Park – Heft 57/58

Park

AN DAS SCHICKSAL

Du könntest dich in einen Rock verwandeln.
Oder in einen Rockstar. Einen Elefant. In eine Bootsfahrt
Bei der allen, die mit von der Partie sind, am Ende die Herzen
aaaaahöher schlagen.
Du könntest eine Seuche sein oder eine Brautwerbung oder ein
aaaaaSeminar.
Es ist dir bestimmt, einen begrenzten Handlungsspielraum zu
aaaaahaben; aber sag mir doch, welchen?
Du bist eine verstaubte Idee, an die man sich nicht mehr so oft
aaaaawendet. Die Leute haben sich zusammengereimt
Was sie zu tun glauben. Manche halten dich für eine Art Handlanger der DNA –
Wenn überhaupt für etwas. Du hebst eine Hand, um mich zu unterbrechen:
„Wenn ihr das Gebäude einreißt, was macht ihr dann mit den Steinen? Ich bin das
aaaaaSCHICKSAL!
Versucht nicht, mich auszutricksen.“ Aber – es gibt da ein paar Dinge, die ich gern von dir
aaaaawissen möchte.
Spielt es eine Rolle, wenn ich weiterhin trinke? Soll ich verheiratet bleiben
aaaaaoder nicht? Wer oder was
Ist mein Erlöser, wenn es den überhaupt gibt? Spielt es eine Rolle, ob ich weiterarbeite oder
aaaaanicht? Wo sollte ich wohnen?
Soll ich andere heilen und pflegen?
Wirst du nicht, gerade du, davonfliegen zu jüngeren Seelen
Die fettere Nachkommenschaft versprechen? Hast du das nicht sogar vor kurzem getan?
„Nein,“ brüllst du, „ich bin noch da. Und die Antwort auf deine ganzen Fragen ist, daß sie
aaaaairrelevant sind –
Meinetwegen kannst du genausogut dieses Faß Butter leerfressen,
Mit diesem schadhaften Flugzeug fliegen, mit dieser Frau abhauen,
In einem brennenden Bett schlafen und die ganze Nacht statt tagsüber arbeiten.
Deine Fragen gehen in die falsche Richtung. Ich bin die Zukunft. Was du jetzt tust, spielt
aaaaaüberhaupt keine Rolle
Weder für mich noch für sonst jemand in meinem unbegreiflichen Unternehmen.“
Kein Wunder, daß sich kaum noch jemand an dich wendet. „Ich weiß. Es ist sinnlos.“
Trotzdem, vielen Dank für das, was ich schon habe. „Der Dank gebührt nicht mir – ich bin
aaaaafürs ,haben-wirst‘ zuständig.“

Kenneth Koch
übertragen von Gerhard Falkner

 

 

 

 

