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DIE BEGÜNSTIGTEN
Der Genien würdigste sind uns gewogen.
Kühnheit, uns floh sie nicht, Witz blieb nicht ferne.
Die Schönheit trat hinzu mit ihrem Sterne.
Kunst hat uns, und vergebens nicht, erzogen.
Und auch sie selbst, die Liebe, hat unendlich
Hoch uns bevorzugt. Im Vermögen gleichen
Wir uns zur Lust, und die geheimen Zeichen
Sind unsrer Sehnsüchte uns wohl verständlich.
So stehen sie gar huldreich oder fliegen
Um unser breit und königliches Bette.
(Weltklugheit aber hat uns diese Stätte
Und Wohlstand zugesprochen). Und wir liegen,
Zum Glück entschlossen, und verlangen mehr
Als Sterbliche. Und haben es sehr schwer.
-In seinen „Gedichten“ ist für Peter Hacks die Liebe und die Sowjetmacht nur gemeinsam darstellbar.-
Man sollte nicht zögern, den Schriftsteller Peter Hacks, der seit 40 Jahren sein beträchtliches literarisches Talent in die klassizistische Denkmalspflege des Sozialismus investiert, als mittlerweile alleinigen Inhaber des Landesrekords in politischer und literarischer Dissidenz auszuzeichnen. Denn mit seinen Gelegenheitsgedichten des Zyklus Jetztzeit, die er von 1998 an in der Zeitschrift konkret, der unerschütterlichen Trutzburg für Sozialismus-Apologetik, veröffentlichte, ist es ihm gelungen, alle jene Positionen zu besetzen, die gemeinhin als indiskutabel und semi-kriminell gelten. Die Edition Nautilus hat nun die Jetztzeit-Gedichte zusammen mit dem älteren lyrischen Œuvre von Hacks: also den Liedern zu Stücken, den Balladen und Gesellschaftsversen im sechsten Band der Hacks-Werkausgabe gebündelt – und siehe da: die jüngsten poetischen Erzeugnisse von Hacks markieren nur die Radikalisierung einer älteren politischen Obsession.
In seinen polemischen Verslein, die ein hohes Maß an Reimschmiedekunst bezeugen, geriert sich Hacks ein bisschen als ein Stefan George von links, freilich unter Verzicht auf eine devote Jüngerschar, die zur Anbetung des Meisters bereit wäre, denn einen ehrfürchtigen Dichterkreis wird Hacks für seinen ästhetischen wie politischen Extremismus nicht mehr finden können. Was er in seinen leichthändigen Heinrich-Heine-Liedern und Volksliedstrophen an politischen Überzeugungen ausbreitet, wird man nur als Resultat einer selbst gewählten Verblendung wahrnehmen können. Und dennoch ist sein provozierender sozialistischer Eskapismus nicht ohne Reiz.
Kein deutschsprachiger Autor der Gegenwart hat mit ähnlicher Konsequenz und Halsstarrigkeit an einer politisch obsoleten Position festgehalten, keiner hat so sehr mit der Pose eines absoluten Nonkonformismus kokettiert wie eben Peter Hacks. Diese Brüskierung des politischen und literarischen Konsensus hat in seiner Werkgeschichte eine lange Tradition. Als in der DDR schon die erste Massenflucht einsetzte, entschloss sich der Münchner Jung-Dramatiker 1955 zur Übersiedlung in seinen sozialistischen Wunschstaat. Als in den 60er Jahren die Kulturpolitiker der DDR nach langen Krämpfen die literarische Moderne und den Expressionismus entdeckten, verschrieb sich Hacks der Klassik. Das Ende der DDR kommentierte er dann mit schrillen Sinnsprüchen, die in ihrem unvergleichlichen Misslingen fast schon wieder interessant klingen: Wer war der, der vom meisten Blute troff? / Wars Churchill, Hitler oder Gorbatschow? Was Hacks in seinen luziden Volksliedstrophen und boshaften Knittelversen aus jüngster Zeit zur Geltung bringt, ist ein linksaristokratischer, ästhetischer Fundamentalismus in Reinform.
Zehn Jahre nach dem Kollaps der DDR besingt Hacks die Berliner Mauer als „der Erdenwunder schönstes“ und träumt von den heroischen Zeiten, da Väterchen Stalin noch die Geschicke des real existierenden Sozialismus lenkte:
Wer kann die Pyramiden überstrahlen?
Den Kreml, Sanssouci, Versailles, den Tower?
Von allen Schlössern, Burgen, Kathedralen
Der Erdenwunder schönstes war die Mauer.
Mit ihren schmucken Türmen, festen Toren.
Ich glaub, ich hab mein Herz an sie verloren.
