Peter Hille: Ich bin, also ist Schönheit

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Peter Hille: Ich bin, also ist Schönheit

Hille-Ich bin, also ist Schönheit

MEIN KREUZ

An meinen Werken bin ich aufgenagelt,
Ich bin so tot, wie sie lebendig sind.
Mein Blut ist all in sie hineingeflossen.
Zerwühltes Himmellager. Schwefelwerk
Baut heiß und gleißend, schwer und schwarz sich auf.
Ich bin so tot, wie sie lebendig sind
Und fühle hinter meinem Haupte rascheln
Wie welken Kranz den Saft der mir entstieg.
Der mich verließ
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaader treulos floß hinüber.
Wie eine Schmähschrift
Zischelt sich’s ins Ohr mir:
Ich bin so hoch, wie die da niedrig sind.
Und bin so ganz verkehrt an jedem Sein,
Ein Spielzeug strenger Himmel, das zerbrochen
Von Anbeginn.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaUnd mürrisch läßt
Es mich im Winkel – und schwingen blühend
Hin hohe Reigen. Frageliebesblick
Munterer Weltenmädchen
Plaudert.
Und wie ich niederschaue totverloren,
Da wiehert auf das Kaffeehaus und reicht
Aus spitzem Keil, dem tintengiftumgrünten −
Aasfliegen strotzen so im Schillerpanzer −
Mir einen Wisch mit Lauge.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaVon Doktor So und so.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaUnd Jüngerfrauen,
Die stehn gar mildiglich verwundert, unverwandt
Zu mir empor zu schauen.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDann ruft der Topf sie
„Leben Sie recht wohl, Herr Hille!“

 

Nachwort

1

Kaum ein Dichter der neueren deutschen Literaturgeschichte ist schon zu Lebzeiten von Gerüchten und Legenden derart umwoben gewesen wie Peter Hille. Beinamen wie „der Magus“, in Anlehnung an den von Hille verehrten J.G. Hamann, wie „Höhenstrolch“, eine von Hille geprägte Bezeichnung für literarische Außenseiter, wie „der Heilige“ – so nannte ihn besonders Else Lasker-Schüler −, sprechen eine eigene Sprache.
Gefördert wurden die Legenden durch Peter Hilles unkonventionellen, auffallend antibürgerlichen Lebensstil, der sowohl auf biographische Einzelheiten als auch auf die Pflege seines künstlerischen Werkes keinen Wert legte. Die Inspiration, der Einfall waren für ihn bedeutsam, die Ausführung galt ihm wenig. So schlichen sich in die verschiedenen Lebensbeschreibungen über den Dichter Fehler ein; Außergewöhnliches, aber auch Zufälliges wurden betont und verhalfen Peter Hille zu einem Ruf, der zwischen den Polen „Vagabund“ und „Genie“ sich bewegte oder auch hin und wieder beides vereinte.
Die Legenden erhielten durch Hilles Tod am 7. Mai 1904 neue Nahrung. Von Mord wurde gesprochen, von Selbstmord; und bis in die Gegenwart hinein hält sich in literaturwissenschaftlichen Darstellungen das Gerücht, man habe Hille blutüberströmt tot auf dem Berliner Bahnhof Zehlendorf aufgefunden. Zu gut fügen derartige Details sich in das Leben des ewig Wandernden, des vom Geheimnis künstlerischer und sozialer Abenteuer Umwitterten ein. In Wahrheit war Peter Hilles Tod die nüchterne Folge eines Lebens in Armut und Not, eines Lebens fern der Gründerzeitfassaden und des Prunkes Wilhelminischer Militärparaden. Peter Hilles Tod war die Folge einer Krankheit, die in Kunstwerken jener Zeit – bei Zille und bei der Kollwitz – ergreifende Gestaltung erfahren hat: Man nannte sie die Auszehrung; medizinisch exakt wird sie als Tuberkulose bezeichnet. Am 27. April wurde HiIIe von einem Blutsturz auf dem Bahnhof Zehlendorf niedergeworfen, nachdem sich bereits Anfang April die Anzeichen für das Endstadium – Ohnmachten, Übelkeit u.a. – verstärkt hatten. Wenige Tage nach dem BIutsturz brachten die Brüder Hart den Todkranken in die Klinik von Berlin-Lichterfelde, wo Peter HiIIe, ohne das Bewußtsein wiederzuerlangen, am 7. Mai 1904 starb.
In Mariendorf bei Berlin wurde er beerdigt; sehr viel später wurden die sterblichen Überreste von Freunden in die westfälische Heimat überführt.
Der Tod Hilles ist weniger geeignet, Legenden darum zu spinnen, als vielmehr, ihn als Symptom für die soziale Gefährdung eines Künstlers zu begreifen, der sich nicht in den kapitalistischen Literaturbetrieb integrieren ließ. Hilles Leben ist voller Proteste gegen die Degradierung der Kunst zu einer Ware. Bereits in den achtziger Jahren scheiterten seine Bemühungen, sich als Publizist den Lebensunterhalt zu verdienen; Lilienron, einer der treuen Freunde, schrieb über Hilles Versuche, in der Journalistik heimisch zu werden, 1888 an Hermann Friedrichs, einen der berühmten Verleger der naturalistischen Bewegung: „… er (Hille; R. B.) kommt immer so schlecht auf; sie hassen ihn, weil er so viel Geist hat. Ja, ja, ja, wenn einer Geist hat, der Unglückselige.“ Hille ist in der Literaturgeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts keine Ausnahmeerscheinung, kein „verirrter Deutscher“, wie ihn aus präfaschistischer Überzeugung heraus Arthur Moeller van den Bruck bezeichnete, er ist vielmehr ein besonders einprägsames Beispiel in der Literaturgeschichte des entstehenden deutschen Imperialismus, wie alle Versuche scheiterten, ideologisch-ästhetische Widersprüche mit ökonomischen bzw. verlagspolitischen Manipulationen zu klären. Hille wurde zu einem Außenseiter der deutschen Literaturentwicklung, indem sich kindliche Naivität und sozialer Protest vereinigten: Beides war nur vereinbar an der Peripherie der Gesellschaft.
Der Literaturwissenschaft fiel es bis zum heutigen Tage schwer, Peter Hille einen Platz zuzuweisen: Die einen sehen ihn als späten Romantiker, die anderen als den „zigeunerhaftesten der Dichter aus naturalistischer Zeit“, (Oskar Walzel). In einem war man sich einig: Er war ein bedeutender Dichter. Dieses Urteil konnte sich auf berufene Zeitgenossen Hilles stützen; Mühsam bezeichnete ihn als „Genie“, und Karl Henckell, Freund und Mitstreiter Hilles, schrieb nach dem Tode des „unstäten Genius“:

Feinere Schwingung des Weltalls zu fühlen
Bist du begnadet, wirkender spülen
Wellen des Ozeans um deine Stirn,
Wahrer prägt sich die Welt in dein Hirn.

Die bürgerlichen Literaturwissenschaftler der Gegenwart propagieren, daß Hille „den heraufkommenden Ideen in seiner Zeit doch sehr fremd gegenüberstand“ (Alois Vogedes), und kommen damit in die Nähe Moeller van den Brucks; sie nahmen nicht wahr, daß Erich Mühsam bereits Hilles „Verbundenheit mit allen Leidenden im Wissen um Freiheit und Glück“ gewürdigt hatte. Anarchist für die einen, Kirchenfeind für die anderen, katholischer Menschheitsreformator und Erziehungsfanatiker; so moralisch er jenen erschien, so unmoralisch war anderen Hilles Leben und Dichtung. Vertreter des Fin de siècle und vorkämpferischer Gottsucher; immer wieder wurden Extreme mit Gestalt und Werk Peter Hilles in Verbindung gebracht. Dabei wurden vorhandene Gegensätze geflissentlich übersehen, so die Sehnsucht nach Frieden und die private Friedlosigkeit, das Wollen einer menschlichen Ordnung und das im eigenen Leben vorgeführte Chaos, die poetische Naivität und der Fragmentcharakter des Werkes, die sozialreformatorischen Pläne und der die Gesellschaft nur tangierende Wanderer durrch Europa. Hilles oft zitierte Weltflucht war eine Ausnahme, aber nur in der Form, nicht im Inhalt. Arno Holz flüchtete nach der weithin erfolglosen Sozialkritik seiner naturalistischen Werke in die, formalistischen Experimente des Phantasus, Johannes Schlaf in sein geozentrisches Weltbild, Gerhart Hauptmann in die verklärte Märchenwelt seiner Versunkenen Glocke; Karl Henckell emigrierte nach Zürich, Otto Erich Hartleben in seine Halkyonische Akademie, Richard Voß – zu dieser Zeit mit den Naturalisten verbunden und als sozialkritischer Dichter bekannt – in das Albanergebirge; schließlich war‘ auch die „Neue Gemeinschaft“ der Harts, in der Peter Hille in der letzten Zeit seines Lebens eine Ruhestätte fand, ein Zeichen dafür, wie die bürgerlichen Dichter der naturalistischen Bewegung ihre sozialreformatorischen Programme aufgaben und ihre Lebensentwürfe individualisierten, Sie alle waren ebensowenig wie Hille „unzeitgemäße Sonderlinge“ (Ernst Timmermann), sondern schufen mit ihrem antiautoritären Lebensstil für ihre Kunst eine Überlebensmöglichkeit. Deshalb fügt sich diese Kunst, insbesondere die Kunst Hilles, so schwer in ein vorgeordnetes Register ein, zumal die vielfältigen Erscheinungen dieser Kunst, vereinzelt betrachtet, gegensätzliche Deutungen zulassen.
Bei aller Belesenheit, bei einer beeindruckenden literarischen Bildung verfiel Hille nirgends einer Modeströmung, sondern ging konsequent den Weg einer eigenen Welteroberung zu Ende. Sein Grundsatz war, in mehreren Varianten an verschiedenen Stellen vorgetragen: „Ich bin mir selber Gesetz: Raum aber hat es nicht nur für die Welt, so weit sie ist“ (Die Hassenburg). Hier ist Hille mit Morgenstern verwandt; beide führte dieses Prinzip nicht nur zu einer fast mythischen Naturbetrachtung, sondern vor allen Dingen zu grotesk anmutenden Abbildern der Gegenwart. Hervorgehoben werden muß auch die Poesie der Kindlichkeit, die längst nicht mehr im klassischen Sinne „naiv“, sondern vielmehr in einem hohen Maße reflektierend abstrahiert ist: Die bewahrte Kindlichkeit, erhalten durch den Verzicht auf bürgerliche Sicherheit, bedeutete Sonderstellung und sicherte den Platz an der Peripherie des literarischen Marktes. Hilles scheinbare Kindlichkeit entsprach, berücksichtigt man die Mentalität des Dichters, den zur Degeneration strebenden Gestalten der Schauspiele Hermann Bahrs, den phantastischen Träumereien in Gerhart Hauptmanns Hanneles Himmelfahrt, den Gesetzesbrechern in den Dramen von Henrik Ibsen bis zu den Figuren der Romane von Max Kretzer. Abseitigkeit bedeutete Ausbruch aus der Uniformität der wilhelminischen Kunst; sie bedeutete auch eine überblickbare Wirklichkeit. – Mit kindlich wachen Augen und einer bewußt ungebrochenen Freude am Menschen und der Natur ging der Dichter zwischen den Dingen seiner Zeit und ihren Erscheinungen umher. Über politische Ereignisse wurde selten reflektiert – Namen wie der Bismarcks oder der des damaligen Präsidenten des Reichstages Graf Ballestrem fallen selten und dann meist in außergewöhnlichen Zusammenhängen. Aber auch die technischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, die in der naturalistischen Dichtung Bedeutung erlangten, bedeuteten für Hille wenig. Technik ist ihm ebenso perfektioniert wie die Politik, beides ist für den empfindsamen Menschen undurchsichtig, beides birgt Brutalität in sich. Dagegen setzt Hille ein natürliches Leben, das er sich jedoch nur als Traum errichten kann. Deshalb wird in seinen Gedichten kaum etwas erklärt, sie werden kaum organisiert. Die Metaphern verselbständigen sich, erhalten Eigenwert:

Knabe

Hält die Augen in die Welt
Wie zwei schwarze Renner.
Zügelt sie kaum,
Aller Helden Held:
Weit dein Traum,
Reich ohne Raum.

Auch die Landschaften in Hilles Gedichten sind, bei aller Bewegung, ja Beunruhigung in sich ruhend und führen immer zu statischen Ausgangspunkten zurück, von denen aus sie beschreibbar werden („Seegesicht“), Die Bewegung vollzieht sich in Hilles Dichtung als Bestätigung einer natürlichen Welt. Alles Bewegende setzt bei Hille expressiv ein, ohne daß jedoch das Gleichgewicht der beschriebenen Landschaften gestört würde. Das Gedicht „Seegesicht“ beginnt und endet mit „Die Küste ruht“. In diesen harmonisch abgeschlossenen Landschaftsausschnitten vollzieht sich das Leben der lyrischen Subjekte Hilles: Sie sind der den Menschen bedrohenden Großstadt entflohen und verschließen sich vor den industriellen Bereichen. Störungen und Gefährdungen dieser rettenden Naturinseln lassen Hilles lyrische Subjekte nicht zu; lieber verzichten sie auf Verständigungsmöglichkeiten und beschränken sich auf Gespräche mit Kindern und Vaganten. Diese Gespräche können verkürzt, aphoristisch geführt werden, so daß oftmals die Metaphern der Hilleschen Dichtung kaum noch dechiffriert werden können. Trotzdem will Hille Kunst und Literatur als „gesellschaftliche Therapeutik“ verstanden wissen, wie es auf dem Titelblatt des Romans Die Sozialisten zu lesen ist. Aber die Verständigungsebene zwischen dem Außenseiter und der Gesellschaft ist die Ironie, die von vornherein erneut gegenseitige Mißverständnisse in sich birgt. Beispiele dafür finden sich bei Zeitgenossen und Interpreten in großer Zahl. Eines sei stellvertretend für sie genannt: Hilles „Vorgeschmack“ ist eine glänzende Satire auf die Borniertheit des deutschen Militarismus; wo dieser herrscht, „wird nie die Pest der modernen Frauenbewegung Eingang finden, wird nie der Nietzsche, der Ibsen, der Jacobsen die Eschstruth verdrängen“. Diese Satire wurde von dem bekannten Hille-Forscher Walther Pfannmüller dahingehend interpretiert, daß nach „Hilles Meinung… dieses Städtchen von den sittlichen Umwälzungen der modernen Zeit unberührt bleiben wird“!

2

Peter Hille wurde am 11. September 1854 im Schulhaus zu Erwitzen bei Driburg (Westfalen) geboren. Nur selten ist der Dichter später auf seine Heimat zu sprechen gekommen, am ausführlichsten in seinem Roman Die Hassenburg, am polemischsten in einigen Kabarettbeiträgen. Obwohl Erwitzen, auch heute noch weitgehend isoliert, gerade die von Hille erstrebte Naturnähe ermöglicht hätte, nutzte der Dichter die scheinbar idealen Voraussetzungen nicht. Bereits hier deutet sich an, wie Hilles Naturliebe aus anderen Quellen als denen einer ungebrochenen Natur-Mensch-Beziehung gespeist wird. Auch Westfalen, zu dieser Zeit erst am Beginn einer umfangreichen Industrialisierung, galt Hille ganz und gar nicht als Muster unzerstörter Natürlichkeit, Vielmehr vernichtet, wie Hille in der Hassenburg schreibt, die „strotzende Daseinsfülle“ den „Lebenskeim“, macht ihn „gedunsen, dumpf und stumpf“. In anderem Zusammenhang soll Hille das Urteil über seine Heimat noch schroffer, aphoristisch zugespitzt gefällt haben, wie Ludwig Schröder mitteilt: „Westfalen est sine pi, sine pu, sine con, sine veri.“ (Westfalen ist ohne Frömmigkeit, ohne Scham, ohne Gewissen, ohne Wahrheit.) Die Kritik an Westfalen stellt sich immer deutlicher als eine Kritik am Deutschen Reich von 1871 heraus, für das Westfalen zum Exempel wird: Es ist das Beispiel einer verzerrten, archaisch gewordenen Landschaft, in der die Traditionen bereits Teil eines kapitalistischen Kulturbetriebes geworden sind. Nirgends wird das deutlicher als in der Schilderung einer Hochzeit in dem Roman Die Hassenburg: „Von selbst kommt hier nichts, alles muß künstlich gemacht werden.“ – Wie das Verhältnis zur Heimat war auch das Verhältnis zu den Eltern stets getrübt. Peter Hille erfüllte nicht die Erwartungen, ähnliche wohlgeordnete Beamtenverhältnisse anzustreben, wie sie der Vater Friedrich Wilhelm Hille als Rentmeister und Lehrer erreicht hatte. Die Lebensführung des jungen Hille galt sowohl den Eltern als auch dem Vorgesetzten des Vaters, Freiherrn von der Borg in Holzhausen, als ungewöhnlich und kritikwürdig; noch 1913 bestätigte von der Borg, daß Hille „seinem Vater viel Sorgen gemacht“ habe. – Ganz und gar entfernte sich Hille von seinen Brüdern Xaver, dem späteren Franziskanermönch Kilian, und Philipp, dem Weltgeistlichen in Paderborn und Berlin. Ein Abbild der tief empfundenen Erziehungsmisere schuf Hille in seiner Erziehungstragödie Des Platonikers Sohn. Petrarcas Sohn Giovanni kann in vieler Hinsicht mit Peter Hllie identifiziert, werden; als „verklärte Gestalt“ spricht Giovanni zum Vater: „Du hieltest mich im Dunkel und blutverleugnender Entfremdung, weil ich nicht sprang aus deinen Wünschen und anders wuchs. Du warst ein arger Gärtner in deiner strengen toten Kunst und Gelehrsamkeit, ein tödlicher. Du setztest gefangen mit früherem Leben und ersticktest mit einer Mumie.“ – Ähnlich wie die etwa gleichaltrigen Schriftsteller M.G. Conrad, Heinrich und Julius Hart und Wolfgang Kirchbach wurde auch für Hille die Schule zu einem „Leisten“, auf den man „gezogen und gezerrt“ wird. War noch das Warburger Progymnasium erträglich (1871-1874), so wurde das Gymnasium in Münster zur Qual. Entspannung und Interessenbefriedigung suchte der junge Hille in einer geheimen Schülerverbindung, in der man Marx, Bebel, Darwin, auch die Werke von Hamann und Proudhon las. Gutzkow und Ludwig Büchner galten als Vorbilder; man nannte sich „Satrebil“ und bezog sich damit auf das „Libertas“ der Französischen Revolution von 1789: Huldigungstelegramme an Ernst Haeckel und Wilhelm Liebknecht zeigen das emotionale Engagement der jungen Dichter für die fortschrittliche Naturwissenschaft und den Kampf des Proletariats. Aus dieser Zeit stammt die lebenslange Freundschaft zwischen Peter Hille und den Brüdern Hart.
Auch die ersten Gedichte entstanden in dieser Zeit. Hilles lyrische Anfänge gingen vom Volkslied aus, wie „Der fahrende Scholar“ erkennen läßt. Aber bereits in diesen ersten Gedichten wird Hilles Bemühen um konzentrierteste Anschaulichkeit sichtbar, indem auf der Suche nach dem wirkungsvollsten, prägnantesten Ausdruck – später sollte das expressionistischem Wollen sehr nahe kommen – hin und wieder eine Verkürzung bis zum Klischee eintrat:

So viel Maßlieb, als da prangen,
So viel Dornen als gestellt
Muntere Vöglein, die da sangen,
Grüne Jäger auf dem Feld;
Wie dem Bächlein Wellen rinnen
So viel mal hab ich mein Sinnen
Liebste mein, auf dich gestellt.

