Peter Bekes: Zu Bertolt Brechts Gedicht „Schwierige Zeiten“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Bertolt Brechts Gedicht „Schwierige Zeiten“ aus Bertolt Brecht: Gesammelte Werke 10. Gedichte 3. –

 

 

 

 

BERTOLT BRECHT

Schwierige Zeiten

Stehend an meinem Schreibpult
Sehe ich durchs Fenster im Garten den Holderstrauch
Und erkenne darin etwas Rotes und etwas Schwarzes
Und erinnere mich plötzlich des Holders
Meiner Kindheit in Augsburg.
Mehrere Minuten erwäge ich
Ganz ernsthaft, ob ich zum Tisch gehn soll
Meine Brille holen, um wieder
Die schwarzen Beeren an den roten Zweiglein zu sehen.1

„das erste untrügliche Zeichen des Alters geben die Augen, denke ich. Es ist nichts weiter als das Gefühl, daß die Augen eben nicht mehr jung sind“.2 Diese Formulierung findet sich in den autobiographischen Aufzeichnungen Brechts aus den Jahren 1953/54. Auf der einen Seite versucht sie, eine Lebenserfahrung verbindlich festzuhalten (vgl. „das erste untrügliche Zeichen“), auf der anderen Seite wird solche Verallgemeinerung explizit eingeholt in den subjektiven Reflexionsgestus dessen, der diese Einsicht ausspricht („denke ich“). Diese sich zunächst so apodiktisch gebende Aussage bezieht ihre Geltungskraft allein aus der Evidenz eines nicht mehr auflösbaren und hinterfragbaren Gefühls. Brecht versucht hier, das Alter als eine Lebensphase zu beschreiben und zu begreifen, die sich zeichenhaft, aber dennoch bestimmend ankündigt. Überraschenderweise wird dieser Verstehensprozeß aber nicht an äußeren Veränderungen des Körpers oder an einer historisch gewandelten Wirklichkeit, sondern an dem Organ festgemacht, mit dem Wirklichkeit in erster Linie wahrgenommen wird, mit dem Wirklichkeitserfahrungen gemacht werden: den Augen. Diese selbst sind dem Prozeß des Alterns unterworfen, sind „eben nicht mehr jung“. Die Bedeutung des Adjektivs „jung“ bleibt hier ambivalent: Der Grund für das Altern kann in biologisch-natürlichen Abläufen gesehen werden, wenn man voraussetzt, daß im Alter Sehkraft und Sehschärfe nachlassen; möglicherweise wird aber auch solche Erfahrung durch biografisch-historische Prozesse erklärt, wenn man als Ursache für das Altern alles das, was die Augen sehen und vielleicht erleiden mußten, annimmt. Eine Entscheidung darüber kann von einer isolierten Betrachtung dieser Notiz nicht erwartet werden. Deren Deutung bedarf des Rekurses auf andere (literarische) Äußerungen des Autors aus diesem Zeitraum. Mehr als nur einen Hinweis darauf, daß diese Notiz nicht nur ein vereinzelter Gedankensplitter Brechts war, sondern eine grundlegende Lebenserfahrung des Autors artikulierte, bietet das Gedicht „Schwierige Zeiten“. Wahrscheinlich ist es nach 1953 entstanden.
Das Gedicht thematisiert ebenfalls die Erfahrung des Alters und des Alterns. Das, was im Tagebuch noch wie ein Aperçu wirkt, wird im Gedicht anhand einer fast unscheinbaren Situation aus der privaten Lebenswelt des Autors veranschaulicht und auf seine Ursachen und Konsequenzen hin befragt. Das, was hingegen im Gedicht wie eine Oberflächenbeschreibung, wie eine fast beiläufige Phänomenologie einer privaten Lebenssituation anmutet, erhält durch die Notiz Tiefendimension, Bedeutsamkeit. Beide Texte beleuchten sich gegenseitig, fügen