Paul-Henri Campbell: Zu Lina Atfahs Gedicht „Im Atelier von Youssef Abdelke“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Paul-Henri Campbell: Zu Lina Atfahs Gedicht „Im Atelier von Youssef Abdelke“ aus Mahmoud Hassanein und Hans Thill (Hrsg.): Deine Angst – Dein Paradies. –

 

 

 

 

LINA ATFAH

Im Atelier von Youssef Abdelke

Die Wand war leer, bloß durch das Bild einer Nackten verziert.
Anfangs dachte ich, sie sei ein Fenster zur Ferne,
ihre Nacktheit dort an der bitteren Wand.
Doch Youssef lachte unschuldig glucksend und sprach:
Nein, ein Horizont ist das nicht – nichts dieser Art!
Das ist eine Frau, nackt, die hält uns den Rücken entgegen
und umarmt diese bittere Wand.
Das, was du siehst, ist keine Metapher. Ist nichts als ein prächtiger Po!
Ich lachte, und sah diesen Text zu mir rollen,
lachte über den zwiefachen Scherz in Metapher und Kohlengemälde.
Es ist keine Metapher, dass die Spatzen tot
neben dem Messer der Mörder liegen.
Tot sein deutet nicht hin auf Gewalt, ist nur Tod.
Es ist keine Metapher, dass die Messer, die man zum Schlachten nimmt,
zugleich die Küchenmesser sind.
Es ist keine Metapher im Kohlengemälde!
Denn die Wahrheit ist makellos, wirft keinen Schatten.

Der international renommierte Maler Youssef Abdelke (*1951)

ist prominent in den Titel dieses Gedichts gerückt, das von der 1989 im syrischen Salamiyya geborenen Dichterin Lina Atfah verfasst worden ist. In dieser Übersetzung von Julia Trompeter (es existiert in der Anthologie noch eine weitere Variante von Christoph Peters) ringt die semiotische Potenz und die interpretatorische Lust mit der Form, mit der Gestalt, womit das Kunstwerk zunächst in die Welt gestellt ist, sich offeriert – als ein Zeichen deutungslos. Der Maler Abdelke musste bereits in den 1970ern-Jahren ins Gefängnis und dann ins Exil, wo er in Paris weiterarbeitete, um dann 2005 zurückzukehren, ohne seine Opposition aufzugeben, was ihm erneute Schwierigkeiten einhandelte. Sicher, eine mutige Geschichte über Künstler, die das brave europäische Publikum voller Erbauung liest. Doch Lina Atfah platziert dieses Ringen um den wahren Ausdruck in den intimen Raum des künstlerischen Schaffens, den Innenraum, das Atelier, wo es mehr um die Form als um die Deutungen geht.
Lina Atfah, die selbst nach ihrem Weggehen aus Syrien mit sich haderte, da sie glaube, sie verrate den Widerstand mit ihrem Fortgehen… sie führt uns hier an den Moment, wo ein Paradox geboren wird: die Verweigerung angesichts der in Linien und Flächen ausgeführten Kohlezeichnung von jeglicher Metaphorizität, eine Verweigerung, die aus dichterischer Perspektive sofort durch die Autorin in ihrer Notwendigkeit sowie Absurdität problematisiert wird. Wie kann ich die Worte „Mörder“, „Messer“, „Schlachten“ rein phonetisch, rhythmisch oder prosodisch ins Gedicht bringen angesichts der inhumanen Ungeheuerlichkeit, die im Resonanzraum des Wortes im Gedicht oder der Linie im Kunstwerk mitschwingt? „Tot sein deutet nicht hin auf Gewalt, ist nur Tod.“ Hat sich der Tod erübrigt, weil – in Wittgensteinischer Manier – es nichts dazu zu sagen gibt? Dass das Bildnis aus Zeichenkohle gearbeitet ist, worauf sich die Interagierenden im Gedicht beziehen, also eine Zeichnung aus verbrannter (vielleicht sogar pulverisierter und dann gepresster) Holzkohle, ist vielleicht nur eine weitere Ebene, die zeigt, wie schnell und direkt der Konflikt um künstlerische Form meist sofort in die Krise der Interpretation führt.

Paul-Henri Campbell, Volltext, Heft 2, 2018

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