Peter Härtling: Die Mörsinger Pappel

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Peter Härtling: Die Mörsinger Pappel

Härtling-Die Mörsinger Pappel

AM GRAB VON CAMUS IN LOURMARIN

Rosmarin für dich
und
Lavendel für Francine.
Dein Name sinkt
allmählich zurück
in den Stein.
Oben,
in der Stadt,
werden auf der Terrasse
deines Hauses
die Gespräche von damals
laut,
hitzig, die Nacht vergessend –
so, wie du schriebst,
wolltest du
hier
immer den Morgen empfangen,
den Tau versprengen
Anfang,
die im Licht sich
verjüngende Liebe,
und der Fels,
deine Bürde, die unsere,
verliert nun
sein Gewicht
am Fuße des Bergs.

 

 

 

Peter Härtlings Gedichte aus den letzten drei Jahren

haben ein ausgesprochenes oder geheimes Zentrum: Liebeserklärung. Das gilt nicht nur für die Anreden an nahestehende Autoren, an Camus, dessen Moral schon den jungen Härtling beeindruckte und prägte, an Franz Fühmann, mit dem ihn die Friedensidee verband. Auch das Schicksal seiner Mutter, ein einschneidendes Ereignis in Peter Härtlings Leben, erscheint im Gedicht. Liebeserklärungen gibt es an einen Baum, die Mörsinger Pappel, und an Landschaften in Finnland, an vorgestellte Heimat. Und Natürlich: an eine Frau.
Allerdings trägt ein Zyklus den Titel „Schneegedichte“. Melancholie und Wut mischen sich in die Verse und der schöne Augenblick kann die Erfahrung von Vergänglichkeit nicht verdrängen. Aber die Hoffnung?

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1987

 

Peter Härtling: Die Mörsinger Pappel

Peter Härtling, einer größeren Öffentlichkeit vor allem als Romancier und als Kinderbuchautor bekannt, hat als Lyriker begonnen. Als Zwanzigjähriger veröffentlichte er 1953 Poeme und Songs, seitdem erschienen – abgesehen von einer gut zehnjährigen Pause zwischen 1962 und 1973 – kontinuierlich neue Gedichtsammlungen, zuletzt 1983 der Band Vorwarnung. Die in den Jahren danach geschriebene Lyrik liegt nun in dem Band Die Mörsinger Pappel vor. Das Titelgedicht lautet:

Die Mörsinger Pappel
hab ich verpflanzt,
dem Sommer entführt
und einem kahlen
Buckel geschenkt.
Dort,
im Schnee,
erklärt sie
dem Horizont
ihre Schönheit.
Ohne Laub,
zart und
warm im Holz
prägt sie sich
ihm ein.

Dieser Text aus einer kleinen Abteilung sogenannter „Schneegedichte“ ist insofern typisch, als hier zwar ein Naturbild gezeichnet wird, das lyrische Ich aber unübersehbar anwesend ist. Denn auch wenn Härtling scheinbar objektiv Natur- und Landschaftsbilder zeichnet, wenn er Reise-Impressionen (aus der Provence, aus Finnland) festhält, sich von einem Kunstwerk anregen läßt, ja auch wenn er Rollengedichte schreibt oder Porträts zeichnet – immer spricht er auch von sich. Nicht daß Privates ungebührlich in den Vordergrund gerückt würde; aber stärker als sonst üblich sind diese Texte als individuelle, ja teils deutlich autobiographische Gedichte zu erkennen.
Am gelungensten scheint mir Härtlings Poesie da zu sein, wo der Lyriker ohne Camouflage offen von seinen Erfahrungen und Befindlichkeiten spricht, von ihm nahen Personen erzählt (so in dem eindrucksvollen Porträt der Mutter), von der Kindheit, von der Liebe. „Flügel“ heißt eines dieser Gedichte:

Damals, entscheide du
wie lange es her ist,
als wir uns rücklings
in den Schnee fallen
ließen, die Arme ausbreiteten
und wie mit Flügeln
schlugen, damals,
als wir Engel im Schnee
ließen: Frühlingsschatten,
der Abdruck unseres Glücks –

wir werden, Liebe,
ich bin sicher, uns
entgegengehen und
die Flügel werden uns
aus den Schultern
wachsen,
leicht und flüchtig
wie Schnee.

Das ist leicht und unprätentiös geschrieben, in jenem von Härtling bevorzugten Parlando, mit dem er auf Verständigung und Selbstverständigung zielt. Problematischer ist es, wenn der Autor seiner Neigung zur lyrischen Schönschrift nachgibt. Wo er den hohen Ton anschlägt, wo er allzu feinsinnig ziseliert, wird es leicht geschmäcklerisch („Woran ich darbe – / ich hab es ausgebeint…“).
Geglückt scheinen mir Härtlings Gedichte eher dann, wenn in ihnen der Bezug zum Sinnhaften deutlich sichtbar bleibt, wenn sie sozusagen „geerdet“ sind. Eines dieser unaufgeregten und besinnlichen, moderat modernen Gedichte heißt:

Dich schlafen zu sehen,
eingerollt
wie eine Katze
und ausgeschlossen
zu sein
aus deinem Traum –
nach so vielen Jahren
genieße ich es,
nichts zu haben
von dir
als dieses
ungleiche Vertrauen.

Jürgen P. Wallmann, Neue Deutsche Hefte, Heft 2/1988

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Martin Lüdke: Dichter, Erzähler, Zeitgenosse
faustkultur.de, 13.11.2013

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer
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Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Härtlingfächer“.

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