Erste Erfolge hatte Hille in der handgeschriebenen Schülerzeitschrift Herz und Geist, die er gemeinsam mit den Harts herausgab, jedoch wurde die sich langsam anbahnende Entwicklung zum Dichter jäh unterbrochen, da Hille 1874 das Gymnasium in der Unterprima verlassen mußte: In sechs Fächern lagen „ungenügende“ Leistungen vor. – Das Leben verlief nunmehr zwar abwechslungsreich, aber in jeder Hinsicht enttäuschend: Als Protokollschreiber beim Staatsanwalt in Höxter sah er sich erneut mit der Beamtenlaufbahn konfrontiert und trennte sich endgültig von ihr. Als Korrektor in einer Leipziger Druckerei ließ sich die tötende Gleichförmigkeit der Arbeit nicht mit den zahlreichen Vorlesungen in Einklang bringen, die Hille besuchte. Diesem neuen Scheitern folgte eine Art „Schutzhaft“ bei seiner Tante, die ihm nur den Ausgang zur Messe gestattete.
Als von Bremen her die Brüder Hart die ersten Attacken gegen die reichsdeutsche Kunst und Literatur ritten, schloß Hille sich ihnen sofort an und unterstützte sie bei der redaktionellen Arbeit. – Hille hatte bereits frühzeitig mit publizistischer Tätigkeit begonnen; sie begleitete ihn sein ganzes Leben und bedeutete oft, die einzige Möglichkeit zum Broterwerb. Bereits an der Deutschen Dichtung. Organ für Dichtung und Kritik, von den Brüdern Hart 1877 ins Leben gerufen, beteiligte sich Hille als Mitarbeiter; vor allen, Dingen wurden darin seine ersten Gedichte einem größeren Publikum vorgestellt. Es handelte sich um „Das Vergißmeinnicht“ und um den weitaus gewichtigeren „Prometheus“. Bemerkenswerter jedoch sind seine literaturwissenschaftlichen Exkurse, die er für die Deutschen Monatsblätter. Centralorgan für das literarische Leben der Gegenwart schrieb. Sie lassen sich durchaus den gleichzeitig erschienenen programmatischen Aufsätzen der Harts zuordnen, mit denen die naturalistische Bewegung eingeleitet wurde. Die drei Essays Hilles – „Die Literatur der Erkenntnis und der Humor“, „Zur Geschichte der Novelle“ und „Eichendorffs Lyrik“ gehen von der Voraussetzung aus, daß Kunst und Politik sich gegenseitig beeinflussen. Besonders nachdrücklich geht er in seinem Abriß zur Geschichte der Novelle darauf ein: Die Novelle ist ihm das Ergebnis eines durch Revolutionen morsch gewordenen Staatsgefüges; sie bedeutet Bruch mit der Herkömmlichkeit, Zerstörung der Konventionalität, sie trägt „den klaren Stempel der Zeit“. Auch die Vorbilder, die von Hille genannt werden, entsprechen ganz der Orientierung der Brüder Hart: Heinrich Heine, dessen Gedichte „am besten die Ungebundenheit der neuen Richtung“ charakterisieren, Turgenjew, weil er „wirkliche, nur zu wirkliche Menschen“ gestalte, und Bret Harte, dessen Werke „großartig, naiv wie die Ilias“ seien. Die gleichen Namen, mit ähnlichen Bewertungen versehen, finden sich in Heinrich Harts Aufsatz „Neue Welt“, erschienen in der gleichen Zeitschrift, bekannt geworden als das erste bedeutsame Dokument der naturalistischen Dichtergeneration.

Deutlicher als die Harts sieht Hille die Weiterführung von Traditionen. Zwar poIemisiert auch er gegen die deutsche Klassik – den Goethe der „Iphigenie“ und den Schiller der „Maria Stuart“ −, und er meint mit dieser Kritik weniger die Klassiker als vielmehr die Klassizisten, die Zeitgenossen wie Heyse und Wildenbruch, die sich als legitime Erben der Klassiker betrachteten, aber Hille sieht sehr deutlich die Zusammenhänge zwischen den revolutionären Ereignissen seit 1830 und einer Kunst, die „erst frisch mit modernem Anhauch in die neuere Zeit“ stürmt. Die Jungdeutschen und Büchner erkennt Hille als die Ahnherren der jüngsten literarischen Entwicklung; er spricht damit Beziehungen an, die von anderen Dichtern erst viel später bestätigt wurden. Darüber hinaus fixiert Hille poetologische Grundsätze, die einzigen logisch entwickelten in seinem Gesamtschaffen, diejenigen, die dieses Schaffen konstituieren. Dichtung ist ihm keine logisch faßbare, damit rational gestaltbare Erscheinung, sondern sie ist ihm die Fixierung eines Augenblicks, In seinem Essay „Eichendorffs Lyrik“ formulierte er dieses Prinzip deutlich: „Im Anhauch strömt dem Dichter ein Ganzes zu. Klang und Gedanke. Dieser letztere findet im elektrischen Ruck seine einzig poetische Verkörperung. Diesen Moment, diese augenblickliche Vermählung muß man erhaschen, verewigen die Erscheinung. Ist die Glut versprüht, steht der Dichter nüchtern da wie jedes andere Menschenkind.“ Das Aphoristische seines Werkes wird damit theoretisch legitimiert; das Punktuelle seiner Lyrik, das alle Entwicklung ausschließt und weitgehend auch auf Vorgänge verzichtet, ist damit zum kunstmethodischen Grundsatz erhoben worden. Der Verzicht auf jede Bearbeitung, dem HilIe zeit seines Lebens huldigte, war allerdings auch die Konsequenz des Dichters, dem Inhalt die Priorität zuzugestehen und jede formale Änderung als Verlust der inhaltlichen Ursprünglichkeit zu sehen. Daraus resultieren die zahlreichen Entgleisungen, vor allen Dingen in der Lyrik; peinliche Sentimentalitäten, Kitschelemente finden sich inmitten gelungenster Verse:

Bin von Seimen überfließend!
Tags rings in Runde gießend,
Wohin meine Blicke schenkten,
Alles sprießend!

(„Der Tag und die Sonne“)

Die für Hille charakteristische lyrische Subjektivität sieht ihre Aufgabe darin, Stimmungen bei verwandten Naturen zu bestätigen. Nicht mit dem rationalen Durchdringen, sondern mit emotionaler Übereinstimmung sind die Gedichte Hilles zu begreifen, Die lyrische Subjektivität objektiviert sich selbst durch das ausdrückliche Verlangen nach dem gleichgestimmten Partner; Kommunikation mit der Dichtung Hilles ist, nach Meinung des Dichters, nur möglich durch „geistigen Magnetismus“. Hilles lyrische Subjektivität ist dadurch gekennzeichnet, daß sie die gesamte Welt begreifen möchte, daß sie Welt und Natur in sich aufsaugen will; immer jedoch im Bestreben, bei dieser Vereinigung nicht mit dem vereinzelten Menschen, mit dem isolierten Naturereignis zusammentreffen zu müssen. Die Furcht vor den Menschen, vor der Gesellschaft wird kompensiert durch eine sich universal gebärdende Naturliebe, Bei dieser Gelegenheit mußte Hille mit den Dichtern der Romantik ins Gericht gehen, in deren Naturverehrung und Naturdichtung Hille eine „Gefühlsüberreizung“ und mystische Verschleierung echter patriotischer Gefühle sah. Selbst der hochverehrte Eichendorff, dessen Naturgedichte von Hille aus der Romantik ausgeklammert wurden, verfiel mit seinen Zeitgedichten scharfer Kritik, denn sie seien „dürr und gemacht“. Einen schärferen Vorwurf als den, ein Gedicht „gemacht“ zu haben, hat Hille niemals erhoben. Das bedeutete in seinen Augen eine Todsünde, Verrat an der über alles gestellten Schöpferkraft.
Die Deutschen Monatsblätter, eine nur kurzlebige Zeitschrift, erwies sich bei aller Heterogenität ihrer Mitarbeiter und Beiträge als ein wesentliches Organ zur Vorbereitung des deutschen Naturalismus, besonders durch die Intensität, mit der gesellschaftlich-politische Fragestellungen abgehandelt wurden. Im gleichen Jahre, in dem Bismarck mit dem Sozialistengesetz die Arbeiterklasse in seine Gewalt zu bekommen hoffte, beriefen sich die Deutschen Monatsblätter auf die „große kulturhistorische Bedeutung“, die der Sozialismus habe, vor allen Dingen, „was Erhöhung der idealen und sittlichen Bedürfnisse betrifft“. Hier wurde eine Tendenz deutlich, die die besten Arbeiten des Naturalismus auszeichnete: die Verbindung des Kunstwerkes mit dem Kampf des Proletariats. Hier müssen auch die ersten Anregungen für Hilles Roman Die Sozialisten gesehen werden.
Auch in anderen Zeitschriften der Harts publizierte Hille, und erst, als die publizistische Tätigkeit von Heinrich und Julius abgelöst wurde durch monumentale literarische Vorhaben gab Hille Arbeiten an M.G. Conrads Gesellschaft und das Magazin für die Literatur des In- und Auslandes, führende Zeitschriften der naturalistischen Bewegung. Aber auch dann blieb die Verbindung zu den Harts erhalten; selbst auf die Ausbildung von deren monistischer Weltsicht, niedergelegt vor allen Dingen in Julius Harts Der neue Gott, dürfte Hille maßgeblichen Einfluß genommen haben, indem er mit seiner Dichtung ein Beispiel geben wollte, wie natürliche Sachverhalte ein poetisch-mythisches Eigenleben erreichen können.
In dieser Zeit, die vielleicht die geordnetste in Hilles Leben war, schrieb Victor Hugo jenen Brief an Hille, auf den er sich gern bezog: „Sie sind von der großen Legion des Geistes. Ich schüttele Ihnen die Hand.“ Mit diesen Zeilen verschaffte sich Hille während seines Aufenthaltes in London Einlaß bei Swinburne, von dem vielleicht auch der Hinweis auf die Brontës gegeben wurde, über den noch zu reden sein wird.
Der Aufenthalt in Bremen war, kurz; die Beschäftigung am Bremer Tageblatt, einer sozialdemokratischen Zeitung, bedeutete eine Übergangslösung. Hille wollte, nunmehr ein Zentrum der Arbeiterbewegung kennenlernen, sich weiterbilden und Erfahrungen sammeln. Es begann die ruhelose Wanderung durch Europa, die ihn zuerst 1880 nach London führte. Hier konnte er seine sozialen Ambitionen voll befriedigen: Er lebte in den Elendsvierteln, lernte äußerste soziale Not; kennen und wurde zum Freund der Ausgestoßenen, der an der Peripherie der Gesellschaft Lebenden. London bedeutete auch Begegnung mit Sozialisten und Anarchisten; hier erhielt Hille, seinen entscheidenden Unterricht in Sozialwissenschaften.
Aber auch der Weltliteratur widmete er sich, der Geschichte der Philosophie; er las englische Literatur und trug sich mit zahlreichen eigenen Plänen. Vieles aus dieser Zeit liegt im Dunkel, nur wenige Materialien wie Benutzungsscheine der Britischen Museums geben einige Aufschlüsse.
Mit dem Rest einer Erbschaft finanzierte Peter Hille 1884 eine holländische Schauspielertruppe, die bald bankrott ging und damit auch Hilles finanzielle Lage zum Ruin führte, HiIles Anliegen war es, seine Londoner Erfahrungen in einem Kollektiv anzuwenden und mit moralischen Beweggründen ein Ensemble zu schaffen, das sowohl in ethischer als auch ästhetischer Hinsicht ein Muster sein sollte. Aber Hilles Erwartungen auf eine ästhetische Erziehung des Menschen erfüllten sich nicht. Völlig verarmt, begann Hille ein abenteuerliches vagabundierendes Leben.
Alle entscheidenden Lebensvorgänge wurden von Hille nur am Rande poetisch verarbeitet; die Abläufe ließen sich nur selten mit Hilles Prinzip vereinen, den Moment beschreiben zu wollen. So finden sich auch nur sehr spärliche Zeugnisse für Hilles Vagantendasein, z.B: sein Gedicht „Vagantenweihe“. Deutlichere, weil unmittelbarere Rückschlüsse läßt jedoch das Gedicht in Prosa „Höhenstrolch“ zu:

Ein großer Lump schreitet durch die Himmel.
Seine gewaltigen Knie verlieren sich im strahlenden Glanz.
Aus allen Taschen muß es fallen, aus allen zerrissenen Taschen.
Und der lallende Schritt in schreienden Schuhen, stark und
fröhlich singt er weiter.
Und allen Gassenjungen der weiten Welt – in grinsend
kichernder Freude −, lautlos schlau, sammeln die goldene
Ernte hinter diesem verwahrlosten Schreiten!
Was für ein Lump: der Weltbeglücker.

Ein Selbstporträt wird hier gegeben. Hille betont das Bettlerhafte, Zerlumpte, verzichtet nicht nur auf alles Bedauern über diesen Zustand, sondern sieht gerade dadurch die Möglichkeit zu vollständiger künstlerischer Freiheit gegeben, die ihm die Himmel öffnet und seine Kunst so weit wie möglich verbreitet, eifrigste Sammler der aus einer unerschöpflichen Quelle kommenden Gaben – gemeint sind Hilles Gedichte auf Zetteln und Zeitungen, Speisekarten und Postkarten – sind die ärmsten Kinder, die Gassenjungen. Das universale Weltgefühl, in das sich Hille gerettet hatte, wird nun nochmals erweitert. Zwar ist auch hier der allumfassende Gedanke noch vorhanden („der weiten Welt“), aber der Höhenstrolch steht über der Welt, er ist in den Himmel eingegangen. Die Höhe damit die Distanz wird betont: Bereits die Knie verlieren sich im himmlischen Glanz. – Noch deutlicher als früher ist Hille bereit, seine Dichtungen über die Welt auszuschütten, wenn ihm dafür seine AußenseitersteIlung erhalten bleibt. Aus der Not der Armut machte Hille die Tugend des dichtenden Vaganten.
In den achtziger Jahren begann, bei aller materiellen Not des Dichters, für ihn ein reges geistiges Leben; die Anfänge bedeutungsvoller Freundschaften finden sich hier. Vor allen engagierte sich Detlev von Liliencron für den Dichter. Anfangs war es die dichterische Begabung, die Liliencron aufhorchen ließ. Sie unterschied sich nach seiner Meinung deutlich von der „jetzigen neuen Generation der Dichter“ (Brief vom 11. Juli 1885 an Hermann Friedrichs). Bald darauf wurden die Beziehungen freundschaftlicher und führten 1887 zur persönlichen Begegnung der Dichter in Kellinghusen. Wohlwollend reagierte Liliencron auf HilIes Zeitschrift Völkermuse. Kritisches Schneidemühl, die heute völlig verschollen ist. Aus Liliencrons Feder stammt eine der seltenen Einschätzungen zu dieser Zeitschrift: „… es ist nur für die äußersten, alleräußersten geistigen Spitzen unserer Deutschen geschrieben. Zu viel Kaviar! Wer, ist Hille? Jedenfalls ein sehr geistreicher Mensch.“ Es läßt, sich aus dieser Äußerung schließen, daß Hilles nur in zwei Nummern erschienene Zeitschrift vorwiegend der literarischen Polemik diente. Innerhalb der verschiedenen, naturalistischen Gruppierungen, wie sie sich in München und BerIin, in Leipzig und Dresden bildeten, versuchte Hille, seine Position zu behaupten, indem er die Beiträge der anderen Mitstreiter analysierte. Dieser Vorgang führte zu einer Reihe von Dichternoten, die später in verschiedener Weise gedruckt wurden: Einmal als literaturwissenschaftlicher Stichwortkatalog („Deutsche Dichter der Gegenwart“), zum anderen als höchst abstrahierte und pointiert zugespitzte Notate („Dichternoten“). In der „Völkermuse“ hat Hille vermutlich mit diesen Positionsbestimmungen begonnen; darauf deuten Liliencrons Frage „Wer ist Hille?“ und die unwillige Feststellung, daß das über ihn selbst Geschriebene „recht albern“ sei. Unter den „Dichtern der Gegenwart“ findet sich eine Liliencron-Einschätzung, die sowohl Liliencrons Frage provoziert haben könnte („was ist Liliencron?“) als auch seinen Unwillen erregt haben dürfte: Liliencron ist, so Hille, „der Menschenfreund, fast die gute Gesellschaft des Krieges. Und sonst ein deutscher Muselmann, ein Muselmann mit treuen, tiefen Kornblumenaugen.“ Während es Hille gelang, sowohl den Klassikern mit einer Art Formel gerecht zu werden („Goethe: das wache Selbst“) als auch die Zeitgenossen exakt einzuschätzen („Gerhart Hauptmann: Rübezahl im Armenhause“), blieben die Einschätzungen ihm ähnlicher Dichter wie auch die Beschreibung der eigenen Besonderheit unscharf und gaben Fehldeutungen Raum. Das trifft für Liliencron ebenso zu, wie für O.E. Hartleben, für die Lasker-Schüler wie für Hille selbst. Diese Dichter waren Hilles insularer Poesie und seiner sich bewußt, isolierenden Poetik zu nahe verwandt, als daß er sie hätte in eine Distanz versetzen können, die ihm die gleiche Objektivität wie bei der Beurteilung anderer Schriftsteller ermöglichte.
Liliencron fühlte sich selbst HiIle verwandt, bezeichnete ihn mehrfach als bedeutenden Dichter; als den besten Kenner nicht nur der heimischen, sondern auch der ausländischen Literaturen und bewertete ihn als „sehr tief“. Höheres Lob hatte Detlev von Liliencron nicht zu vergeben.
Hilles Bemühungen um eine eigene Positionsbestimmung und der Zwang, sich mit journalistischen Beiträgen den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, führten ihn immer enger an die naturalistische Bewegung heran, deren Geschichtsschreiber er werden wollte. Bereits 1888 arbeitete Hille an einem Aufsatz „Der deutsche Naturalismus“, von dem allerdings lediglich die „Deutschen Dichter der Gegenwart“ erhalten geblieben sein dürften. Keinesfalls jedoch sollte es eine polemische Darstellung des Naturalismus werden. Vielmehr fühlte Hille sich im Kampf gegen die wilhelminische Literatur, gegen französische Salondramatik und ihre deutschen Nachahmer („Ludwig Fulda, oder der parfümierte Sturm“) verbunden. Lediglich in den Theoremen einer erstrebten Literatur unterschieden sich Hille und die deutschen Naturalisten zu dieser Zeit.
Materielle Schwierigkeiten ließen jedoch auch diese Arbeit nicht zu einem Ende kommen: Der Winter 1888/89 sah Hille am Rande seiner Kräfte, Blut spuckend und krank; und Liliencron schrieb an Hermann Heiberg: „Peter Hille, der geistvollste Dichter der Jetztzeit, stirbt zur Zeit aus Hunger und weil er keine Sohlen mehr hat… und sein Volk, ja dieses Skat- und Biervolk, läßt ihn höhnisch sterben.“ – Karl Henckell brachte Hilfe; das Frühjahr 1889 sah beide Dichter in Zürich. Es kam zu Begegnungen mit Arnold Böcklin, auf dessen 75. Geburtstag Hille ein bemerkenswertes Gedicht schrieb, das sowohl Böcklins bewußte Zeitentrücktheit begriff („Aus tiefem Sande grinsen fremde Zeichen“) als auch die Grenzen seiner künstlerischen Widerspiegelung sah („Die großen stummen, Seelen bitten / der ungeheuren Dinge und der wilden Welt: / ,Du bist nun da; so löse uns die Lippen; / du weißt uns alle träumen unser Brausen!’“). Hille lernte auch Gottfried Keller persönlich kennen und bezog ihn später in seine „Deutschen Dichter der Gegenwart“ ein: „Gehört auch noch dazu.“ Interessant ist Hilles Keller-Darstellung durch die Informationen über Romeo und Julia auf dem Dorfe und die Identifikation Hilles mit diesem Werk, das er als „keusch und sinnenglühend“ bezeichnet. Nur selten findet sich in Hilles Werk eine so deutliche Distanzierung von „göttlichen Geboten“, Hinweis darauf, wie weit, sich Hille vom Dogma der Kirche entfernt hatte. Der Schweizer Aufenthalt bedeutete nur kurze Zeit Ruhe. Bald brach Hille zu erneuter Wanderschaft auf. Italien lockte ihn, auch Ungarn, TiroI, wahrscheinlich sogar Spanien – jedenfalls weisen einige Angaben in dem Roman Die Hassenburg darauf hin −, hießen, die Stationen eines abenteuerlichen und wirren Lebens. 1891 flehte Hille, völlig mittellos, die Harts um Hilfe an. In doppelter Weise drohte Hille der Ruin: Einmal war er völlig mittellos der Fremde ausgeliefert, zum anderen wurde dieser Zustand von Bekannten – wahrscheinlich vor allen Dingen von John Henry Mackay – genutzt, um Hilles poetische Kraft, die nur an der Peripherie des politischen und gesellschaftlichen Lebens gedeihen wollte, in den Dienst extremer literarischer Gruppierungen zu zwingen. Hilles Individualismus und Mackays Anarchismus, geschult an Max Stirner, schlossen sich aus, weil Hilles Individualismus bei aller Vereinzelung auf die Gesellschaft gerichtet war, mehrfach, akzentuiert sogar auf das Proletariat und die „Gassenjungen“, denen seine Kunst Schönheitsvorstellungen vermitteln wollte. Während Mackay in seinem Roman Die Anarchisten die These aufstellte, daß Kultur und Zivilisation erst dann möglich seien, wenn alle Formen des Staates geschwunden sind, ist nach Hilles Auffassung Kunst gerade dazu da, um die Menschwerdung des Menschen zu unterstützen und seine Selbstbefreiung voranzutreiben: Unter dem Stichwort „Gesellschaft“ findet sich in der Enzyklopädie der Kleinigkeiten: „Sprache ist schon Gesellschaft. Wer deutlich angenehme Laute spricht, hat auch andere Eigenschaften gebildet und ist anderem etwas wert.“

