TODTMOOS
In Todtmoos
sah ich in weißer leuchtender Schneeluft
schneepflückende Wesen fliegen.
Ich griff in den Flockenfall
und fing nur Kälte.
Schneenarben an den Felsen,
Wegzeichen wohin? Schriftzeichen,
nicht zu entziffern
Der mehrmals angekündigte und mehrmals zurückgezogene Gedichtband Die neunte Stunde von Peter Huchel ist nun endlich erschienen; es ist die vierte Gedichtbuchveröffentlichung dieses 1903 geborenen Lyrikers, ein schmaler Band, ungefähr vierzig Gedichte aus den Jahren 1972 bis 1979 enthaltend. Vor sieben Jahren kam der letzte Band heraus: Gezählte Tage. Schon dieser Titel artikulierte Huchels Verhältnis zur Zeit: daß sie bemessen ist, die Tage gezählt sind – die eigene Lebenszeit wird von Peter Huchel emphatisch erlebt, schon in dem Band Chausseen, Chausseen hatte es geheißen „nicht zähle die Jahre, zähle die Stunden“.
Was aber hat es mit der „Neunten Stunde“ auf sich? Man erinnert sich, daß um diese Stunde Jesus am Kreuz schrie und die Worte sprach: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diese biblische Erinnerung liegt zweifellos jenem Gedichte zugrunde, das Huchel „Die neunte Stunde“ überschrieben hat:
Die Hitze sticht in den Stein
das Wort des Propheten.
Ein Mann steigt mühsam
den Hügel hinauf.
In seiner Hirtentasche
die neunte Stunde,
den Nagel und den Hammer.
Der trockene Glanz der Ziegenherde
reißt in der Luft
und fällt als Zunder hinter den Horizont.
Der Tod steht also bevor, verbürgt durch das Wort des Propheten. Und der Tod ist an vielen Stellen dieser Gedichte zu spüren – „alles geht ins Schweigen hinüber“ – „mein ist alles, sagt der Staub“ „den Tod erwartend, / der auf vereisten Flößen wohnt“ ! – „Der Tod, der mürrische Maultiertreiber, / ich sah ihn gestern abend am Stall, / umschwirrt von Bremsen, / er weiß den Weg.“
War schon in den Gezählten Tagen der Glanz der Welt weithin erloschen, so dominieren nun in dem neuen Band die Öde, der eisige Winter, und das Bewußtsein des Todes fällt fast überall als Schatten auf die immer noch gewußte und nur manchmal noch empfundene Herrlichkeit der Welt: „Der Geruch des Todes macht mich blind.“ Wobei – das Gedicht „Die neunte Stunde“ könnte in die Irre führen – der Tod nicht christlich gedeutet wird, das Schweigen nach dem Tod ist für Peter Huchel wohl die einzige Wahrheit. Was in den Gedichten dieses Bandes dagegen zu sprechen scheint, ist allenfalls die Wahrheit einer fingierten oder historischen Figur, so, wenn eines der Gedichte des kleinen Zyklus „Der Ketzer aus Padua“ mit den ergreifenden Versen schließt:
Herr, Dein Geheimnis ist groß
und eingeriegelt in die Stille der Felsen,
ich bin nur Staub,
der lockere Ziegel in der Mauer.
Solche Ergebung in den Willen eines Höheren ist kaum von der Person, die im Gedicht spricht, auf den Autor zurückzuprojizieren. Daß, wie es in dem kleinen Gedicht „Todtmoos“ heißt, die „Schriftzeichen / nicht zu entziffern“ sind, daß keiner, wie es in dem vorausgehenden Gedicht heißt, das Geheimnis weiß – das dürfte die Wahrheit Peter Huchels sein, wie sie sich auch in dem Gedicht „Der Ammoniter“ ausspricht:
Überdrüssig der Götter und ihrer Feuer
lebte ich ohne Gesetz
in der Senke des Tales Hinnom.
mich verließen die alten Begleiter,
das Gleichgewicht von Erde und Himmel.