Den wütenden Aufschrei von allen politisch korrekten Zeitgenossen hat der sozialistische Elfenbeinturmbewohner natürlich schon einkalkuliert. Mit seinem fein entwickelten Sensorium für politisch unpopuläre Fundamentalopposition kultiviert Hacks sein Wunschbild vom sozialistischen Staat als verlorenem Paradiesgärtlein, das nach dem Sturz von Walter Ulbricht ins Verderben geriet. Für den „Rumor“ von Bürgerrechtlern und kritischen Sozialismusreformern hatte er schon immer seine poetisch wohl organisierte Verachtung parat. Schon in der über zwanzig Jahre alten Ballade Die dreißig Tyrannen, eine der zahlreichen historischen Maskeraden des Autors, trifft der grimmige Spott des Dichters die „trüben Emigranten“ und „Nörgler von zuhaus“.
Erzählt wird vom Schicksal Athens, das nach seiner Niederlage im Krieg gegen Sparta erleben musste, wie die beschützende Mauer(!) niedergewalzt und die „Nörgler“ und „Emigranten“ von den Besatzern mit den Regierungsgeschäften betraut wurden. Dass es mit den neuen „Tyrannen“ nichts werden kann, verraten schon die Eingangsverse der Ballade:
Leute gabs und gibt es heute,
Die im Dünkel abseits stehen.
Schwache Leute, eitle Leute
Gabs auch in der Stadt Athen.
Damals warens ihrer dreißig,
Die vom Ausland her gewühlt
Oder in der Heimat fleißig
Ihren Sonderwert gefühlt.
Man kann schon aus diesen ätzend ironischen Balladen-Tönen die ganze Hackssche Poetik heraus präparieren. Denn sie besteht zum einen aus der literarischen Selbstverpflichtung zur „sozialistischen Klassik“, zum anderen aber aus einer radikal hegelianischen Staatsvergötterung, die den Herrscher als Fürsten preist und alle Systemopponenten der Lächerlichkeit preisgibt.
Die Staatsvernunft ist bei Hacks stets das Wirkliche, das es gegen unvernünftiges Dreinreden von „im Dünkel abseits stehenden“ Eitelkeitssubjekten oder „Bürgerrechtlern“ zu verteidigen gilt. Zu den Erben jener dreißig Tyrannen-„Bösewichte“ in der Ballade gehören nach Hacks ästhetisch-politischer Vorstellung denn auch jene verdächtigen Existenzen von „Thierse, Schnur und Stolpe“ bis hin zu “Schröder, Ull- und Eppelmann“, die im viel später entstandenen Gedicht Appell zur Guillotine geführt werden. Der Entschluss zur hegelianisch eisernen, realsozialistischen Standhaftigkeit verwundert ein wenig, war doch Hacks selbst einst in Verdacht geraten, sich „eitler“ Abweichung schuldig gemacht zu haben. Als er 1960/61 seine geliebte Wunschheimat mit zwei kritischen und doch linientreuen Zeitstücken beglücken wollte, dankte ihm das die Obrigkeit wenig. Mit den Stücken Die Sorgen und die Macht (1960) und Moritz Tassow (1961) glaubte Hacks auf dem Weg zur Planerfüllung des „Bitterfelder Weges“ zu sein. Rasch sah er sich eines sozialistisch Besseren belehrt, als seine Stücke vom Spielplan abgesetzt wurden und er selbst seinen Dramaturgenposten am Deutschen Theater Berlin räumen musste.
Als er dann zur Apotheose der sozialistischen Klassik überging, geschah das auch, um seinen dramatischen Antipoden Heiner Müller in die Schranken zu weisen. Auch davon handelt einer seiner späteren Sinnsprüche: Alle abscheulichen Stücke / Schrieb Heiner Müller bereits, alle erhabenen ich. Im gleichen Zusammenhang dieser „Beiseite“-Sprüche findet sich auch ein überraschendes Selbstporträt, das den Dichter als eher unfreiwilligen Opponenten des Staates zeigt: Herzlich schütz ich mein Land, das mich, und von Herzen missbilligt. / Das ist fad. Und doch: fader wärs andersherum.