sich gleichsam zum Emblem zusammen: Die Tagebuchnotiz kann als ein möglicher Kommentar zu der vom Gedicht veranschaulichten Situation fungieren; das Gedicht vermag die im Tagebuch formulierte Erfahrung durch Differenzierung und Konkretisierung zu erweitern und zu steigern. Die schon an der Tagebuchnotiz beobachtete starke subjektive Brechung der vorgestellten Erfahrung wird im Gedicht noch weiter intensiviert: Insgesamt siebenmal taucht der Begriff des Ich in pronominalen Wendungen auf. Ob die wiederholte Nennung des Ich schon hinreicht, für die gattungsmäßige Einordnung des Gedichts den herkömmlichen Begriff der Erlebnislyrik zu reklamieren, bleibt fraglich. Die Aussagen des Textes wirken – trotz ihrer Zentrierung auf das Ich – distanziert, nüchtern, fast ein wenig unterkühlt. Man hat nicht den Eindruck, daß der Autor völlig in der im Text entworfenen Ich-Rolle aufgeht. Ohne sich einzumischen, hält er genau fest, wie dieses Ich eine bestimmte Situation, die sicherlich durch bezeichnende autobiografische Züge charakterisiert ist, erfährt und verarbeitet.
Die Situation, in der das Ich sich befindet, ist auf den ersten Blick sprachlich einfach gestaltet. Deren Darstellung bietet allem Anschein nach kaum Widerstände beim Lesen. Weder der im wesentlichen umgangssprachliche Wortschatz noch der Satzbau bereiten Verstehensschwierigkeiten. Die beiden Satzperioden sind zwar relativ lang, aber gut überschaubar, da sie in ihrer Wort- und Satzstellung die Situation imitierend nachzeichnen. Die Sprache des Gedichtes ist schmucklos; Eigenschaftsworte werden sparsam verwendet. Jedoch wirkt gerade diese vorgeblich so unprätentiöse Sprache zart und zerbrechlich; kein Wort erscheint überflüssig, kein Wort ist deplaciert. Selbst dort, wo die Formulierungen des Autors ungenau („darin etwas“) werden oder umgangssprachliche Abschleifungen zeigen („durchs“, „gehn“), sind sie notwendig gesetzt, sind sie sprachliche Zeichen für die in spezifischer Weise vom Ich erfahrene Situation. Mit dieser wird der Leser unvermittelt konfrontiert. Sie zeigt das Ich bei der Arbeit, angespannt, konzentriert („Stehend am Schreibpult“), aber dennoch – das Partizip Präsens bringt das Verb in einen Schwebezustand – in eigentümlicher Ungezwungenheit, Schwerelosigkeit, offen für äußere Eindrücke, offen für Zerstreuung. Festgehalten wird denn auch der Moment, in dem das Ich bei seiner Arbeit innehält; dies ist ein Augenblick der schöpferischen Ruhe, der Besinnung, der in der nächsten Sekunde schon wieder von angestrengter Tätigkeit abgelöst werden kann. Ein offensichtlich zielloser Blick durch das Fenster hält unvermutet einen Eindruck fest. Einzelnes, das zunächst konturlos wahrgenommen wird, erinnert den Betrachter an gleichartige Naturphänomene, die er in seiner Kindheit wahrgenommen hat. Er sieht sich unversehens in eine Entscheidungssituation gedrängt und fragt sich, ob er seine Arbeit unterbrechen und seine Brille holen soll, um das nur unklar Wahrgenommene, das inzwischen durch die Erinnerung begrifflich fixiert wurde, genauer in Augenschein zu nehmen. Diese Entscheidungssituation erscheint zunächst banal und albern, und man fragt nach dem Grund für solche Problematisierung. Brecht, der durch die im Gedicht aufgeführten