3

Es ist nun an der Zeit, der bisherigen weitgehend biographisch angelegten Darstellung die Einzelinterpretationen an die Seite zu stellen.
Besonders aufschlußreich ist für den Beginn des poetischen Schaffens Hilles Prometheus. Hier tritt die Dichterpersönlichkeit auf ihrem historischen Hintergrund hervor. – Nicht nur von der Antike her, sondern vor allen Dingen in Beziehung zu Goethes „Prometheus“ bietet sich die Betrachtung an. Hilles Prometheus ist ein leidender Prometheus, der in den Folgen seiner Tat – die Bestrafung für den Raub des Feuers – Glückserfüllung findet. Dieses Leiden erfährt deshalb einen Umschwung in Glück, weil der Mensch als Schöpfung Prometheus’ diese Leiden wert ist. Es ist nicht der sieghafte Prometheus Goethes, der den Göttern in unabhängiger Macht begegnet, sondern es ist der machtlose gefesselte Held, der durch die von ihm erduldeten Qualen das Recht des Menschen auf seine Selbstverwirklichung erkämpft. Hilles Prometheus fordert die einmalige Tat, deren Folgen für den einzelnen Leiden und Qual, für die Menschheit jedoch Entwicklung bringt. Frühzeitig bildete sich in Hille dieses auf Isolation zielende, aber für die Gemeinschaft tätige Menschenbild heraus. Die Kommunikation zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft ist jedoch einseitig: Zum Schöpfer kann der einzelne nur werden, wenn ihm seine Position an der Peripherie der Gesellschaft erhalten bleibt; er ist für die Menschen tätig, ohne je Resonanz zu erwarten. Das war für die Sagengestalt des Prometheus durchaus realisierbar, weil die Folgen seiner Tat auch ohne die entsprechende zweiseitige Verständigung zwischen Prometheus und den Menschen bewußt sind. Schwieriger wurde es für Hille, den Verzicht auf den Dialog für sich und die Gestalten der Gegenwart einzuhalten. Deshalb finden sich sowohl in der Lyrik als auch in Prosa und Dramatik fast ausschließlich Gestalten einer überschaubaren und bewertbaren Vergangenheit, Sappho und Sophokles, Salome und Antinous, Lord Byron und Kleist, Giordano Bruno und Petöfi. Diese willkürliche Reihung ließe sich fortsetzen; aber auch dann würde eines deutlich werden: Sie alle wurden von Hille als Verkörperung der Kunst, der Schönheit, der Bewußtheit und eines individuellen Auslebens gesehen. Sie entsprechen seiner Vorstellung vorn Menschen: „Des Menschen Natur ist Kunst und Bewußtsein. Der Mensch ist eine Pflanze, er kann sich nicht allzu weit von seinem Klima entfernen. Er spürt es.“ Der Dichter ist für Hille derjenige, der diese Entfernung von der eigentlichen Bestimmung des Menschen als einer der ersten spürt und seine Stimme warnend erheben soll. Dafür stehen ihm seine Intuitionen, nicht wissenschaftliche Analysen zur Verfügung. Intuitionen bedeuten jedoch auch Verlust der Kommunikation, da der Dichter auf gestaltet Intuitionen nicht mit einer Resonanz rechnet.
Hilles Lyrik ist nicht nach metrischen Ordnungen und poetischen Plänen her zu bewerten. Häufig findet sich zwar der Reim, selten fügen sich jedoch die Silben metrischen Gesetzen. Fast alles ist geprägt vom Charakter der Intuition. Das wird sogar darin deutlich, daß sich die lyrischen Formen, die Hille stets als sekundär gegenüber dem Inhalt betrachtete, oft ihrem Gegenstand fast von selbst angleichen. So stellen sich in der Prosa des Romans Sappho fast von selbst antike Strophenmaße ein: „Silbrig flüstern Oliven. Offenbar werden ihre reinen Geheimnisse. Gekrümmt und gespalten die Stämme vor zähem Duft und lodernder Wildheit der Säfte.“ Aber auch Versmöglichkeiten, die sich ausschließen, werden miteinander verbunden, wenn damit größere Einprägsamkeit erreicht wird: So bricht z.B. mehrfach die Alliteration, in das Reimgedicht ein und löst den Reim auf. Dieses Zerbrechen fester Formen, die Formlosigkeit als Prinzip und die Gleichgültigkeit gegenüber Stilregeln und ästhetischen Gesetzmäßigkeiten weisen Hille als späten Nachfahren auch des Sturm und Drang aus, dem er sich, wie zahlreiche Aphorismen dokumentieren, zeit seines Lebens polemisch verbunden sah. „Genie ohne Form“ wurde er in einem von Bierbaum verfaßten Steckbrief genannt. Der Verachtung und Ablehnung einer den Menschen tyrannisierenden Ordnung, sich als Ablehnung des bürgerlichen Staatswesens ausdrückend, setzte der Dichter das individuelle Erlebnis als innerlichen Vorgang gegenüber, ordnungslos und damit gestaltenreich. Bei aller ästhetischen Unbeholfenheit bringt eines der zahlreichen Gedichte über Hille, Wilhelm Arent „Der König der Aphorisme“, diese Zusammenhänge zum Ausdruck:

Um uns tobt ein neuer Sturm und Drang
Und geht zu neuem Gral den Gang.
Auch heut lebt an Spreas grünen Borden
Ein Mann wie einst der Magus im Norden.
Er schmiedet goldne Aphorismen,
Ein wackrer Todfeind aller Ismen,
Ein goldner Magier, nennt sich Hille,
Ein weiser Mann der siebten Stille.

In Hilles Lyrik ist jedes Wort als sachlicher Ausdruck für einen momentanen Zustand zu nehmen. Umschreibungen und Vergleiche sind selten, dafür stehen Wortblöcke stellvertretend für bildhafte Vergleiche. Selbst dort, wo sich noch Vergleiche und Metaphern finden, schwinden diese im poetischen Ablauf und realisieren sich als Tatsache. Das Gedicht „Abbild“ setzt die Seele zartem Silber gleich, hier noch durch „wie“ verbunden. Bereits der zweite Vergleich verzichtet auf die Vergleichspartikel „wie“: „Zwei flinke Fittiche weißer Möwen / Deine beiden Füße.“ Schließlich verselbständigt sich diese Bilderwelt, erhält eigenes Leben und damit eine eigene Wirklichkeit, die Wunder ermöglicht:

Und dir im lieben Blute auf
Steigt ein blauer Hauch
Und sind die Dinge darin
Alle ein Wunder.

Der Titel des Gedichtes – „Abbild“ – weist auf die programmatische Bedeutung hin; Hille will das künstlerische Abbild der Wirklichkeit als neue Realität verstanden wissen, die sich kaum mit ihrer Vorlage vergleichen läßt. Aus Metaphern sind Evokationen geworden.
Scheinbar Sprunghaftes fügt sich antithetisch; die Dialektik der Natur und Gesellschaft, von Hille jederzeit, anerkannt, führt zu polar sich gegenüberstehenden Wortgebilden, die neue Zusammenhänge provozieren und Eingang in die poetisch geschaffenen Welten ermöglichen. Besonders auffallend ist diese Erscheinung in dem Gedicht „Tastende Tage“: „Ziegelglut“ und „Erdenschnee“ stehen sich gegenüber, „Apostelhäupter“ und „Kartenspieler“. Bis in die Partizipialkonstruktionen hinein führt Hille dieses Prinzip durch: „Ein streckendes Zittern, ein schwellendes Glühen.“ Im Bilde des Überganges vom Winter zum Frühling gestaltet Hille die sich wiederholende Entwicklung der Natur, verdeutlicht wird diese ständige Wiederholung durch die Deckungsgleichheit der ersten und letzten Strophe. Dieser unaufhaltsam sich vollziehenden Veränderung ordnet sich auch der Mensch ein, der nur scheinbar göttlichem Worten unterworfen ist: Die Apostelhäupter sind in Wirklichkeit „der Kartenspieler trübe Gemeinde“. Der Säkularisierung – fast ist es eine Verunglimpfung – der Apostel setzt Hille wiederum die Ausnahmegestalt des Dichters gegenüber: Nicht nur die Welt entwickelt sich, sondern auch der Dichter; er ist nicht abhängig von ihr, sondern gleichbedeutend:

Einsamkeit der Einsamkeiten,
Welt und ich: wir beide schreiten.

Hilles Dichtung will poetische Sinnlichkeit sein; sie konstituiert sich selbst als Natur und verzichtet dabei auf überprüfbare logische Zusammenhänge. Logik gehört für Hilles lyrisches Subjekt zu den Bestandteilen der negierten offiziösen Welt. Hille verzichtete auf eine Distanzierung seiner lyrischen Subjekte von sich selbst; es war ihm deshalb nirgends möglich, sein Ich zu objektivieren. Der Dichter wurde für ihn zu einem Helfer der Menschheit, nicht durch Aktion, sondern durch seine Anwesenheit. Parodistisch überhöht, aber durchaus sehr ernst gemeint, formulierte Hille: „Ich bin, also ist Schönheit…“ Diese Schönheit ist durch den Dichter vorhanden, solange er seine Dichtung für die Menschheit schafft. Fast leitmotivartig kehrt diese Formel wieder: Sie steht am Ende des Romans Die Hassenburg, als Motto vor Sappho auf der Hochzeit und als Aphorismus in Ecce poeta. Der sonst so großzügig mit seinen Ideen und Werken verfahrende Dichter kehrte immer wieder zu diesem Leitsatz zurück.
Die Freunde wissen zu berichten, daß Hille tagelang nach einem Wort suchte, das eine bestimmte Erscheinung, nicht nur poetisch abbildete, sondern auch deren emotionale Wirkung in sich trug. Das waren für Hille künstlerische Gesetzmäßigkeiten, nicht Metrik und Reim, Versfüllungen und Strophenbau. Sprache war ihm als Teil der Natur, den Naturgesetzen unterworfen und damit in der Lage, Natur zu reproduzieren. Ja, Dichtung wurde ihm nicht nur Abbild der Wirklichkeit, sondern selbst reflektierbare Wirklichkeit, die sich des Menschen als Entäußerung der Reflektionen bedient. Das besondere Verhältnis zum Wort wird auch darin deutlich, daß Hille einzelne Ausdrücke auf ihren ursprünglichen Gehalt zurückführte oder, wie er glaubte, deren Bedeutung von einem konservativen Überzug befreien mußte. Kinder sind ihm z.B. „köstlich blöd und dumm“ („Maienfrühe“); er will damit ihre Unerfahrenheit beschreiben, die ihnen einen natürlichen Zugang zu seiner fiktiv-harmonischen Welt erlaubt, und bezieht sich deshalb auf die ursprüngliche Bedeutung des „blöd“ als „scheu, schüchtern“. In einem Huldigungsgedicht auf Heinrich Heine, wird davon gesprochen, daß das Lied dieses hochverehrten Dichters den Spießer „roh hoch gezwungen“ habe, wobei „roh“ anerkennend gemeint ist und das im Lateinischen angelegte „hart“ (crudus) assoziieren soll. Das bei Hille häufig auftretende Wort, „lallen“ soll nicht Sprachunfähigkeit ausdrücken, sondern lautmalerisch den Beginn der Sprachfähigkeit beschreiben. So wird es am Beginn des Gedichtes „Schaumgeboren“ verwendet, wobei die sprachlichen Bestandteile, mit denen das Gedicht einsetzt, diesem Lallen entsprechen und sich erst später zu vollständigen syntaktischen Einheiten erweitern. So erhält Hilles Lyrik eine Sprachkraft, die auf den kommenden Expressionismus vorausweist wie auch die Spracherneuerungsversuche Arno Holz’ in Hilles Werk angelegt sind, so z.B. tauchen die von Holz theoretisch ausführlich begründeten Wortmonstren in Hilles Gedicht „Der Tag und die Sonne“ auf: „Tagvergießerin, / Blumensprießerin, / Traubensüßerin, /Erdengrüßerin, / Glutansauserin, / Lichterbrauserin, / Raumaufspalterin, / Kraftzaumhalterin.“
Die Sprache war für Hille ein Mittel, um seinen fiktiven poetischen Welten, in ihrer Begrenztheit eine möglichst große Harmome und Richtigkeit zu geben. Hier liegt auch der Grund, weshalb sich in Hilles Dichtungen relativ häufig Begriffe aus der christlichen Sphäre finden. Hille glaubte an eine elementare Schöpferkraft, für die er einen Gott einsetzte, der weder Gläubigkeit im religiösen Sinne, noch kirchliche Institution bedeutete, aber dem Dichter das Arsenal der christlichen Begriffswelt öffnete. Der von Hille beschworene Gott war Sinnbild, einer perfektionierten Schönheit, der sich der Dichter nähern wollte. Für Hille hatte nur der Dichter Zugang, zu dieser Vollendung, die er aber mit dem Leben bezahlen mußte. Aus dieser Schönheitsgläubigkeit, die bürgerliche Literaturwissenschaftler gern dem Katholizismus zuordnen wollten; entstanden Hilles Ansprüche, selbst gottähnlich sein zu wollen. Hier liegen die Ursachen für die Beinamen „Magnus des Nordens“ (Arent) und „St. Peter“ (Lasker-Schüler). Poetisch finden sich Parallelen zwischen Christus und Hille, so heißt es z.B. in dem Gedicht „Mein Kreuz“:

An meinen Werken bin ich aufgenagelt,
Ich bin so tot, wie sie lebendig sind.
Mein Blut ist all in sie hineingeflossen.
Zerwühltes Himmelslager.

Aber Hille wich nicht aus ins Transzendente, sondern verstand diese Gleichsetzung ganz in dem persönlich-privaten Sinne, wie er sein Leben führte. Um nicht die Interpretationsmöglichkeit aufkommen zu lassen, daß er sich als Gott fühle, relativierte er in dem genannten Gedicht den Gedanken, daß sein Kreuz, die Dichtung, dem Kreuz Christi, Zeichen der Erlösung der Menschen, gleichzusetzen sei, indem Hille in dieses Bekenntnisgedicht eine höchst profane Kaffeehausspießigkeit einbrechen läßt:

Und wie ich niederschaue totverloren,
Da wiehert auf das Kaffeehaus und reicht
Aus spitzem Keil dem tintengiftumgrünten −
Aasfliegen strotzen so im Schillerpanzer −
Mir einen Wisch mit Lauge.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaVon Doktor So und so.