Nach der kurzen atmosphärischen Verstimmung zwischen Staat und Dichter um 1960 entwickelte sich dann aber – zur nicht geringen Irritation der westdeutschen Kritik, die dem bis Mitte der 70er Jahre auf allen deutschen Bühnen omnipräsenten Dramatiker Hacks ihren Respekt zollte – ein Verhältnis von immer größerer „Herzlichkeit“. Hacks wurde in der DDR zur Instituion – ohne jedoch auf einschlägigen Schriftstellerkongressen als Bauchredner des Parteidogmas aufzutreten. Das überließ er minderen Geistern. Nur einmal, 1976, ließ sich Hacks aus der tagespolitischen Reserve locken, als er zur Biermann-Ausweisung anmerkte, aufgrund der schauderhaften Verse des „Liedermachers“ sei das Vorgehen der DDR-Behörden zu begrüßen. Das hat man ihm im Westen nie verziehen. Seither gefällt sich Hacks in seinem realsozialistischen Trotz und nutzt jede Gelegenheit, mit seiner ganz unironischen Affirmation des Stalinismus die linksliberale Intelligenz aufzuscheuchen.
In seiner Werkausgabe der Gedichte findet man zahlreiche Exempel eines ästhetischen Widerstands gegen die „finale Niedergangsepoche“, die nach dem Sturz Ulbrichts und erst recht nach der Wende seinem „Vaterland“ droht. Auch in seinem Formengebrauch präsentiert sich Hacks dabei als rigider Traditionalist. Den Versuchungen der „modernen Lyrik“ und ihrem Fragmentarismus der Formen hat er schon früh abgeschworen, zuletzt in seinen Belinde-Briefen von 1974. Wer nun den lyrischen Hacks mit dieser Werkausgabe kennenlernen will, dem wird 460 Seiten lang die Ansicht des Dichters demonstriert, dass sich ein gelungenes Gedicht vor allem in der „richtigen Handhabung des Versmaßes“ und der „Tüchtigkeit der Reime“ bewährt.
Nicht selten taucht in diesen durchweg reimgestützten Texten Stalin als idyllisierter Übervater auf, der das letzte Refugium vor dem kapitalistischen Elend bietet. In einem der groteskesten Texte des Bandes, den der Autor mit der ihm eigenen Chuzpe den Liebesgedichten zugeordnet hat, erleben wir dann Stalin in einer anakreontischen Szene gemeinsam mit Venus. Sie vergegenwärtigt die nackte Venus beim Bad, auf ihr ruht das wohlgefällige Auge Stalins. „Während die Göttin dem All in Sommerheiterkeit / Den Hintern und die weltberühmten Brüste“ zeigt, erledigt Stalin seine Schreibarbeit, prüft „Berichte“ und erlässt womöglich mehr oder minder tödliche Befehle. Auch diese Form einer stalinistischen Idyllik mit frivolem Witz hat Hacks bewusst bis zur Unerträglichkeit ausgereizt:
Gelegentlich läßt er das Auge ruhn,
Das väterliche, auf den prallen Lenden
Der Göttin, die, versunken in ihr Tun,
Ein Bein gewinkelt hebt mit beiden Händen.
Ein milder Glanz geht, eine stille Pracht
Unwiderstehlich aus von diesem Paar.
Die Liebe und die Sowjetmacht
Sind nur mitsammen darstellbar.
Selbst in der sozialismusseligen Konkret empfanden einige Leser dieses „Stück stalinistischer Seniorenerotik“ als Zumutung. Und tatsächlich sind diese alten und neuen Reimarbeiten des Peter Hacks nur als linksdandyistische Provokationen eines sozialistischen Eremiten goutierbar.
Michael Braun, der Freitag, 24.3.2000
Diese Rezension bezieht sich auf Peter Hacks: Die Gedichte. Edition Nautilus, 2000.
-Abschied mittels Meisterschaft: Peter Hacks betrachtet die DDR als schöne Kunst.-
Als 1991 in Stuttgart eine repräsentative Anthologie deutscher Balladen von Gleim bis Ulla Hahn erschien, die kaum einen Kleinmeister der Gattung ausließ, bekamen es die Deutschen schriftlich aus der Klassiker-Zentrale Reclam, dass Peter Hacks nicht existierte. Keine der einunddreißig Balladen hatten die Herausgeber bemerkt, die nun unter dem Titel „Kunstformen der Geschichte“ eine eigene Abteilung seiner gesammelten Gedichte bilden – so wenig wie die angefügte Liste der Forschungsliteratur damals auf Hacks’ Versuch über die Ballade („Urpoesie, oder: das scheintote Kind“) einging, der sieben Jahre zuvor in Ostberlin erschienen war.