biographischen Details (Schreibpult, Buckow, Holder, Augsburg)3 als Handlungssubjekt deutlich faßbar wird, hat in seiner Darstellung den Vorwurf der Albernheit einkalkuliert. Entschieden hebt er die Dauer der Erwägungen des Ich („Mehrere Minuten“) hervor und beteuert deren Ernsthaftigkeit. Bei solchen Reflexionen beläßt er es dann auch. Über eine faktisch vom Ich getroffene Entscheidung, der eine Handlung bzw. deren Unterlassung folgt, läßt Brecht den Leser im Unklaren. Dieser ist geradezu aufgefordert, die Reflexionen des Ich zu konkretisieren und sie auf mögliche Konsequenzen hin weiter zu verfolgen.
Die Problemformulierung, die Brecht schrittweise erarbeitet, wird – so mutwillig und überempfindlich sie erscheint – schon im Titel des Textes vorbereitet. Wenngleich dieser noch recht allgemein gehalten ist, weckt er im Leser doch bestimmte Erwartungen. Die Mehrzahlbildung des Nomens im Titel wirkt übergreifend und bedeutungsschwer, fast epochal. Als Titel für die im Text offensichtlich angesprochene Problemsituation erscheint er zu unpersönlich. Diesem würde man vielleicht eher die Überschrift „Schwierige Situation“ geben. Damit würde man allerdings auch die im Text veranschaulichte Problemerfahrung vollends im Privat-Unverbindlichen belassen. Das gespannte Verhältnis von Titel und Text öffnet ja geradezu den Blick für die dialektische Vermittlung von Privatem und Öffentlichem, von besonderer und allgemeiner historischer Erfahrung. Dem entspricht, daß der Titel in der vorliegenden Fassung an die berühmten Verse der Elegie „An die Nachgeborenen“ aus den Svendborger Gedichten erinnert. Die Schreibsituation im Jahre 1954 ist indes nicht mehr durch die „finsteren Zeiten“ bestimmt, in denen ein Gespräch über Bäume schon fast ein Verbrechen war.4 Es sind zwar noch „schwierige Zeiten“, aber Zeiten, in denen man wieder Naturlyrik, konkreter: über den Holderstrauch schreiben kann. Die literarische Anspielung des Titels sollte allerdings nicht zu voreiligen Schlüssen verleiten. Die Erwartungen, die er und vielleicht auch die Entstehungszeit des Textes nahelegen, nämlich eine (verschlüsselte) Auseinandersetzung mit den politischen Schwierigkeiten beim Aufbau der DDR im Jahre 1954, werden vom Gedicht nicht erfüllt. Während Brecht im Exil sich unmittelbar mit dem faschistischen Terror auseinandersetzte resultiert nun der politische Charakter des Gedichts nicht aus der Beschäftigung mit öffentlichen Ereignissen, Problemen und Mißständen. Sprach er nach 1933 im Exil konkret und doch prophetisch-verallgemeinernd das Politische direkt an, so entfaltet er jetzt, fast spielerisch formulierend, die politische Dimension seines Gedichtes mittelbar aus einer persönlich erfahrenen Alltagssituation.
Das Gedicht läßt sich in zwei Teile gliedern, die jeweils einen Satz umfassen. Die erste der beiden Satzperioden führt den Leser unmittelbar in die Situation ein. Sie umfaßt fünf Verse, deren syntaktische Anordnung die einzelnen Komponenten der Situation der Reihe nach herausarbeitet. Zunächst werden in den ersten beiden Versen der Standort des Ich, seine Blickrichtung und sein Wahrnehmungsgegenstand bezeichnet (Z. 2/3). Der dritte Vers bringt dann eine Präzisierung des Angeschauten, zugleich wird aber auch sprachlich