Paula Ludwig: Gedichte

Ludwig-Gedichte

Mit der Ackerwinde
Trieb ich eine Ranke in den Raum

Mit dem Sommerwinde
Rauschte ich hochauf im Baum

Mit der Wolke schwand ich aus der Erde Schau
Mit den Gräsern trank ich bittrer Frühe Tau

Mit der Grille sang ich in der Sonnennacht
Mit den Totenfeuern hielt ich treue Wacht

Mit der Quelle stürzte ich in dunkle Schlucht
Mit der Schattenbeere trug ich süße Frucht

Mit dem Sumpfe lag ich unterm Himmel bloß
Mit dem Himmel war ich selig groß

Mit der Mücke tanzte ich in Staubeslust
Mit der goldnen Ähre sank ich Schnittern an die Brust −

Mit dem Blitze schlug ich in die Pappel ein
Mit der Flamme litt ich hellste Pein

Mit den Flüssen suchte ich das tiefe Meer
Schwankte mit den Brücken hin und her

Mit dem Kiesel lag ich ganz gering am Grund
Mit dem Monde war ich schmal und rund

Mit dem Herbstlaub färbte ich mich fahl
Schmeckte mit dem Rest im Glase schal

Mit der Hirschkuh brach ich ein in Schnee
Deckte mit der Flocke fremdes Weh

Mit der Träne höhlte ich den harten Stein
Mit der Raupe spann ich mich in gelben Ginster ein −

War ich mehr als dies und nicht so viel
War es Wachen Träumen schweres Spiel?

Ruhvoll wird es in den Sternen klar
Daß dies alles nur ein Leben war

 

 

Nachwort

Bitte: auf Lebenslauf verzichten! Mein Leben war viel zu großartig (verhältnismäßig), als daß ich es in kurze Formeln bringen könnte. Geboren: 5.1.1900; gestorben hundertmal voraus! Aus Berlin emigriert 1933! aus Tirol geflohen 1938! aus Paris geflohen 1940! 13 Jahre Brasilien; 1953 „Heimkehr“ – fatal! –

so schrieb Paula Ludwig an den Verlag im Jahre 1958, als ihr erstes Buch nach der Rückkehr aus dem Exil vorbereitet wurde. Das Großartige und das Fatale sind in ihrem Leben wohl wirklich eng benachbart: ihre großartige „Karriere“ vom Landkind zur bestaunten Dichterin, ihre große Liebe zu Iwan Goll, das Schicksal der Emigration und schließlich die deprimierende Erfahrung, daß sie bei ihrer Rückkehr nach Deutschland als Dichterin fast vollständig vergessen war.
Einige Jahre später, für die 1962 erschienenen Träume, hat Paula Ludwig dann doch einen kurzen Lebenslauf verfaßt:

Herkunft aus einfacher Familie, Vater Orgelbauschreiner, später Sargtischler. Geburt 5. Januar 1900 in Vorarlberg. Kindheit in ländlich katholischer Umwelt. Volksschule in Linz. 1914 Tod der Mutter, Übersiedlung nach Schlesien. Zwei Jahre Mädchen für alles in Haushalt und Malschule. 1917 Geburt des Sohnes. 1918 bis 1923 München, Wohnung im Mütterheim in Nymphenburg. Lebensunterhalt als Malmodell und später als Souffleuse und Schauspielerin an den Kammerspielen. 1923 bis 1933 Berlin. Lebensunterhalt durch Verkauf von autodidaktischen Malereien, Aquarellen. 1934 endgültige Übersiedlung nach Österreich. 1938 Flucht über die Schweiz nach Frankreich, Paris. Illegale Ausreise des Sohnes aus Deutschland. 1939 Ausbürgerung. 1940 Flucht aus Campo de Gurs nach Bayonne, von da ins unbesetzte Territorium nach Marseille, weiter über die Pyrenäen nach Spanien. Ende 1940 über Portugal nach Brasilien. Sohn in Spanien interniert. 1940 bis 1953 in Brasilien. Drei Jahre im Haus der Freundin im Gebirge bei Rio de Janeiro. Zehn Jahre in Sao Paulo und Umgebung. Lebensunterhalt durch Malerei und Arbeiten in gepreßten Blumen. Rückkehr nach Deutschland.

Über ihre Kindheit bis zum Tod der Mutter berichtet Paula Ludwig im Buch des Lebens (1936), einer Entwicklungsgeschichte nach romantischem Muster: gegliedert nach verschiedenen Personen, die für sie wichtig waren, und mit Volksliedern und volkstümlichen eigenen Reimen geschmückt.
Die Kindheit endet – nach der Trennung der Eltern (1907) und dem Umzug von Mutter und Kindern in die „Großstadt“ Linz (1909) – mit dem Tod der Mutter (1914). Die Geschwister ziehen zu ihrem Vater nach Breslau. Um diese Zeit beginnt Paula Ludwig zu dichten. In einem autobiographischen Text in der Zeitschrift Der Ararat (2. Jg., München 1921) schreibt sie:

(…) ich wurde Atelier-Paula. Stand Modell, kochte Tee, putzte und behütete Wohnung, Bilder, Pinsel und Paletten. Nie aber wäre ich auf den Gedanken gekommen, selbst zu malen. Ich besuchte die Breslauer Dichterschule.

Paula Ludwigs erste Gedichte sind in Sprache und Metaphorik recht konventionell. In der Zeit bis 1916 entstehen unter anderem Widmungsgedichte auf die verehrten Maler der „Malschule Wasner“: Artur Wasner, E. Bäuerlein, E. Friedländer, auf die Schwestern Maria und Hedi Matuschka. Daneben gibt es erste Liebesgedichte und Gedichte zum Thema Krieg – so etwa auf den im Juni 1916 abgeschossenen Jagdflieger Max Immelmann – die zwar auch schmetternde Hurra-Klänge enthalten, doch überwiegend Töne der Skepsis anschlagen. In einem kleinen Album, das Paula Ludwig zu Weihnachten 1916 „der lieben Malschule“ widmet, sind fünfundvierzig dieser frühen Gedichte – sorgfältig ins reine geschrieben – erhalten.
Paula Ludwig liebt in diesem Jahr (1916) den preußischen Offizier Walter Rose und bekommt von ihm 1917 einen Sohn: Friedel. Mit dem drei Monate alten Kind zieht sie nach München, wohnt dort im Mütterheim und steht bei Franz Stuck und anderen Malern und Bildhauern Model. An den Münchner Kammerspielen unter Otto Falckenberg ist sie zunächst Souffleuse und Statistin, später übernimmt sie kleine Rollen. Über ein Engagement bei den Salzburger Festspielen schreibt sie aus der Rückschau (1958):

Uraufführung. Zum erstenmal: Jedermann! Regie: Max Reinhardt, Hofmannsthal. Moissi als Jedermann – dieses herrlichste Kleinod! Ja, ich war nur für eine kleine Nebenrolle von den Münchner Kammerspielen weg engagiert. Mußte aber bald auch die Sätze anderer „Buhlerinnen“ übernehmen – weil ich halt ein so gut tragendes Organ habe! Leider.

(Die Uraufführung war bereits 1911 in Berlin gewesen; hier handelt es sich um die Aufführung zur Eröffnung der Salzburger Festspiele im Sommer 1920.)
In die Münchner Zeit fallen auch Paula Ludwigs erste Aquarell-Malereien. Die oben erwähnte autobiographische Notiz aus der Zeitschrift Der Ararat ist die Beigabe zur Reproduktion dreier Aquarelle zusammen mit vier Gedichten Paula Ludwigs. Darin stellt sie sich als Doppelbegabung dar, und bis in ihre letzten Jahre hat sie gemalt und von ihren Mal- und Dekorationsarbeiten gesprochen.
Erstaunlich ist der große Bekanntenkreis Paula Ludwigs in München: sie verkehrt im Kreis von Stefan George, zu dem auch Else Lasker-Schüler gehört, als deren „jüngere Schwester“ sie gelegentlich bezeichnet wird. Sie ist mit Klaus und vor allem mit Erika Mann befreundet, lernt Autoren des Expressionismus kennen. Es entsteht eine jahrelange Freundschaft zu Waldemar Bonsels, dessen Buch Indienfahrt 1916 Aufsehen erregt hatte und für Paula Ludwigs lyrische Bilderwelt bedeutsam wurde, ebenso wie später seine Romantrilogie Mario, ein Leben im Walde (1927–1934); siehe dazu das Gedicht „Mario“. An den Kammerspielen lernt sie den Regisseur Robert Forster-Larrinaga kennen, den ersten Mann von Nina Engelhardt. Mit ihr schließt Paula Ludwig lebenslange Freundschaft; sie widmet das Buch des Lebens „Meinem Schutzgeist Nina“. Bei Nina Engelhardt nimmt Paula Ludwig 1934 in Ehrwald und 1941 in Brasilien Zuflucht. Eine wichtige Rolle in der Münchner Zeit spielt auch Margarethe Franke-Weisberger; sie stellt die Verbindung zu Hermann Kasack her, der Paula Ludwigs erste Buchveröffentlichung in die Wege leitet und der sie bis zu seinem Tod 1966 mit Freundschaft und immer wieder auch mit materieller Hilfe begleitet hat. Ebenfalls aus der Münchner Zeit datiert die Bekanntschaft mit dem Graphologen Max Pulver und dem Psychologen Bernhard Bernson und seiner Frau Martha, die Paula Ludwig später im Exil wieder sieht und in deren Pariser Keller sie vor der Flucht Bücher und Manuskripte deponiert, die sich erst Ende der fünfziger Jahre dort wiedergefunden haben; darunter auch die Originale der Malaiischen Liebeslieder von Iwan Goll, von denen noch die Rede sein wird.
1919 (mit Impressum: 1920) erscheint Paula Ludwigs erstes Gedichtbändchen: Die selige Spur. Die Vorrede von Hermann Kasack ist in diesem Band auf Seite 301 abgedruckt. Acht Jahre später, aus Anlaß des 1927 erschienenen Gedichtbandes Der himmlische Spiegel, schreibt Hermann Kasack in der Vossischen Zeitung:

Es ist vor acht oder neun Jahren gewesen, als ich Paula Ludwig kennenlernte. Sie war damals nach München übersiedelt. Eines Tages erhielt ich durch Zufall eine kleine Anzahl von Gedichten in einer Handschrift, deren Naivität bestechend war. Gedichte, von einer ergreifenden Kraft und Einfalt der Sprache, die in ihrem ursprünglichen, allem Literaturbetrieb abseitigen Charakter einen so entscheidenden Eindruck hinterließen, wie ich ihn nur noch einmal von ungedruckten Manuskripten empfangen habe: als ich, seinerzeit im Lektorat eines Verlages beschäftigt, mitten in dem Wust von Durchschnittsbegabungen Lieder und Balladen eines damals noch ganz unbekannten Autors entdeckte, ein Theaterstück war dabei, das ein Münchner Verlag zu drucken sich weigerte: die ersten Manuskripte von Bert Brecht. Als ich dann Näheres von den Lebensumständen Paula Ludwigs erfuhr, die, 1900 geboren, aus einfachen Kreisen stammte, und von keiner Kenntnis der modernen Literatur beschwert war, da wuchs das Erstaunen vor der Tiefe der Gedanken, vor der reinen Intuition, mit der sie sich des anschaulichen Wissens um die Dinge bemächtigte.
(H.K.: Mosaiksteine. Frankfurt 1956, S.249ff.)