Man muss es für wahrscheinlich halten, dass die Auslassung nicht zufällig, sondern gewollt war. Und Hacks war nicht ohne eigenen Anteil zu einem so fragwürdigen Ansehen gelangt, dass er mancherorts Berührungsängste provozierte. Er hatte aus freien Stücken in der DDR gelebt und viel Unschönes und Verblendetes zu den dortigen Zuständen geäußert. Zugleich war er, auch für seine Gegner erkennbar, ein Virtuose der Form, der für die Vielfalt der Töne der deutschen Sprache einen Sinn hatte wie kein anderer. Sein Fall ist der ewig verdächtige: der des sittlich fragwürdigen, ästhetisch glanzvollen Künstlers. Wie bei Salvador Dali oder Richard Strauss ist es diese Kombination, die den meisten Hass auf sich zu ziehen pflegt. Völlig klar hat er es in einem Epigramm auf sich selbst gesehen: „Meiner Wiege zu Häupten: der Schutzengel, ferner die Muse. / Und sie stritten sich. Leider, die Muse gewann“ („Bestimmung“).
Hacks ist ein dichterischer Traditionalist, der es dem Leser nicht leicht macht. Auch der Wohlwollende muss durch den Figurenreigen der Belinden, Dorinden und Chloes, der Husaren und kühnen Ritter hindurchfinden, bis ihm die Schönheit unter den anachronistischen Gewändern aufgeht. Aber irgendwann kommt er darauf: Die Rettung der Tradition steht im Dienst der Differenziertheit – allein deshalb schon, weil der Formen vom Epigramm über das Lied bis zum Sonett so viele sind.
Hacks’ Politik, nie ganz frei vom Ruch des Zynismus, war nur die natürliche Verlängerung seiner Poetik. Schon seine frühe Beschäftigung mit dem Theater des Biedermeier war in eine Verfallsdiagnose der bürgerlichen Welt gemündet. Die Rettung der Kultur konnte folglich nur von oben besorgt werden: von der Erziehungsdiktatur der Partei und der Geschmacksdiktatur der schaffenden Künstler. Die Moderne war als ästhetisch-politische Verfallsepoche erkannt, künftig sollten Staat und Kunst wieder von den Kompetenten regiert werden. Das ist freilich die Künstler-Utopie des zwanzigsten Jahrhunderts überhaupt, nur hat sie Hacks bis zur Bizarrerie ausdrücklich gemacht.
Auch in den Gedichten sind geistesaristokratisch-kommunistische Legierungen eines seiner liebsten Gedankenspiele. Stalin trifft auf Venus; „Rote Sommer“ entwirft vor dem Hintergrund barbarischer Touristenströme ein abgeschiedenes preußisch-kommunistisches Traumreich: „Dann nehmen sie den Tee aus köstlichen Geschirren, / Plaudernd vom Klassenkampf, während ein Pfau, ein bunter, / Gekrönter Mohrenvogel, mit metallnem Flirren / Durch Heckenwege schreitet und zum See hinunter.“ Wenn Oscar Wilde den Armen vorhielt, sie sollten sich doch wenigstens etwas geschmackvoller kleiden, heißt es bei Hacks in dem Epigramm „Sozialismus“: „Einen letzten Fehler hat er: es hängt ihm die Herkunft / Aus dem Arbeiterstand wunderlich immer noch an.“
Die Sammlung, die mit Liedern zu Stücken einsetzt, ist nicht vollständig. So fehlt das „Lied der Kampfgruppen“, geschrieben nach dem 13. August 1961, das den Mauerbau feierte. Aber ein inhaltlicher Abstand kann damit nicht gemeint sein, denn auch jetzt heißt es: „Balkone haben Brüstungen. Es tut / An jedem Abgrund eine Mauer gut.“ Der Kulturverfall, so die Behauptung nicht weniger Gedichte, ist seit 1989 nur deutlicher geworden. In der Abteilung „Jetztzeit“ ragt „Tamerlan in Berlin“ heraus, die Vision einer usbekischen Besetzung, die mit bösem Witz glossiert ist: „Bei Aufbau sitzt ein leitender Usbeke / Und druckt nun sein usbekisches Gequäke, // Bei Aufbau! dort, wo meine eignen Dramen / Erschienen, ehe die Usbeken kamen.“ Amüsant zu lesen sind auch „Couplets“, Zweizeiler, in denen dieser und jener – besonders gern ehemalige Dissidenten – im Vorbeigehn, wie in einer Moritat, ironisch oder blutig erledigt wird. In Reflexionen über Alter und Tod klingen die Couplets aus: „Ich sah noch eine halbe Nacht lang fern, / Jeden Kanal, und starb dann äußerst gern.“
Hacks ist ein Lyriker, der auch im Gedicht das Metier des Dramatikers und des Kinderbuchautors nicht verrät. Denn beim Drama wie beim Kinderbuch rächt sich jeder schwache, wirkungslose Moment sofort. Hier darf nichts Vages übrig bleiben: Theaterbesucher und Kinder sind nicht durch Appelle an die Introspektion zufrieden zu stellen. Seine szenische Meisterschaft zeigt Hacks in den Balladen, die historische Momente in höchster Spannung darstellen. Raffiniert werden die möglichen Irrtümer der Künstler angesichts der Macht durchgespielt: Bei David und Saul wie bei den Goebbels-Protegés. Allerdings: Auch hier bleibt manches, etwa eine Szene zwischen Nietzsche, seiner Schwester und Rudolf Steiner, im bloßen Witz stecken.
