Paul Wiens: Vier Linien aus meiner Hand

Wiens/Wiens-Vier Linien aus meiner Hand

STOFFWECHSEL

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaHieronymus Bosch

Ich öffne das buch. Ich betrete ein haus.
Dort wird einer geboren: ich. Aber
ich öffne ein fenster und klettre hinaus.
Auf der straße am kandelaber
hängt einer, schwarzhäutig, streckt
seine zunge heraus: ich. Indessen
verlaß ich die stadt. Im kornfeld neckt
einer nackt eine nackte: ich. Sie fressen
eines das andre – abendmahl. Doch
ich steh schon am kreuzweg. Dort stritten
zwei. Nun hat der eine ein rotes loch
im bauch und schreit: ich. Der andere, mitten
im dom auf der säule, entmannt sich: ich.
Ich senke den blick. Unter mir schimmert
die weltzentrale. Dort schläft einer: ich.
Einer bedient dort den knopf und wimmert:
ich. Ich wende mich ab, ich steig in den zug.
Wir rollen durch nächte und spielen
schach: ich gegen mich. Draußen im funkenf1ug
glüht einer: ich. Falle, ohne zu zielen,
finde das weiße blatt: mich. Brenne aus.
Springe frisch aus dem feuer, gesalbt und erkoren:
ein buch wird geöffnet, betreten ein haus,
dort einer geboren… Ich, ich, ich, ich…

 

 

 

PAPIERBLUME
Für Paul Wiens

Nicht dumpfen Rocks aufs taube Gelege gehockt (das dauert,
das dauert), sondern von fremden Blüten verlockt.
Nicht auf erbender Scholle versauert.

Mit langem Schnabel Honig gesucht, nicht Tafelkrumen
gepickt. Nicht fremde Muster umgebucht.
Feinere Fäden verstrickt.

Die eigenen Eier bebrütete Gott. Herr, sei ferner
ihr Hirt. Manch blasser Kelch trug ihm Kompott.
Das Hofhuhn krähte. Der Kolibri schwirrt.

Richard Pietraß

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv  + KLG
Nachruf auf Paul Wiens: ndl

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.