deutlich gemacht, daß dem Blick des Ich die Tiefenschärfe fehlt (Z. 4). Während den ersten drei Versen also jeweils syntaktische Einheiten entsprechen, die Situation und Vorgang fast filmisch umsetzen, stimmen im vierten Vers das Ende von Sprechphase und Zeile nicht mehr überein (Z. 5). Der Satzfluß überflutet das Zeilenende. Erst am Ende des fünften Verses fallen Satz- und Zeilenende wieder zusammen (Z. 6). Solches Verhältnis von syntaktischer Gliederung und Druckanordnung ist nicht zufällig und verlangt nach Erklärung, zumal Brecht in einer ersten Niederschrift den vierten und den fünften Vers in einer Zeile zusammenfaßte.
Welche Gründe haben ihn zu dieser Veränderung bewogen, und welche Wirkungen werden durch sie erreicht? Solche graphische Umgestaltung läßt die Zeilen 2 und 6 deutlich miteinander korrespondieren. Beide fügen sich zu einer Art Rahmen, der die räumlichen und zeitlichen Voraussetzungen der Wahrnehmungs- und Denktätigkeit des Ich nennt, die selbst wiederum im dreizeiligen Binnenteil vorgestellt wird. Der Beginn bezeichnet den gegenwärtigen Ort des Betrachters, das Ende des ersten Satzes die Stadt seiner Kindheit „Augsburg“. Beide Angaben werden durch das hinzugefügte Possessivpronomen deutlich auf das Wahrnehmungssubjekt bezogen, betonen seine Betroffenheit. Die Klammerfunktion von Zeile 2 und 6 hebt sowohl das thematische Zentrum des Gedichts die problematische Vermittlung von Gegenwart und Vergangenheit, als auch die Zusammengehörigkeit des in den Zeilen 3 bis 5 geschilderten Vorgangs hervor. Obwohl Gegenwart und Vergangenheit, Alter und Kindheit, durch diese Typographie hervorgehoben, kontrastieren, sollte man aber nicht die Dominanz des Gegenwärtigen verkennen. Die Vergangenheit wird in die Gegenwart des Betrachters, und das ist die des 56jährigen Brecht, durch einen Erinnerungsvorgang eingeholt. Zwar schießt die Erinnerung „plötzlich“ in das Bewußtsein ein, dennoch trifft sie den Leser nicht unvorbereitet. Schrittweise entwickelt der Verfasser im Binnenteil auf welche Weise das Ich seine Umgebung für sich erfaßt. Die Zusammengehörigkeit der Zeilen 3 bis 5 wird syntaktisch durch deren parallelen Bau erreicht. Auf die Nennung der Bewußtseinstätigkeit am Versanfang folgen die Objektbestimmungen jeweils in der zweiten Vershälfte, wodurch der innere Zusammenhalt des Binnenteils gefestigt wird, so daß die assoziativ zur Erinnerung hinführenden Schritte des Sehens und Erkennens auch syntaktisch auf diese bezogen werden. Somit läuft – trotz der syntaktischen Gleichförmigkeit der Verse und ihrer assoziativen Verknüpfung durch das koordinierende „und“ – ein Differenzierungprozeß der erkenntnisvermittelnden Tätigkeiten ab. Vom noch ziellosen Blick durchs Fenster, der aus dem ,Wahrnehmungsangebot‘ des Gartens zufällig ein bestimmtes Objekt, den Holderstrauch, erfaßt, verläuft er zunächst bis zu einem bewußten, wenn auch noch vorläufigen und diffusen Erkennen. Die unbestimmten Wahrnehmungsreize „etwas Rotes und etwas Schwarzes“ werden ihrerseits zum Auslöser für den Erinnerungsvorgang. Brecht beschreibt eine Bewegung, die von außen nach innen, von automatischer Wahrnehmung zur Selbsterfahrung durch Erinnerung führt.