Zu den Gedichten aber, deren Rang sofort einleuchtet, gehört die Ballade „Der Fluch“. Schon der Titel ruft die eigentümliche Balladenstimmung wach. Der Vorgang ist schnell erzählt: Als Walter Ulbricht 1971 von Honecker entmachtet wurde, zeigte ihn das Fernsehen zu seinem Geburtstag im Schlafrock und in Pantoffeln – ein ohnmächtiger Mann. Das Bild war für DDR-Bürger ein Schock und ein Signal. Auch Hacks, dessen Jugendhoffnungen mit Ulbrichts Republik verbunden waren, hat es so verstanden. Plötzlich glaubte er zu sehen, dass der Niedergang nicht auf die bürgerliche Welt beschränkt war.
Das Gedicht, 1983 verfasst, legt dem greisen Ulbricht, der seiner Machtlosigkeit inne wird, eine grandiose Unheilsdrohung gegen den mediokren Nachfolger in den Mund:
Kein Begriff erhelle deine Welten,
Keine Gutschrift soll, kein Eid soll gelten
Und berichtet sei in ungelesnen
Zeitungen von Dingen, nie gewesnen.
Keine Straße soll dein Land verbinden,
Keine Post soll den Empfänger finden,
Und nichts soll in deinen Telefonen
Als ein Brausen und ein Grausen wohnen.
Rost wird ganze Industrieanlagen,
Weil ein Zahnrad mangelt, niedernagen,
Während ab die Blätter, die entfärbten,
Von den Bäumen gehn, den schmutzverderbten.
Gräßlich hören in den Meiereien
Wird das Volk das Vieh nach Futter schreien
Oder, unterm Dung verborgen, kleine
Ferkel finden, kleine tote Schweine.
Die Steigerung des politischen Zeitgedichts ins Unheimliche, Schöpfungswidrige gelingt in wenigen Zeilen. Und dabei klingt es, als habe der Genius der deutschen Ballade höchstpersönlich dem Dichter die Feder geführt.
Liebesgedichte beschließen den Band. Auch hier die dramatische Situation, in der sich Spieler und Gegenspielerin finden – im Bett. Diskretion und Frechheit halten sich die Waage, Reichtum der Töne und Differenziertheit der Formen herrschen bis in die physischen Stellungen hinein. Eine strenge Ökonomie der Blicke nach innen, die nur selten gestattet werden, ist das Gesetz dieser Gedichte: Ihre Wirkung erzielen sie über die pure Schönheit des Außen, der Kontur. Man muss Peter Hacks nicht in allem glauben, um den Genuss zu empfinden, den sein vollendetes dichterisches Können gewährt. Man entlastet sich von der Innerlichkeit. Man liest ihn, wie man früher Horaz gelesen hat.
Lorenz Jäger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.3.2000
Diese Rezension bezieht sich auf Peter Hacks: Die Gedichte. Edition Nautilus, 2000.
-Peter Hacks legt seine gesammelten Gedichte vor.-
Ein irritierender Lebensweg, auf den ersten Blick: 1928 in München geboren; 1955, dem normalen Wirtschaftsflüchtling entgegen, die Übersiedlung nach Berlin: Ost. Für kurze Zeit dann unter Brechts Einfluss; nach Konflikten mit der Kulturpolitik ein scheinbares Ausweichen in einen „unverbindlichen Klassizismus“ – wie zumindest Wolfgang Emmerich in seiner verbreiteten Geschichte der DDR-Literatur behauptet. Trotz Zensur wird Hacks nach der Niederlage der DDR nicht als Widerstands- und Modeautor entdeckt. Aristokratisch postuliert er den vernünftigen, nicht den demokratischen Staat als Voraussetzung positiver Menschheitsentwicklung. Das bringt ihm Sympathien von Teilen der Restlinken ein, wohl auch vereinzelte Zuneigung von rechts, doch nicht den Applaus des Mainstreams, der die Zerstörung von Staat zugunsten einer vagen Bürgergesellschaft betreibt.
