Paul-Henri Campbell: Zu Trinidad Gans Gedicht „Kathedrale“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Trinidad Gans Gedicht „Kathedrale“ aus Trinidad Gan: Wörterbücher

 

 

 

 

TRINIDAD GAN

Kathedrale

Die Nacht riecht nach Scheiterhaufen.
Zwischen den Wolken eines Dezembers
deutet der Mond frech einen Akt an
und sein schwaches Licht fällt auf die Kathedrale.
Sieht aus, als ob er sich in Abwassern baden
und mit herabhängenden Ästen von Bäumen
die Haare trockenreiben würde

Ich lache über ihn, finde ihn feige,
während ich in unserer Stadt durch Straßenzüge laufe,
die ihre Narben und Schreie vor anderen gut versteckt.

Hinter einer Bank aus Stein
auf dem blanken Boden
zugedeckt nur mit den dunklen Schatten
der Kathedraltürme liegt der Körper eines Mannes.
Er wird von einem Rest verzehrter Splitter
kaum noch warm gehalten, tote Flammen.
Es riecht nach Scheiterhaufen, diese Nacht.

Aus dem Gedächtnis laufe ich den Weg zurück,
ich wiederhole blindlings meine Schritte,
bis ich zu Hause angekommen bin. Und unverletzt.

 

Im Zuge der Reconquista

entsteht 1517 auf den Fundamenten der ehemaligen Hauptmoschee die fünfschiffige Santa María de la Encarnación de Granada. Die folgenden Jahrzehnte sollten nicht zu den aufgeklärtesten Epochen des Christentums zählen, errichtet doch der Erzbischof von Toledo auf dem Marktplatz einen gewaltigen Scheiterhaufen, dem die hochgelehrten Schriften der islamischen Philosophen und zahlreiche Nichtchristen zum Opfer fallen sollten. Nur knapp fünfhundert Jahre zuvor (1066) trug sich an nämlicher Stelle unter der Berberherrschaft das erste Pogrom in Europa zu, das 4.000 iberischen Juden das Leben kostete. Die 1960 in Granada geborene Dichterin Trinidad Gan versteht sehr wohl, dass das barocke Antlitz ihrer Kathedrale in Lachen von Blut glänzt. Die hochdekorierte Dichterin stellt in diesem Poem – sie nennt ihre Gedichte einmal auch „Photogramme“ – das fratzenhaft romantische Bild der Kathedrale, welches Charles Baudelaire und Joris-Karl Huysmans bereits in schauerliche Schönheit einzukleiden wussten, dem indifferenten Übel der Obdachlosigkeit gegenüber: neben Maria von der Inkarnation liegt der „Körper eines Mannes“; ins Bild vom Haus Gottes setzt die Dichterin die anonyme Figur des Unbehausten. Dazwischen stehen zwei dreizeilige Strophen, die das dichtende Subjekt einmal als wertende Instanz („lache über“, „finde… feige“), einmal als anamnetische Instanz, die die zwei siebenzeiligen Photogramme historisierend vertiefen, aber auch biografisch individualisieren. Ihre Leser dürfen sich bei aller Intimität und Subjektivität, die ihre Gedichte vermitteln, daran erfreuen, dass es niemals persönlich wirkt. Als Trinidad Gan den renommierten Preis der Generación del 27 erhält, spricht sie im Interview über die Notwendigkeit, das schreibende Subjekt im Gedicht zu verorten:

Ich verstehe meine Dichtung nicht als Goldschmiedearbeit, obgleich ich sehr langsam arbeite […]. Meine Gedichte entstehen nicht aus Ideen, vielmehr gehen sie aus einem Streiflicht hervor, aus einer Erfahrung der Befremdung. Ich schreibe Bilder nieder, die mir widerfahren, die mich überraschen, weil sie schön oder bedrückend sind.

Paul-Henri Campbell, Volltext, Heft 2, 2019

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