Solche Selbsterfahrung entfaltet sich in dem Maße, in dem die Vermittlung von Vergangenheit und Gegenwart durchsichtig wird. Präzise hält die Sprache deren Unterschied fest. Der 56jährige setzt für das Gegenwartsobjekt mit „Holderstrauch“ einen beschreibenden, prosaischen Akzent, derweil er für die Vergangenheit die verkürzte, poetisierende Formel der Kindheitswelt „Holder“ gebraucht. Es ist entschieden zu dürftig, solche sprachliche Nuance allein entwicklungspsychologisch zu motivieren. Hier spricht kein verbitterter Alter, der eine idyllische Kindheit nostalgisch heraufbeschwören oder der, Probleme seiner Gegenwart verdrängend, sich träumerisch seiner Kindheit hingeben will. Der Vorwurf des Eskapismus vermag das Brechtsche Gedicht nicht zu treffen. Das Alter wird hier nicht geleugnet. Die Rückbesinnung auf die Vergangenheit kann und will die gegenwärtige Wirklichkeit, in der der Betrachter mit beiden Beinen „steht“ (vgl. Zeile 2), nicht einfach aufheben. Zeichen für das Alter sind auch hier die Augen. Diese sind nicht nur deshalb nicht mehr jung, weil sie, biologischen Prozessen (Alterssehschwäche) unterworfen, nicht mehr in der Lage sind, die Wirklichkeit so klar zu erfassen wie in der Augsburger Kindheit. Brecht sieht die gegenwärtige Wirklichkeit nicht nur aus natürlichen, sondern auch aus historischen Gründen nicht mehr „mit jungen Augen“. Zwischen dem Holder der Augsburger Kindheit und dem Holderstrauch in Buckow liegen die Erfahrungen von „zwei Weltkriegen“.5 Diese historischen Erfahrungen werden zwar in dem Gedicht „Schwierige Zeiten“ nirgends explizit angesprochen, dennoch bilden sie den latenten Bezugspunkt für das zunächst so banal erscheinende Problem, das in der zweiten Satzperiode des Gedichts formuliert wird.
Der zweite Satz weist gegenüber dem ersten, der parataktisch gefügt ist, eine hypotaktische Struktur auf. Auf einen Hauptsatz folgt ein indirekter Fragesatz, von dem wiederum ein verkürzter Infinitivsatz abhängt, der seinerseits durch einen Finalsatz ergänzt wird. Dieser komplexe Aufbau spiegelt eine gedankliche Bewegung („erwäge ich“) wider, die – im Vergleich zu den stärker assoziativ-analogisch ausgerichteten Bewußtseinsprozessen des ersten Teils – durch ein erhöhtes Maß an Reflexivität bestimmt ist. Die Kategorien, an denen das Ich sich bei seinen scheinbar schrulligen Überlegungen orientiert, werden nicht ausgeführt. Der Leser muß sie von seinem Horizont aus und von dem, den er dem „Ich“ unterstellt, ergänzen. Zunächst läßt sich jedenfalls schon erkennen, daß Brecht nicht aus einer Laune heraus den Wunsch, die Holunderbeeren genauer zu sehen, problematisiert. Dagegen sprechen schon der Beteuerungsgestus (vgl. Zeile 8) sowie die Tatsache, daß der indirekte Fragesatz nicht beantwortet wird. Die im Gedicht nicht zu Ende geführten Überlegungen haben einen deutlich übertragenen, über die konkrete Aktualität hinausweisenden Bezug: Nur vordergründig geht es um die Entscheidung, die Brille zu holen, um die Wahrnehmungsfähigkeit so zu verbessern, daß die Farbenpracht des Holderstrauches nicht nur verschwommen, sondern plastisch in ihrer ganzen Anschaulichkeit erfahren werden kann. Solche Betrachtung würde das Problem allein zur Privatangelegenheit des Ich machen und damit die Wirkung des Gedichts der Unverbindlichkeit preisgeben.