Seit einigen Monaten liegen Hacks’ Gedichte in einer erweiterten Sammlung vor. An ihnen den Wechsel der Zeiten abzulesen, ist schwierig. Nur ganz wenige Lieder aus den frühesten Stücken deuten songtextartig auf das einstige Vorbild Brecht hin. Ein paar frühe, agitatorische Gedichte fehlten schon im ungefähr um ein Viertel schmaleren Vorgängerband von 1988 – sie sind unwesentlich, überwiegend an der Vorlage haftende Nachdichtungen, die Hacks zu Recht ausschied. Sein Ton, seine Verfahrensweise sind seit vierzig Jahren ähnlich. Der Aufbau des Bandes ist geblieben: In drei großen Blöcken sind die „Lieder zu Stücken“, „Gesellschaftsverse“ und „Liebesgedichte“ angeordnet. Neues findet sich vor allem im mittleren Teil; die Liebesgedichte sind kaum vermehrt und die Theaterlieder nur durch die Gesangseinlagen aus „Orpheus in der Unterwelt“ ergänzt.
Allein die durchgängige Abwesenheit modischer Spielereien in einer Zeit, die flexible Anpassung ans je Neueste als intellektuelle Qualität glaubt werten zu müssen, verweist auf die außerordentliche Dichterpersönlichkeit Hacks. Bereits bei oberflächlichem Hinsehen wird deutlich, dass er sich an überkommenen Formen orientiert. Die Entwicklung der modernen Lyrik spätestens vom Expressionismus an ignoriert Hacks souverän. Scheinbar harmonisiert er damit die Wirklichkeit auf klassizistische Weise; doch betont er so die Eigengesetzlichkeit der Poesie, der er die Funktion eines produktiven Vorscheins, nicht lediglich einer Verdoppelung des Realen zuweist: „Aus Phantasie wird Wirklichkeit. Aus neuer / Wirklichkeit blühn kühnre Phantasien. / Und wenn die Kunst, um Kunst zu sein, die Erde / Verlassen muß, zur Erde kehrt sie wieder“ – so formuliert Hacks programmatisch in seinem Prolog zur Wiedereröffnung des Deutschen Theaters.
Nicht also ästhetische Kompensation, sondern ästhetische Produktivität; eine immer noch Brechtsche Kategorie, freilich mittels einer Brecht diametral entgegengesetzten Poetologie. Dabei haben Verklärung und Vertröstung keine Chance: Gerade im großen, an sinnlichem Genuss orientierten Block der Liebesgedichte ist das Bewusstsein des Materialisten, dass es nur dieses je eine Diesseits und sonst nichts gibt, dauernd präsent. Im Schlussgedicht 1988 wie 2000 figuriert der „alte Knochenmann“ als „Vater der Genüsse“: „Du sollst mir nichts verweigern. / Wir müssen lieben nun, / Bis einst aus freien Stücken, / Gesättigt mit Entzücken, / Wir unserer Füße Rücken / Still voneinander tun.”
Mit dieser Glücksvorstellung eines erfüllten Lebens und freiwilligen Abschieds schließt der Band; und es ist solche freie Verfügung, die Hacks zur Wahl der strengen Formen veranlasst, die ihm ironische Kontrapunkte erlauben: „Dies, o einfallsreicher Daimler, war keine / Gute Idee. Vier Tage lang und Nächte / Hat mein Mädchen die Stadt verlassen“, heißt es in „Anläßlich ihrer Autoreise in die nördlichen Provinzen“. Ein anderes Gedicht stellt „Die Elbe“ in hohem Ton als Acheron vor, mit der Bundesrepublik als Totenreich. Hacks’ Totenfluss allerdings „wälzt sich zwischen / Dömitz und Boizenburg“ und seine „schwarzen Wasser säumt ein Hain von Rüben“: Fast stets entzieht Hacks dem Pathos, das seine geschichtlich tradierten Formen assoziieren lassen, den Boden und macht so deutlich, dass sein Morgen nicht einfach ein wiederbelebtes Gestern ist. „Rote Sommer“ ist ein Gedicht überschrieben, in dem „Preußens dünkelhafte Kommunisten“, während der „große Haufen“ sich aus „Deutschlands nördlich milden Breiten oder Längen / Hinquält zu seinen grauenhaften Urlaubsorten“, ein Bild ausgesuchter Kultur bieten. „In Linnen leichtgewandet, duftenden Batisten“ erholen sie sich in ihren „Sommerresidenzen“: „Dann nehmen sie den Tee aus köstlichen Geschirren, / Plaudernd vom Klassenkampf, während ein Pfau, ein bunter, / Gekrönter Mohrenvogel, mit metallnem Flirren / Durch Heckenwege schreitet und zum See hinunter.“
Abwegig, hier eine Verklärung der Vergangenheit zu vermuten – als Propaganda wäre dies Gedicht untauglich, weil ohne Anknüpfungspunkt im historischen Gedächtnis. Gerade aber, indem Hacks formuliert, wie der Sozialismus offenkundig nicht war, wird deutlich, wie der Kommunismus hätte werden können. Dass die Kommunisten vom Klassenkampf plaudern, während die Massen, aus denen die Klasse besteht, sich freiwillig mit Pauschaltourismus begnügen, denunziert weder diese noch jene, sondern verweist aufs Uneingelöste einer kollektiven Befreiung. Der Anachronismus der sich bereits in den Süden wälzenden Masse einerseits, einer offensichtlich herrschenden Schicht von Kommunisten andererseits zeigt zudem, dass es sich um ein Nachwendegedicht handelt; dabei passt auch in diesem Nebeneinander realgeschichtlich wenig; Hacks’ Idyllen sind bei weitem nicht so simpel, wie sie beim flüchtigen Lesen scheinen.