Bekenntnisdichtungen dieser Art finden Sich mehrfach; immer sieht der Dichter die Aufgabe, zum Weltbeglücker zu werden, wobei er sich, bei erreichtem Ziel, in Schönheit auflöst. Auf der Suche nach der „schönen Welt“ wurde für Hille die Dichtung immer mehr zur Heimat. Nicht seine Anmut und sein Vagantendasein interessierten ihn, sondern sein Schloß im Roman Die Hassenburg; nicht die oft erlebte Einsamkeit bedrückte ihn, sondern er lebte in der poetisch vorhandenen Zweisamkeit seiner Gedichte „Brautseele“ und „Brautmorgen“. Nicht die von ihm erlebte und schmerzlich empfundene Kinderlosigkeit wurde sein Thema, sondern die Liebe zum Kind, wie sie kein Vater hätte trefflicher ausdrücken können, und Erziehungsfragen wurden Gegenstand seiner dramatischen Werke. Die poetischen Welten traten an die Stelle der Wirklichkeit; in ihnen ist ein freies und glückliches Leben möglich. Selten sind in Dichtungen um die Jahrhundertwende Poesie und gesellschaftlich-politische Wirklichkeit so weit auseinandergefallen wie hier. Hille verzichtete darauf, ein gesellschaftliches Wesen zu sein, um sich die poetische Schönheit und die natürliche Empfindungskraft erhalten zu können. Seelenverwandt sah sich Hille den Kindern; „Kind“ ist eines der Leitworte durch das Gesamtwerk. Das Kind bedeutete dem Dichter noch Naivität und natürliches Lebensgefühl. Eine der wenigen Aktionen, die sich in Hilles Dichtung finden, wird von ungeborenen Kindern inszeniert, die sich weigern, Nachkommen von Bankdirektoren zu werden, weil sie dort mißhandelt werden. Hille läßt diese Ungeborenen eine Lebensführung propagieren, die auf finanzielle Sicherheit verzichtet, aber in ihrer Natürlichkeit eine Alternative zur „Fäulnis der heutigen Gesellschaft“ („Einstimmiger Beschluß“) bedeutet.

(…)

5

Anfang der neunziger Jahre wurden die rauschhaften Trinkgelage im Schwarzen Ferkel in der Berliner Wilhelmstraße berühmt; auch Peter Hille fand sich dazu ein. „Genialisch“ war das Losungswort, das Eintritt verschaffte; Individualitäten waren erwünscht, wobei gleichgültig war, gegen wen sie auftraten, die Hauptsache war, daß sie irgend etwas bekämpften. Die fast überall hervorbrechende Erziehungsfeindlichkeit dieses Kreises ließ Hille bald wieder ausscheiden, denn gerade der Möglichkeit, durch Erziehung den Menschen zu ändern, hatte er in seinem Leben Aufmerksamkeit geschenkt und in seinem Drama Des Platonikers Sohn gestaltet. Erneut folgte eine unruhige Wanderschaft, diesmal allerdings durch Deutschland, eine kurze Zeit der Seßhaftigkeit in Hamm und Verfolgung durch die Polizei, da Hille als Sozialdemokrat galt. 1894 fand diese Verfolgung, die vermutlich durch eine Namensverwechslung ausgelöst wurde, ihren Höhepunkt; Hille flüchtete von Hotel zu Hotel, bis er 1895 nach Berlin zurückkehrte: Nun bemühten sich die Berliner Naturalisten, inzwischen zu arrivierten Schriftstellern aufgestiegen; um ihn. Anekdoten berichten z.B., daß O.E. Hartleben ihn mit allem Notwendigen versorgte, um ihm Eingang zu verschaffen in das gesellschaftliche Leben Berlins. Aber wenige Tage nach diesem Erziehungsversuch traf Hartlehen Hille auf der Friedrichstraße, noch mit den von Hartleben entliehenen Büchern unterm Arm und erneut verwildert: Er habe seine Wohnung nicht gefunden und sei ein klein wenig – drei Tage – spazierengegangen.
Hille wurde für Berlin zu einer legendären Gestalt; in Schriftstellerkreisen galt er als Prophet. In Wilhelm Arents Deutschem Musen-Almanach für das, Jahr 1897 ist Hille der besonders betonte Name; zahlreiche Aphorismen wurden hier erstmals veröffentlicht. Zu dieser Zeit plante Hille ein Drama Kollegen, in dem die naturalistische Bewegung dargestellt werden sollte. Anlaß für diesen Plan waren wohl auch die zahllosen Differenzen, die sich, nachdem der Naturalismus seine Bedeutung verloren hatte, zwischen den Schriftstellern herausstellten so die literarischen Fehden zwischen Gerhart Hauptmann und Frank Wedekind, zwischen Arno Holz und Johannes Schlaf.
Erst kurz vor seinem Lebensende fand Hille die Anerkennung der Öffentlichkeit. Lovis Corinth malte den Dichter – wofür Hille 37 Mark Modellgeld erhielt −, im August 1902 fanden die Waldspiele bei der Neuen Gemeinschaft in Schlachtensee statt, an denen das literarische Berlin regen Anteil nahm, wenn auch die Tagespresse abfällig über die dort vorgetragenen Werke Hilles urteilte. Bei dieser Aufführung wurde außer der biblischen Szene „Hirtenliebe“, einer Dramatisierung des Hoheliedes, Szenen aus Hilles Drama „Walther von der Vogelweide“ auch eines der bekanntesten Gedichte vorgetragen: „Brautseele“. Dieses Gedicht vollzieht poetisch eine Hochzeitsnacht nach, beschreibt feinfühlig sinnliche Erfüllung, ohne sich indessen darauf zu beschränken und ins Sentimentale abzugleiten. Besonders deutlich wird die Zurückführung in die profane Wirklichkeit im dazugehörigen Gedicht „Brautmorgen“, bei dem der Sinnenrausch übergeht in ein morgendliches Frühstück, „bei des blumenblau, gemusterten Gartentisches / Morgenzartem Imbißbehagen“. In diesen Gedichten, die wohl vorwiegend der späteren Lebenszeit zuzurechnen sind, werden Metrik und Rhythmik als Gestaltungsmöglichkeiten genutzt, ohne daß Hille zu konventionellen metrischen Formen findet, Der Rhythmus wird häufig durch den abzubildenden Gegenstand bzw. die Handlung bestimmt. Das Gedicht „Schaumgeboren“ steigt in sich wie eine Welle an, um nach seinem Höhepunkt („Ich bin da, ich bin da!“) jäh in sich zusammenzufallen. Und das Gedicht „Krank“ wird rhythmisiert durch Ausbrüche, die in ihrer Bruchstückhaftigkeit mehr Fieberphantasien ähneln als wohlgeformten Poesien. Trotz des teilweise vorhandenen Reimes sind die Verse noch weniger einem festen Metrum verpflichtet als die Gedichte der achtziger Jahre. Die Satz- und Versgliederungen unterliegen inhaltlichen Vorgängen. Das Ich, das in dieser Lyrik auftritt, identifiziert sich mit dem lyrischen Geschehen. Es verzichtet auf sezierende Analyse. Es ist für dieses Ich fast vollkommen naiv-pantheistisch die Einheit mit der Natur erreicht; das Ich ist Teil dieser Natur. Hilles lyrisches Subjekt hat sich zu dieser Zeit völlig auf sich selbst eingestellt und verzichtet auf jede Verständigung mit der Umwelt. Selbst die Zusammenhänge, die zwischen dem Menschen und der Natur bestehen, unterliegen bei Hille nun nicht mehr den Gesetzen, der modernen Naturwissenschaft, sondern streben eine Verschmelzung an zwischen einem in der Natur aufgehenden lyrischen Ich und einer ins Ich eindringenden Objektwelt. Hille wird damit zu einem der letzten bürgerlichen Dichter, der poetische Stimmungen vermittelt. – Geschlossene lyrische Stimmungsbilder, in denen auf Dynamik weitgehend verzichtet wird, sind die Gedichte der letzten Lebenszeit. Zwar wird oftmals eine Bewegung reproduziert, sie ist aber eine Bewegung in der Ruhe, ein Pendeln innerhalb eines noch Harmonie bedeutenden Spielraumes („Seegesicht“, „Regentropfen“). Ein besonderes Kennzeichen wird die Natursymbolik, die immer Gegenständliches assoziieren will. Sie geht aus, von der absoluten Übereinstimmung von Mensch und Natur, der letzten Übereinstimmung, die es für Hille gibt, und vernachlässigt Kontakte des Menschen in sozial-gesellschaftlichen Bereichen.
In dieser Übereinstimmung geht das lyrische Subjekt auf, dort kennt es die Gesetze und schafft sich, wo Vorhandenes nicht ausreicht, neue Gesetze, die besonders geschichtliche Prozesse verkürzen sollen:

Reime und Maße,
Tabulatur der Stände
Gezählt am peinlich
Gekrümmten Finger −
Das ist vorüber.
Blöde zwinkernd
Putzt die stechenden Brillengläser
Heisere Gescheitheit.

Melodische Seele der Welt,
Frühling, Schalmei,
Spiele, spiele uns alle hin
In alles Schönheit tanzendes Leben.
In das muntere Gesetz
Alle Sterne strahlenden
Liebenden Reigens.

Die Natur wird vermenschlicht, wird durch die Übereinstimmung mit dem Menschen zur „Weltseele“. Hilles lyrisches Subjekt ist damit naturhafte Beziehungen als Naturwesen eingegangen, die ihm in Form sozialer Beziehungen als geseIIschaftliches Wesen nicht mehr möglich waren. René SchickeIe beschrieb diese Dichtungen: „… plötzlich explosiv erfolgten Bilder – Bilder! – und verzuckten.“ Die Sprunghaftigkeit der Bildfolgen wird größer, es sind kaum logische Entwicklungen nachvollziehbar. Die poetisch übersichtlichen Abfolgen der früheren Gedichte, z.B. „Prometheus“ werden aufgegeben. Die Verkürzungen sind teilweise Ausdruck einer auf die Pointe zielenden verknappten Dialektik, verständlich aIIein durch die Gegenständlichkeit der Bilder. Selbst Abstrakta erhalten eine durch das Attribut erreichte, nachvoIIziehbare Körperlichkeit: „weltanfassende, fröhliche Dummheit“, „heisere Gescheitheit“; („Vorfrühling“). Auch die umgekehrte Möglichkeit wird genutzt, indem durch das Attribut gedankliche Tiefe in vorhandene Körperlichkeit getragen wird: „die jungen, die seelelebendigen, liebenden Leiber“ („Brautmorgen“).
Eine derartige Dichtung bedeutete um die Jahrhundertwende eine Ausnahme. Sie wurde als solche populär: Ende 1902 wurde Peter Hilles Kabarett unter dem Motto Der blauen Blume fromm geweiht, nicht Plebejer Lustbarkeit eröffnet. Montags, gegen 21 Uhr, traf man sich bei DalbeIIi im Restaurant del Vesuvio. Schnell wurde für dieses Kabarett die Bezeichnung „Boheme“ in Anspruch genommen, von den Dichtern selbst nie zurückgewiesen. Boheme bedeutete zuerst die Organisation eines Publikums, das aus den Bohemiens, den Künstlern selbst, bestand. So waren auch in Hilles Kabarett Dichter und Künstler das Publikum, unter ihnen Erich Mühsam, Ludwig Rubiner, Else Lasker-Schüler u.a. Aber es war in den meisten Fällen auch der Versuch, aus dem bourgeoisen Kulturbetrieb auszubrechen; statt des Hoftheaters wurde die Kneipe Zentrum von Kunst und Literatur. Dem Reglement des kapitalistischen Kunstbetriebes entfloh, man unter Verzicht auf das Geld dieses Kunstbetriebes; Hille war dabei der rigoroseste Vertreter. Der „wunderliche Vagant“ (Karl Henckell) hatte seine schwerste und seine schönste Zeit im Cabaret Peter Hille. Nuschelnd und vor sich hin dämmernd, nur für sich selbst gegenwärtig, wie die Zeitgenossen berichteten, gab er seine besten Werke kund, scharfer Kontrast zu der lumpenhaften Gestalt des Dichters. Die Sensationslüsternheit, die sehr bald ein größeres Publikum zu Hille trieb, stand in krassem Gegensatz zu Hilles kindlicher Naivität, die für ihn immer mehr Lebensstil bedeutete.
Daran konnte auch die Neue Gemeinschaft in Schlachtensee nichts ändern. Sie gab dem Dichter für die letzten Jahre seines Lebens ein Einsiedlerdasein im Kollektiv. Neue Freundschaften entstanden nur spärlich, am bedeutsamsten wohl die zu Erich Mühsam, der auch gemeinsam mit Ludwig Rubiner bei den Waldspielen Regie geführt hatte. Namen einer neuen Schriftstellergeneration und der Expressionismus kündigen sich an. – Für Hille war das alles uninteressant geworden. Befreit von zahlreichen Sorgen, denn die Neue Gemeinschaft der Harts sorgte für ihn, schuf er seine letzten bedeutenden Werke, vorallen Dingen seine Aphorismensammlungen. Hier verwirklichte er nochmats sein Lebens- und Dichtungsprinzip: Von Augenblick zu Augenblick springend wurde die Dichtung als Katalysator für Aufzubewahrendes genutzt; mit Entschiedenheit gab sich Hille an eine freie, dem Menschen freundliche Natur hin und glaubte an den rückhaltlos natürlich empfindenden Menschen. Die Geschichte der Neuen Gemeinschaft in Schlachtensee wurde zur Geschichte der Ietzten Lebensjahre Peter Hilles. Mit seinen Aphorismen glänzte Hille im eigenen Kabarett; auch sie kennzeichnet der Drang zum Lebendigen, Vitalen. Bilder und Vergleiche stammen fast ausschließlich aus der Natur, sie assoziieren fast immer sinnlichen Reiz bzw. wollen neue Sinnlichkeit provozieren. In einem Aphorismus heißt es: „Sinne. Wir müssen neue bilden, nur sie erhalten das Leben federkräftig.“ Die Wirkungen der Farbe; des Duftes, des Klanges werden nicht mehr in Metaphern verwendet, sondern sie wollen wörtlich verstanden werden. So heißt es in der Enzyklopädie der Kleinigkeiten – schon im Titel findet sich eine Umkehrung −: „Violett und Blau sind vielleicht die Projektionen der Erde auf Farben.“ Farben werden Dinge, sind nicht mehr Spiegelungen der Dinge. Es tritt eine Verkürzung zwischen den Bezeichnungen und den Dingen ein; hier wird Hille Wegbereiter moderner Lyrik, die sich ihrer Sprache neu bewußt zu werden versucht. In diesem Sinne fühlte sich Hille auch als Dichter, denn der Dichter ist das Erzeugnis und der Gegner seiner Zeit im Sinn der Zukunft“ (Ecce poeta!). – Hille geht soweit, daß ihm auch Anorganisches zu Leben wird: Organisches ist ihm freies Leben. Auch deshalb werden ihm Farben zu Abbildern der Erde. – Der Aphoristiker liebte auch die versteckte literarische Polemik, die ihn bereits zu den „Dichternoten“ geführt hatte. Der Hochachtung für Gerhart Hauptmann und vor allen Dingen für die Lebensführung Leo Tolstois stand die Ablehnung der Formexperimente Arno Holz’ gegenüber. Als Holz mit „Papa Hamlet“ ein Musterbeispiel für seine theoretischen Überlegungen veröffentlicht hatte, schrieb Hille als Entgegnung seinen „Vater Romeo“. Holzens Erzählung widmet sich einem gescheiterten Künstler, für den Hamlets Unentschlossenheit zur Rechtfertigung der eigenen Lebensunfähigkeit wird. Hilles „Vater Romeo“ lehnt die These Hamlets ab; für ihn wird die Kunst zu einem Spiel das im Leben nicht fortgesetzt werden kann. Vor allen Dingen forderte Holz’ Einstellung gegenüber dem Kinde Hilles Kritik heraus: Die wesentlichste Aufgabe, die Vater Romeo zu erfüllen hat, ist die Erziehung des Kindes; „Romeos Leben ist abgeschlossen. Es lebt nur noch in ihr, in ihrem Töchterlein.“ Die Kunst ernst zu nehmen bedeutet für Hille auch, die Erziehungsaufgaben des Lebens zu erfüllen. Hilles Vater Romeo folgt nicht dem Verfall des Holzschen Papa Hamlet. – In dieser Erzählung wird für die Innerlichkeit des Menschen das Bild „Thau der Seele“ gefunden. Kurz vor seinem Tode, auf einer Rügenreise 1903, faßte Hille sein Leben in „Tauseele. Henker und Rebellen. Schul- und Bekenntnisschrift“ zusammen; nochmals benannte Hille die Kräfte, die den Menschen seiner Menschlichkeit beraubten. Die Schule war ihm der erste Schrecken, „für einige Jahre der Staat, die Presse. Am längsten das Elend.“ Schule, Staat und, Elend werden von Hille in eine Reihe gestellt, aphoristisch verknappt und dadurch zusammengehörig erscheinend.“
Den Kindern ist die letzte Arbeit des Dichters gewidmet; 1904 entsteht das Märchen „Dissa und Wissa“. In leichtverständlicher Weise trägt Hille für die Kinder nochmals seine Philosophie vor: Wie ein Vermächtnis wirkt dieses Märchen, dessen Handlung an die herkömmlichen Märchenmodelle anschließt. Zwei junge Burschen; Söhne von Hexen, entzaubern zwei verwunschene Prinzessinnen und erhalten sie zur Frau. Im Detail jedoch werden die Märchenelemente durch höchst reale Vorgänge ersetzt. So werden die beiden Hexen als Menschen geschildert, die durch störendes und menschenfeindliches Verhalten, durch Haß und Neid sich aus der Gemeinschaft ausschieden. Und als schließlich die Söhne dieser Hexen Verzauberung und Bösartigkeit aufheben wollen, können sie es nur in naturverbundener Tätigkeit, sie „verdingten sich als Hirten, dann als sie größer wurden, banden sie Garben“. Kind und Natürlichkeit, auch im Märchen werden diese beiden Hauptthemen von Hille gestaltet. Ihnen gegenüber steht eine fremde drohende Macht; „ein grauer Riese mit einem großen Schwert“, dessen Gefährlichkeit beseitigt wird, indem man keine Furcht zeigt und seinen eigenen Weg entschlossen geht. Das Bild des „grauen Riesen“ faßt alles das zusammen, was Hille als unmenschlich empfunden hatte: Schule, Staat und gesellschaftliche Verhältnisse. Nie hatte er diese Mächte in ihrer Klassenstruktur analysiert, aber immer hatte er sich von ihnen distanziert, um seine Menschlichkeit zu erhalten. „Dissa und Wissa“ will diese Erkenntnisse an die Kinder weitergeben.
Nochmals wollten die Freunde dem schwerkranken Dichter helfen. Im April 1904 wurde ein Boheme-Ball zugunsten Hilles organisiert. Aber die Gesundheit des Dichters war bereits so weit zerrüttet, daß jede Hilfe zu spät kam, Bis zuletzt registrierte Hille aufmerksam das literarische Geschehen: In seinen Notizbüchern lassen sich Neue Gemeinschaft, Stefan George, Theosophische Gesellschaft u.a. entziffern; aber er reagierte nicht öffentlich darauf, wie ihm auch die monistischen Glaubensideale der Harts – Grundlage der Neuen Gemeinschaft – nichts bedeutet hatten. Lediglich zu konkreten sozialen Fragestellungen finden sich in der letzten Lebenszeit noch Antworten, so unterstützte Hille z.B. die zu dieser Zeit akute Forderung nach Urlaub für die Arbeiter. Er begründete seine Fürsprache damit, daß der Arbeiter im Urlaub „einmal durchaus Mensch werde“. Mit Energie verteidigte Hille auch die Buren während und nach dem Burenkrieg gegenüber den englischen Annektionsansprüchen, und nach dem Flottengesetz von 1900 warnte Hille vor der Verschärfung der politischen Widersprüche: Die Flottenverstärkung war seiner Meinung nach der Schritt zum Krieg. Alle diese Reaktionen nach der Jahrhundertwende, die konkrete politische Vorgänge zum Anlaß hatten, entstanden aus dem Gefühl, daß durch die zunehmende Militarisierung Deutschlands und anderer kapitalistischer Großmächte die noch bewahrte Natürlichkeit wenig zivilisierter Völker, besonders Afrikas, einer unmenschlichen Lebenshaltung voller Raffinement und Betrug Platz machen muß. Hilles soziales Engagement für die Buren und die Afrikaner entsprang seiner eigenen Lebenstheorie, die, der Zivilisation abgesagt hatte, um ein natürlich-naives Leben zu ermöglichen.
„Die Beerdigung verlief recht ernst und würdig und unter großer Beteiligung“, schrieb Hilles Bruder Philipp; viel näher war der Tod den Dichterkollegen gegangen, die sich einig darin waren, einen großen Künstler verloren zu haben; „das große Ethos war in ihm und zugleich die hellenische Trunkenheit“, so verabschiedete sich Julius Hart von dem Freunde.