1923 zieht Paula Ludwig – einer Bewegung von Künstlern und Literaten folgend – mit ihrem Sohn von München nach Berlin, zunächst in eine kleine Behausung am Halleschen Tor, später in ein Zimmer am Kurfürstendamm 177 neben Atelierräumen im 5. Stock. Mitte 1927 bezieht sie ein geräumiges Atelier am Kurfürstendamm 112. In dieser Zeit steht sie unter anderen mit Bertolt Brecht, den Brüdern Eduard und Carl Zuckmayer, Friedrich Berna und Joachim Ringelnatz in Verbindung. Auch Waldemar Bonsels lebt zu dieser Zeit in Berlin. Besonders wichtig ist die Freundschaft mit Annemarie (Mirl) Seidel, mit ihrem späteren Mann Peter Suhrkamp und mit ihrer Schwester Ina Seidel – davon zeugen zahlreiche Briefe, auch aus der Zeit nach dem Exil. Schließlich ist Herta Terfloth zu erwähnen, der Paula Ludwig eine ganze Reihe von Gedichten zusammen mit Briefen über eigene Kümmernisse geschickt hat.
In einem Prozeß um den Rezitator Ludwig Hardt (1876–1947), mit dem Paula Ludwig, wie sie 1925 an Herta Terfloth schreibt, eine Liebschaft gehabt hat, ist sie als Zeugin vor Gericht geladen und lernt so den Richter Friedrich Koffka (1888–1951) kennen, der auch einen Namen als expressionistischer Dichter hat. Mit ihm bleibt sie mehrere Jahre verbunden, ihm widmet sie ihr zweites Buch Der himmlische Spiegel. Gemeinsam mit Friedrich Koffka reist Paula Ludwig 1930 auf Burg Weißenstein im Bayerischen Wald, wo sie als „Porza“-Preisträgerin zu Gast ist. Schloßherren sind Siegfried von Vegesack und seine Frau Clara Nordström. Zur gleichen Zeit hält sich dort Erich Mühsam auf.
Im Februar 1931 begegnet Paula Ludwig in Berlin ihrer großen Liebe Iwan Goll auf einer Einladung zu Ehren des aus Paris gekommenen Dichters. Iwan Goll, 1891 in den Vogesen geboren, hatte Jura studiert und war 1914 in die Schweiz ausgewandert, wo er dem Kreis französischer Pazifisten um Romain Rolland angehörte und mit der expressionistischen Bewegung in Berührung kam. 1919 war er nach Paris gegangen, hatte an Kubismus und Dadaismus teil, sich kritisch mit dem Surrealismus befaßt und mit James Joyce und Samuel Beckett zusammengearbeitet. 1921 hatte er Claire Studer (geb. Aischmann; 1890-1977) geheiratet. Iwan Goll erlebte und bezeichnete sich als „Jean sans terre“ (oder auch auf deutsch als „Johann Ohneland“). In der Expressionismus-Anthologie Menschheitsdämmerung (1920) steht, von ihm selbst verfaßt, als biographisches Stichwort:

Iwan Goll hat keine Heimat: durch Schicksal Jude, durch Zufall in Frankreich geboren, durch ein Stempelpapier als Deutscher bezeichnet.

Über seine Begegnung mit Paula Ludwig schreibt Iwan Goll am 22. Februar 1931 aus Berlin an seine Frau Claire nach Paris:

(…) ich habe auch Paula Ludwig kennengelernt: seltsames Bauernmädel, Tochter eines Sargtischlers, ziemlich holzschnitthafter Kopf, aber eine feine Seele. Sie entwickelt sich langsam zu einer christlichen Lasker. Sie hat auch einen Sohn von 13 Jahren, der in einer Schulgemeinde am Meer lebt. Unehelicher Sproß. Sie ist Dienstmädchen gewesen, Modell in München, Souffleuse. Jetzt schreibt sie diese Gedichte an ihren Knaben. Und wie bescheiden arm!

Es folgt nun eine Zeit leidenschaftlicher Liebe. Iwan Goll besucht Paula Ludwig teils in Berlin, teils bei Nina Engelhardt in Ehrwald, wo sie sich immer wieder längere Zeit aufhält. Während des ersten Jahres ihrer Beziehung schreibt Paula Ludwig den Gedichtzyklus Dem dunklen Gott. Ein Jahresgedicht der Liebe. Dieses Buch ist wohl ihr bedeutendstes Werk. Sein Aufbau ist streng komponiert; die Liebesgeschichte wird – mit Vor- und Rückblenden – in den Ablauf der Jahreszeiten eingeordnet. Die Form der einzelnen Gedichte innerhalb dieser Abfolge ist sehr verschieden. Kurze Formen wechseln mit langen, balladeske mit lyrischen. Paula Ludwig gelingt hier eine Kraft der Sprache und der Bilder über den ganzen Zyklus hinweg, wie vorher und nachher nur in einzelnen Gedichten. Dies liegt auch am Einfluß Iwan Golls, der in dieser Zeit ihr wichtigster literarischer Berater ist. Umgekehrt ist auch er von Paula Ludwig inspiriert: Die 1932-1935 entstandenen Malaiischen Liebesliedern Iwan Golls, das biographische Pendant zu Dem dunklen Gott, weisen vor allem motivlich, aber auch formal eine Fülle von Anklängen an Paula Ludwigs Jahresgedicht der Liebe auf.
Am 22. Januar 1932, ein knappes Jahr nach der ersten Begegnung mit Paula Ludwig, schickt Iwan Goll aus Berlin ein erstes Exemplar von Dem dunklen Gott an seine Frau Claire nach Paris; im Begleitbrief schreibt er dazu:

(…) ein Buch, das nicht ich schrieb, sondern das an mich geschrieben ist. Ein Buch, das nicht ich fühlte, aber das durch mich gefühlt wurde. Ein Buch also, an dem ich großen Anteil habe, und das doch ganz unabhängig von meinem Willen ward.

Im Sommer 1933 treffen sich Paula Ludwig und Iwan Goll in Paris im Herbst unternehmen sie eine vierwöchige Italienreise. Ein Jahr später sind sie wiederum in Italien. Die Dreieckssituation scheint inzwischen unerträglich geworden zu sein. Iwan Goll schreibt am 13. September 1934 an Claire:

Die Entwicklung meines Erlebnisses mit Paula (…) hat nun in der ruhigen Abgeschiedenheit des Gardasees den entscheidenden Punkt erreicht, den ich Dich damals schon vorausahnen ließ: wir haben uns entschlossen, uns nach diesen Herbsttagen nicht wieder zu sehen. Unser jetziges Zusammensein ist eine Abschiedsfeier. Ganz bewußt und ruhig sind wir beide dazu bereit. Ich kann nämlich Paulas großes und ganzes Gefühl nicht mit derselben Fülle und Ganzheit erwidern.

Doch es bleibt nicht bei dieser Trennung. Die Beziehung von Paula Ludwig und Iwan Goll besteht weiter; Begegnungen der beiden und Aufenthalte Paula Ludwigs in Paris folgen.
1934 verläßt Paula Ludwig endgültig Berlin und zieht ganz nach Ehrwald in Tirol, wo Nina Engelhardt lebt.
In den Jahren darauf kann sie noch in Deutschland publizieren: 1935 erscheint ihr Buch Traumlandschaft, herausgegeben von Alexander Mitscherlich, der sie per Motorrad zu Lektoratsgesprächen in Ehrwald besucht hat. Wegen der Widmung Dem Geiste der Abraham-Lincoln-Stiftung, Geoffrey Winthrop Young, in Verehrung gewidmet wird die Traumlandschaft sofort nach Erscheinen verboten: zumindest soll nicht öffentlich werden, daß Paula Ludwig Unterstützung aus einem amerikanischen Fonds erhalten hat. 1936 erscheint das Buch des Lebens, 1937 eine Ausgabe der Blätter für die Dichtung mit elf älteren Gedichten. In der selben Zeit kann Paula Ludwig auch noch Gedichte von Iwan Goll unter dem Pseudonym Johannes Thor in verschiedenen deutschen Zeitschriften unterbringen. Dazu war es allerdings notwendig geworden, der Reichsschrifttumskammer beizutreten, was sie später sehr bereut hat.
Am Tag nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich, am 13. März 1938, verläßt Paula Ludwig Ehrwald und fährt über Zürich nach Paris. Sie wohnt zunächst in der Wohnung von Etienne Coche de la Ferté, Rue Férou 4, der auf Ausgrabungsreise ist. Erst im Dezember, nach einem Aufenthalt in Ascona bei Nina Engelhardt, läßt sich Paula Ludwig in Paris, Rue d’Assas 58 A, nieder. In der Pariser Zeit kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Claire Goll und Paula Ludwig sowie zwischen Claire und Iwan Goll, die zu einem Selbstmordversuch Claires führen. Am 3. August 1939 sehen sich Paula Ludwig und Iwan Goll zum letzten Mal. Ende August reist das Ehepaar Goll in die USA.
Paula Ludwig flieht Anfang Juni 1940, kurz vor dem Einmarsch der Deutschen in Paris, nach Bordeaux. Lange zuvor hat sie schon ein Ausreisevisum nach Brasilien beantragt; dort will sie bei Nina Engelhardt Zuflucht nehmen. Das genehmigte Visum liegt in Paris auf der Botschaft und wird nicht weitergeleitet. Ihren Sohn Friedel, der als Fahnenflüchtiger (er hat sich dem Wehrdienst durch die Ausreise nach Frankreich entzogen) noch mehr von den Deutschen zu befürchten hat als seine Mutter, kann Paula Ludwig im Internierungslager Bassens bei Bordeaux besuchen; sie gibt ihm den dringenden Rat, nach seiner Freilassung über die Pyrenäen zu fliehen. Sie selbst begibt sich aus Geldmangel freiwillig in das Frauen-Internierungs-Lager Gurs, von wo sie nach etwa zwei Wochen wieder entlassen wird: Sie bekommt Hilfe von einer alten Kommunistin, die sie erkennt und sich erinnert, daß Paula Ludwig 1919 dem Münchner Kommunisten Julius Katzenstein geholfen hat, sich unauffällig in die Schweiz abzusetzen.
Paula Ludwig versucht, in Bayonne auf ein Schiff zu kommen. Sie sieht noch das letzte Quäker-Schiff nach England auslaufen, das dann bombardiert wird. Von Bayonne, das gemäß Waffenstillstandsvertrag in die von deutschen Truppen zu besetzende Zone gehört, nehmen Flüchtlinge sie im Auto mit nach dem unbesetzt bleibenden Marseille. Dort lebt sie mehrere Monate in der Flüchtlingsunterkunft Rue de Hesse 32. Im Dezember 1940 bekommt sie ein spanisches Transitvisum nach Portugal und übersteigt zu Fuß die Pyrenäen. Illegal trifft sie ihren Sohn Friedel im spanischen Lager Miranda de Ebro. Nach einigen Wochen Portugal gelangt sie schließlich im Februar 1941 nach Brasilien.
Hier lebt sie etwa drei Jahre lang in Mury in den Bergen oberhalb von Rio de Janeiro, wo sich Nina Engelhardt ein kleines Haus gebaut hat. 1944 zieht Paula Ludwig nach São Paulo, kommt dort für kurze Zeit bei ihrer Schwester Martha unter, ehe sie Unterkunft in einer Hütte in einem verwahrlosten Park findet. Dort malt sie und gestaltet in Heimarbeit für einen Innendekorateur Glastische, Spiegel und Fenster mit gepreßten Blüten und Gräsern. Friedel kommt 1943 aus der spanischen Internierung frei und lebt, bis er ein Dauervisum für Brasilien erhält, in Madrid. Im Dezember 1946 trifft er in Rio de Janeiro ein und arbeitet dort in einem Fotogeschäft. Ende 1947 bezieht er mit der Mutter eine gemeinsame Wohnung in São Paulo. Im Verlauf seiner Flucht und Internierung hat er Vor- und Nachnamen vertauscht.
Im fremden Sprachraum und fern von dem Freundeskreis, der für ihr Dichten nötig war, schreibt Paula Ludwig weniger und weniger kunstvoll: Häufiger werden die langen, wenig durchgeformten Bekenntnis- und Klagegesänge, seltener die prägnanten, bildhaften, künstlerisch reifen Gedichte. Mit Ausnahme weniger Lesungen oder Vorträge nimmt Paula Ludwig nicht an einem literarischen Leben teil. Sie leidet am Heimweh und an der Trauer um den endgültigen Verlust Iwan Golls.
1953 kehrt Paula Ludwig nach Deutschland zurück. Die Hoffnung, wieder Anschluß zu finden, trügt nicht völlig: Literaturzeitschriften drucken Gedichte von Paula Ludwig ab, Schriftstellerkollegen erinnern sich ihrer und schreiben in Zeitungen. Hans Egon Holthusen und Friedhelm Kemp nehmen fünf Gedichte von ihr in ihre Anthologie Ergriffenes Dasein (1953) auf. Und doch ist Paula Ludwig eigentlich eine „vergessene Dichterin“. Sie begegnet immer wieder dem Erstaunen, daß es sie also doch noch gebe. Wer überhaupt an sie gedacht hat, hat sie für tot oder verschollen gehalten.
Ihre Stationen sind Icking bei München, Götzis in Vorarlberg, Ehrwald, Düsseldorf. Vor allem in ihrer alten Heimat Österreich fühlt sie sich angefeindet. Auf und Ab der Stimmungen, Alkoholprobleme und entmutigende Versuche, literarisch wieder Fuß zu fassen, bestimmen ihre fünfziger Jahre. Der Gedanke von der „fatalen Heimkehr“ setzt sich fest.
1956 kehrt Friedel aus Brasilien zurück und findet eine Stellung als Fotograf in der Firma seines Schulfreundes Günther Leitz in Wetzlar, wo er 1938 seine Ausbildung zum technischen Kaufmann abgeschlossen hatte. Bis 1970 leben Mutter und Sohn in Wetzlar
1958 erscheint der Band Gedichte. Eine Auswahl aus der Zeit von 1920 bis 1958. Die Briefe, die Paula Ludwig im Zusammenhang mit der Entstehung dieses Buches an den Verlag geschrieben hat, zeigen sie als gebrochene Frau. Wiederholt klagt sie, sie würde nach Paris oder Brasilien fahren, wenn sie nur das Geld dazu hätte; in Deutschland halte sie es nicht mehr aus, die Musen mieden sie hier. Paula Ludwig leidet unter allem, was sie – zu recht – als Relikte aus der Zeit des Dritten Reiches erkennt, und sie sieht das Ausbleiben des literarischen Erfolges – zu unrecht – im Zusammenhang damit. Die Emigration hat ihr die Kraft zum Arbeiten genommen: Die geplanten Bücher über ihr Leben in den zwanziger Jahren und über Flucht und Exil hat sie nie geschrieben. Was sie – an Bedrohungen einerseits, an neuen Bildeindrücken andererseits – erlebt hat, schlägt sich in wenigen Gedichten nieder, z.B. in dem Gedicht über den brasilianischen Bildhauer Aleijadinho, der im 18. Jahrhundert gelebt hat und dessen Hände von Lepra verstümmelt waren. Traumaufzeichnungen mit Motiven aus der Brasilienzeit sind, zusammen mit den leicht überarbeiteten Texten der Traumlandschaft, 1962 unter dem Titel Träume erschienen.
1961 lernt Paula Ludwig im „Weilburger Kreis“, einer literarisch-musikalischen Kulturwoche, die österreichische Dichterin Christine Busta kennen, mit der sie von da an eine herzliche Freundschaft verbindet. 1962 wird ihr in Salzburg der Georg-Trakl-Preis verliehen.
In den Jahren 1960 bis 1966 bemüht sich Paula Ludwig um die Veröffentlichung der Malaiischen Liebeslieder von Iwan Goll. Goll hatte sie in deutscher Sprache gedichtet und 1935 französische Übersetzungen davon im Selbstverlag herausgegeben, mit Illustrationen von Paula Ludwig. Bis lange nach seinem Tod 1950 sind nur diese französischen Fassungen Iwan Golls und die Rückübersetzungen ins Deutsche durch Claire Goll bekannt gewesen. Ende der fünfziger Jahre haben sich im Pariser Keller Bernhard Bernsons unter Paula Ludwigs vor der Flucht 1940 deponierten Sachen die Original-Handschriften der Malaiischen Liebeslieder wiedergefunden, so wie Iwan Goll sie ihr in den dreißiger Jahren auf Einzelblättern geschenkt hatte. Um diesen Fund zu publizieren, bedarf es der Zustimmung von Claire Goll als der Inhaberin der Urheberrechte Iwans, die ihrerseits freilich die Herausgabe der Manuskripte nicht erzwingen kann. Die Korrespondenz der beiden Frauen, die sich noch immer skeptisch gegenüberstehen, zieht sich über mehrere Jahre hin, bis 1966 ein Vertrag geschlossen werden kann. Das Buch ist 1967 erschienen.
Im Jahr 1970 zieht Paula Ludwig zusammen mit ihrem Sohn Friedel nach Darmstadt. 1972 erhält sie den Preis des österreichischen Schriftstellerverbandes; die Laudatio hält Christine Busta. Den Plan einer Neuausgabe von Dem dunklen Gott hat sie noch erfahren, deren Erscheinen 1974 nicht mehr erlebt. Sie ist am 27. Januar 1974 in Darmstadt gestorben.