Seit 1988 entstanden zumeist „Gesellschaftsverse“. „Kunstformen der Geschichte“ war schon in der früheren Sammlung einer der gewichtigsten Abschnitte überschrieben: eine Reihe von Balladen, die scheinbar wohl geordnet chronologisch eine Reihe von Ereignissen aus Mythologie und Geschichte wiedergeben. Doch schon die älteren Gedichte vermittelten exemplarisch der Gegenwart Beispiele für das gute oder schlechte Regieren. Manche der neueren Texte reagieren deutlich auf den Untergang der DDR: „Die Gallier in Rom“ etwa sind leicht mit den westlichen Siegern zu parallelisieren, und „Die dreißig Tyrannen“ – Unzufriedene, die von Gnaden Spartas eine Zeit lang Athen beherrschen durften – können als Oppositionelle aus der DDR, die nun Oberwasser haben, dechiffriert werden.
Der Niederlage des Sozialismus und seinen Folgen ist der einzige völlig neue Abschnitt gewidmet: „Jetztzeit“. „Jetztzeit“ heißt auch das Gedicht, das diesen Abschnitt einleitet: „Seit der großen Schreckenswende / Sieht des Dichters ernstes Haupt / Sich durch neue Zeitumstände / Aller Hoffnung jäh beraubt.“ Das Leben scheint sein Ziel verloren zu haben: „Liebt den Sommer, haßt den Winter, / Tieferes steckt nicht dahinter. / Hin und wieder ein Gedicht / Schreibt er noch aus Dichterpflicht.“
Das Understatement ist Pose; die Gedichte, die folgen, sind alles andere als bloße Pflichtübungen, sondern gehören zu Hacks’ besten. Die Ablehnung des Neuen schärft noch seine Formulierungen. Gerade die Poetik der Vorwendezeit, die eine kommunistische Zukunft ästhetisch andeuten sollte, nützt paradox nun der Kritik der restaurierten Vergangenheit: sie bewahrt Hacks vor larmoyantem Selbstmitleid wie vor zornigen Tiraden, die nur in ungefähre Wut mündeten. Diese Qualität erweist sich besonders in den zahlreichen Couplets, formal disziplinierten Zweizeilern. In ihnen, wie überhaupt in Hacks’ Lyrik, hat ausschweifende Metaphorik wenig Raum; die Zweizeiler wirken simpel, weil sie präzise sind: „Die Bürgerrechtler machen viel Rumor. / Arbeiterrechtler kommen seltner vor.“
Hacks’ klassische Haltung war nie harmonistisch, mochte sie auch im Vergleich etwa zum blutrünstigeren Heiner Müller zeitweise so scheinen. In der Nachwendezeit bleibt Hacks seiner Poetik und seiner Politik treu wie kaum jemand sonst. Spätestens im Rückblick wird die Konsequenz des Gesamtwerks deutlich: Ästhetisch wie politisch bleibt Hacks oppositionell. Seine Lyrik hat wenig Berührungspunkte mit der zeitgenössischen Literatur; nicht zu ihrem Nachteil. Die Lektüre seiner Gedichte ist ein Vergnügen auf höchstem intellektuellen Niveau. Vielleicht sollte sich nicht Hacks nach der Gegenwart richten, sondern die Gegenwart ein wenig mehr nach Hacks.
Kai Köhler, literaturkritik.de, 2.2.2001
Diese Rezension bezieht sich auf Peter Hacks: Die Gedichte. Edition Nautilus, 2000.
Rüdiger Wartusch: Vom Held zum Invalid.
die tageszeitung, 21.3.2000
Armin Stolper: Kein Zeitgenosse.
Junge Welt, 16./17.9.2000
Robert Gernhard: Kein Beifall für den Mauerfall.
Die Zeit, 28.9.2000
Christian Eger: Roter Preuße im Goethe-Rock.
Mitteldeutsche Zeitung, 20.3.2003
Dietmar Dath: Ein linker Wunderwirker.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.3.2003
Horst Haase: Der Klassiker P. H.