6

Peter Hilles Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Literatur läßt sich nicht in wenige Worte fassen, da das Werk des Dichters kaum unmittelbar wirkte, mittelbar aber einen großen Einfluß auf die Herausbildung poetischer Positionen hatte. Das wurde bereits in der journalistischen Tätigkeit an der Seite der Harts dargestellt. Hille war weder, wie hin und wieder behauptet, ein utopischer Sozialist noch ein Idylliker, der eine vitalistische Naturschwärmerei gegen bürgerliche Konventionen setzte. Er war auch nicht der Dichter einer „katholischen Geistesgemeinschaft“, (Hans Roselieb). Hilles Dichtung war der Versuch, humanistisches Denken überall dort zu realisieren, wo die deformierte Wirklichkeit ihren Einfluß noch nicht unbeschränkt geltend gemacht hatte:, bei den Kindern, bei den Außenseitern der Gesellschaft, an der Peripherie des gesellschaftlichen Geschehens, nicht zuletzt aber auch bei den sozial Benachteiligten, bei der Arbeiterklasse. Dort knüpften die Nachfolger an. – Bei den „Kommenden“, einer um die Jahrhundertwende von Rudolf Steiner geleiteten losen Vereinigung junger Dichter und Künstler, bestimmte Hille, die poetische Grundrichtung in diesem Sinne; seine Lyrik wurde als Offenbarung verstanden, als Kunde von einer zwar weit entfernten, aber noch existenten Welt der Natürlichkeit. – Wilhelm Arent, widmete Hille zahlreiche Gedichte und prägte für ihn den Titel „König, der Aphorisme“; Karl Henckel sandte dem Toten Verse der Trauer nach:

Ja, wir sahen dich manchesmal
Waldesdämmer im Abendstrahl
Mit lärmscheuem Schritt durchschweifen
Und nach tanzenden Sonnen greifen,
Die du mit rascher Zauberhand
In dein witterndes Wort gebannt.

Else Lasker-Schüler sah in Hille ihren Heiligen und nannte ihn in ihrem „Peter-Hille-Buch“ St. Peter. Dieses Buch gibt Aufschluß über einige Züge Hilles, die sonst kaum gewürdigt wurden, z.B. sieht die treue Begleiterin Hilles ihn in den letzten Lebensjahren u.a. als „Petrus unter den Arbeitern“ und seine Worte wirbelten über das freiheitshungrige Volk, wie Frühlingslaub vor dem Gewitter“. Durch Else Lasker-Schüler war Hille auch mit Herwarth Walden, dem späteren Herausgeber der avantgardistischen Zeitschrift Der Sturm (1910-1932), und dem empfindsamen Dichter Peter Baum, bei dem Hille zeitweise wohnte, bekannt geworden. Beide Gestalten finden sich in Else Lasker-Schülers „Peter-Hille-Buch“ als Goldwarth und Antinous wieder. Die Lasker-Schüler verhalf mit ihrem Buch Hille zu legendenhaftem Weiterleben, machte jedoch aus ihm, was Hille nie sein wollte, den Propheten des Vagantenlebens. Aber auch von hier aus finden sich lockere Beziehungen zum Expressionismus, wie sie sich schon von der Neuen Gemeinschaft aus herstellen ließen. Überhaupt scheint Hilles Einfluß auf verschiedene literarische Strömungen – die Neuromantik und den Expressionismus – bedeutsamer zu sein, als bisher angenommen wurde. Mindestens sprechen Aussagen Stefan Zweigs dafür, der in seinen Erinnerungen Hille als „einen wirklichen Dichter“ bezeichnete. Auch Wilhelm Herzog schätzte Hille als Dichter sehr. Beide, Stefan Zweig und Wilhelm Herzog, bewahrten Gedichte und Briefe Hilles, die als verloren gelten, seit der deutsche Faschismus diese Dichter ins Exil trieb.
In mehreren literarischen Werken stand Peter Hille Modell für Gestalten: Ernst von Wolzogen porträtierte ihn als Dippel in der Tragikomödie „Das Lumpengesindel“, Lulu von Strauß und Torney nahm ihn als Maler Peter Holle in ihren Roman Aus Bauernstamm auf. Gestalten bei O.J. Bierbaum („Stilpe“), Franz Servaes („Gärungen“), Paul Ernst („Der schmale Weg zum Glück“) und Wilhelm Schäfer („Die Mißgeschickten“) zeichnen Hille nach. Bei Gerhart Hauptmann ist es der „fast immer subsistenz- und obdachlose Dichter“ Peter Hullenkamp, „hinter dessen steiler gewaltiger Stirn sich eine ferne Zukunft und eine ferne ‚Vergangenheit in ein ewig gärendes Märchen zusammenbildeten“ („Der Narr in Christo Emanuel Quint“). Mit dieser Schilderung übereinstimmend, wenn auch mit einer bösartig verzerrenden Optik gesehen, tritt Peter Hille in Karl Bleibtreus Roman Größenwahn als „gewisser Victor Hugo, oder Carlyle redivinus, Sagus des Nordens mit völlig verwildertem Urwaldbart und titanischem Haarwuchs“ auf.
In den „Steckbriefen“, die O.J. Bierbaum unter dem Pseudonym Möbius 1900 veröffentlichte, heißt es: „In der Tat: ein Kerl zum Schieflachen! Wirklich, meine Herrschaften, ein Heiliger lebt unter euch, ein Asket und Narr, ein Weiser und ein Vagabund, einer, der innerlich in allen Zungen redet, aber doch nur lallen kann.“ – In den Künstlerkreisen um 1900 wurde Peter Hille oft genannt und zitiert, und trotzdem gehörte er schon zu Lebzeiten – äußerliches Zeichen für die Unentschlossenheit Hilles – zu den Vergessenen. Nur jene Dichter, die Dichtung als Ausbruch unverbildeter Natürlichkeit betrachteten, fühlten sich Hille verbunden. Allein die kabarettistischen Texte lebten weiter und wurden bis in die Gegenwart gedruckt, obwohl gerade diese Texte am wenigsten Peter Hille entsprechen. Lediglich die „Lieder des betrunkenen Schuhus“, verwandt mit Morgensterns „Galgenliedern“, bewahren die Hillesche Naivität auch in der kabarettistischen Brechung.
Und doch wirkten Hilles Gedichte, wenn auch nicht sehr auffällig, bis in die Gegenwart nach. Zahlreiche Versuche, Auswahlausgaben herauszugeben, scheinen das zu bestätigen. – Sichtbare Zeugnisse für Hilles Wirkung finden sich im Freundeskreis Johannes Bobrowskis. Günter Bruno Fuchs, selbst um die Erneuerung eines Vagantendaseins aus Opposition bemüht, schrieb ein Gedicht „Peter Hille in Friedrichshagen“ und widmete es Bobrowski. In diesem Gedicht wird deutlich, wie sich Fuchs Hillescher Methoden bedient: Konkrete Einzelheiten, Sachverhalte stehen übergangslos neben verkürzten Metaphern, die an Hilles verselbständigte Metaphernwelt erinnern:

Der Tag
hat seine Hunde zurückgepfiffen. Bleib zu Haus,
wenn du weißt, wo dein Haus ist. Der grüne Bettelwind
streicht um die Müggelberge herum. Baumblätter
mit alten Gesichtern
reisen über den Abend hin.

Der Freundeskreis sah, in Hille ein Vorbild und vereidigte Johannes Bobrowski als „Präsidenten des Neuen Friedrichshagener Dichterkreises“ auf Hilles Satz: „Nur innerhalb der Wahrheit kann ich vergnügt und ruhig sein,“ (Günter Bruno Fuchs, „Widmung an Johannes Bobrowski – den letzten Präsidenten des Neuen Friedrichshagener Dichterkreises“). Bobrowski selbst nahm Hilles Gedicht „Mainfrühe (bei Goslar)“ in seine handgeschriebene Privatanthologie auf. – Die Verbindung zwischen Bobrowski und Hille ist jedoch komplizierter. Es ist, einmal die Äußerlichkeit einer pedantisch ordentlichen Dichtung – Julius Hart bezeichnete Hilles Sucht, alles zu sammeln, als „peinlichen Ordnungssinn“; so wie Hille jede Bemerkung, jeden Hinweis als Dichtung aufhob, schuf Bobrowski mit ausgeprägter Akribie seine für den Hausgebrauch bestimmten Lyriksammlungen. Es ist zum anderen, und viel bedeutsamer, die beiden Dichtern gemeinsame Besinnung auf Johann Georg Hamann. Für Hille bestätigen die Harts und Wilhelm Arent diese Beziehung, ja, Arent vergleicht Hille unmittelbar mit Hamann indem er wie dieser, „Gott-Zelte“ in unverbraucht-Iebenskräftiger Natur errichtet habe. Das „Genialische“ ist es was beide zu Hamann führt, die Weltsicht aus mythischer, naturmythischer Perspektive. Und schließlich verbindet beide Dichter; Hille und Bobrowski das Verhältnis zum Wort: Beide Dichter verhalfen zeit ihres Lebens dem poetischen Wort, dem einzelnen Wort zu neuem Leben. Natur und Mensch, Mensch und Geschichtlichkeit sollten im Wort wieder begreifbar werden.

Rüdiger Bernhardt, Nachwort, Mai 1973

Als Peter Hille reich war

Eine Erinnerung von Julius Hart

– Vor 25 Jahren ist der Dichter Peter Hille gestorben. Der feinsinnige und tiefe Poet, von dem auch Reclams Universal-Bibliothek ein Bändchen Aphorismen und Gedichte unter dem Titel Aus dem Heiligtum der Schönheit enthält, lebt noch im Andenken vieler Menschen, die sein zeitfremdes Wesen verstanden und liebten. Wir bringen heute eine Erinnerung an Hille von Julius Hart, einem seiner besten Freunde, an dessen 70. Geburtstag wir in Heft 28 erinnerten. –