Editorische Notiz

Die von Paula Ludwig selbst veröffentlichten Gedichte sind grundsätzlich dem Datum des Erstdrucks nach geordnet. Diesem Prinzip zuliebe erscheint der Band Gedichte (1958), der überwiegend Reprisen aus früheren Büchern enthält, nicht vollständig. Dagegen werden die beiden frühen Gedichtbände Die selige Spur (1919) und Der himmlische Spiegel (1927) sowie die Blätter für die Dichtung (1937) als Gesamt-Komposition aufgefaßt und vollständig abgedruckt; der Anhang verweist hier auf Vor-Abdrucke einzelner Gedichte und auf Überschneidungen. Spätere Abdrucke einzelner Gedichte werden grundsätzlich nicht verzeichnet.
Die nachgelassenen Gedichte, Jugendgedichte und Fragmente, die hier zum ersten Mal im Druck erscheinen, liegen als meist undatierte Handschriften vor. Wir haben versucht, nach äußeren Anhaltspunkten (Papier, Tinte, Schrift) und nach thematischen und biographischen Kriterien eine plausible Reihenfolge zu ermitteln. Für Rat und Hilfe dabei danken wir Ludwig Friedel.
Von vielen Gedichten gibt es mehrere Fassungen. Bei den bereits gedruckten Gedichten folgen wir stets der Druckfassung, bei den nachgelassenen Gedichten der am weitesten ausgearbeiteten Fassung; in Einzelfällen sind auch zwei Fassungen eines Gedichtes abgedruckt.
Paula Ludwigs Rechtschreibung ist nicht nur Wandlungen durch ein langes Leben unterworfen, sie ist auch innerhalb eines Gedichtes inkonsequent. Wir haben deshalb nach folgenden Regeln behutsam generalisiert: Stets unangetastet bleibt der Lautstand, auch in Grenzfällen. Die Schreibung von ss und ß ist den heutigen Regeln angeglichen, da Paula Ludwig in deren Gebrauch durchaus unsicher ist. (Immerhin ist festzuhalten, daß sie seit den Jahren des Exils fast nur noch ss geschrieben hat.) Den Dativ haben wir regelgemäß gesetzt, im Konfliktfall – in ernstem Flug? im ernsten Flug? – so einleuchtend wie möglich. Die Formen des lyrischen Du, bei Paula Ludwig uneinheitlich, haben wir immer klein gesetzt. Apostrophe haben wir weggelassen, wo sie unnötig erschienen, niemals jedoch hinzugefügt, wo man sie heute setzen würde. Zur Interpunktion gibt es ein Vermächtnis von Paula Ludwig aus dem Jahr 1958: Bitte alle Kommas streichen. Auch den Punkt beim Abschluß eines Gedichts streichen. Bleiben dürfen die Gedankenstriche (…) Ein paar Ausrufungszeichen lasse ich noch gelten (…) Bitte nunmehr alles einheitlich – nach obigen Grundsätzen. Möglichst oft haben wir uns nach diesem „letzten Willen“ gerichtet, nicht jedoch bei den Jugendgedichten, wo offensichtlich eine regelgemäße Zeichensetzung angestrebt war (die wir allerdings nicht pedantisch hergestellt haben), sowie dort, wo Satzzeichen erkennbar zum Aufbau eines Gedichtes gehören. Bei den Versanfängen sind wir so verfahren: War es offenbar Paula Ludwigs Absicht, bei diesem Gedicht jeden Vers mit einem Versal zu beginnen, so haben wir einzelne kleine Versanfänge des Manuskriptes groß gesetzt – und umgekehrt. Bei syntaktisch freieren Gedichten ohne oder fast ohne Satzzeichen haben wir dem offenbaren Wunsch Paula Ludwigs, den Beginn eines Satzes oder einer satzähnlichen Wortfolge durch einen Versal zu markieren, nachzukommen versucht.
Der Nachlaß von Paula Ludwig befindet sich zum größten Teil im Besitz ihres Sohnes Ludwig Friedel. Einzelne Handschriften (doch nur Abschriften, die für die Edition nicht bedeutsam waren) liegen im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg und im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf. Fotokopien des gesamten Materials mit der textkritischen Aufarbeitung sind im Verlag Langewiesche-Brandt archiviert.

„Ich bin eine obdachlose Dichterin“

– Über Paula Ludwig (1900–1974). –

Zu Weihnachten 1919, als ihr erster Gedichtband Die selige Spur im Erscheinen war, notierte die neunzehnjährige Paula Ludwig in ihrem Münchner Tagebuch einen Briefentwurf an Wolf Przygode, der in seiner Dialektik als Motto über ihrem Leben stehen könnte:

Ich bin eine obdachlose Dichterin, aber ich bin froh, wenn ich an Dich denke, der Du so viel Heimat hast und doch nicht glücklich bist.

Im Rückblick auf ein Leben, das 1900 in Vorarlberg begonnen hatte und das sie über Linz, Breslau, München, Berlin, Ehrwald, Paris, Spanien, Portugal und Brasilien schließlich nach Deutschland zurückführte, schlägt sie in einem nachgelassenen Gedicht resigniertere Töne an:

Ich lege
meinen Kopf hin
in die Wüste
aber ich weiß schon
ungern
sieht es der Löwe

Ich strecke meinen Fuß
in die Wildnis
aber ich weiß schon
zurück
zieht sich die Schlange

Ich zeige
Papiere an der Grenze
abgestempelt geduldet bin ich
unter den Menschen
ich weiß schon.
(Gedichte)