Neues Deutschland, 20.–23.3.2003
Stephan Schlak: „Rings nur westkaschubische Gesichter“.
Frankfurter Rundschau, 2.8.2003
Gerhard Piens: Seine Liebe gilt den Freundlichen, den Verbreitern von Vernunft.
Neues Deutschland, 19./20.3.1988
Walter Hinck: Mit Pomp.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.3.1988
Heidi Urbahn de Jauregui: Der verbotene Dichter.
konkret, 1993, Heft 3
Werner Schulze-Reimpell: Der aus dem Westen kam.
Stuttgarter Zeitung, 19.3.1993
Werner Liersch: Der Medienpoet wird gemacht, der Poet geboren.
Berliner Zeitung, 20.3.1993
Reinhard Tschapke: Bequem zwischen allen Stühlen.
Die Welt, 20.3.1993
Peter Mohr: Klassikadept mit revolutionärem Odem.
Schwäbische Zeitung, 30.3.1993
Mark Siemons: Heilung vom Mißverständnis, verstanden zu sein.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.3.1998
Kerstin Decker: Klassiker live.
Der Tagesspiegel, 21.3.2003
Matthias Oehme: Ein Dichter kühn.
Neues Deutschland, 21.3.2003
Klaus Peymann: Gewehre auf den Haufen.
Berliner Zeitung, 21.3.2003
Detlef Friedrich: Vom Holperstein.
Berliner Zeitung, 17.3.2008
Christel Berger: Der Weltverbesserer.
Neues Deutschland, 20.3.2008
Reinhard Wengierek: „Ach Volk, du obermieses, auf dich ist kein Verlass“.
Die Welt, 20.3.2008
Jens Bisky: Also ist die Lösung nicht die Lösung.
Süddeutsche Zeitung, 20./21.3.2008
Ursula Heukenkamp: „Eine Sache, die der Weltgeist vorgesehen hat, auf die kann man sich dann auch verlassen.“
Peter Hacks und die große Fehde in der DDR-Literatur. Zum 80. Geburtstag.
Zeitschrift für Germanistik, 2008, Heft 3
Georg Fülberth: Ein Dichter für alle.
der Freitag, 19.12.2008
Kerstin Decker: Vom Weltgeist verfolgt.
Der Tagesspiegel, 30.8.2003
Christian Eger: Rote Sommer, verweht.
Mitteldeutsche Zeitung, 30.8.2003
Martin Halter: Der sozialistische Klassiker.
Badische Zeitung, 30.8.2003
Hartmut Krug: Goethe und Stalin.
Frankfurter Rundschau, 30.8.2003
Gerhard Stadelmaier: Der Marxist von Sanssouci.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.8.2003
Reinhard Wengierek: Ich bin ein Dichter und kein Zeitgenosse.
Die Welt, 30.8.2003
Walter Beltz/ Eberhard Esche / Hermann Kant/ Matthias Oehme: Zum Tode von Peter Hacks.
Neues Deutschland, 30./31.8.2003
Jens Bisky: Der saure und der faule Apfel.
Süddeutsche Zeitung, 30./31.8.2003
Detlef Friedrich: Kein Dulden, bloß Dichten.
Berliner Zeitung, 30./31.8.2003
Ronald Pohl: Peter Hacks 1928–2003.
Der Standard, 30./31 8.2003
Stephan Wackwitz: Ein kommunistischer Dandy.
die tageszeitung, 30./31.8.2003
Martin Zingg: Stilbewusst zwischen allen Stühlen.
Neue Zürcher Zeitung, 30./31.8.2003
Gottfried Fischborn: Preuße.
der Freitag, 5.9.2003
Regina General: Exzentriker.
der Freitag, 5.9.2003
Steffen Richter: Wir sind in der Konsolidierungsphase.
Der Tagesspiegel, 5.9.2003
Mario Scalla: Klassiker.
der Freitag, 5.9.2003
Irene Bazinger: Wo die Muse wohnt.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.9.2003
Martin Linzer: Zum Tod von Peter Hacks.
Theater der Zeit, 2003, Heft 10
Peter Hacks – MDR artourinfoclip vom 27.3.2008 zum 80. Geburtstag.
[...] – Bei Planet Lyrik wird eine Hacks-Seite eingerichtet, dort finden sich mehrere Rezensionen des Nautilus-Bandes der [...]
[...] erklären. Ihre Mittel sind beschränkt und heißen Kritik. Da sie nichts merken, wenn sie sich die Finger verbrennen, plappern sie unbeirrt und ungesittet weiter. Ein guter und geduldiger Dompteur – wir denken [...]