Um die Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wars. Seit einigen Wochen lebte Peter Hille bei mir, der liebe Dichter und Träumer, der herrliche, gute Mensch, der während seines Lebens viel gesät und niemals geerntet hat. Heute stehen die nach seinem Tode gesammelten Werke – nur einiges von dem, was von den Schöpfungen des unablässig Dichtenden und Schreibenden nicht verlorenging – in den Bücherschränken von Kennern und Feinschmeckern.
Ein paar Jahre lang hatte ich ihn nicht gesehen. Plötzlich und völlig unerwartet war er dann eines Tages gekommen. Draußen klingelte es an der Flurtür, und meine Wirtin, die Zimmervermieterin, bei der ich wohnte, kam bald darauf mit einem etwas erschreckten Gesicht zu mir herein. „Draußen steht ein fremder Mensch“, sagte sie. „Er sieht ganz verwahrlost aus. Ein Bettler.“ Ein strenger Blick glitt an mir hinunter. „Er fragte, ob Julius zu Hause wäre. Er sagte weiter nichts als Julius.“ – „Peter!“ schrie ich. „Das kann nur Peter sein“, und stürzte zur Tür. Ja, da stand er wirklich, still und freundlich lächelnd. In der einen ,Hand hielt er eine Flasche spanischen Weins, in der andern ein Zigarrenkistchen, in dem er, wie sich später herausstellte, einen alten Hemdkragen aufbewahrte, und unter dem Arm ein unendlich großes, dickes, schweres Hauptkassenbuch, wie es, glaub ich, nur allergrößte Weltfirmen nötig und im Besitz haben. Es war alles, was er besaß. Das köstlichste Gut war das Kassenbuch. Es kam nicht von seiner Seite. Es begleitete ihn auf Schritt und Tritt bei seinen Spaziergängen auf der Straße. Öfters blieb er dann stehen, klappte es auf und schrieb mit tiefversonnenem Ausdruck einen jener Aphorismen nieder, um derentwillen ihn die Literaturgeschichte besonders schätzt und die ihm „in ambulando“, wie er sagte, besonders reich einfielen und zuwuchsen. Die Leute auf der Straße blieben dann freilich meist auch stehen, guckten ihn verwundert und kopfschüttelnd an und tippten mit dem Finger auf die Stirn.
Peter blieb bei mir wohnen und teilte redlich mit mir das wenige, was ich besaß. Er bekam sogar ein eigenes Stübchen nach dem Hof hinaus, wo er völlig ungestört mit den Musen Zwiesprache halten und buhlen konnte. Und so vergingen einige Wochen – da geschah das Wunder – das unerhörte Wunder, von dem ich erzählen will und das darum auch gleich schon die Überschrift angekündigt hat.
Wieder klingelte es, und wieder stürzte die Wirtin ins Zimmer, aufgeregt, zitternd, und sank luftschnappend auf den eigens dazu hergestellten Stuhl.
„Paeschke!“ sagte sie.
Etwas erbleichte ich doch und wehrte mit bei den Händen ein Gespenst von mir fort.
„Nee“, winkte sie ab. „Diesmal brauchen Sie ooch mal keene Angst zu haben. Haben will er diesmal nix ne Nachnahme is es nicht. Er bringt was – ville, ville…“
„Geld? Ich?“ schrie ich, juble ich, im Augenblick völlig umgewandelt. „Unmöglich… Woher? Aber… aber… warum nicht? Herein, o du Guter, o du Alter, herein…“
„Nee, Sie nicht… Drinnen bei Peter Hillen is er… Na, der wird Oogen machen…“
Es verhielt sich in der Tat so. Paeschke, der Geldbriefträger war bei Peter zu Besuch gekommen. Unglaublich. Paeschke kam sehr gern zu uns und war dem Hause durchaus freundlich gesinnt. Zumeist erschien er allerdings mit Zahlungsbefehlen, Wechseln, die eingelöst werden wollten, und, ähnlichen unangenehmen Dingen. Doch wußte er die Verhandlungen darüber zu erleichtern und rasch zu erledigen. „Na“, sagte er, „ich komme erst gar nicht aus. Bezahlen tun Sie ja doch nicht. Es interessiert Sie doch nie, woher sie kommen. Es ist nur der Ordnung wegen.“ Er hatte recht. Es interessierte durchaus nicht. Aber dann und wann geschah es doch, daß er auch ein Honorar brachte. Sein Gesicht strahlte ordentlich vor Freude darüber. Es gab ein sehr reichliches, sehr gutes Trinkgeld. Darum die Freundschaft.
Diesmal aber, als er aus Peters Stube wieder herauskam, klang sein „Juten Mor’n“ noch besonders froh und kräftig. Ordentlich verwegen schief hatte er die Dienstmütze aufgesetzt und ein Zwanzigmarkstück in sein Auge wie ein Monokel geklemmt.
Peter stand in seinem Zimmer, als wir eindrangen, mit gesenktem Kopf, fast sorgenvoll-grüblerisch dreinschauend, als wolle er zum Hauptkassenbuch greifen und ein Aphorisma dort eintragen. Aber diesmal zählte er Geldscheine. „Wieviel, Peter?“ fragte ich in atemloser Spannung.
„Nichts, nichts…“, antwortete er – gelassen, ruhig, selbstverständlich, als wäre es das Gewöhnlichste, Alltäglichste, daß Paeschke ihm einen Besuch abstattete und seinen Tisch mit Tausendmarkscheinen pflasterte. „Nichts – fünfhundert Chimären nur…“
„Fünfhundert Mark willst du sagen… Fünfhundert Mark!!! Donnerwetter!!!“ rief ich.
Er nickte still mit dem Kopfe. Dann aber kam auf einmal eine große stürmische Bewegung über ihn. Hastig griff er nach seinem Hut, rief: „Einen Augenblick, einen Augenblick nur. Gleich bin ich wieder da“, stürzte husch! aus der Tür heraus und sauste die Treppe hinunter. Erstaunt, verwundert starrte ich dem Entfliehenden nach. Was war so plötzlich über ihn gekommen? Die Geldscheine hatte er auf den Tisch geworfen, ein paar davon zerknüllt und in die Tasche gesteckt.
Zehn Minuten später erschien er wieder. Diesmal mit einem sonnig verklärten Gesicht. Zwei Flaschen Wein hob er triumphierend in die Höhe. „Solche Ereignisse wollen gefeiert werden“, meinte er. „Da, Tokaier, Ruster Ausbruch! Fünfzehn Mark die Flasche. Ich glaube; er wird dir munden. Lang genug ist’s her, daß wir einen guten Tropfen kosteten.“
Vollkommen war der Genuß freilich doch nicht. Wir mußten die braungoldene Labe mit dem zarten, zarten Schwarzbrotduft aus Kaffeetassen trinken. Wein aus Kaffeetassen! Es geht wirklich nicht. Es ist wider alle Poesie. Ohne Leuchten und Glanz. „So werden auch wir zu ästhetischen Barbaren. Heinrich“ – er meinte meinen Bruder – „wird um keinen Preis da mittrinken“, stöhnte Peter und griff sich verzweiflungsvoll in sein lang wallendes Haar. „Wie ich nur daran nicht denken konnte. Du hättest es mir doch gleich sagen sollen, daß ich auch ein Dutzend Weingläser mitbringe! Wir werden uns das doch jetzt wohl öfter erlauben können. Und wenn wir unsere Freunde einladen: dürfen wir ihnen doch keine Kaffeetassen vorsetzen.“
Peter sprang auf, griff wieder nach seinem Hut, um das Versäumte nachzuholen. Mit einiger Mühe nur konnte ich ihn zurückhalten und vor neuen Geldausgaben bewahren. Schließlich aber kamen wir trotz Kaffeetassen in eine recht behagliche, wohlige Stimmung, wenn auch Peter kopfschüttelnd immer wieder daran erinnerte, daß selbst der köstlichste Inhalt in philisterlich-nüchterner, trocken-irdener Form ein Verbrechen an der Weltordnung sei, die allein in der Schönheit wurzle. „Du bist. Wir sind. Also ist Schönheit“, sagte ich mahnend und Petersche Worte variierend, „auch in unseren Kaffeetassen.“
Je mehr sich die Flaschen leerten, um so mehr entwickelten sich unsere prometheischen Fähigkeiten, diese Kaffeetassen in Weingläser umzuwandeln. Peter legte sein Kapitalvermögen an, hundertfältige Zinsen sollte es bringen, fruchtbar werden. Er versank in Phantasien und schwelgte in großen Plänen.
„Fünfhundert Mark“, sagte er. „Das will doch etwas bedeuten. Damit läßt sich viel anfangen… Fünfhundert –“
„Vierhundertfünfzig“, wagte ich einzuwenden. „Vor einer Stunde fünfhundert, jetzt zehn Prozent weniger…“
„Zehn Prozent“, sagte Peter milde. „Wie kommst du darauf? Du sprichst ja geradeso; als wenn du an der Börse handeltest… Das macht doch keinen Unterschied… Die lumpigen fünfzig Mark bringen wir doch rasch mit der Zeitschrift wieder ein…“
Ja, eine Zeitung. Selbstverständlich war das das erste, was er gründen wollte. Natürlich eine Literaturzeitung. Poesien; große Essays, Kritiken! Jeder, der es zu etwas bringen will, muß die zuerst herausgeben. Damit, wird, man zu einer Macht. Den Gewalthabern von den anderen Blättern, die einem doch immer wieder alle Manuskripte zurückschicken, muß man es unter die Nase reiben, was für Idioten sie sind.
Eine strahlende Maiensonne leuchtete durch die Fenster und goß über Peters Angesicht und Gestalt all ihren Glanz und Jubel. Natürlich war auch ich begeistert von dem herrlichen Gedanken. Unsere Gläser klangen immer wieder zusammen: „Hoch die neue Zeitschrift!“ Große Programme wurden geschmiedet. Es war ein festlicher Morgen.
Leider goß unsere Wirtin Wasser in das Feuer unserer Begeisterung. Sie war gar zu sehr ins Alltägliche versunken und dachte immer zuerst ans Praktische. Peter sollte sich vor allem zuerst einmal einen neuen Anzug kaufen. Das wäre das Notwendigste. Er müsse sich doch schämen, wenn er so über die Straße ginge. Ganz vergebens suchte ich den kostbaren schwarzen Anzug, den ich Peter ausgeliefert hatte, als er vor ein paar Wochen gekommen war, vor so hämischen Angriffen zu schützen.
Lange wog mein Herzbruder den Kopf sorgenvoll hin und her. Er trat sogar vor den Spiegel und musterte sich. Nach einer Weile nickte er leise. „Ja“, sagte er. „Sie haben vielleicht doch recht. Ich sehe aus wie Francois Villon. Ich liebe, ich bewundere ihn… Auch er trug Lumpen… Er war doch ein König… Aber aber… Wenn ich jetzt Herausgeber einer Zeitung werde…“ Sein Auge fing an zu leuchten: „Ja, zuallererst ein neues Gewand für den alten Adam. Auch der Leib sei uns heilig…“
Ich wußte, was für Visionen vor ihm aufstiegen. Schon einige Male hatte er früher davon gesprochen, wie von einem großen beseligenden Zukunftstraum. Wenn einmal das viele, viele Geld für seine Romane, seine Dramen; seine Gedichte einkäme, dann wollte er sich das zuerst anschaffen. Im Sommer hälts wunderbar kühl, im Winter köstlich warm, so daß es gar keines Mantels mehr dazu bedarf. Sah man jemals einen Menschen, der sich dieses köstlichsten Kleidungsstückes als seines Besitzes erfreute, auch bei schärfstem Frost in Überzieher oder Pelz gehen?
Wollregime! Jägers Normalanzüge. Reine Wolle! Das war ein großes Schlagwort jener Tage, und alle hörten auf die Verkündigung Dr. Jägers, des Gesundheits- und Duftapostels… Vegetarianer, Gesundheitsprediger, die aus dieser schlechten Zivilisation wieder heim zu den Paradiesen wollten…
Bekümmert sah ich Peter an, mit schlechten, schmöden Zweifeln in seine Träume einbrechend.
„Hundert Mark…“, wagte ich zu mahnen. „Ein Jägerscher Normalanzug kostet hundert Mark“, wiederholte ich behutsam. „Unmöglich! Denk an deine Zeitung…“
„Und spare ich nicht damit einen Wintermantel?“ wandte er ein.
„Wir leben jetzt im Mai! Bis dahin ists lange. Haben wir schon jemals an den andern Tag gedacht?“
Doch, Peter gab sich nicht gefangen. Zuzutrauen war es ihm ja nicht. Dennoch war er in der Jägerfrage gut bewandert.
„Freilich“, meinte er, „hundert Mark bezahle ich nicht für meine Kleider. Ein Dandy zu sein, dafür danke ich… Aber du weißt doch, ich habs dir ja bereits mal gezeigt“ – er lächelte wieder still verklärt −, „wie billig man schon die Jägerschen Kleider bekommen kann…“
Ja, das war richtig! Auf der Leipziger Straße, dort, wo jetzt der Wertheimische Warenpalast sich erhebt, lag damals unter vielen anderen Häusern noch „Die goldene 110“, ein Kleiderparadies, das sich eines gewaltigen Zuspruchs erfreute. Nirgendwo sonst kaufte man so billig. Trotzdem konnte diese „110“ alltäglich in den Zeitungen eine große Anzeige erscheinen lassen, die von der poesiebegabten Gattin des Geschäftsinhabers stets mit immer neugefaßten Dutzendversen sinnig eingeleitet war, die auf die reichen Schätze hinwiesen. Da gab es auch schon Wollanzüge à la Jäger, prima Qualität, Stück für Stück zehn Mark. Die Masse mußte es bringen.
Am Nachmittag war Peter plötzlich verschwunden. Erst gegen Abend kehrte er wieder heim, glücklich, strahlend, „Na“, sagte er und drehte sich einige Male wie ein Kreisel herum, „wie seh ich nun aus?“ Staunend, bewundernd nur konnte ich ihn ansehen. „Ausgezeichnet, herrlich!“ stammelte ich, „Damit wirst du Eroberungen machen. Du bist schon ein verteufelt hübscher Kerl, und in so einem funkelnagelneuen Anzug à la mode kommt das erst recht zur Geltung.“ Wie angegossen saß ihm der blaugrünflimmernde Wollanzug, das kecke Normalgewand Jägerschen Regimes. „Natürlich à la Jäger aus der Goldenen 110“, erklärte Peter. „Aber ich sehe wirklich keinen Unterschied.“ Ich war genauso klug wie er und sah auch keinen. Nur unsere Wirtin, die hereingerufen wurde, um zu bewundern und das Kleinod auf seinen Wert hin zu schätzen, warf einen Gifttropfen in unseren Festwein. Sie nahm eine Falte des Stoffes zwischen Daumen und Zeigefinger, zwirbelte sie etwas hin und her und sagte ziemlich kühl und ablehnend: „Goldene 110!“
„So? Ja! Allerdings!“ fuhr Peter sie etwas unwirsch an, um dann im milderem Tone triumphierend fortzufahren: „Und wie hoch schätzen Madame?“
„Na“, meinte diese, „von den ganz teuren zu zehn Mark wirds ja wohl nicht sein… Sechs, sieben Mark.“ Sie sprach ganz hochdeutsch, sachlich.
Mit fast feindseligem Auge blitzte Peter sie an, zuckte dann mit den Achseln, lächelte hoheitsvoll geringschätzig und sagte langsam, gedehnt: „Nein, Allergnädigste, Sie irren mal wiede … Fünf-und-sech-zig-Mark! So stimmt’s.“
Eine gelle Hohnlache war die Antwort: „Die Judenbande! Natürlich; Ihnen sieht ja jeder gleich an, was Sie davon verstehen. So ein Kindskopf wie Sie… Beschwindelt haben sie Sie – gründlich! Hereingefallen sind Sie – selbstverständlich…“
Am dritten Tage nach diesem Ereignis schlenderten Peter und ich an einem heißen Frühlingsnachmittag gemächlich durch den Tiergarten. Ein Gewitter zog jäh herauf, ein Regenschauer prasselte hernieder und durchweichte uns gründlich. Doch bald, darauf war alles wieder vorüber, und die Sonne strahlte mit alter Glut. Plötzlich blieb ich stehen und blickte mit starren Augen an Peter hinauf und herunter und stammelte entsetzt: „Um Gottes willen, die Hose, die Hose! Was ist mit deiner Hose los? Sie läuft zusammen. Wird immer kleiner…“
Es war kein Zweifel. Zusehends kroch sie mehr und mehr in sich hinein, wurde immer enger und schloß sich stets fester und praller um die Beine. Schon reichte sie nicht mehr bis an die Knöchel und ließ die Schuhe völlig frei. Auch die Rockärmel waren auf der Wanderschaft begriffen und zogen sich still und sacht nach den Achseln hinauf. Eng wie ein Trikot schnürte sich das Gewand fest und prall um den Leib zusammen.
Ein frecher Bengel pflanzte sich mit ausgegrätschten Beinen vor Peter auf und lachte ihn aus: „Herrje, der dumme Aujust aus ’m Zirkus! Se wolln wol ne Vorstellung jratis jeben, Männeken?“
Auch Peter sah und tastete mißtrauisch an seinem Jägergewande herunter und schüttelte mit dem Kopf: „Merkwürdig. Wie das nur kommen mag?“ Auch ich stand vor einem Rätsel und konnte ihm weiter keine Auskunft geben. Der Schrumpfprozeß aber machte in den nächsten Tagen geradezu reißende Fortschritte. Immer mehr nahmen Rock und Hose durchaus alle Formen eines den Gliedern eng sich anschmiegenden Badeanzuges an, und kleiner, kleiner wurden Ärmel und Beinkleider und reichten bald nur noch eben über die Ellbogen und Knie hinweg, Auch lösten sich plötzlich und völlig unerwartet ohne weiteres größere und kleinere Stoffteile aus der Umgebung los und ließen nur noch Löcher sehen.
Ich muß bekennen, daß ich in diesen Tagen, wenn Peter zum Spazierengehen aufforderte oder wichtige Gänge für seine Zeitschrift zu tun hatte, stets neue Gründe besaß, notwendig zu Hause bleiben zu müssen. Es regneten nach meinen Behauptungen die Aufträge, Feuilletons zu schreiben, geradezu auf mich herab. Besorgt aber blickte ich auch stets meinen lieben Gefährten an, wenn er glücklich wieder heimkam. Er war dann merkwürdig hochrot im Gesicht, blickte arg verdrießlich und beschämt drein und sah mit. geradezu feindseligen Augen, soweit Peter feindselig blicken konnte, an seinem Normalgewand à la Jäger herunter. Eine Woche war seit jenem denkwürdigen Tage verflossen, da Paeschke mit fünfhundert Mark zu ihm gekommen war und er in der „Goldenen 110“ sich das köstliche Wollregime-Juwel erstanden hatte, da kam er besonders erregt von einem seiner Geschäftsgänge zurück. Er sprach von einem Zusammenstoß mit einem Polizeimenschen. Es wäre verboten, sich im Badekostüm öffentlich auf der Straße zu zeigen. Das verstoße wider den Anstand und die Sittlichkeit. „Wollregime! Normalkleidung! Nie wieder!“ lachte Feter bitter auf, riß sich im Handumdrehen Rock, Weste, Hose vom Leibe und warf sie zusammengeknüllt in die Ecke. Von neuem schlüpfte er wieder in meinen alten, alten schwarzen Gehrockanzug, dehnte sich zwei Minuten lang besonders wohl und behaglich darin und lächelte dann, in höchsten Maße glücklich und verklärt: „Ich habe aber etwas mitgebracht…“
Ja, er hatte etwas mitgebracht. Trotz aller goldenen Hundertzehner und ihrer 65-Mark-Schleuderpreise gab er einen herrlichen, von wunderbaren Begeisterungen, durchloderten, feierlichem und weihevollen Abend. Auf seinem Höhepunkte öffnete Peter, langsam ein großes, schweres Paket und reichte mir ein Päckchen Zeitungsblätter herüber, im Großformat politischer Tageszeitungen. Sie rochen noch ganz frisch nach Druckerschwärze.
Einen Blick auf das Papier, und mit einem hellen Freudenschrei hopste ich vom Stuhl in die Höhe. In einem fort schüttelte und drückte ich Peter die Hand, beide Hände und stammelte, jauchzte ihm Glückwünsche zu. „Herrlich, herrlich“, sagte ich. „Und wie rasch das gegangen ist. So schnell hätte ich doch nicht gedacht.“ – „Ja“, meinte er mit der Miene eines vornehmen, durch und durch soliden Kaufmanns, „wenn man alles gleich bar bezahlt auf Heller und Pfennig, die Hälfte im voraus, dann machen die Leute schon Beine. Das tun natürlich die andren Verleger nicht, auch nicht die reichsten.“ Das Wort „die andern Verleger“ schmeckte und kostete er langsam mit der Zunge aus und sonnte sich in seinen Farben und seinem Leuchten.
Ja, da hielt ich sie nun wirklich in meinen Händen, die neue Zeitschrift, erster Jahrgang, Nummer I:

Kritisches Schneidemühl
Wochenschrift für Dichtung, Kunst und Kritik
Herausgeber: Peter Hille