Wer sich heute mit Paula Ludwig beschäftigt, begibt sich auf die Spurensuche nach einer Frau, deren literarischer Rang in den dreißiger Jahren unumstritten war, die aber nach den langen Jahren der Emigration nie mehr so recht ins Bewußtsein der literarischen Öffentlichkeit zurückkehrte, nachdem sie 1934 aus Abneigung gegen das Hitler-Regime Deutschland verlassen hatte und erst 1953 aus Brasilien zurückkam. Wenn 1935 Fritz Schwiefert im Berliner Tageblatt schrieb: „Wer Paula Ludwig ist, braucht man nicht mehr zu sagen. Sie gehört zu den wenigen dichterischen Persönlichkeiten, die sich mit zwei, drei schmalen Gedichtbüchern einen Namen gemacht haben; und sie zählt heute zu der kleinen Elite verseschreibender Frauen, die Dichterinnen sind“, wenn Wilhelm Hausenstein 1936 in der Frankfurter Zeitung bemerkte: „Die längst nicht mehr unbekannte Dichterin Paula Ludwig – eine Frau, welche des Namens einer Dichterin wert ist…“, so ist Paula Ludwig heute eine Gestalt der deutschen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, die nur einem kleinen Kreis von Kennern und Liebhabern bekannt ist, obwohl ihr etwa auch die Süddeutsche Zeitung 1962 „geheimen Ruhm“ (Träume, 29.9.1962) bestätigte. Daß ihr Name im Nachkriegsdeutschland überhaupt wieder bekannt wurde, ist nicht zuletzt das Verdienst des kleinen Langewiesche-Brandt-Verlages in Ebenhausen bei München, der sich seit 1958 für die Wieder- bzw. Neuauflage ihrer Werke einsetzte: 1958 erschien als erste Nachkriegspublikation eine Auswahl von Gedichten (Gedichte. Eine Auswahl aus der Zeit von 1920 bis 1958), 1962 ein Band Träume, der eine erweiterte Fassung der Traumlandschaft von 1935 darstellt, 1974 die Wiederauflage von Paula Ludwigs berühmtestem Gedichtband, Dem dunklen Gott von 1932, 1986 eine Gesamtausgabe der Gedichte mit bis dahin unveröffentlichten Texten aus dem Nachlaß und 1990 eine Wiederauflage der Autobiographie ihrer Jugendjahre Buch des Lebens, die erstmals 1936 erschienen war.
Paula Ludwigs zweites schöpferisches Gebiet, die Malerei, mit der sie sich zeitweise ihren Lebensunterhalt verdiente, ist aber nach wie vor fast unbekannt, im Gegensatz etwa zu den Zeichnungen einer anderen Doppelbegabung, mit der sie als Dichterin von Anfang an verglichen wurde, Else Lasker-Schüler. Interessant an Paula Ludwig ist aber nicht zuletzt ihre Biographie, von der sie in der verständlichen Hoffnung einer meist mittellosen Dichterin selbst glaubte, daß sie Millionen damit verdienen könnte, wenn sie einmal geschrieben wäre, doch außer dem Buch des Lebens, das bis zu ihrem 14. Lebensjahr geht und einigen fragmentarischen Skizzen ist davon nichts vorhanden. Fast gleichzeitig mit dem neuen Jahrhundert am 5. Januar 1900, in der Nacht zum Dreikönigstag geboren, in der ihr Vater noch immer im Gasthaus mit seinen Kollegen „die große Jahrhundertwende“ (Buch des Lebens) feierte, erlebte Paula Ludwig die Ereignisse dieses zwanzigsten Jahrhunderts als eine Art „exemplarische Zeitgenossin“ mit, was sie noch einige Jahre vor ihrem Tod zu der Äußerung veranlaßte:

Nie würde ich vergessen sein: denn: mein Leben war doch Teil des Lebens meiner Zeitgenossen, unentwirrbar verflochten die gemeinsamen Tage – jedoch meine Mitmenschen leiden an einem schwachen Gedächtnis – sie vergessen sich selbst.

I. Mein Leben war viel zu großartig (verhältnismäßig), als daß ich es in kurze Formeln bringen könnte.

1958 schrieb Paula Ludwig an den Langewiesche-Brandt-Verlag auf die Bitte nach einem Lebenslauf:

Bitte: auf Lebenslauf verzichten! Mein Leben war viel zu großartig (verhältnismäßig), als daß ich es in kurze Formeln bringen könnte. Geboren: 5.1.1990; gestorben hundert Mal voraus! Aus Berlin emigriert 1933! aus Tirol geflohen 1938! aus Paris geflohen 1940! 13 Jahre Brasilien; 1953 ,Heimkehr‘ – fatal! (Gedichte)

Schon aus diesen wenigen Zeilen wird deutlich, daß Paula Ludwigs Biographie untrennbar mit den politischen Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden ist. Begonnen hat dieses Leben scheinbar romantisch im Schlößchen Amberg bei Feldkirch in Vorarlberg, das aus dem 16. Jahrhundert stammt und in dem etwa von 1510 bis 1530 die Gräfin Anna von Helfenstein lebte, die Geliebte Kaiser Maximilians I.. Romantisch ist dieses Schlößchen nur scheinbar, da Paula Ludwig aus einfachen, fast proletarischen Verhältnissen stammt: Ihren Geburtsort verdankt sie ihrem Vater Paul Ludwig, nach dessen Wunsch sie ein Sohn hätte werden sollen, weshalb sie auch seinen Vornamen trägt, und der als wandernder Orgelbauschreiner immer wieder ungewöhnliche Wohnsitze für seine Familie suchte. Der einsame Schloßturm hatte es ihm angetan, er fand Arbeit in der Orgelbaufirma Mayer in Altenstadt, heute einem Stadtteil von Feldkirch, und erhielt von der Gemeinde die Erlaubnis, das verfallene Gemäuer zu beziehen. Paul Ludwig stammte aus Schlesien, war Tischlergeselle, Sozialist und als solcher stellvertretender Schriftführer der Ortsgruppe der Gewerkschaft der Holzarbeiter Feldkirchs im Jahre 1907:

Unter den Kollegen war mein Vater beliebt, er war der ,Rote Hund‘. Er führte eine soziale Zeitschrift ein, hielt Versammlungen und ließ bei jeder Gelegenheit die Freiheit hochleben. Wenn er uns Kinder spazierenführte und etwas sehr Rotes sah, dann rief er laut: „So rot müßt ihr werden, wie die Schilder an der Elektrischen“,

schreibt Paula Ludwig im Buch des Lebens. Paul Ludwig kam mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt, mußte aber ein tüchtiger Handwerker gewesen sein. 1907 verließ er seine Familie mit der ältesten Tochter Martha, weil seine Frau ein Verhältnis mit einem Arbeitskollegen hatte, ließ sich scheiden und zog zurück in seine Vaterstadt Breslau. Durch ihn war Paula Ludwig trotz ihres Geburtsortes deutsche Staatsbürgerin. Die Mutter, Maria, geborene Amerstorfer, stammte aus Oberösterreich und war Dienstmädchen und Störschneiderin. Nach der Trennung von ihrem Mann richtete sie eine kleine Schneiderwerkstatt in Altenstadt ein; ebenso lebte sie dann in ihrer Geburtsstadt Linz, wohin sie 1909 mit ihrer Mutter und den Kindern zog, von ihren Näharbeiten. Sie starb bereits 1914; Paula Ludwig hat ihr und ihrem Vater im Buch des Lebens ein Denkmal gesetzt, in dem sie die einfachen, zum Teil sehr schwierigen Verhältnisse ihrer Kindheit und Jugend schildert, etwa den Besuch der Klosterschule der Dominikanerinnen in Altenstadt, die religiösen Bräuche ihrer einfachen ländlichen Umgebung oder auch ihre erste Begegnung mit der Literatur, nämlich mit den Schillerschen Balladen, die ein „Fräulein Angelika“, eine Bürgerstochter aus Feldkirch, die bei ihrer Mutter nähen lernen sollte, in der Werkstatt mit pathetischer Stimme rezitierte. Auf der Schule in Linz schrieb Paula Ludwig auf Anregung einer Lehrerin ihr erstes Gedicht und später Theaterstücke. Im Frühjahr 1914 übersiedelte sie mit Bruder und Schwester zu ihrem Vater nach Breslau, der als einer der wenigen bei Kriegsausbruch nicht Hurrah schrie, wurde von diesem „als Dienstmädchen vermietet“, dichtete immer weiter und kam hier zum ersten Mal mit dem Bohème-Milieu der Ateliers in Berührung:

… ich wurde Atelier-Paula, stand Modell, kochte Tee, putzte und behütete Wohnung, Bilder, Pinsel und Paletten. Nie aber wäre ich auf den Gedanken gekommen, selbst zu malen. Ich besuchte die Breslauer Dichterschule. (Autobiographische Skizze)

Aus dieser Zeit stammen ihre ersten erhaltenen Gedichte, die zum Teil den verehrten Malern der „Malerschule Wasner“ gewidmet sind, außerdem schrieb sie Liebesgedichte und Gedichte über den Krieg. 1916 lernte sie einen preußischen Offizier kennen, Walter Rose, von dem sie 1917 einen Sohn Siegfried, genannt Friedel, bekam. Rose heiratete eine andere, Paula Ludwig zog 1917 mit ihrem Sohn nach München und wohnte im Mütterheim Nymphenburg. Sich und ihr Kind brachte sie mit Arbeiten als Modell bei Franz Stuck und anderen Malern und Bildhauern durch: „Ich war berühmt als expressionistisches Modell, Hofmannschule. Mit meinem nackten Sohn auf dem Arm.“, äußerte sie später in einem Interview (Suchy, Interview); außerdem war sie als Souffleuse und Statistin in den Kammerspielen bei Falckenberg tätig und spielte kleinere Rollen, etwa als eine der Buhlerinnen bei der österreichischen Uraufführung des Jedermann zur Eröffnung der Salzburger Festspiele im Sommer 1920. In München begann Paula Ludwig selbst Aquarelle zu malen und auch zu verkaufen. Ihr Bekanntenkreis war groß: Sie lernte Else Lasker-Schüler kennen, als deren „jüngere Schwester“ sie bezeichnet wurde, verkehrte im Kreis um Stefan George und war mit Erika und Klaus Mann befreundet, kannte Erich Mühsam und Karl Wolfskehl. Mehr als nur Freundschaft war die Beziehung zu Waldemar Bonsels, dem Verfasser der Biene Maja, dessen Indienfahrt (1916) Paula Ludwigs Bilderwelt beeinflußte, ebenso wie seine Romantrilogie Mario, ein Leben im Walde (1927–1934). Paula Ludwig war immer wieder in Bonsels Villa in Ambach am Starnberger See zu Gast; Bonsels unterstützte sie finanziell, las ihre Gedichte und half ihr in schwierigen Lebenslagen. Paula Ludwig widmete ihm Gedichte; die Beziehung dauerte bis 1934, bis zu ihrem Weggang aus Deutschland. Wichtig war auch die Bekanntschaft mit dem Regisseur Robert Forster-Larrinaga, dem ersten Mann ihrer Freundin Nina Engelhardt, die in zweiter Ehe mit dem Pianisten Magnus Hennings, dem Partner von Erika Mann im Kabarett Die Pfeffermühle verheiratet war, und die Paula Ludwig 1934 in Ehrwald und 1940 in Brasilien aufnahm. Zu ihren Förderern zählte auch Hermann Kasack, der ihre erste Buchveröffentlichung in die Wege leitete und sie bis 1966 immer wieder unterstützte. München war der Ausgangspunkt für Paula Ludwigs Karriere vom „einfachen Mädchen vom Lande“ zur gefeierten Dichterin: 1919 (mit Impressum 1920) erschien im Roland-Verlag ihr erster Gedichtband Die selige Spur, zu dem Hermann Kasack eine Vorrede geschrieben hat. Die „gefeierte Dichterin“ war eine solche allerdings nur in den Feuilletons, wo sie zur Verkörperung der einfachen Urseele des Volkes hochstilisiert wurde, die quasi von sich aus zu tönen beginnt. Wie aus bisher unveröffentlichten Tagebucheintragungen hervorgeht, war Paula Ludwig selbst mit der Auswahl der Gedichte und der Gestaltung des Bandes, die vom Verleger Dr. Wundt über ihren Kopf hinweg geschahen, keineswegs einverstanden. So schrieb sie Anfang 1920:

Der Roland Verlag hat mir die ersten Exemplare meines Buches zugeschickt. Ich habe sie im Krankenhaus ins Closett gehangen. Ich schäme mich über den Schmöker. Ich kann das Buch nicht ansehen. Es drückt mir das Herz ab. Es wäre besser, sie wären gar nicht gedruckt.

und etwas später gegen Dr. Wundt:

Ich trage außerdem immer noch den inbrünstigen Wunsch das Gehirn des ersteren an der Wand zu verspritzen.

Paula Ludwig war damals in größten finanziellen Schwierigkeiten und noch dazu krank, in ihrer Lage erschien ihr ein Spitalsaufenthalt geradezu als Rettung. Am 23.12.1919 schrieb sie folgende Tagebucheintragung:

Nun bin ich endlich auch im Krankenhaus gelandet und zwar in unserem, hier draußen, neben dem dicken Schornstein. Ich bin froh in einem Bett, in einem Saal, unter kranken, aber volksnatürlichen, einfachen Frauen liegen zu dürfen. Von Kasack und Edlef Köppen und all den andern sehe ich gar nichts. Sie lassen ihre Dichterin verenden ohne sich ihren letzten Segen holen zu kommen. Den heiligen Abend muß ich entweder im englischen Garten oder in einem Gasthaus übernachten. Vielleicht finde ich auch einen Liebhaber. Ich wäre am liebsten immer im Krankenhaus geblieben. Ach. –

Den Gegensatz zwischen ihrem materiellen und psychischen Elend und der Anerkennung, die ihre Gedichte fanden, die sie aber gleichzeitig als Hohn empfand, faßte Paula Ludwig damals sarkastisch zusammen:

Die erste Dichterin Deutschlands verlebt wieder etwas, um später Rührendes für die hungrigen Nächsten zu dichten.

