Péter Esterházy: Über die Stühle, das Sitzen und das Zwischen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Péter Esterházy: Über die Stühle, das Sitzen und das Zwischen

Esterházy-Über die Stühle, das Sitzen und das Zwischen

(…)

Mittwoch. – Man sagt, und da sprechen vor allem die schöngeistigen Liebhaber der Humandisziplinen, dass man Wittgenstein als Dichter lesen kann.
Die notwendigen und zugleich hinreichenden Bedingungen, um einen wissenschaftlichen Text als Gedicht zu bezeichnen (ein Bluff):

1. Wir dürfen vom Text keinen Deut verstehen.
1.1. Doch das dürfen wir nicht bemerken.
1.1.1. Oder immer wieder vergessen.
1.2. Später nennen wir das die Versuchung des Textes, aber
1.3. sehen wir das in Wahrheit als indirekten Beweis unserer Aussage an.
1.3.1. Es ist bezeichnend, dass im Falle dieser logischen Schlinge uns weder der Name Whiteheads oder Russels einfällt.

2. Der Text möge trotz allen diesen Erschwernissen, Beschwerungen und dem Durcheinander gut leserlich sein, vulgo, ein genussreicher Lesestoff sein.
2.1. Im Falle des Tractatus. Die aphoristischen Sätze, die strenge Formulierung, der sichtbare formale Anspruch, das anziehend geheimnisvolle Zusammenspiel des Lichtes und des Halbdunkels.

3. Die Erklärung zum Gedicht ist verständlich, doch hat sie nichts mit Wittgenstein zu tun.
3.1. Im Allgemeinen haben Wittgenstein-Zitate nichts mit Wittgenstein zu tun.
3.1.1. In dieser postmodernen Permissivität verschwindet gerade die eine Wende ankündigende Strenge des Tractatus.
3.1.2. Die Radikalität Wittgensteins ist ohne Gottlob Frege nicht zu verstehen.
3.1.3. Frege ist, es steht zu befürchten, unlesbar.

(…)

 

 

 

 

„Ich bin kein Lyriker,“ –

so Péter Esterházy in seiner Münchner Rede zur Poesie – „ich bin ein Prosaiker (falls es dieses Wort gibt). Trotzdem ist für mich alles eine Frage der Form. (…) Das ist die Eigenschaft des Dichters, des Lyrikers, nicht des ‚Prosamenschen‘. Dementsprechend sitze ich zwischen allen Stühlen.“
Es ist gerade dieser Ort des Dazwischen, der es Esterházy ermöglicht, in seiner in Form eines Tagebuchs verfassten Rede ganz neue Perspektiven auf die Lyrik zu entwickeln: so etwa auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Poesie, Prosa und Philosophie, auf poetische (Schmeiß-)Fliegen, auf Gedichte, gewoben wie Tweed, und Gedichte, die in der 25. Stunde des Tages geschrieben werden, auf Arany, Kafka, Tranströmer, das Der-Die-Das und den Buchstaben „G“.

Stiftung Lyrik Kabinett, Klappentext, 2012

 

 

Beitrag zu diesem Buch:

Walter Fabian Schmid: Zu Péter Esterházys Poesierede
poetenladen.de, 7.12.2012

 

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer

 

György Buda „Lasst uns Weltliteratur machen!“ zum Interview am 12.5.2021 im Collegium Hungaricum Wien.

 

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Europa und seine Schriftsteller. Ungarn erzählt von… Péter Esterházy und Péter Nádas

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