Aber dann gab es mir plötzlich einen tiefen Stich ins Herz, ich fühlte, wie ich ordentlich bleich wurde, und sah erschrocken den Freund an. Zuerst wagte ich gar nicht zu sprechen. Aber wissen mußte er es doch. Und weit ausholend fing ich behutsam ganz allgemein zu schimpfen an, über den ewigen, ewigen Plageteufeln aller Buch- und Zeitungsschreiber, über blödsinnige Setzer und hinterlistige Korrektoren. „Hast du es, denn selber gar nicht bemerkt, unglückliches Menschenkind. Hast du denn selber nicht die Korrektur gelesen?“ schrie ich zuletzt Peter an. „Das ist ja ein haarsträubender Druckfehler, der in die Literaturgeschichte noch übergehen wird, wie der in Uhlands erster Gedichtsammlung Leder seid ihr meine Lieder, während doch der Dichter seine Lieder als Lieder bezeichnen wollte.“
„Ein Druckfehler?“ fragte Peter aufhorchend. „Wie? Wo denn?“
„Ja, bist du denn blind? Gleich die beiden ersten Worte; denke doch nur, die ganze, dicke, fette Überschrift in den Riesenlettern. Da steht ja wirklich und wahrhaftig: ,Kritisches Schneidemühl‘…“
„Allerdings! Hast du vielleicht etwas dagegen einzuwenden?“
„Aber das ist doch Unsinn. Das muß, das soll, das kann doch nur ,Kritische Schneidemühle‘ heißen. An eine Schneide-, eine Sägemühle hast du doch gedacht, die alles kurz und klein macht. Schneidemühle der Kritik. Ein durchaus guter, vortrefflicher Vergleich…“
„Ja“, antwortete Peter und sah mich etwas mitleidig an. „Genau dasselbe haben mir die Setzer auch gesagt. Allerdings, auch an eine Schneidemühle habe ich wohl gedacht. Aber sehr neu und originell“, triumphierte er, „wäre das nun gerade nicht gewesen.“
„Schneidemühl! Schneidemühl! Aber das ist doch eine Stadt in Posen, Regierungsbezirk Bromberg, hat ein Oberlandesgericht. Man müßte ja beinahe glauben, du meintest…“
„Natürlich meine ich Schneidemühl, die Stadt Schneidemühl. Sächlichen Geschlechts! Darum ,Kritisches Schneidemühl‘…“
Fassungslos und starr sah ich ihn an. An langen Stielen krochen meine Augen aus ihren Höhlen hervor. Umsonst suchte ich nach den Zusammenhängen zwischen der Stadt Schneidemühl und Peter Hilleschen Literaturzeitungen und Kritiken.
Aber Peter hielt mir einen halbstündigen Vortrag darüber, wie sich auf vielen Umwegen und Stationen alle Literatur in Kritik, alle Kritik in eine Schneidemühle und diese in die Stadt in Posen leicht und notwendig umwandeln konnte. Das Oberlandesgericht war der letzteren höchste Auszeichnung. Solch ein Oberlandesgericht wollte auch die neue Zeitschrift sein. Und nur 14000 Einwohner besaß die Stadt. Da verstehen sich die Leute besonders darauf, die lieben Nächsten durchzuhecheln und ihnen gründlich den Kopf zu waschen und so weiter. Peter entwaffnete mich, und als ein völlig Bekehrter konnte ich ihm nur zustimmen. Es war kein Druckfehler. Einzig und allein „Kritisches Schneidemühl“ mußte und durfte die Zeitschrift heißen.
Am nächsten Morgen gings eifrig an die Arbeit. Ich hatte die Ehre mitzuhelfen. Die ersten Exemplare wurden für die Post zubereitet und mit Adressen versehen, um den Weg zum Herzen des deutschen Volkes zu finden. Selbstverständlich war Peter das alles in einem: Herausgeber und, wie man damals noch allein sagte; Redakteur, sein einziger Mitarbeiter, Verleger, Paker, Kommissionär und Sortimenter. Es galt Rezensionsexemplare an die Zeitungen zu senden und Probenummern an alle Freunde und Bekannte sowie an die hervorragenden Größen der Literatur, um sie zum schleunigsten Abonnement zu verlocken. Hundertundfünfzig Postsendungen, jede ganz richtig mit einer Dreipfennigmarke beklebt, lagen zuletzt sauber aufgestapelt vor uns. Hurtig wurden sie zur kaiserlichen Behörde geschafft, und auf dem Heimweg verschwanden wir zuerst noch in einer Weinkneipe, um bei einer Flasche Rotspon den festlichen Tag würdig zu begehen, Der Himmel hing voller Geigen, Trompeten, Flöten und Klarinetten, voller Trommeln und Pauken.
Und wahrlich, die heißen Segenswünsche, die wir „Schneidemühl“ auf seinen ersten Weg mitgegeben hatten, schienen erhört zu werden. Ganz unerwartet rasch kam die erste Antwort, ein jubelndes Echo. Schon am zweiten Tage später stürzte Peter aufgeregt, mit selig leuchtenden Augen in mein Zimmer, machte ein paar Luftsprünge und warf mir einen Brief auf den Tisch: „Da lies! Der erste Abonnent! Und was für einer!“
Schon war ich in die Lektüre versunken. Ein Schreiben, acht Seiten lang. Wirklich, Peters Aufregung, Jubel und Freude darüber war das Selbstverständlichste von der Welt. Über und über strömte der Brief von lodernden Begeisterungen und heißen Bewunderungen. Ein Kenner sprach. Er nannte Peter einen Hamann Magus redivivus. Er feierte ihn als den originellsten Kopf der Gegenwart, der wie kein anderer in die tiefsten Geheimnisse des dichterischen Schaffens hineingespürt habe. „Wir müssen uns näher kennenlernen, wir müssen Freunde werden, wir gehören zusammen“, hieß es in dem Brief. Ein Ereignis wäre das Erscheinen des „Kritischen Schneidemühls“. Alle Zukunft würde davon sprechen. Wie eine Fanfare tönte das Wort hinein in die Sticklüfte der Literatur von heute. Eine Zeitschrift wie diese wäre schon immer die tiefste Sehnsucht und das lebendigste Bedürfnis der jungen Dichter gewesen. Um sie werde sich die ganze neue Generation scharen. „Ich wäre glücklich, wenn ich Ihr erster Abonnent wäre. Aber senden Sie mir umgehend noch vorläufig weitere fünfundzwanzig Exemplare, um damit in meinen Kreisen für das herrliche Blatt weiter zu werben“, sagte der Briefschreiber.
Mit pochendem Herzen hatte ich gelesen. „Wunderbar, wunderbar“, konnte ich nur stammeln, und drückte Peter fest und innig die Hand. „Gratuliere, gratuliere. Vivat sequens !“
„Ja, wohl tut es schon“, antwortete er leise und ergriffen. „Besser als in meiner Zeitschrift konnte ich das Geld wohl nicht anlegen. Dessen bin ich jetzt vollkommen gewiß. Wenn ein solcher Mann mir solch ein Zeugnis ausstellt…“
„Detlev von Liliencron!“ nickte ich. „Wahrhaftig, darauf kannst du stolz sein. Voilà un homme!“
„Detlev Freiherr von Liliencron“, wiederholte Peter. „Ich möchte mich am liebsten gleich hinsetzen und ihm rasch wenigstens eine Karte schreiben, ein ganz knappes Aphorisma nur. Ach was… Ich werde ihm einfach schreiben, was – du weißt ja – Victor Hugo mir damals auf einen bewundernden Brief antwortete: ,Vous êtes un homme.‘ Auch Liliencron ist einer! Kurz, knapp und schlagend möchte ich ihm auf einer Postkarte nur diese vier Worte schreiben, natürlich auf deutsch: ,Sie sind ein Mensch.‘“
Selbstverständlich, an diesem Tage arbeiteten wir nicht weiter. Peter war zu selig, zu aufgeregt. Die Abonnentengelder strömten in völlig erdrückender Fülle über ihn herein. Da konnte man es sich schon leisten. Bald saßen wir bei einer Flasche perlenden Sektes, und diesmal hatte der reiche Verleger und Zeitungsherausgeber sogar auch gleich zwei richtige Champagnerkelche mitgebracht. Immer wieder leerten wir das Glas auf das Wohl Liliencrons und tranken ihm im Geiste zu. Wir schwärmten von seinen Gedichten. „Ecce poeta!“ sagte Peter.
Liliencrons Dichtergestirn war damals gerade am Himmel aufgestiegen. Seine erste Gedichtsammlung hatte vor kurzem das Licht der Welt erblickt. Alle Jungen horchten auf. Ein ganz Echter, ein vor allen Geweihter war unter ihnen erschienen. Auch wir verehrten und bewunderten ihn, und er hatte sich uns tief in die Seele hineingesungen.
Freilich, das war schon ein Glückspilz – dieser Liliencron! Mit vollen Händen hatte Fortuna alle ihre Gaben über ihn ausgeschüttet. Nicht nur die Musen bedeckten ihn mit ihren heißen Küssen. Gerade alles das auch, was wir am wenigsten besaßen, war ihm in verschwenderischer Fülle zuteil geworden. Himmel, Himmel, war der reich! Eine Welt der Verschwendung leuchtete in seinen Gedichten lockend und berauschend auf. Eine Verschwendernatur durch und durch. Auch darin ein echter Poet. Mit vollen Händen streute er das Geld nur so über die Straßen. Natürlich auch ein Don Juan!
Wer konnte einem solchen Glückskind widerstehen? Die Weiber liefen ihm nach. Trunken lagen Gräfinnen und Fürstinnen in seinen Armen, doch auch Mine und Stine teilten mit ihnen seine Gunst.
Am nächsten Morgen war Peter schon ganz früh bei mir. „Ja, was mir plötzlich gestern abend durch den Kopf ging“, begann er sofort. „Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht. Ich glaube, du wirst mir recht geben. Nummer 2 muß natürlich unbedingt in acht Tagen fertig vorliegen und gleich auch verschickt werden…“
„Gewiß! Vollkommene Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit ist bei einer Zeitung die erste, notwendigste Bedingung.“
„Manuskript,“ habe ich selbstverständlich in Hülle und Fülle“, fuhr er fort. – „Aber – aber“, er schüttelte mit dem Kopf und blickte etwas sorgenvoll-düster drein, „das Geld, das Geld, die verfluchte Schimäre! Ich weiß nicht, ob es für den Drucker noch reicht. Die Anzahlung kann ich ihr ja freilich noch geben… Aber dann später…“
Ich zuckte nur traurig mit den Achseln und wußte keinen Rat. „Ja, Peter…“
Seine Augen aber strahlten um so heller und vergnügter: „Siehst du, das ist ja gerade der gute Gedanke, der mir noch gestern durch den Kopf ging. Wahrhaftig, ein Einfall, den mir ordentlich der Himmel gegeben.“
Gespannt, erwartungsvoll blickte ich ihn an.
„Und der Brief, den ich gestern bekommen habe?“ triumphierte Peter. „Denkst du denn gar nicht an den? Liliencron! Wie du weißt, ist er doch einer der reichsten Großgrundbesitzer Deutschlands, ältester holsteinischer Uradel. Ein vielfacher Millionär. Und wahrhaftig kein Geizhals. Und wie sehr er für meine Zeitschrift begeistert ist, wie hoch er mich selber persönlich einschätzt, das hast du doch auch gelesen! Nun also! Daß ihm an der Erhaltung meiner Zeitung alles gelegen sein wird, davon bin ich fest überzeugt. Daß gerade er mein erster Abonnent ist, ich betrachte es als das günstigste Vorzeichen. Eine Stimme des Schicksals sehe ich darin…“
Schon Begann ich zu ahnen und atmete auf. Durch ein inbrünstiges „Ja“ ermutigte ich ihn, fortzufahren.
„Eine lächerliche Kleinigkeit ists doch für ihn. Lumpige hundert, hundertfünfzig Mark. Und ich pumpe ihn gewiß nicht an. Nein, nichts weniger als das. Kurz und gut, was meinst du? Ich schreibe ihm, daß wir beide gemeinsam die Zeitschrift herausgeben werden. ,Kritisches Schneidemühl, herausgegeben von Peter Hille und Detlev Freiherr von Liliencron.‘ Meinetwegen kann auch sein Name voranstehen. Es ist vielleicht sogar besser. Einen wertvolleren Mitarbeiter kann ich mir ja gar nicht wünschen. Natürlich darf ich ihm nicht zumuten, die gewöhnlichen Redaktionsarbeiten mit zu erledigen. Dafür würde sich natürlich der Herr Magnat schönstens bedanken. Das mach ich ganz allein. Das verstehe ich von Grund auf. Es genügt vollkommen, wenn er mir außer seinen Beiträgen nur noch einiges Geld telegraphisch zuschickt oder bei einer Bank anweisen läßt. Das wird zuletzt noch ein glänzendes Geschäft für ihn, wenn er es auch allerdings nicht nötig hat. Die Reingewinne könnten wir ja schließlich teilen…“
Bewundernd sah ich zu Peter auf: „Du bist doch ein großer Geschäftsmann. Da mögen die Leute sagen, was sie wollen. Ein ausgezeichneter Gedanke. Freilich, bei dem Briefe Liliencrons hing er geradezu in der Luft. Einen besseren Mäzenas als Liliencron kann man sich schon nicht ausdenken. Ich gratuliere, Peter, aus tiefstem Herzen.“
Lachend und sich selig die Hände reibend, lief er ein paarmal in der Stube auf und ab und stürzte sich dann auf Feder, Tinte und Papier, um sein Schreiben an Herrn Freiherrn Detlev von Liliencron so rasch wie möglich ins reine zu bringen. Es wurde sogar eingeschrieben und als Eilbrief abgeschickt. Heimkehrend von der Post, leichtbeflügelten Schritts, brachte Peter auch gleich zwei Flaschen strohumflochtenen Chiantis mit, der aus Champagnerkelchen noch besser schmeckte. Wir waren selig und feierten Stunden reinen Entzückens in immer höher gesteigerten Erwartungen des Geldes, das sich bald, bald über Peters Tisch ausgießen würde. Aus hundert, hundertfünfzig Mark wurden rasch tausend, zweitausend, fünf-, zehntausend Mark. Auch von einer, baldigen Fahrt auf eines der Rittergüter, Liliencrons träumte Peter.
Viel rascher noch als das vorige Mal kam diesmal der heißersehnte Brief. Fast mit Telegrapheneile. Der Eifer Liliencrons in der Beantwortung war geradezu ungewöhnlich und wahrhaft rührend. Wie tief mußte ihn das Angebot Peters ergriffen haben. Umgehend schrieb er. Welch ein günstiges Vorzeichen. Am nächsten Tage schon schwang Peter einen Eilpostbrief, sogar einen eingeschriebenen Eilbrief jubelnd in den Händen: „Er ist da! Er ist da!“ Drei Mark hatte er dafür aber auch gleich dem Briefträger in die Hand gedrückt. „So ist es also perfekt“, sagte er mit befreiter Seele und holte tief Atem.
„Lies du ihn zuerst!“ rief er, auf einen Stuhl sinkend. „Ich kann nicht. Ich bin zu erregt, zu glücklich. Man muß sich erst daran gewöhnen, so viel Freude des Lebens zu ertragen.“
Ich öffnete mit zitternden Händen. Dann aber leuchtete beim Überfliegen der Überschrift mein Auge auf. „Lieber Herr Hille! Teurer Meister!“ las ich.
Ich wiederholte die Anrede laut und nickte Peter ermutigend zu: „Na, siehst du?“
Er lächelte geschmeichelt und sprang dann mit einem Juchzer vom Stuhl auf. „Freilich, das klingt schon anders als vor ein paar Tagen noch… das kühle, nichtssagende ,Sehr geehrter Herr!‘ Ach, ich wußte ja, ein herrlicher Mensch ist er.“ Mit großen Schritten maß er die Stube ab.
Rasch überflog ich den Brief und ließ ihn still in den Schoß sinken. Hätte ein Glas Wasser auf dem Tische gestanden, so würde ich les mit einem Sturz hinuntergeschluckt haben. Mir wars, als wäre mir etwas in der Kehle steckengeblieben. „Nun?“ fragte Peter munter.
„Er hat deinen Brief überhaupt noch nicht bekommen. Er spricht kein Wort davon. Die beiden Briefe haben sich gekreuzt“, begann ich schonend, mit leiser, tröstender Stimme. „Jetzt erst wird er auch deine Epistel bekommen haben und liest sie vielleicht in derselben Stunde wie wir die seine.“
Einen Augenblick hatte Peter etwas enttäuscht dareingesehen. Dann aber war er wieder obenauf. „Freilich, freilich! Es konnte ja unmöglich schon eine Antwort auf meinen Brief sein. Das haben wir übersehen. Warten wir also noch einen Tag…“ Er blickte eine längere Weile vor sich hin. Ich wagte nicht, die Stille zu unterbrechen. „War es aber nicht ein eingeschriebener und ein Eilbrief?…“ fragte er dann.
„Ja, genauso, wie du einen an ihn geschickt hast.“
„Dann ist es aber doch ein ganz wichtiger Brief…“
„Gewiß! Er will dir in den nächsten Tagen Gedichte schicken. Soviel du haben willst. Auch Prosaskizzen, Novellen was du eben magst. Du kannst auf seine eifrigste Mitarbeit zählen…“
Peter taute wieder völlig auf und lachte fröhlich: „Herrlich! Herrlich! Natürlich, soviel er will! Gerade darum hatte ich ihn ja selber gebeten! Wie sich doch unsere Wünsche begegnen! Er soll doch gleich auch Mitherausgeber werden. Ha, das ist allerdings ein wichtiger Brief, der all unsere Unterhandlungen beschleunigt und fördert. Jetzt ist mir nicht einen Augenblick mehr bange. Wir gehen Hand in Hand. Wir haben ein gemeinsames Interesse. Die paar tausend Mark sind sicher…“
Mit hilflosen jammernden Augen blickte ich ihn an und griff nach seiner Hand, sie leise streichelnd: „Lieber, lieber, guter Peter… lmmer nur Mut… Kopf auf!!… Uns kann nichts passieren…“
„Da hast du recht“, lachte er fröhlich. Er hatte mich nicht völlig begriffen.
„Ja… und… und… wie soll ichs dir nur sagen? Halte dich um Gottes willen fest, Peter… Er… er… Liliencron pumpt dich an Vorschuß sollst du ihm schicken… auf seine Gedichte… Hundert Mark … Telegraphisch, wenn eben möglich…“
Da taumelte Peter zurück und starrte mich an mit weit aufgerissenen Mund und Augen. „Mach doch keine dummen Scherze“, wehrte er nach einer Weile ab.
„Keine Scherze – leider nicht! Hundert Mark – telegraphisch! Er hält dich für sehr… sehr reich. Als Herausgeber einer eigenen Zeitschrift wäre es dir eine Kleinigkeit…“
Peter faßte sich an die Stirn.
„Ich soll… Liliencron… Dem Millionär… dem Großgrundbesitzer … hundert Mark… Unmöglich!…“
Er riß mir den Brief aus der Hand und las ihn einmal, zweimal. Dann legte er ihn auf den Tisch zurück, wehmütig, in allen Hoffnungen, geknickt und zusammengebrochen: „Es ist so… Ich soll ihm… hundert Mark… telegraphisch…“
Ein langes dumpfes Schweigen herrschte im Zimmer. Man hörte das Summen der Fliegen. „Es scheint ihm genauso zu ergehen wie uns, er hat selber nichts“, sagte Peter endlich, die Ergebnisse seines Nachdenkens in wenige Worte zusammendrängend.
„Das glaube ich auch.“
„Und fährt immer vier- und sechsspännig…“
„Ecce poeta! Er lebt von der Phantasie, genau wie wir…“
„Ich würde ihm ja gern helfen“, fuhr sich Peter verzweifelt in die Haare und sprang vom Stuhl auf, stieß ihn um… „wenn er es mir vor acht Tagen geschrieben hätte, als ich die fünfhundert Mark bekam… Aber jetzt… gerade jetzt…“
Ich richtete ihn auf und tröstete ihn: „Er wird sich schon durchbeißen, wie du und ich…“
„Kritisches Schneidemühl“ aber mußte leider, sein weiteres Erscheinen einstellen. Liliencron war sein erster und einziger Abonnent gewesen. Der „Vivat sequens“ stellte sich nicht ein. Und der Abonnent bezahlte nicht. Peter drang auch nicht darauf. Darin waren beide gleich großzügig…

Julius Hart, in: Reclams Universum, Heft 37, Leipzig, 13. Juni 1929

Peter Hille. Gestorben am 7. Mai 1904

Ich schrieb ein ganzes Buch über Peter Hille und noch so vielerlei und einmal einen Essay, der hieß: „Warum Peter Hille unsichtbar war?“ Ob es mir gelang, seine göttliche Eigenschaft den Lesern zu offenbaren? Fast jeder zumutet sich, nur zu glauben, was er mit dem Auge sieht, mit dem Ohre hört, und dem Gefühl des Herzens mißtraut er. Nur wenigen kündet ein starker gläubiger Nerv entrückte Stunden. Niemals zweifelte ich an der Prophetie Peter Hilles. Er wandelte über unserer Erde wie Nebel, durch den, wenn er sich lichtete, man die Gestirne am Tage leuchten sah. Er war ja selbst ein Gestirn, Meteor stieß er von sich! Zur heimatlichen Tragik paßt es noch immer, den Propheten im Vaterlande nicht gebührend zu würdigen. Wenigstens nicht zu seinen Lebzeiten. Selbst an die Wunder, die heilige Menschen verrichteten – gewöhnte man sich. Der Wunder größtes, das allein schon die Anwesenheit des auserwählten Menschen vollbrachte „Frieden“ –  kam der Umgebung kaum zu Bewußtsein. Peter Hille war einer der auserlesenen Gäste dieser Welt; wohin sein Herz sich wandte, ordneten sich Unebenheiten. Sein Erscheinen schloß Versöhnung in sich. Ein weit gewaltigeres, umfassenderes Wunder, als das begrenzte Wunder. Darum weigerte sich, dünkt mich, auf der Hochzeit von Kana, Jesus, der ewige Nazarener, zeitliche Wunder zu verrichten. Zoll, den der Heilige, sich zu beweisen, entlehnen muß. – Ich liebte es, wenn die Menschen, selbst die Freunde, wie ich es tat, vor Peter Hille auf einer Marmorstufe verharrten. Der liebreiche Dichter Peter Baum und ich bekränzten ihn. Gerhart Hauptmann strahlte wie ein beschenkter Knabe, als Peter Hille ihn besuchte. Weihnachten trat in sein Zimmer. – Peter Hille sprach wenig, aber schon ein einziges Wort aus seinem Munde erzählte eine ganze Erzählung, war eine Weihsagung, ein Segen, eine Dichtung, eine Feuerrose, aber auch ein Wetter, ein Sommer, ein ganzer blauer Himmel. Mitmenschen pflegen bequem und gerne den größeren Mitmenschen verblüfft, einfach „ein Kind“ zu nennen! Verwechseln sich selbst mit Vorliebe mit dem Weiseren. Aber die Kinder, noch dumpf und verborgen in sich, ließen ihre kleinen Schaufeln und Eimerchen in den Sand auf den Spielplätzen fallen, wenn sie den großen Wolkenmann nahen sahen. Aber wenn er lächelte, leuchteten alle die kleinen lieben Gesichtchen und selbst das große Sonnengesicht oben am Himmel. Er stand schon vor Gott: Dieses Mal auf Erden, machte er seine letzte Inkarnation durch. Peter Hille glaubte an die öftere Einkörperung der Seele, die sich im Hause des Leibes vollenden soll. Er liebte seine Brüder, die Propheten. Innig sprach er mir auch oft von der Weisheit Buddhas; man hätte ihn selbst nach der Art seiner hohen Bewegens-Einigkeit für einen Inder halten können, er ruhte in sich wie Nirvana: „Was ist das?“ Und nicht: „Wer ist das?“ fragten die Menschen, die ihn sahen.

Else Lasker-Schüler, Die Sendung, Nr. 18, 1929

PETRUS DER FELSEN

Ich war aus der Stadt geflohen und sank erschöpft vor einem Felsen nieder und rastete einen Tropfen Leben lang, der war tiefer als tausend Jahre. Und eine Stimme riß sich vom Gipfel des Felsens los und rief: „Was geizt du mit dir!“ Und ich schlug mein Auge empor und blühte auf, und mich herzte ein Glück, das mich auserlas. Und vom Gestein zur Erde stieg ein Mann mit hartem Bart- und Haupthaar, aber seine Augen waren samtne Hügel. Und kleine Kobolde kletterten über seinen Rücken und beklopften ihn mit ihren Hämmerchen und nannten ihn Petrus. Und wir stiegen ins Tal hinab und der Mann mit dem harten Bart- und Haupthaar fragte mich, von wo ich käme – aber ich schwieg; die Nacht hatte meine Wege ausgelöscht, auch konnte ich mich nicht auf meinen Namen besinnen, heulende hungrige Norde hatten ihn zerrissen. Und der mit dem Felsennamen nannte mich Tino. Und ich küßte den Glanz seiner gemeißelten Hand und ging ihm zur Seite.