1923 ging Paula Ludwig nach Berlin, dem Zentrum des intellektuellen und künstlerischen Lebens, wo sie mit Tucholsky, Brecht, Döblin, Benn und anderen bekannt wurde:

Die hatten damals alle sehr viel Geld… Aber ich, ich hauste damals in einer kleinen Dachstube… Mein Sohn war im Fröbel-Haus. (Suchy, Interview)

Sie selbst „wohnte“ anfänglich praktisch im Romanischen Café, weil sie zunächst obdachlos war. „Das waren die goldenen zwanziger Jahre“, kommentierte sie im Interview mit Viktor Suchy ihre Situation in diesen Jahren. In die Berliner Zeit fiel auch das Erscheinen ihres zweiten Gedichtbandes, Der himmlische Spiegel, den 1927 der S. Fischer Verlag herausbrachte. Neben Carl Zuckmayer und Joachim Ringelnatz wurde Paula Ludwig damals mit Ina Seidel bekannt, eine Freundschaft, die bis lange nach ihrer Rückkehr aus dem Exil andauerte, allerdings von Paula Ludwig wegen Ina Seidels Hinwendung zum Nationalsozialismus unterbrochen wurde. Wichtig für Paula Ludwig war die Beziehung zu dem Richter und expressionistischen Schriftsteller Friedrich Koffka, mit dem sie jahrelang liiert war, und vor allem die Begegnung mit Iwan Goll. 1931 lernten sich die beiden auf einer Einladung zu Ehren des aus Paris angereisten Dichters kennen, und diese Begegnung war der Auftakt zu einer jahrelangen leidenschaftlichen persönlichen Beziehung und intensiven dichterischen Zusammenarbeit. Goll widmete ihr die Malaiischen Liebeslieder, von denen er 1935 im Selbstverlag eine französische Ausgabe Chansons malaises mit Federzeichnungen von Paula Ludwig herausbrachte. Der Gedichtzyklus Dem dunklen Gott. Ein Jahresgedicht der Liebe, 1932 in Dresden erschienen, der Paula Ludwigs dichterischen Ruhm endgültig festigte, ist aus dieser Beziehung heraus entstanden. In den folgenden Jahren entspann sich ein dramatisches Dreiecksverhältnis, da Golls Frau Claire, selbst Schriftstellerin, von der Beziehung wußte und mehrere Selbstmordversuche unternahm. Erst mit der Emigration des Ehepaares Goll nach den USA 1939 endete diese Liebe. Paula Ludwig, die gehofft hatte, Goll nach ihrer Rückkehr aus Brasilien 1953 wiederzusehen, erfuhr erst in Paris, daß er bereits 1950 gestorben war.
Das Jahr 1934 stellt eine weitere Zäsur in Paula Ludwigs Leben dar: Sie verließ Berlin endgültig und zog nach Ehrwald in Tirol, wo sie schon früher immer wieder den Sommer verbracht hatte. In einem Blatt aus dem Nachlaß, das vermutlich aus den fünfziger Jahren stammt und eine Skizze zu ihrer Biographie enthält, schreibt sie über den Einbruch des Nationalsozialismus in ihr Leben, nachdem sie im Grunewald ein antisemitisches Plakat gesehen hatte, auf dem stand: „Die Köpfe werden rollen“:

Denn ich hatte bis zu diesem Tag – wie man sagt: ,auf dem Mond gelebt!‘ Ich schrieb meine Gedichte und malte meine Bilder und achtete nicht was um mich vorging. Bis mich dieses Plakat aus meinem Schlaf aufschreckte. Von dem Moment an, allerdings war ich überwach. Ja, ich war wacher als meine Umwelt, wacher als meine Freunde und Bekannten. Mein Weltgewissen war jäh erwacht! Und war seitdem nicht mehr einzuschläfern. Sogleich warnte ich meine jüdischen Freunde und die Menschen meines geistigen Kreises – aber fast alle glaubten zu diesem Zeitpunkt 1933 noch nicht an das Furchtbare – (was später geschehen sollte!) und nahmen dieses Plakat nicht ernst.

Paula Ludwig war weder Jüdin noch politisch verfolgt; Erika Mann bezeichnete sie in einem Brief vom 27.11.1956 als „reine Gesinnungs- und Gewissensemigrantin“:

Ich schätze in ihr nicht nur die bedeutende Künstlerin, sondern auch einen Charakter, dessen unbestechliche Sauberkeit sich besonders zu der Zeit bewährte, da viele meiner Bekannten ,sich umstellten‘, um unter dem Hitler-Regime gut zu verdienen. Paula Ludwig war und ist das, was man in jenen Jahren eine ,Voll-Arierin‘ nannte. Doch nahm sie ihren Katholizismus, wie ihr allgemeines Christen- und Menschentum zu ernst, als daß es ihr möglich gewesen wäre, in Hitler-Deutschland tätig zu sein… Ich traf die Gesinnungs-Emigrantin Paula Ludwig in Paris, während der sogenannten ,Münchner Krise‘. Eine Rückkehr ins ,Reich‘ war damals für sie längst ein Ding der (inneren) Unmöglichkeit. (Längle, Tausend Winter)

Trotzdem konnte Paula Ludwig damals noch in Deutschland publizieren: 1935 erschien der von Alexander Mitscherlich lektorierte Prosaband Traumlandschaft, der sofort nach Erscheinen verboten wurde, weil er „Dem Geiste der Abraham-Lincoln-Stiftung, Geoffrey Winthrop Young“ gewidmet war. Dieser, ein britischer Pädagoge und weltberühmter Bergsteiger, lebte zu Anfang der dreißiger Jahre in Salem am Bodensee bei dem Reformpädagogen Kurt Hahn, der die Salemer Schule bis zur Machtergreifung durch die Nazis leitete, und verwaltete die Abraham-Lincoln-Stiftung, die europäische Forscher und Künstler durch Stipendien unterstützte. Von der Lincoln-Stiftung hatte Paula Ludwig zu Beginn der dreißiger Jahre aufgrund ihres zweiten und dritten Gedichtbandes ein zweijähriges Arbeitsstipendium erhalten, das ihr zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben ein von materiellen Sorgen befreites Leben ermöglichte.
1936 erschien im Staackmann-Verlag in Leipzig der erste Teil einer auf mehrere Bände angelegten Autobiographie Buch des Lebens, 1937 eine Ausgabe der Blätter für die Dichtung mit elf älteren Gedichten.
Nicht ganz klar sind Paula Ludwigs Beziehungen zu nationalsozialistischen Schriftstellerorganisationen. Die Herausgeber der Gedicht-Gesamtausgabe berichten, Paula Ludwig sei der Reichsschrifttumskammer beigetreten, um das Erscheinen von Gedichten von Iwan Goll in verschiedenen deutschen Zeitschriften unter dem Pseudonym Johannes Thor zu ermöglichen, was sie später sehr bereut habe. (Gedichte, Nachwort) Tatsächlich wurde Paula Ludwig 1934 Mitglied des Reichsverbands deutscher Schriftsteller, wohl aus wirtschaftlichen Erwägungen, Bürgen waren Waldemar Bonsels und Ina Seidel. Obwohl sie 1938 in die Schweiz und dann nach Paris flüchtete, existiert ein Aufnahmeantrag in die Reichsschrifttumskammer vom August 1938, jedoch ohne Ortsangabe bzw. Unterschrift. Der beigefügte Lebenslauf dürfte in Paris verfaßt worden sein, da Paula Ludwig in ihm schreibt: „… Gegenwärtig bin ich Gast eines französischen Barons…“, nämlich ihres Freundes Etienne Coche de la Ferté in Paris. Tatsächlich wurde 1957 ein Ansuchen um Wiedergutmachung aus diesen Gründen abgelehnt. In das Jahr 1937 fallen Versuche, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erwerben, denn obwohl sie in Österreich geboren war und aufwuchs, war Paula Ludwig dem Paß nach „Auslandsdeutsche“. Der Chefredakteur des liberalen Vorarlberger Tagblattes, Dr. Hans Nägele, der später ein eifriger Nationalsozialist wurde, aber mehrere Beiträge über Paula Ludwig in seiner Zeitung veröffentlicht hatte, versprach, sich für einen Heimatschein in Feldkirch einzusetzen, der Voraussetzung für die Erlangung eines Passes war. Nägeles Versuche schlugen jedoch fehl, da Paula Ludwig nicht die vorgeschriebenen 10 Jahre in Feldkirch gelebt hatte.
Während ihres Aufenthaltes in Ehrwald war sie von der Gestapo überwacht worden. In einem Schreiben der NSDAP, Gauleitung Tirol, vom 7. November 1938 an die Reichsschrifttumskammer, Landesstelle Österreich, das vermutlich im Zusammenhang mit ihrem ominösen Antrag angefordert wurde, heißt es:

Vorgenannte ist politisch nicht zuverlässig. Bemerkung: Obengenannte ist Kommunistin und steht weltanschaulich im jüdischen, bolschewistischen Lager.

Paula Ludwig hat dieser Abschrift im Nachlaß handschriftlich hinzugefügt:

Nie war ich Communistin! Allerdings mit Juden befreundet!!! Und auch mit Communisten befreundet!

In einem zweiten Schreiben des Gendarmerie-Postens Ehrwald vom 12. Oktober 1939 an die Reichskulturkammer für den Gau Tirol-Vorarlberg in Innsbruck, von dem sich ebenfalls ein Durchschlag im Nachlaß befindet, steht:

Paula Ludwig, die bekanntlich eine Abneigung gegen den Nationalsozialismus empfand, wanderte nach dem Umbruch im März 1938 nach Paris aus.

Zu der Bemerkung im selben Schreiben: „Sie war eine gute Freundin zu der hier wohnhaft gewesenen Halbjüdin Engelhardt, die nach Brasilien verzogen ist“, bemerkte Paula Ludwig handschriftlich:

Meine Freundin Nina ist die Tochter arischer Eltern. Vielleicht ist ihre Ur-Ur-Großmutter Indianerin gewesen!

Paula Ludwig verließ Ehrwald gemeinsam mit Nina Engelhardt und deren Tochter Renée am 12. März 1938 und wandte sich zunächst nach Zürich, wo sie in der nicht mehr existierenden Pension Schönberg in der Schönbergstraße logierte. Ob sie in Zürich Kontakt zu Therese Giehse hatte, die sie ebenfalls aus München kannte, konnte bis jetzt nicht nachgewiesen werden. Über die Schweiz als Asylland äußerte sich Paula Ludwig in einem nachgelassenen Manuskriptfragment, vermutlich aus dem Jahre 1958, also aus einer Zeit, als die Flüchtlingspolitik der Schweiz offiziell noch kein Thema war, höchst negativ:

,Demokratische‘ Schweiz! Verbrecherstaat! Schon damals hat die Schweiz (1938) die Flüchtlinge – welche durch den Rhein gewatet kamen – mit Pistolen zurückgetrieben in die offenen Pistolen der Nazis! Die Schweiz! Ein Leichenfledderer-Land! Mir Flüchtling haben sie (unter anderem) eine Truhe gestohlen (welche ich zu ,treuen Händen‘ zurückliess – dieselbe – die Ernst May (?) seiner Frau zum Hochzeitsgeschenk machte – aus dem 16. Jahrhundert und auch das Ölbild).