Die Zeitschrift PARK

wurde 1976 begründet mit dem Ziel, neue Tendenzen der Gegenwartspoesie zu entdecken und in Erstdrucken vorzustellen. Sie will ohne programmatische Festlegung die Formen jüngster Lyrik erkennbar machen. Zwar konzentriert sich das Interesse auf das Werk jener Dichter, die sich der hermetischen Tradition verpflichtet fühlen, gleichzeitig steht PARK aber anderen Strömungen offen und bringt auch Texte von Autoren, die sich literarischen Zirkeln und Schulen konsequent entzogen haben.
Ein Schwerpunkt liegt bei der Präsentation jüngerer begabter Lyriker. Eine Daseinsberechtigung erhält PARK rückblickend dadurch, daß viele von ihnen später den Weg in größere Verlage gefunden haben.
Texte von über 150 Schriftstellern sind in den bisherigen 48 Ausgaben der Zeitschrift erschienen, die damit gleichsam eine Lyrik-Anthologie in Erstdrucken darstellt. Die Namen der Autoren spiegeln Entwicklungen wider, die die deutsche Lyrik in den letzten zwanzig Jahren genommen hat. So sind u.a. vertreten: Christoph Meckel, Friederike Mayröcker, Gerhard Falkner, Rose Ausländer, Paul Celan, Uwe Kolbe, Jan Koneffke, Richard Anders, Wolfgang Bächler, Michael Buselmeier, Dieter M. Gräf, Margarete Hannsmann, Helmut Heißenbüttel, Uta Mauersberger, Detlev Meyer, Bodo Morshäuser, Oskar Pastior, Johannes Poethen, Ralf Rothmann, Sabine Techel, Jürgen Theobaldy, Hans-Ulrich Treichel, Ernest Wichner und Lioba Happel.
Einen festen Bestandteil der Zeitschrift bildeten von Anfang an Dossiers über Gegenwartspoesie in fremden Sprachen. Bisher wurden Dichtungen aus 18 Ländern präsentiert, – meist zweisprachig und mit instruktiven Einleitungen. So konnte man zeitgenössische Gedichte aus Griechenland, Italien, Spanien, Schweden, Frankreich, England, Jugoslawien, USA, Polen, Rußland, Irland und Lateinamerika kennenlernen. Erstübertragungen von Arbeiten auch hierzulande vielbeachteter Dichter, wie Octavio Paz, Andrea Zanzotto oder Gennadij Ajgi, stehen dabei neben Expeditionen zu unbekannten Poesien, etwa aus Estland, Iran oder Argentinien.
Wenn auch das Hauptgewicht der Zeitschrift bei der Lyrik liegt, so veröffentlicht PARK darüber hinaus kürzere Prosaarbeiten, Rezensionen wichtiger Neuerscheinungen und oft auch literaturästhetische und poetologische Essays, z.B. von Hans Blumenberg oder Gerd Henniger.

Waschzettel, Heft 29/30, Februar 1987

20 Jahre PARK

Als im Dezember 1976 das erste Heft von PARK herauskam, war das zwanzigjährige Bestehen der Zeitschrift und das halbe Hundert nun vorliegender Ausgaben nicht vorauszuahnen. Das „Programm“ hieß Gegenwartslyrik und das Gedicht sollte der Mittelpunkt sein, zu dem essayistische, theoretische, kritische Beiträge hinzuträten. In 20 Jahren PARK wurde daraus eine sich fortschreibende Anthologie der Gegenwartspoesie: In Erstdrucken konnten bisher mehr als 200 Autoren vorgestellt werden, die Hälfte davon übersetzt (aus insgesamt fünfzehn Sprachen) und bisweilen kommentiert. Darunter finden sich etablierte wie seinerzeit noch ganz unbekannte Namen, schließlich war es ein Anliegen, neue Talente zu entdecken und – oft erstmals – lesbar zu machen. Es blieb stets ein gewisser Luxus, bei der Auswahl auf Marktgängigkeit verzichten zu können.
Trotz der für kleinere Zeitschriften typischen Probleme bei Vertrieb und Erscheinungsfolge war PARK für die Aufmerksamen stets zu finden. Ihnen sei gedankt für ihre Mühe und Geduld, Dank den Autoren, den Übersetzern und den Bildenden Künstlern für das oft langjährige freundschaftliche Zusammenwirken sowie den Förderern und den ungenannten Mitarbeitern bei der Herstellung

Michael Speier, Park, Heft 49/50, Dezember 1996

 

Das Haus für Poesie feiert das 40-jährige Bestehen von PARK – Zeitschrift für neue Literatur.
Zu Ehren der Zeitschrift haben am 7.2.2017 vier PARK-Autoren der letzten Jahre im Haus für Poesie gelesen: Kenah Cusanit, Gerhard Falkner, Kerstin Preiwuß und Monika Rinck. Michael Speier und Michael Braun führten durch den Abend.

Fakten und Vermutungen zu Michael Speier
Porträtgalerie
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Richard Pietraß: Dichterleben – Michael Speier

 

Michael Speier liest beim 11. Internationalem Poesiefestival von Medellín im Juni 2001.

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