PETRUS ERINNERT MICH

„Nun sind wir ein Sternenleben zusammen gewandert“, erinnerte mich Petrus – „und du hast mir nie meinen Namen genannt.“ Und ich sagte: „Jeder Nachtwolke, jedem Tage habe ich Deinen Namen genannt und die Sonne hat ihm einen Altar gestickt… und einmal wird mich ein Leben Menschen wie Mauern umschließen, die Deinen Namen hören wollen.
Und meine Stimme wird ein Ozean sein Du heißt wie die Welt heißt!“
Petrus nickte, und als ich zu ihm aufsah, strahlten unzählige Firmamente aus seinem Angesicht, und es war grenzenlos, und ich mußte mich abwenden um nicht blind zu werden Aber ich fühlte meine Kraft die sich losstieß, und ich bäumte mich und streckte mich, und meine Augen blieben weit vor all der Majestät.

Else Lasker-Schüler, aus: Jeder Vers ein Leopardenbiss. 9. Almanach aus Anlass des 20jährigen Bestehens der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, Peter Hammer Verlag, 2011

Durch Peter Hille neugeboren

Sie waren eines der auffallendsten Paare der deutschen Literaturgeschichte: Der „Literaturzigeuner“, „Weltpilgrim“, „Prophet“ und „Apostel“ Peter Hille (1854–1904) und die Dichterin Else Lasker-Schüler (1869–1945). Er nennt sie „schwarzer Schwan Israels“ und „Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist“. Mit ihrem Peter Hille-Buch setzt Else Lasker-Schülers fruchtbarste Schaffensperiode ein.
Die Sprache, in der Else Lasker-Schüler 1906 des verstorbenen Peter Hille gedenkt, ist unmissverständlich. Der einleitende Text ihres Buches heißt „Petrus der Felsen“, und so schildert sie ihre erste Begegnung mit ihm:

Ich war aus der Stadt geflohen und sank erschöpft vor einem Felsen nieder und rastete einen Tropfen Leben lang, der war tiefer als tausend Jahre. Und eine Stimme riß sich vom Gipfel des Felsens los und rief: „Was geizst Du mit Dir!“ Und ich schlug mein Auge empor und blühte auf, und mich herzte ein Glück, das mich auserlas.

Es ist Peter Hille, der aus der Höhe zu ihr herabsteigt, und gemeinsam gehen sie ins Tal hinunter:

[Er] fragte mich, von wo ich käme – aber ich schwieg; die Nacht hatte meine Wege ausgelöscht, auch konnte ich mich nicht auf meinen Namen besinnen, […] der mit dem Felsennamen nannte mich Tino. Und ich küßte den Glanz seiner gemeißelten Hand und ging ihm zur Seite.

Die hier gestaltete Szene läßt sich biographisch einordnen. Um die Jahrhundertwende bricht Else Lasker-Schüler aus den Grenzen des Bildungsbürgertums aus; sie hat ihren ersten Mann, den Arzt Berthold Lasker, verlassen; der Kreis um den Dichtervaganten Peter Hille, der nie ein Haus besessen hat, bietet ihr eine alternative Lebensweise.
Aber mit Else Lasker-Schülers Erlebnis hat diese trockene Verortung nur ein äußeres Datengerüst gemein. Den Bruch, den sie um ihr dreißigstes Lebensjahr vollzieht, erfährt sie als mythologisches Ereignis. Sie flieht „aus der Stadt“, an einem Felsen rastet sie „einen Tropfen Leben lang, der war tiefer als tausend Jahre“: Das Leben gerinnt ihr zu seiner Urform, zu einem Wassertropfen, und seine tausendjährige Tiefe zeigt an, worum es ihr in Wirklichkeit geht – um den Eintritt in die Ewigkeit. Mit der Flucht aus der Stadt ist die Dichterin einem Tod entronnen, einer Nacht, die ihre „Wege ausgelöscht“ hat und in der sie sich zu verlieren droht. „Auch konnte ich mich nicht auf meinen Namen besinnen“, heißt es – erst der Mann aus den Bergen sagt ihr, wie sie fortan zu heißen hat, und dafür beschenkt sie ihn „mit dem Felsennamen“.
Sie nennt ihn Petrus, denn er ist ihr zum Erlöser geworden: Mit Hilles Gestalt verbindet sich für Else Lasker-Schüler eine Neugeburt. Das Motiv des Todes begleitet ihr Werk von Anbeginn. Ihren ersten Lyrikband nennt sie Styx, und drei Zeilen bilden seinen Titel:

O, ich wollte, daß ich wunschlos schlief
Wüßt ich einen Strom, wie mein Leben so tief
Flösse mit seinen Wassern

Überall gibt ihr Werk einem Todeswunsch Ausdruck, zugleich aber sucht es auch den Tod zu überwinden. Als sie Peter Hille begegnet und ihn zu ihrem Retter verklärt, hat sie ein Mittel gefunden, dem Tod das Leben gegenüberzustellen: Er hat sie aus der Nacht ihrer Verzweiflung befreit und macht es ihr möglich, eine poetische Wiederauferstehung zu feiern.

Jakob Hessing, aus: Jeder Vers ein Leopardenbiss. 9. Almanach aus Anlass des 20jährigen Bestehens der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, Peter Hammer Verlag, 2011

Steckbriefe

Was die meisten Dichter zuwenig haben, hat er zuviel: Gehirn. Und ist dennoch gar nicht klug. Man möchte fast sagen, er ist ein Genie. Aber was heißt das: ein Genie ohne Form? Das gibt höchstens einen Propheten. Aber selbst dazu ist er zu verrückt. Sagen wir, er ist eine Wolke oder, etwas gröber gesprochen, ein Quatschkopf, ein geniales Rührei, eine – Seele. Die Deutschen kennen ihn nicht, und wenn sie ihn kennten, würden sie sich wieder einmal, die Bäuche halten vor Lachen. In der Tat: ein Kerl, zum Schieflachen! Wirklich, meine Herrschaften, ein Heiliger lebt unter euch, ein Asket und Narr, ein Weiser und ein Vagabund, einer, der innerlich in allen Zungen redet, aber doch nur lallen kann, ein Wahnsinniger, der unendliche Reichtümer hat und vor den Garküchen bettelt, ein gutes drolliges Kind, das plötzlich psalmodiert.
Der Steckbriefschreiber möchte von allen deutschen Dichtern nur ihn kennenlernen und kennt doch nur zwei glänzend hilflose Bücher von ihm, von denen das eine (Die Sozialisten) längst den Weg aller Makulatur gegangen ist. Vielleicht existiert er aber gar nicht. So etwas Unglaubliches ist in seinen Büchern, daß man glaubt, sie seien nicht von einem, der da lebt.

Martin-Möbius (Pseudonym für Otto Julius Bierbaum), Steckbriefe, 1900

Unpolitische Erinnerungen

Am 1. Januar 1901 bezog ich, nunmehr professioneller deutscher Dichter, ein Zimmer in der Wilsnacker Straße. Ich kannte nun schon verschiedene Berühmtheiten persönlich und konnte die Namen, vor denen ich mich bisher verbeugt hatte, mit den Menschen vergleichen, die ihre Träger waren. Die ersten Veranstaltungen der Neuen Gemeinschaft, an denen ich teilgenommen hatte, führten sofort Bekanntschaften herbei. Heinrich Hart stellte mich seinem Bruder Julius vor. Ich wurde zur Betreuung dem Photographen Fritz Löscher übergeben, einem Bekenner konsequentesten Tolstoianertums, dessen schöne Frau Ida die erste Werkstatt für moderne Frauenbekleidung eröffnet hatte, aus welcher in meiner Erinnerung alle die violettsamtenen hängenden Gewänder der dem Reiche der Erfüllung zustrebenden Damen hervorgingen. Durch Löscher lernte ich die Gemeinschaftsanhänger kennen, die dem „Orden vom wahren Leben“ sozusagen als dienende Brüder die Kleinarbeit besorgten, Arbeiter und Künstler, auch Kaufleute, junge Mädchen und Idealisten aller Art. Sie hielten im Architektenhause Tür und Kassenwacht, führten die Vortragsbesucher zu ihren Plätzen, verkauften Broschüren und verteilten Zettel und Programme.
Einer der Handzettel stellte einen Sonderdruck eines Gedichtes an Böcklin dar, der eben gestorben war. Es war von Peter HilIe, von dem ich höchstens einmal den Namen gelesen haben mochte. Das Gedicht war prachtvoll, man erlebte darin die ganze Phantasie der Böcklinschen Schöpfungen, und das seltsame Pathos der lose gebundenen Rhythmen mit der Häufung kühner und unbeschreiblich sinnfälliger Wortbilder – „Ein frohes Tosen wiehert der Stromsturz nieder“, „… des Wageblutes Scharlachtürme…“, „… zypressendichter Schlaf…“ – ergriff mich mächtig. Der Dichter aber, den bartumwallten riesigen Kopf mit den verträumten Kinderaugen gnomenhaft, über dem zarten schlanken Körper, begrüßte die Helfer am Türeingang und gab, seinen Namen nennend, auch mir die Hand, eine zierliche, durchsichtige, verblüffend kleine Frauenhand. Wir gingen miteinander vom Architektenhaus zu Fuß nach Hause, das heißt, ich begleitete ihn zur Kesselstraße, lief noch eine Stunde im Gespräch mit ihm die Chausseestraße auf und ab und schwenkte dann nach Moabit heimwärts. Wir waren Freunde geworden.

Erich Mühsam

DEUTSCHE DICHTER SEIT HEINRICH HEINE

Bist doch ein Seher und Germane
Uralter Art, ein Runenahne,
Brausenden Elementen vertraut
Wie der Sehnsuchtsseele der Menschenbraut.
Feinere Schwingung des Weltalls zu fühlen
Bist du begnadet, wirkender spülen
Wellen des Ozeans um deine Stirn,
Wahrer prägt sich die Welt in dein Hirn.
Ja, wir sahen dich manchmal
Waldesdämmer im Abendstrahl
Mit lärmscheuern Schritt durchschweifen
Und nach tanzenden Sonnen greifen,
Die du mit rascher Zauberhand
In dein witterndes Wort gebannt.
Ließest triefen auf weiße Fetzen
Purpurgoldenes Lichtergötzen,
Schreiber im Scharlachmantel du −
Und das Einhorn staunte dir zu.

Karl Henckell, Die Literatur, o.J.

DER KÖNIG DER APHORISMEN (DEN WESTFALEN)

In der Zeit des jungen Lenz und Goethe,
Im März des Straßburger Sturm und Drang
Zur Stunde der feurigen Morgenröte,
Der jungen Kampf-Sturmliteratur,
Da blühte manch geistige Kraftnatur,
Auch ein gewaltiger Magus im Norden.
Der hatte Gott-Zelte aufgemacht
An des frischen Haffes herben Borden
Und dekretierte bei Tag und Nacht.
Es war ein Weiser der siebenten Stille,
Er sprach viel pythische Orakelworte −
Hamann hieß der Mann, magisch sein Wille.
Stand starr an der Dichtkunst Tempelpforte,
Um ihn die Sturm- und Drangkohorte
Mit wildem Toriho und Toribo:
Hie Elefant, hie Mondkalb, hie Floh…
Auch heut ist das nicht anders geworden,
Um uns tobt ein neuer Sturm und Drang
Und geht zu neuem Gral der Gang.
Auch heut lebt an Spreas grünen Borden
Ein Mann wie einst der Magus im Norden.
Er schmiedet goldne Aphorismen,
Ein wackrer Todfeind aller Ismen,
Ein goldner Magier, nennt sich Hille,
Ein weiser Mann der siebten Stille.
Das Christus-Antlitz rotbebartet,
Das bleiche Antlitz ätherklar:
Ist dieses Hirn, kleistisch geartet,
Gar sonderbar, gar wunderbar.
In ewger innrer Zwiespaltkraft
Sich diese Seele Leiden schafft −
Fehlt doch der Dämon Leidenschaft.
Die Haltung genial-salopp −
Die Welt geht ihren Hundsgalopp −:
Still schreitet in die große Stille
Ein Mann des Worts, ein Held der Stille,
Der Aphorisme König Hille.

Wilhelm Arent, Deutscher Musenalmanach für das Jahr 1997

PETER HILLE ÜBER SICH SELBST

Peter Hille: Der moderne Aristophanes.
Ich bin geworden, weiß nicht wie.
Ich bin nahe bei den Dingen, darum bin ich Dichter.
Was ich will, muß mehr sein, als was ich leide.
Was habe ich daneben gedacht! Die letzten Gedanken!
Ich komme zu keiner Befreiung, zu keiner Erlösung, weil im Leben nicht, so auch in der Dichtung nicht.
Auch zu schwerfällig, zu ungelenk zur Brotarbeit.
Ich will lieber kein Agitator sein; ein Agitator kommt ohne Unsinn nicht aus, wenn für sich, so doch für die Menge nicht.
Ich habe zu viel Peripherie, mir fehlt das Zentrum.
Ich habe zuviel studiert und gestrebt; was gut, was Ruhen ist und bedeutend und wert ist, ich weiß es nicht mehr. Ein Irrenhaus von Dichtern und Kritikern; ich will lahm gehen!
Mein Reichtum kann doch nur wie ein Tag über mich hinweggehen zum Gebrauch.
Geben Sie mir ein Sacktuch, meine Herrschaften, und der Poet ist ein Hexenmeister.
Mein letzter Roman ist die Geschichte, mein Epos die Menschheit.
lch will nichts loben, das nicht Bestand hat, und ich will nicht gelobt sein; nur wünsche ich die Anerkennung, daß ich auf dem rechten Wege bin, durch bewährte Männer, die denselben gehen. Das gibt Mut und Gesellschaft. Ich wünsche meine Leistungen anerkannt und meine Fehler gerügt.
Nur innerhalb der Wahrheit kann ich vergnügt und ruhig sein. Ein Zusammenordnen, Zusammenfinden soll aus Schreiben, Lesen und Beurteilen hervorgehen.
Aus unserem Herzblut muß die Dichtung kommen. Es spricht das Wort, es wird mächtig in meiner Seele, von allen Seiten, es erhebt sich und könnte mir noch das Glück bringen.
Gedanken sind im Gehirn, die ich nicht hineinlogiert habe.
Und muß ich sterben, wie ich sitze, hinweg vom Platze, wo ich nur bin; ich muß doch irgendwo unsterblich sein.
Eine kraftvolle Phantasie ist zum Dichten notwendig. Wenn ich nicht Cäsar, die Sappho, den Catull, den Tibull, den Properz mir vor die Sinne bringen kann; wenn ich das Gastmahl Platos sehe, den großen, kahlköpfigen Aristophanes, den blonden Schiller und den schwarzäugigen Goethe, dann ist mein Werk nicht ehrlich, dann kann ich den Philistern nicht ausweichen, die uns überall im Wege hängen.
Meine Kunst ist, das Leben im Zirkel meiner Arbeiten zusammenzuzwingen.
Nach Auftrag, nach Thema gehen kann ich nicht gut. Auf dem Thema kaum eine halbe Seite, da hab ich schon sechs Bogen eigener Strömung. So muß ich das immer wieder anhängen, und es wird unförmlich.
Meine Haare haben mehr Branntwein getrunken als mein Mund. Laßt euren Kopf den Branntwein trinken, es ist besser.
Wenn ich nicht gut bin, können es andere nicht sein oder werden?
Bei sich sein und die Möglichkeiten des Vollendens haben, das genügt mir.

Peter Hille

 

Peter Hille (1854–1904)

„kam ausgehungert zu mir, und ich drückte ihm meine letzten vierzig Pfennige in die Hand, damit er für seines Leibes wohlergehen sorgen solle. Doch fand ich ihn am Abend tiefversunken über zwei Reclamheftchen, für die er den Schatz angelegt hatte“, schreibt Julius Hart. – Hille erinnert sich lange nach seinem Tode an Corinth, der ihn für 37,- Mark Modellgeld malte. An Else Lasker-Schüler, die an seiner Hand ging. An Hugos Brief: „Vous êtes un homme.“ An Martin Möbius, der ihn ein geniales Rührei nannte, als er ihn 1900 steckbrieflich beschrieb: „Die Deutschen kennen ihn nicht, und wenn sie ihn kennten, würden sie sich wieder einmal die Bäuche halten vor Lachen.“ Der in Lebensstil und Dichtung so herrlich weit weg war vom Prunk der Gründerzeitfassaden und der Militärparaden, Hille, hört (lächelnd), daß Bobrowski das Gedicht „Der Sonne Geburtstag (Bei Goslar)“ in seine handgeschriebene Anthologie aufgenommen, daß G.B. Fuchs ihm ein schönes Gedicht geschrieben hat. Hille freut sich über Hille bei Reclam.

Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, Klappentext, 1981

Peter Hille: Ich bin, also ist Schönheit im Projekt Gutenberg – DE

 

Peter Hille in Friedrichshagen
für Johannes Bobrowski

Der Tag
hat seine Hunde zurückgepfiffen. Bleib zu Haus,
wenn du weißt, wo dein Haus ist. Der grüne Bettelwind
streicht um die Müggelberge herum. Baumblätter
mit alten Gesichtern
reisen über den Abend hin.

Seine Straße
endet im Fensterkreuz. Er hat keine Bleibe.
Er mißt meinen Schatten nach. Für einen roten Sechser
vermiete ich ihm
dieses Dach
und meine Strophen auf Zeitungspapier. Hille, nu mal
ganz ehrlich, wer soll det entziffern?

Von draußen
höre ich ihn. Arm und rettungslos freundlich,
spielt er Harmonika. Er wird mich
verfluchen, mein Affenherz
springt aus der Quetschkommode.

Günter Bruno Fuchs

PETER HILLE

moosgrün ausgeschlagne träume
mit dickem bismarckstift
ins cassabuch gekliert.
eine niedergeschmetterte weltstimme
mundverstummt im bettelgewand.
sternennächte unter freiem himmel
in tropfenüberglänzten laubgewölben.
der wind flockt distelwolle
auf die lagerstatt.
aus feuerfanfaren verzuckt das knistergold
wiedergefundenen lichts,
das von regenzerfurchten bergen rollt.
leben soll kommen.
die erste ackerlerche steigt:
querweltein stapft wortberauscht
durch schwalbenschnee und blütenschneisen
ein selbsterhalter leibeignen erdleids,
merlin als fahrender schüler,
kindverwandt in schattenloser zuversicht.
der lebenslauf des pilgrims funkelt
aphoristisch auf von tausend fetzen,
penibel gehortet in zettelsäcken,
expreßgut von überall
und nirgendwo ins kritische Schneidemühl.
leuchtend wird im lied das leid.

Wulf Kirsten

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor

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