Im Herbst 1938, nach einem Aufenthalt bei Nina Engelhardt in Ascona, übersiedelte Paula Ludwig nach Paris, in eine Pension in der Rue d’Assas 58bis, in der Nähe des Jardin du Luxembourg. Mit Hilfe von Erika Mann gelang es ihr, ihren im wehrpflichtigen Alter befindlichen Sohn aus Deutschland herauszubringen: Er kam ins Lager Bassens bei Bordeaux, wurde dann auf der Fahrt nach Spanien verhaftet und im Lager Miranda de Ebro in Nordspanien interniert. Nach seiner Entlassung studierte er Bildhauerei in Madrid, 1946 folgte er seiner Mutter nach Brasilien nach.
Paula Ludwig gelang es schließlich, von der Polizeipräfektur Paris ein „Titre d’identité et de voyage“, also einen Paß, mit dem Zusatzstempel „Provisoire“ zu erhalten, der ein Ausreisevisum für Brasilien enthielt, wohin ihre Freundin Nina Engelhardt inzwischen emigriert war, die in Mury nördlich von Rio de Janeiro gemeinsam mit ihrer Schwester Emmy und deren Mann, dem Verleger Ernst Rowohlt, den Ansitz Sitio Azul bewohnte. Nach einer schweren Operation in Paris, im Hospital Salpêtrière, floh Paula Ludwig im Mai oder Juni 1940 vor den Deutschen nach Bordeaux und begab sich aus Geldmangel und aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes freiwillig ins Lager Gurs, aus dem sie am 21. Juni 1940 wieder entlassen wurde; während dieses Aufenthaltes war sie, wie fast alle Lagerinsassen, an Ruhr erkrankt. Obwohl Paula Ludwig Gurs später im Vergleich zu den Konzentrationslagern der Nazis als „Paradies“ bezeichnet hat, kann man sich doch vorstellen, was sie auf ihrer Flucht durchgemacht hat. Trotzdem notierte sie auf einem Zettel im Nachlaß (vermutlich 1968):

2 Monate Salpêtrière. Radium gegen Krebs und danach die Darmoperation! Aber wie glücklich war ich! Wirklich wie neugeboren!

Nach vergeblichen Versuchen, in Bayonne auf ein Schiff zu kommen, lebte sie in Marseille, in der Flüchtlingsunterkunft Rue de Hesse 32. Über diese Zeit notierte sie später folgendes:

Das Inferno. Eigentlich müßte ich heute 1968 – darüber triumphieren. Das tue ich aber nicht! Denn diese Leiden – die ich – wir damals erlitten haben – diese Leiden sind noch in keiner Weise

– an dieser Stelle bricht die Aufzeichnung unvermittelt ab.
Im September 1940 überstieg Paula Ludwig zu Fuß und allein die Pyrenäen; später wird sie notieren, wie die vertrauten Pflanzen ihr einziger Trost waren, als sie glaubte, sich verirrt zu haben. Ihr Paß zeigt einen Einreisestempel nach Spanien vom 23. September 1940 in Port-Bou, als Währungen führte sie 10 Schweizer Franken und 45 französische Francs mit sich, die sie an der Grenze wechselte. Nach einem Besuch bei ihrem Sohn im Lager reiste sie am 8. Oktober 1940 über die Grenzstation Beira-Narvâo nach Portugal ein und blieb bis zum 7. Dezember in Lissabon, das sie an diesem Tag auf dem spanischen Schiff Cabo de Horno verließ, für das ihr Nina Engelhardt ein Billet erster Klasse geschickt hatte; tatsächlich reiste sie dann auf dem Zwischendeck. „Portugal! Lisboa! Der Hafen! Mit dem letzten Schiff fuhr ich damals weg von Europa und mein Herz bleibt seitdem zerrissen!“, schreibt sie später. Am 19. Dezember 1940, und nicht, wie bisher meist behauptet, im Februar 1941 langte sie im Hafen von Rio de Janeiro ein, wie der Stempel im Paß beweist. Obwohl Paula Ludwig ihre eigenen Leiden angesichts der weit größeren Leiden der Nazi-Opfer in den KZ’s später immer sehr heruntergespielt hat, zeigen einige Texte in dem Band Träume, die aus dieser Zeit stammen, und einige Gedichte die Wunden, die die Zeitumstände auch ihr geschlagen haben.
Über Paula Ludwigs dreizehn Jahre währendes Exil in Brasilien sind bisher nur wenige Fakten bekannt. Sie lebte sehr isoliert und schlug sich mehr oder weniger auf sich allein gestellt durchs Leben, pflegte kaum Kontakte zu anderen emigrierten Autoren, von denen Stefan Zweig der prominenteste war. Diese Isolation dürfte damit zusammenhängen, daß es in Brasilien „keine solidarische Gruppe exilierter Schriftsteller – wie etwa in Mexiko oder Buenos Aires – gegeben hat.“ (Ray-Güde Mertin) Deutschen ging Paula Ludwig damals generell aus dem Weg; so notierte sie auf einem Blatt, vermutlich aus den frühen siebziger Jahren:

Aber ich hatte mir ja auch alle Deutschen (alle waren sie Nazis!) während meines Aufenthaltes in Brasilien – vom Leibe gehalten. Jedoch gab es ganz wunderbare Ausnahmen.

Ihre erste Station war Mury, wo sie bei Nina Engelhardt und den Rowohlts unterkam. In Mury erfuhr sie vom Tode Stefan Zweigs, über den sie 1961 in einem Brief an Erich Fitzbauer berichtet, der klar ihre Rolle als „Emigrationsproletarierin“ (Mertin) gegenüber dem berühmten Zweig zeigt:

Ich ritt auf einem Pferdchen du Roçu (denn ich wohnte hoch oben im Gebirge) nach Friburga – zum Einkäufe machen. Die nächste kleine Stadt. Die Zeitungsblätter mit Photo des Toten und seiner Frau – sprangen mir entgegen. Seine Abschiedsworte werde ich nie vergessen. – Er hat sich mit demselben Farmicida getötet – welches ich immer mit mir herumtrug für den Fall daß meinem Sohn – der in Spanien interniert war – etwas passierte. Stefan Zweig war in Brasilien sehr prominent! – und deshalb habe ich ihn nicht aufgesucht – obwohl ich mir in meiner Verzweiflung oft dachte: dass er mir helfen könnte – wegen des Visas für meinen Sohn. Aber ich dachte: er hat schon so viel Kummer wegen seiner jüdischen Freunde – daß ich – obwohl ich mein Leben einsetzte gegen die Nazis – ihn nicht mit meiner Angst behelligen wollte. So ist es auf: Erden. Für die Brasilianer war es eine Sensation – und für mich ein trauriges Blatt mehr. Jedoch liebte ich sehr seine Frau! – die sich in letzter Minute zum Freitod an seinem Herzen entschied: Nicht zu vergessen! (Längle, Sein Kopf)

Ihren Lebensunterhalt verdiente sich Paula Ludwig mit ihren Malereien und mit Dekorationsarbeiten für einen Innenarchitekten, für den sie Spiegel, Glastische und Fenster mit gepreßten Bumen beklebte; ihr größter Auftrag war die Ausgestaltung der Eingangshalle des Hotels São Paulo in der gleichnamigen Stadt, in die sie 1943 übersiedelte, zunächst zu ihrer Schwester Martha, die in den dreißiger Jahren ebenfalls nach Brasilien ausgewandert war, später, seit 1946, lebte sie mit ihrem Sohn an verschiedenen Adressen. In einem Briefentwurf an Josef Wilms im Nachlaß (undatiert, vermutlich 60er Jahre) schildert sie ihr Leben in dieser Zeit:

Ja – das war im Restaurant von Radio Tupi in São Paulo! Mit dem Radio hatte ich überhaupt nichts zu tun. Für mich war es eine ,Zufluchtsstätte‘ – wo ich am Vormittag bei einer Flasche Bier und einem Käsebrot und eben bei obiger Lektüre (Seneca und „Briefe über Goethe“, U. L.) mich für den Lebenskrampf sammelte. – Danach nämlich mußte ich ein Dutzend Blumenkränzchen (aus natürlichen Blumen gepresste!) kleben und sozusagen um Mitternacht – noch lauter spielende Engel auf Holzschachteln malen! Wieviel Schnaps ich dabei gesoffen habe – weiss nur der liebe Gott! 1944–45. Stellen Sie sich vor Josef Wilms! Mein Sohn befindet sich in einem spanischen Konzentrationslager! Die Spanier können jeden Tag in den Krieg eintreten! Mein Sohn – als Deutscher! Ich aber muss ,Blümchenkleben‘ – ,Engelchen‘ malen! Zum Glück konnte ich es. Aber nur mit Schnaps!… Und es war kein Vorsatz – wenn ich in dieser furchtbaren Zeit – Blumenbilder in die Welt setzte!

Trotzdem malte sie in dieser Zeit auch eigene Bilder, oft bildlicher Ausdruck von Verwüstung und Trauer; eine Mappe, die sie nach Europa mitbrachte, hielt sie neben den Gedichten und Traumaufzeichnungen aus dieser Zeit für ihr wichtigstes Werk. Die Bemühungen um eine Staatsbürgerschaft gingen für die „obdachlose Dichterin“ auch in diesen Jahren weiter. Am 25. November 1944 stellte ihr das Comité de Proteccão dos Intereses Austriacos no Brasil einen Lichtbildausweis aus, der ihr die österreichische Bundesbürgerschaft bestätigte; dieses Dokument wurde von den Nachkriegsbehörden in Österreich aber nicht anerkannt. Am 17. November 1952 stellte ihr das österreichische Konsulat in São Paulo eine Bestätigung aus, daß sie niemals die österreichische Staatsbürgerschaft besessen habe. Vorangegangen war diesem ablehnenden Bescheid der nochmalige Versuch, die österreichische Staatsbürgerschaft über einen Heimatschein von Altenstadt zu erlangen, jedoch wiederum erfolglos. Schließlich wurde Paula Ludwig brasilianische Staatsbürgerin. Ihre Naturalisierungsurkunde trägt das Datum 19. August 1952. In einem undatierten Manuskript im Nachlaß schildert sie ihre Versuche zur Erringung einer Staatsbürgerschaft:

Staats-Angehörigkeit. Ich besitze die Staatsangehörigkeit der: Republica Federativa do Brasil. Ich bin also Brasilianerin!… Du lieber Himmel! Ich bin so froh, daß ich in meinem Alter kein Papier mehr brauch! 13 Jahre habe ich in Brasilien gelebt (und war in São Paulo nicht einmal polizeilich angemeldet. Und trotzdem haben sie mir die Staatsbürgerschaft verliehen! Während die Deutschen sie mir entzogen haben und die Österreicher sie mir nicht gewährten!

Obwohl Paula Ludwig nach ihrer Rückkehr nach Europa die Jahre in Brasilien verklärt hat, da sie von Deutschland zutiefst enttäuscht war, stellten die Jahre des Exils für sie eine von Ängsten, Demütigungen und materiellen Sorgen geprägte schwere Zeit dar; vor allem litt sie bis zum Kriegsende an der Sorge um ihren Sohn:

In der Zeit war ich schon gänzlich erschöpft. Völlig erledigt. Diese ganze furchtbare Zeit – in der ewigen Todesangst – kein Mensch kann das nachfühlen – niemand es verstehen – der nicht selbst! das erlitten hat!