Nimmt das historische Bewußtsein dem Betrachter die Unvoreingenommenheit gegenüber dem Holder, so kann selbst die positive Entscheidung, sich die Brille zu holen und sich den Holder genauer anzuschauen, dessen Altersbewußtsein nicht mehr tilgen. Diese Entscheidung könnte historische Differenzen nicht nivellieren, denn sie würde ja gerade das Bewußtsein bestätigen, daß die Augen schwach und trübe sind und daher der Brille bedürfen (eben nicht mehr jung sind). Sich den Holderstrauch noch einmal konturscharf zu vergegenwärtigen, bedeutet – im Alter – auf jeden Fall eine neue Erkenntnis. Der Zeitprozeß ist irreversibel; die Jahrzehnte zwischen der Augsburger Kindheit und dem Leben in der DDR haben – ohne daß bestimmte historische Ereignisse im Text angesprochen werden müßten –, offenbar wirkungsgeschichtliches Bewußtsein geschaffen, das eine Wiederholung („wieder“, Z. 9) identischer Wahrnehmungen von gleichen Naturgegebenheiten und damit ein unkritisches Einfühlen in den Zustand der Kindheit unmöglich und letztlich auch unerwünscht macht. Die Natur ist sich gleichgeblieben, aber nicht der Horizont, unter dem sie wahrgenommen werden kann. „Die Art und Weise, in der die menschliche Sinneswahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt –, ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt“.6 Solche Einsicht, die Benjamin im abstrakten Diskurs seiner Kunsttheorie formuliert hat, versuchte Brecht im Jahre 1953 in einer kleinen Sammlung von Gedichten, den sog. Buckower Elegien, auf engstem Raum in kleinen literarischen Bildern und Reflexionen konkret zu gestalten. Dieses Gedicht muß im Zusammenhang mit ihnen gelesen werden. Ein solcher Bezug wird nicht nur durch die Entstehungszeit und den in diesem Gedicht implizit erwähnten Ort nahegelegt, sondern auch durch die Art, wie sich das Ich in einer alltäglichen Wahrnehmungssituation geschichtlich definiert. Auch in den Buckower Elegien nimmt ein autobiografisch bestimmtes Ich einen konkreten Wirklichkeitsausschnitt wahr und fühlt sich durch ihn zu einer Reflexion darüber veranlaßt, wie er sich ihm gegenüber verhalten soll. Ob diese Reflexion in Handlung umgesetzt wird, bleibt ebenso wie in den Buckower Elegien auch hier unsicher. Mit einigen dieser Gedichte teilt es den elegischen Grundton. Ein Hauch von Trauer, mit der Kindheit eine idyllische Welt, eine nicht mehr herzustellende Unmittelbarkeit verloren zu haben, bleibt zurück. Auch wenn ihre Uneinholbarkeit durch das Gedicht bestätigt wird, kann die Kindheit nicht einfach als das Vollständig-Abgeschlossene, gänzlich Bedeutungslose, der Vergangenheit zugewiesen werden. Sie bleibt immer sprachlich gegenwärtig: z.B. in der volksliedhaften Nennung des Holders, in dem der Kindheitssprache folgenden Diminutiv „Zweiglein“ und nicht zuletzt in der zentralen Stellung des fünften Verses, der als Zielpunkt der Erinnerung die minutenlange Erwägung herausfordert. Dennoch kann ihre Verlockung von einem historischen Bewußtsein nicht mehr angenommen werden. Solche Annahme würde Regression, schlechte Utopie sein. Das instrumentelle Denken, das sich in der Abhängigkeit von Infinitiv- und Finalsatz äußert, vermag indes die gefühlsmäßige Teilhabe Brechts nicht vollends zurückzudrängen. Die Spannung zwischen dem Denkstil des Alters und der untergründigen Verlockung durch die Kindheit, durch sinnliche Wahrnehmung eines identisch bleibenden Naturphänomens gegen deren historische Vermittlung noch einmal den Erlebnishorizont des Kindes zu wiederholen, wird auch am Gedichtende nicht aufgehoben. Aus ihr resultiert jene spielerische Form der Ironie, die die Trauer des lyrischen Ich ertragbar macht. Dessen problematische Situation resultiert weder aus rein persönlichen Umständen noch aus den objektiv vorgegebenen Konstellationen der Umwelt. Der mehrdeutige Titel „Schwierige Zeiten“, der zunächst auf eine geschichtliche Epoche oder auf die Schwierigkeiten bei der persönlichen Entscheidungsbildung bezogen zu sein scheint, gewinnt unter hermeneutischen Gesichtspunkten seinen eigentlichen Sinn. Jenseits der vordergründigen Bedeutung, daß der Titel auf die Wahrnehmungsschwierigkeiten des Alters bei der Erfassung seiner Umwelt hinweist, zeigt er auf Schwierigkeiten bei der notwendigen historischen Vermittlung von Vergangenheit und einer in die Zukunft sich öffnenden Gegenwart.

Aus Peter Bekes, Wilhelm Große, Georg Guntermann, Hans-Otto Hügel und Hajo Kurzenberger (Hrsg.): Deutsche Gegenwartslyrik, Wilhelm Fink Verlag, 1982

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