DAS TRUNKENE SCHIFF
Hinab glitt ich die Flüsse, von träger Flut getragen,
da fühlte ich: es zogen die Treidler mich nicht mehr.
Sie waren, von Indianern ans Marterholz geschlagen,
ein Ziel an buntem Pfahle, Gejohle um sich her.
Ich scherte mich den Teufel um Männer und um Frachten;
wars flämisch Korn, wars Wolle, mir war es einerlei.
Vorbei war der Spektakel, den sie am Ufer machten,
hinunter gings die Flüsse, wohin, das stand mir frei.
Derweil die Tide, tobte und klatschte an den Dämmen,
flog ich, und es war Winter, wie Kinderhirne stumpf,
dahin. Und wär es möglich, daß jemals Inseln schwämmen,
kein solcher Gischt umbraust’ sie, kein ähnlicher Triumph.
Ein leichter Korken, tanzt ich dahin auf steiler Welle:
die erste Meerfahrt haben die Stürme benedeit.
Von solcher Welle heißt es, sie töte und sie fälle -
Die albernen Laternen der Häfen blieben weit!
So süß kann Kindermündern kein grüner Apfel schmecken,
wie mir das Wasser schmeckte, das grün durchs Holz mir drang.
Rein wuschs mich vom Gespeie und von den Blauweinflecken,
fort schleudert es das Steuer, der Draggen barst und sank.
Des Meers Gedicht! Jetzt konnt ich mich frei darin ergehen,
Grünhimmel trank ich, Sterne, taucht ein in milchigen Strahl
und konnt die Wasserleichen zur Tiefe gehen sehen:
ein Treibgut, das versonnen und selig war und fahl…
Übersetzt von Paul Celan
-Paul Celan übersetzt Rimbaud.-
I.
„Denken Sie: ich habe das ‚Bateau Ivre‘ übersetzt! In drei Tagen und es war ein ganz merkwürdiger Zustand. Und – nun, mein Stolz hält sich im Augenblick in meiner Nähe auf: es ist, auf Deutsch, das Bateau Ivre. Alles ist gewahrt, Wort, Gestimmtheit, Gestalt.“ Am 1. August 1957 war Christoph Graf Schwerin der erste, dem Paul Celan von seiner Übersetzung berichtete, die noch frisch vor ihm auf dem Pariser Schreibtisch in der Rue de Montevideo lag. Am 29. Juli hatte der Dichter mit der Arbeit begonnen, die er nur drei Tage später schon abgeschlossen hatte. Der Text war noch kaum überarbeitet, die Korrekturen und Verbesserungen, die Celan bis Mitte August vornehmen sollte, standen aus, und doch drängte es ihn, den mit der französischen Dichtung vertrauten Vertreter des S. Fischer Verlags, der mehrfach bei ihm in Paris zu Gast gewesen war, über seinen „einzigartigen Wurf“ zu informieren. So sehr war ihm offenbar an einer raschen Publikation dieser Übersetzung gelegen, daß er sie zuerst seinem Lektor und dann erst seinem besten Freund Klaus Demus in Wien vorlegte. Die Zeilen an Schwerin zeugen nicht nur vom Selbstbewußtsein des Dichters, sondern auch von seiner großen Freude und seinem Stolz, gerade dieses Gedicht ins Deutsche übertragen zu haben. Seine Äußerungen belegen aber auch, daß es über die Bedeutung der Vorlage hinaus noch andere wichtige persönliche Gründe gegeben haben muß, die diese Übertragung für Celan und seine Poetik der Übersetzung und der eigenen Dichtung zu einem wichtigen „Datum“ werden ließen. Von Anfang an war es Celans Wunsch, das ‚Trunkene Schiff‘, „einer der bedeutendsten französischen Gedichte“, separat in einer zweisprachigen Einzelausgabe drucken zu lassen.