1953 kehrte Paula Ludwig schließlich nach Europa zurück. Ihr Diktum von der „fatalen Heimkehr“ hat mehrere Ursachen. In einem längeren Prosafragment im Nachlaß schildert sie die Umstände dieser Rückkehr und die Hoffnungen, die sie damals hegte:

Als ich mich 1953 nach zwölfjährigem Aufenthalt in Brasilien, entschloss, nach Deutschland zu fahren, sagte ich mir als Erstes: gib jedem die Hand, der seinen Irrtum eingesehen hat. Akte der Versöhnung sind notwendig. Übereinstimmend mit dieser Absicht kam ich auch nicht mit leeren Händen, sondern brachte ein neues Manuskript, Gedichte enthaltend, mit und dazu eine Mappe von Zeichnungen. Arbeiten, welche trotz schwierigster Situation entstanden sind und welche mir als mein wichtigstes Werk gelten. Mein letzter Verlag in Deutschland: L. Staackmann (früher Leipzig) teilte mir nämlich nach Brasilien mit, dass er mein Buch des Lebens neu aufzulegen gedenke. Ausserdem liess er mich wissen, dass ich von früher noch ein Guthaben von 2.000 DM bei ihm habe. Im Vertrauen hierauf wagte ich die Heimkehr. Als ich 1953 in München ankam, erfuhr ich zunächst, dass der L. Staackmann Verlag so gut wie nicht mehr existiert. Mein Guthaben war durch die neue Währung gleichfalls in ein Nichts zerronnen. Infolgedessen gestaltete sich meine Heimkehr gleich von Anfang an, als höchst unglückselig. Ohne Geld, ohne Wohnung und Freunde und nachforschend, nur Gräber vorfindend.

Ein geradezu exemplarisches Emigrantenschicksal, ist man hier versucht zu sagen. Iwan Goll und Bonsels waren tot, Paula Ludwig verbrachte im Mai 1953 zuerst einige Zeit in Paris, ging dann nach Icking bei München zu ihrer Freundin Helma Ott, mußte wegen ihrer Alkoholprobleme dieses Domizil aber bald verlassen, verbrachte dann einige Monate bei ihrer Freundin Ingeborg Loacker in Götzis in Vorarlberg und kehrte schließlich nach Ehrwald zurück. Diese Rückkehr war für sie ein traumatisches Erlebnis:

Zwei schreckliche Jahre musste ich in diesem Ort verbringen. Meine alten Feinde: die Nazis, lebten alle noch und waren munterer denn je! In ständiger Bedrohung musste ich leben! Mit Steinen warfen sie mir die Fenster ein! Und kein Mensch stand mir bei! Niemand rettete mich aus diesem unheimlichen Ort.

schrieb sie in einem Nachlaßfragment, und an Ingeborg Loacker berichtete sie:

Natürlich sehne ich mich entsetzlich nach Brasil zurück. Dies hätte ich jedoch nicht getan und ich hätte die Unbillen Tirols und des Wetters gern auf mich genommen – wenn ich von österreichischer Seite ein wenig mehr Liebe gespürt hätte für den ,Heimkehrer‘. Damit Schluß! Man hat mir sogar gedroht: mich an die Grenze zu stellen – wenn ich meine ,Aufenthaltsverlängerung‘ nicht in Ordnung bringe… Diese Ängste: Aber inzwischen habe ich alles erledigt. Schließlich steht hinter mir Brasilien: Doch diese Aufregungen sind furchtbar! Genau wie 1938. Ich ertrage das nicht mehr. Ich wünsche mir Frieden. Umsonst. Erst wenn ich wieder in Brasil bin – werde ich ruhig sein. Meine Heimat ist in Brasil. Vielleicht war es nicht so ernst gemeint aber ich vertrag keinen Spaß in dieser Beziehung. Dieses Land war gütiger zu mir – als mein Mutterland und als mein Vaterland und darum muß ich es überaus lieben. Jedoch ist das geistige Deutschland immer noch mein Vater – und mein Contact mit ihm ist schon vertraut. Warum ist es mit Österreich so schwierig? (Brief an Loacker)

ein Satz, der ein bezeichnendes Licht auf das politische Klima im Österreich der fünfziger Jahre wirft und auf die Art, wie man die zurückgekehrten Emigranten behandelte.
Von Ehrwald ging Paula Ludwig nach Düsseldorf, wo sie kein Zimmer fand und im Winter mit einer Nervenentzündung in einer Irrenanstalt Aufnahme fand. Paula Ludwigs Schilderung dieses vierwöchigen Aufenthaltes, der mit einer Gabe der Thomas-Mann-Stiftung finanziert wurde, liest sich wie ein Gang durchs Dante’sche Inferno, zeigt aber auch, wie sehr sie sich in einer besonderen Fähigkeit zur Empathie, zum Mit-Schmerz, mit den Opfern der Nazizeit verbunden fühlte. Sie wurde durch ein „Mißverständnis“, wie der Chefarzt ihr später zubilligte, von zwei robusten Schwestern durch die Höfe geschleppt, „während ich wahrhaft irrsinnig werdend um Hilfe schrie – was mir aber gar nichts nützte – sondern mir nur ins Gedächtnis brachte: wieviele Unschuldige auf diesem Wege zur Vergasung geschleppt worden sind. Die Gewichte derer hingen an mir, die stummen Schreie dieser schrie ich laut hinaus!“ 1956 zog sie mit ihrem Sohn, der inzwischen aus Brasilien zurückgekehrt war, nach Wetzlar, 1970 übersiedelte sie mit ihm nach Darmstadt, in eine Wohnung in der Karlstraße 19, in der sie bis zu ihrem Tod am 27. Januar 1974 lebte. Ihre finanzielle Situation blieb immer schwierig, obwohl sie bald Zuwendungen von verschiedenen öffentlichen Stellen und privaten Institutionen erhielt, vor allem von der Deutschen Künstlerhilfe, die sie seit 1954 regelmäßig unterstützte.
Paula Ludwigs literarische Wiedereinbürgerung gestaltete sich schwierig und ist im Grunde bis heute nicht gelungen. Schon 1953 haben Friedhelm Kemp und Hans Egon Holthusen fünf Gedichte aus dem Dunklen Gott in die Lyrik-Anthologie Ergriffenes Dasein aufgenommen, Ina Seidel brachte eine Sendung mit Gedichten beim NWDR Hannover, zu der sie eine Einleitung verfaßte und vermittelte Sendungen mit Gedichten und Auszügen aus dem Buch des Lebens. Über die Arbeit an der Anthologie Ergriffenes Dasein kam auch die Verbindung zum Langewiesche-Brandt-Verlag zustande, der Paula Ludwig seither betreut.
Obwohl sie sich darüber beklagt hat, von Österreich besonders schlecht behandelt worden zu sein („Warum ist es mit Österreich so schwierig?“), erhielt sie zwei österreichische Literaturpreise: 1962 den anläßlich von Georg Trakls 75. Geburtstag vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst und der Salzburger Landesregierung gestifteten Georg-Trakl-Preis und 1972 den Preis des Österreichischen Schriftstellerverbandes, der nach dem Vorbild des Kleist-Preises von einem einzigen Juror vergeben wird, in Paula Ludwigs Fall von einer Jurorin, nämlich von der Lyrikerin Christine Busta, die zu ihrer persönlichen Freundin wurde.
In ihrer Laudatio schrieb Busta über den Lyrik-Band von 1958, für den Paula Ludwig den Trakl-Preis erhalten hatte:

Darin finden sich neben den schönsten von früher bekannten Versen ein paar neue herrliche Oden und Hymnen, seltsam entrückte Zeugen für zwanzig dunkelste Jahre, deren Schmerz durchlässig geblieben ist für Licht und Hoffnung – trotz allem! In diesen neuen Gedichten klagt sie, ein selbstvergessener Hiob  ü b e r  den Scherbenhügeln, der nicht mehr rechtet mit Gott um das eigene Schicksal, sondern im Namen der Liebe um die Zukunft des Menschen. Eine VOX HUMANA, die aus dem Geist des Wortes „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da…“ berufen ist bis ins Verstummen. (Busta)

An Christine Busta schrieb Paula Ludwig Sätze, die erhellen, wie sehr ihre schlechte Verfassung nach der Rückkehr aus Brasilien mit den Nachwirkungen der Nazizeit zusammenhing:

Ob nicht vielleicht der ,Auschwitz-Prozess‘ schuld daran ist – wenn die Nerven ,Rheuma‘ kriegen? Wer kennt die Zusammenhänge? Man schiebt es auf das Clima. Ich klage zwar auch über das miese Wetter und die Sonnenlosigkeit – aber während ich klage – weiß ich ja – daß sich hinter dieser Klage eine ganz andere verbirgt. (Wetzlar, 1.4.64, zit. n. Tausend Winter)

II. Die eindringliche Stimme einer begnadeten Dichterin (Ina Seidel)

Paula Ludwig hat ein schmales literarisches Werk hinterlassen: fünf Lyrikbände: Die selige Spur (1919), Der himmlische Spiegel (1927), Dem dunklen Gott (1932), dazu die Gedichte von 1958 und die Gesamtausgabe der Gedichte von 1985, zwei Bände lyrische Kurzprosa: die Traumlandschaft von 1935, erweitert als Träume (1962) und den ersten Band ihrer Autobiographie Buch des Lebens.
Schon in Paula Ludwigs erstem Gedichtband Die selige Spur zeigt sich ihre außergewöhnliche lyrische Begabung. Es ist dies das Werk einer Neunzehnjährigen, und im Rückblick schrieb Hermann Kasack, der ein kurzes Vorwort zu den 33 Gedichten verfaßt hat:

Eines Tages erhielt ich durch Zufall eine kleine Anzahl von Gedichten in einer Handschrift, deren Naivität bestechend war, Gedichte, von einer ergreifenden Kraft und Einfalt der Sprache, die in ihrem ursprünglichen, allem Literaturbetrieb abseitigen Charakter einen so entscheidenden Eindruck hinterließen, wie ich ihn nur noch einmal von ungedruckten Manuskripten empfangen habe: als ich, seinerzeit im Lektorat eines Verlages beschäftigt, mitten in dem Wust von Durchschnittsbegabungen, Lieder und Balladen eines damals noch ganz unbekannten Autors entdeckte, ein Theaterstück war dabei, das ein Münchner Verlag zu drucken sich weigerte: die ersten Manuskripte von Bert Brecht. (Mosaiksteine)

Kasacks Vorwort vereinnahmt Paula Ludwig schlichtweg für eine wohl nicht so problemlos anzunehmende „Frauen-Kunst“ – ihre Verse seien „erfüllte Sehnsucht ureigener Frauen-Kunst“ –, und stellt sie in ein zeitgenössisches Dichterinnen-Pantheon:

Zu den wenigen dichterischen Frauengestalten unserer Zeit in Deutschland – schriftstellernde: mit oder ohne männliches Pseudonym gibt es, natürlich stets zu viel – zu jenen, die wir in den Namen Else Lasker-Schüler, Regina Ullmann, Henriette Hardenberg umschreiben mögen, tritt, bislang nur Freunden bekannt, mit ihrem schmalen, doch einhellig gerundeten Gedichtband: Paula Ludwig. (Vorwort zu Die selige Spur, zit. n. Gedichte)

Was Kasack damals todernst gemeint hat, strotzt vor Klischees über die dienende Rolle der Frau:

Wo der Mann schon zerbrach an Maß und Willen der Götter, wo seine Sendung auf der Ebene der Zeiten verschmolz wie Schnee: blüht das Dichterische, rein und ungetrübt von Wechsel und Verfall, in dem Magdtum der Frau.

Kasack weiß auch, was Frauen beim Dichten nicht dürfen:

Die imitatio viri ist nicht die (gottgewollte) Idee der dichtenden Frau.

Was die Frau hingegen braucht, ist folgendes:

Was gestaltend wirkt, ist das tiefe Bewußtsein von der Natur der Frau: bereitet zu sein als Magd vor dem göttlichen Herrn, als Kelch, der aufnimmt und sich vergießt, nicht seinet- um eines Höherem willen… Das Wissen ist nichts, Hinnahme alles, und der Schmerz selbst ist noch milde, denn Schoß und Herz sind gleich bereitet: Magdtum der Frau, dessen Ekstase das Gedicht ist.

Kasacks Auslassungen gipfeln in einer Verherrlichung von Paula Ludwig als quasi fleischgewordener Stimme des Volkes, wobei die Emporstilisierung der ärmlichen Herkunft umso unangenehmer wirkt, wenn man Paula Ludwigs autobiographische Äußerungen über diese Zeiten kennt:

Die Dichterin Paula Ludwig war ohne Kenntnis einer etwa vorbildlichen Literatur. So verwunderlich dies – in unserer Zeit! – erscheinen mag, aber in ihr wiederauferstanden spricht die einfaches Stimme des Volkes, unberührt von fremden Dingen, allein verschwistert dem Wort. Um die Jahrhundertwende niedrig geboren, in Dienst und Arbeit großgeworden: Und wandelnd den Tau der Wiesen mit bloßen Füßen, und verloren immer in die eigene Tiefe, die hinauswächst über die ,spöttischen Dinge des Lebens‘ und sich wölbt, bis ihre Tropfen fallen, Blut der Unendlichkeit: Vox humana.

