichkeit schneiden.
Pastiors Leistung steht über jedem Zweifel. Es ist bemerkenswert, wie er etwa im Protokoll vom El (S. 9-15) die L-Häufungen der Vorlage in eigenem Wortschatz eher noch überbietet, wie er durch deutsche Alliterationen fesselnde Klangwirkungen erzielt oder wie er – spring knirps – russische Palindrome durch phantasievolle deutsche ersetzt (Rätsel, Nebel, Manie …, S. 71). Vollends überwältigend aber ist die fast grenzenlose, über Chlebnikov hinausgehende wortschöpferische Kunst in Allerleilach (S. 47–49), in Lieb-Satz (S. 51-57) oder in M-Satz (S. 57-63). Spätestens da wird deutlich, dass Pastiors Chlebnikov-Übersetzungen auch jenseits der freien Variation getoengedroehn um den verstand (S. 79-101) ganz erhebliche poetische Eigenleistungen darstellen. Es sind freie Aneignungen, aber auch Anverwandlungen, pastiorsche „Transscriptasen“ über Sprachgrenzen hinweg.
Pastiors Übersetzungen sind nicht neu, der Großteil erschien erstmals 1972 in Peter Urbans deutscher Chlebnikov-Ausgabe. Neu ist die Zusammenfassung der 28 Texte und einer Grafik Pastiors (S. 73) zum eigenständigen Band, der parallele Mitdruck des russischen Originals, vor allem aber die hochwertige Tonaufnahme in der Lesung des Autors. Damit setzen diese beiden Bände die 1997 von Urs Engeler begonnene, gediegen und ansprechend gestaltete Präsentation in Text und Ton hervorragend fort.

Michael Markel, Südostdeutsche Jahresblätter, Heft 1/2004

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Jörg Drews: Viel Pastior passt in viele Ohren. Oskar Pastior liest auf Kassette und CD sich und einem anderen
Basler Zeitung, 3.6.1994

Manfred Sack: Zeit zum Hören
Die Zeit, 5.8.1994

Gisela Reller: Passt ins Ohr
reller-rezensionen.de, 25.11.2019

 

Chlebnikov-Matinée im Theater Freiburg mit Oskar Pastior und Peter Urban, Moderation Wolfgang Schröder.

Einlesung von Oskar Pastiors Übertragungen der Gedichte des russischen Avantgardisten und Lautdichters Velimir Chlebnikov für den S-Press Tonverlag in Düsseldorf.

Marie Luise Knott: Der Stein der Zukunft
perlentaucher.de, 7.2.2018

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Pennsound
Internet Archive
Porträtgalerie: Keystone-SDA

 

Zum 60. Geburtstag des Übersetzers:

Jochen Hieber: Die Suppe ist einmalig
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1987

Herbert Wiesner: Frauen-Bild-Beschreibungsschrift
die tageszeitung, 20.10.1987

Hans Bergel: Vom Rückzug der Sprache auf sich selbst
Siebenbürgische Zeitung, 31.10.1987

Zum 65. Geburtstag des Übersetzers:

Hannes Schuster: Ein „Wörtlichnehmer“, der das Wörtlichnehmen ertragbar macht
Siebenbürgische Zeitung, 15.11.1992

Zum 70. Geburtstag des Übersetzers:

Bettina Knauer/Gunnar  Och (Hg.): Oskar Pastior, 70
Akzente, 1997

Herta Müller: Minze Minze
Die Zeit, 17.10.1997

Franz Mon: die krimgotische Schleuse sich entfächern zu lassen“
Der Literaturbote, 2004

Jörg Drews: Eros & Callas?-: Ein Echo-Kollaps
Süddeutsche Zeitung, 20.10.1997

Zsuzsanna Gahse: Schwitt, Schwitter, am Schwittersten
Stuttgarter Zeitung, 20.10.1997

Harald Hartung: Jalousien aufgemacht!
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1997

Paul Jandl: Die Hosenträger der Erkenntnis
Neue Zürcher Zeitung, 20.10.1997

Cornelia Jentzsch: Gimpelschneise in der Winterreise
Berliner Zeitung, 20.10.1997

Dorothea von Törne: Der Meister der Wortlust
Der Tagesspiegel, 20.10.1997

Ernest Wichner: Magier der Vernunft
Frankfurter Rundschau, 20.10.1997

Thomas Krüger: hart pommern die fritten
Die Woche, 31.10.1997

Gerhard Mahlberg: Aus Anlaß seines 70sten Geburtstags am 20. Oktober
Deutschlandradio

Zum 75. Geburtstag des Übersetzers:

Thomas Kling: Die Ballade vom defekten Kabel
Literaturen, 2002, Heft 10

Thomas Kling: Die glühenden Halden
Frankfurter Rundschau, 19.10.2002

Nachrufe auf Oskar Pastior: NZZ ✝ FAZ ✝ BZ ✝ Der Tagesspiegel ✝
Die Welt ✝ der Freitag ✝ die horen 1 + 2 + 3 + 4 + 5 ✝ AdK ✝
Chimaere ✝ Schreibheft

Weitere Nachrufe:

Nico Bleutge: Ein Verwandlungskünstler der Sprache
Stuttgarter Zeitung, 6.10.2006

Michael Braun: Vom Sichersten ins Tausendste
Basler Zeitung, 6.10.2006

Michael Krüger: Schamane des Experimentellen
Süddeutsche Zeitung, 6.10.2006

Christine Lötscher: Er verzauberte die Sprache und Menschen
Tages-Anzeiger, 6.10.2006

Martin Lüdke: Aus dem Staub gemacht
Frankfurter Rundschau, 6.10.2006

Peter Mohr: Ein Magier der Sprache
Badische Zeitung, 6.10.2006

Lothar Müller: Der Zungenzwinkerer
Süddeutsche Zeitung, 6.10.2006

Hubert Spiegel: Im Exil bei Freunden
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.10.2006

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + KLG + Archiv +
Internet Archive + IMDbDAS&D + Georg-Büchner-Preis 12 & 3
und zum IM Stein Otto
1 + 2 +  3 + 4 + 5 + 6 + 7 + 8 + 9 + 10 + 11 + 12 + 13 + 14 + 1516 +

 

 

Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Keystone-SDA +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezett +
Brigitte Friedrich Autorenfotos + deutsche FOTOTHEK
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Oskar Pastior

 

Oskarine ist ein Gedicht-Generator von Ulrike Gabriel, der auf den Gedichten von Oskar Pastior basiert. Jedes Gedicht spricht sich selbst – immer neu und mit der Dichter-Stimme.

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