Celan hat immer wieder betont, daß er das ‚Trunkene Schiff‘ zu seinen bedeutsamsten Übersetzungen zählt. In einem Brief an Gero von Wilpert vom 31. Juli 1960 nennt er sie neben Valérys ‚Junger Parze‘ und seinen ihm wichtigen Übersetzungen aus dem Russischen: „Gewiß, ich habe alles von Ihnen Erwähnte übersetzt. Aber. In vielen Fällen handelte es sich dabei – und nicht nur dabei – um Übersetzungsaufträge, die ich wohl oder übel annehmen mußte: das Übersetzen war Jahre hindurch mein ‚Hauptberuf‘; er ist es nicht mehr. Und nun wollte ich Sie bitten, in Ihrer Bibliographie nur diejenigen Dichtungen zu nennen, die ich aus wirklicher Neigung, d.h. nicht auf Grund irgendeines Auftrages von Seiten der Verlage, übertragen habe. Es sind die folgenden: / Alexander Block, Die Zwölf / Arthur Rimbaud, Das trunkene Schiff / Ossip Mandelstamm, Gedichte / Paul Valéry, Die junge Parze…
Joachim Seng, Aus dem Nachwort
ist eines der bedeutendsten Langgedichte der Weltliteratur. Nur drei Tage, die ihn „in Trance“ versetzten, reichten Paul Celan aus für das Meisterwerk seiner Übersetzung dieses Gedichtes ins Deutsche: kühn und eigen, und doch so nah am Text, wie es einer Nachdichtung nur möglich ist. Es war Celans Überzeugung, „daß mir hier ein wirklich einzigartiger Wurf geglückt ist“.
Zur Wiedergabe von Originaltext und Übertragung in direkter Gegenüberstellung treten aufschlußreiche Zeugnisse, vor allem die Verlagsbriefwechsel, Abbildungen und ein ausführliches Nachwort des Herausgebers.
Suhrkamp Verlag, Ankündigung, 2008
Paul Celan übersetzt Arthur Rimbauds „Le Bateau ivre“ 1957, es wird „Das trunkene Schiff“. Celan ist stolz wie Bolle, es ist wirklich gut geworden, auch die Lyrikgemeinde frohlockt. Als Leser des schmalen Insel-Bändchens wird man von all diesen Verzückungszuständen genauestens unterrichtet. Denn der Band beinhaltet neben dem Gedicht in zweisprachiger Ausführung Dokumente, Briefwechsel, also allerlei Schnurren, die mit der Herstellung eines Druckerzeugnisses notwendig einherlaufen. Immer.
Wie viele Kratzfüße und Artigkeiten jeder Form und jeden Verblendungsgrads in den Briefwechseln zwischen Lektoren, Autoren, Übersetzern, Freunden des Verlags, Druckern und einflussreichen Gönnern getauscht werden, ist so himmelschreiend komisch, dass man kaum mehr das Gedicht lesen kann, ohne zu kichern.
Von der Auflagenhöhe bis zur Covergestaltung bleibt kein Punkt unerwähnt, ohne dabei je den hohen Ton, angemessen der Würde des Geschäfts, zu verlieren. Als käme Moses mit seinen Gesetzestafeln aus dem Gebirge zurück, nachdem er bei Gutenberg zu Torte und Kaffee war – so unendlich würdevoll und gravitätisch, so geziert und geckenhaft durchdrungen von der äquatorverschiebenden Leistung für die Lyrik, also für die Welt, sind die Korrespondenzen. Jeder, der sich grämt ob der unverständlichen Hochkunst sei dieses Bändchen empfohlen – als Gegengift. Denn jeder dieser Dokumentenschnipsel beschreibt getreulich die Methode der Produktion von Bedeutung, als fortgesetztes mal tändelnd klingelndes oder brausend orchestrales Getöse der Eitelkeit. Ganz wunderbar.
Nora Sdun, textem,de, 26.5.2008
Französisch deutsche Lesung in Klangräumen.
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Arthur Rimbauds Le bateau ivre aufgeführt von Pablo Elcoq, Teil 1/2.
Arthur Rimbauds Le bateau ivre aufgeführt von Pablo Elcoq, Teil 2/2.
Arthur Rimbauds Le bateau ivre aufgeführt von Stefan Royet und Brice Durand.
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Theo Breuer stellt den Ithaka Verlag vor.
Mike Scott von The Waterboys spricht über sein Album „An Appointment with Mr Yeats‟.
erschienen 17. Mai 2012
erschienen 28. Dezember 2009
erschienen 21. Februar 2010
erschienen 16. Mai 2012
erschienen 13. Juli 2011
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