Dem hält man vielleicht wirklich am besten Paula Ludwigs Tagebucheintragung vom 28.10.1919 entgegen:

Gestern habe ich noch viel zusammengeheult. Erbittert dachte ich an Kasacks Worte: „Das schadet nichts, das gibt ein neues Gedicht.“ Und niemandem schadet es etwas, nur mir. Ich humple durch den Regen, mein Kostüm überm Arm um es zu versetzen. Ich habe keine 20 Pf. mehr. Ich bin so traurig daß sich niemand um mich kümmert…

Oder ihre Bemerkung über ihre Dienstgeberin:

„Wie eigenartig, wie schön Ihr Leben ist. Dienstmädchen, Modell, Mutter, Dichterin und das Kind in der Krippe.“ O was ist das für ein Hohn den mir da Frau Weisgerber bewundernd ins Gesicht sagt.

Ohne Paula Ludwigs dichterische Kraft in Zweifel ziehen zu wollen, stimmt Kasacks Bild von der ungebildeten, von Einflüssen freien Dichterin keineswegs. Sie kannte die Schillerschen Balladen und hatte in der Schule Literaturunterricht erhalten; Anklänge an Trakl und Rilke und an den Expressionismus sind nicht zu überhören, genausowenig wie später an sapphische Strophen, an Hölderlin oder an die Bibel. Ihre dichterische Sprache entstand in Aneignung fremder Vorbilder; das Neue, Frische der lyrischen Sprache ihrer ersten Gedichte liegt vor allem darin, daß sie oft die Form des freien, prosanahen Verses wählt.
Der zweite Gedichtband Der himmlische Spiegel festigte ihren literarischen Ruf, nicht nur durch das Erscheinen im renommierten S. Fischer-Verlag. Den Höhepunkt ihres lyrischen Werkes bildet der Gedichtzyklus Dem dunklen Gott, der weit über den biographischen Anlaß der Beziehung zu Iwan Goll hinausgeht. In einer Würdigung von Paula Ludwigs lyrischem Schaffen schrieb der Dichter Friedrich Berna, der ihre Position abseits der zeitgenössischen lyrischen Strömungen sieht, die Gedichte seien „im Zeitraum eines Jahrzehnts entstanden, das für viele unserer Dichter eine arge Verwirrung der Formen und Gefühle bedeutete. Aber auf die Haltung und Sprache Paula Ludwigs hat dieser Zeitgeist kaum irgendeine Wirkung ausgeübt… Gedichte der Liebe sind es, ob sie nun das Vergängliche meinen oder das ewig Wiederkehrende irdischer Schönheit, ob sie den Menschen in seiner göttlichen Erscheinung anrufen, den Freund, den Geliebten,… immer ist das Wort dieser Frau durchdrungen von einem unsäglichen Glanz der Liebe.“ (Berna, Hymnus der Liebe)
Die Anfänge von Paula Ludwigs erstem schmalen Prosaband Traumlandschaft reichen bis in die späten zwanziger Jahre zurück. Es sind dies kurze, bilderreiche lyrische Prosatexte, laut Vorwort der Dichterin unveränderte Niederschriften ihrer Träume. Die zweite, erweiterte Fassung enthält Träume aus der Zeit des Exils und der Rückkehr. Paula Ludwigs Träume sind Kabinettstücke lyrischer Prosa, die Traumdeutern freudianischer oder Jungscher Ausrichtung sicher interessantes Material bieten, von der Autorin aber nicht als solches verstanden werden wollten:

Ich liebe meine Träume wie der Gärtner die wilde Blume seines Gartens: er hat sie nicht gesät, er hat sie nicht gepflanzt – der Mantel des Nachtwinds oder der Flügel eines fremden Schwärmers hat ihren Samen über die Mauern getragen. Glücklich steht er vor ihr wie vor einem Geschenk. Er beschneidet sie nicht, er bindet ihre ungestümen Blätter nicht. Er lädt seine Freunde ein, daß sie den seltsamen Fremdling betrachten – so wie er gewachsen ist, wie er selber ihn gefunden hat an einem holden Morgen… Nicht das einzelne Herz – die Allseele ist die eigentliche Träumerin. (Träume)

Die kurzen Texte reflektieren manchmal deutlich biographische Hintergründe, etwa der Traum „Campo de Gurs“, meist aber sind sie unabhängig davon. Man soll sich von Paula Ludwigs Vorwort nicht täuschen lassen: diese Texte sind nicht so sehr zu verstehen als Protokolle der Allseele, an denen die Autorin kaum gestaltenden Anteil hat, es trifft viel eher zu, was Christine Busta über die Träume sagte: Paula Ludwig zeige sich darin als „Meisterin prägnanter Kurzprosa“. (Busta) Oft enthalten sie eine Sentenz oder eine überraschende, oft paradoxe Formulierung am Schluß und trotz der im Vorwort angesprochenen „Wüste der Trauer“ zeigen sie nicht selten humorvolle Züge. Da der Vergleich mit Brecht schon einmal gezogen wurde: Die Träume sind Paula Ludwigs „Keuner-Geschichten“, die Quintessenz ihrer Lebensauffassung in Form kurzer, surrealer, hintergründiger Geschichten.
Größeres Ausmaß hätten ihre Lebenserinnerungen erhalten sollen, und der erschienene erste Teil des Buchs des Lebens ist nach den Worten der Dichterin durch die Zwänge der Nazi-Zeit beeinträchtigt. In dem erwähnten Interview mit Viktor Suchy sagte sie:

Ich hätte es ganz anders geschrieben, wenn’s nicht Hitler gegeben hätte. Ich hab’ keine Kompromisse gemacht… ich meine, mit den Hitlern. Aber immerhin, man konnte doch keine Zeile schreiben, so wie’s einem nach dem Herzen war.

Trotzdem ist das Buch des Lebens eine poetische und trotzdem wahrhaftige Autobiographie, beginnend mit der Geburt auf Schloß Amberg, den Gestalten der Eltern und den Verhältnissen in Altenstadt.
Besonders amüsant zu lesen sind Paula Ludwigs Schilderungen ihrer katholischen Kindheit und Jugend, die Annäherungsversuche eines verliebten Kapuziners, der ihr Onkel war, oder ihr Bemühen, als „Marienkind“ rein zu bleiben, die Schwierigkeiten, die ihr sozialistischer Vater in Vorarlberg hatte oder das beschränkte Leben, das die Mutter mit den Kindern in Linz führen mußte. Schon 1958 dachte der Tyrolia-Verlag in Innsbruck an eine Neuauflage, die aber erst 1990 bei Langewiesche-Brandt zustande kam.
Eine ganz andere und unbekannte Paula Ludwig zeigt sich in den zahlreichen, im Nachlaß verstreuten Prosafragmenten und in einigen Gedichten, die nicht in der Gesamtausgabe enthalten sind. Darin beschäftigt sie sich eingehend mit den Greueln der Nazizeit, die in der restaurativen Adenauer-Ära lieber unter den Teppich gekehrt wurden, etwa mit dem Auschwitz-Prozeß, oder polemisiert gegen gesellschaftliche und künstlerische Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland. Hier zeigt sich ein differenziertes Bild der „Dichterin der Liebe“ Paula Ludwig: Sie wurde durch die Zeitereignisse und ihre Anteilnahme daran zur politischen Polemikerin, die in den kurzen erhaltenen Erzählfragmenten eine höchst lebendige, farbige und trotzdem klare Prosa schreibt und in lapidaren Gedichten Kommentare zur Zeit abgibt. So dichtet sie etwa über ihre Künstler-Kollegen Picasso und Chagall:

Was fand ich vor
als ich aus meinem Exil
zurückkam
aaaWar ich nicht verzweifelt?
aaaWeltkrieg Nr. 2
aaaIn der Vergasung
aaaAusschwitz
Was fand ich vor?
Chagall
malt die Pariser Oper aus –
Picasso bezahlt
Extra-Plätze
in der Stierkampf
Arena!

Zahlreiche Texte handeln von Auschwitz, vom Eichmann-Prozeß, von der Art, wie die Bundesrepublik die NS-Vergangenheit verdrängte. Als Beispiel sei hier nur der Text „Ausschwitz“ angeführt, als kollektiver Appell an die Dichter, vor dieser „Hölle“ nicht die Augen zu verschließen, wenn man will, eine Gegenposition zu Adorno:

Ausschwitz. Ja
Wie wunderts mich
dass keiner
weder Brecht
und
auch schon gar nicht
Gottfried Benn
und bloss die Nelly
Sachs
und Celan
dichten über dieses Ausschwitz!
Sicher ist das
sehr verständlich
denn wir andre
sind erstarrt nach –
Ja – wir Arier!
Alle deutschen Dichter
schonen
Ausschwitz!
Selbst der grosse Grass
vermeidet
diese Hölle!
Ja
was zählt denn
ausser diesem Ausschwitz?!
Was Theater
Was Tragödie?
Lächerlich der Shakespeare!
Der Kleist
mit seiner Penthesilea
ein Stückemörder! Nichts
gar nichts
hält stand!
Wir haben selbst in der Antike
keine Vergleiche!

Nein!
Meine Mitmenschen scheinen das alles
wie man heute sagt: verkraftet zu haben!
Sie leiden nicht darunter.
Jedenfalls habe ich keinen Menschen getroffen
der unter Ausschwitz gelitten hätte.

Der Text geht dann in Prosa über und schließt mit Worten, die Paula Ludwigs politische und dichterische Sensibilität ebenso zeigen wie ihr Mitgefühl:

Meine Dichtung wird stets von diesem ,Ausschwitz‘ beschattet sein und das ist schrecklich – wenn ich über glückliche Zeiten schreibe.

An anderer Stelle sieht sie ihr ganzes Leben und die Rolle ihrer Dichtung untrennbar mit den Leiden verbunden, die das 20. Jahrhundert mit sich gebracht hat:

Ja – das ist mein Schicksal: ich gehöre nicht zu den ,Normalen‘, die Krieg und Tod und Verbrechen als Selbstverständliches – mit der Erde Unausrottbares in Kauf nehmen – die sich nicht empören über Gaskammern und Vernichtungen von Alten und Kranken… Gewiß ist es wahr – daß sich in meiner Seele das ganze Leid unseres Jahrhunderts manifestiert hat – aber wozu? Wenn ich nur im Leisesten fühlen würde – daß es einen Sinn hätte für die noch vorhandene Menschheit etwas zu tun – (ich meine: von meiner Seite) so wäre ich ja sehr glücklich…

Paula Ludwig war nicht nur eine große Dichterin, sie war auch eine große Humanistin. Die Verzweiflung der letzten Lebensjahre soll nicht vergessen lassen, daß sie immer versucht hat, für ihre Überzeugung zu leben und dafür zu kämpfen, wie Christine Busta am Ende ihrer Laudatio sagte:

Wer noch ein Ohr hat für Dichtung, dankt Paula Ludwig für ihr Vermächtnis – nicht nur heute und hier. Und ich weiß ihr und uns allen kein besseres Wort nach dieser Stunde der Begegnung mit auf den Weg zu geben, als eins, das sie selber noch vor ihrer Emigration niederschrieb und nach dem sie wahrhaft gelebt hat: „Wehe dem Kleinmütigen, der umkehrt im dunkelsten Gang seines Schicksals! Er weiß nicht, daß sein Bruder, der ihm vorausging, schon im Einbruch des Lichts steht.“ (Busta)

Ulrike Längle, aus Elisabeth Reichart (Hrsg.): Österreichische Dichterinnen, Otto Müller Verlag, 1993

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