Ist es ein Zufall, daß bei all jenen Lyrikern, die wie Huchel, Eich oder auch Krolow das Dasein wesentlich im Horizont der Natur auslegten – um das ominöse Wort „Naturlyriker“ zu vermeiden −, am Ende sei es Verdrossenheit; sei es Verzweiflung wenn auch gebändigte, steht? Wohl kaum – das kreatürliche Leben ist traurig, wie jeder Blick ins Auge eines Tieres verrät; auch wußte Huchel schon früh – in seinem „Verona“-Gedicht, daß „inmitten der Dinge die Trauer“ herrscht. All diese Lyriker verschmähen so etwas wie religiösen Trost und Jenseitsgewißheit, das Irdische ist das Ganze – darüber hinaus ist Schweigen, Leere, Verstummen. Bei Huchel kam von Anfang an ein schwerer, brütender Ernst hinzu, der Wille das Leben ohne Beschönigung zu sehen und zu gestalten; dazu ein Pessimismus angesichts des Geschichtsverlaufs, den man abgründig nennen darf. (Im vorletzten Band hieß es: „Die Öde wird Geschichte, Termiten schreiben sie / mit ihren Zangen / in de Sand.“)
Darf man bei Peter Huchel – und den andere „Naturlyrikern“ – von einem gewissen Mangel an Spiritualität sprechen? Nur zögernd versucht man auf diese Frage eine Antwort. Gewiß, Huchel gestaltet die irdischen Dinge, aber indem er sie gestaltet und sie im immateriellen Wort wiedererstehen läßt, ist er Künstler und hat teil an der Sphäre des Geistes. Aufschlußreich dennoch, daß es in dem bereits erwähnten Gedicht „Der Ammoniter“ heißt: „brannte Urnen jeden Tag / die ich abends vor der Sonne / am Felsen zerschlug“ – daß also für das künstlerische Schaffen das Tun eines Töpfers steht. Darin verrät sich ein tiefes Verlangen nach Konkretheit: auch das Werk des Künstlers soll konkret sein bis hin zum Material, das er gestaltet. Umgekehrt wird von Huchel das Irdische vergeistigt; so, wenn er früher vom „Geist der Steine“ gesprochen und die Erde den „Leib des Herrn“ genannt hat. Was aber bei diesem Dichter völlig zu fehlen scheint, ihn wohl auch nicht interessiert, ist die Sphäre des freischwebenden, auch des spielerischen Geistes. Sein Gedicht – das war schon anläßlich seines vorletzten Bandes zu sagen – war immer dinglich wie die Erde selber, aber zuweilen hat man doch den Eindruck, als sei diese Dinglichkeit im Gedicht etwas gerade noch Mögliches, abgewonnen dem Schweigen – und abgetrotzt einer Welt, die immer unsinnlicher wird: „Ich, der Nachzügler, / der einst / Geschmeide wie Ähren auflas…“
Es mag damit auch zusammenhängen, daß Peter Huchel seit langem gerne mythische Muster und Motive wählt, antike Figuren, durch die er spricht: also eine Frühe des Geistes bevorzugt, da Abstraktes noch nicht die Gestalt verdrängt und ersetzt hat. Auch sein langes Festhalten an das in der Kindheit erfahrene Land hat hier seinen Grund – in der Kindheit sprechen noch die Dinge, und die Welt ist dicht mit ihnen angefüllt. Auch in dem neuen Band kehrt Huchel in einigen Gedichten noch einmal ins heimatliche Land zurück: Aber es ist nicht mehr dieselbe Welt – bezeichnenderweise ist eines dieser Gedichte „Entzauberung“ überschrieben: Der verfemte König der Zigeuner lebt nur noch im Gedächtnis, „in Wahrheit / zog Itau, der Zigeuner, / im hellen Juli / durchs Bischofslila der Disteln / für immer fort“.
„Entzauberung“ könnte wie über diesem Gedicht über vielen Arbeiten dieses Bandes stehen. Die Herrlichkeit der Welt ist verschwunden und ist nur als gewußte, als verschollene gegenwärtig, „Das Einhorn ging fort / und ruht im Gedächtnis der Wälder“.
Völlig verschwunden ist übrigens in diesem Band auch der Reim, den jedenfalls der frühere Huchel noch liebte. Jetzt findet sich nur noch ein einziger, und in diesen Versen wird bezeichnenderweise die „Stimmigkeit“ dementiert: „Gerechtigkeit und Nachsicht / gab es auf dieser Erde nicht“ (heißt es im ersten Gedicht des Zyklus „Der Ketzer aus Padua“, und man darf annehmen, daß diese Feststellung auch Peter Huchel unterschreibt).
Verzweifelte, bittere und düstere vom Tod umwitterte Gedichte also, gewiß. Aber auch und dennoch männlich kraftvolle Verse, magistrale Arbeiten eines großen Dichters – man spürt fast hinter jedem Vers den geballten Ernst einer dichterischen Existenz, die sich immer aller nur artistischen Spielerei und jeder Versbastelei verweigert hat. Eine „Botschaft“ hat Peter Huchel für den Leser nicht, auch kein politisches Programm – verglichen mit dem vorletzten Band Gezählte Tage, in dem noch von den Tagen der Verfemung in der DDR die Rede war, fehlt jetzt die politisch-gesellschaftliche Sphäre fast völlig. Es herrscht „Friede“ – so der Titel eines kleinen Gedichts −, aber es ist wesentlich ein Friede der Natur, nachdem die Schlachten geschlagen sind und die Ernte eingebracht ist:
Zugzeiten der Vögel
in den stachligen
Grannen gedroschener Ähren
wohnt noch die milde Leere des Sommers
in den Schießscharten des Wasserturms
wuchert das Gras.
Rudolf Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.1979
Joachim Günther: Peter Huchel: Die neunte Stunde
Neue Deutsche Hefte, Heft 4, 1979
K(arl) C(orino): Der Tod gestern am Stall
Stuttgarter Zeitung, 9.10.1979
Barbara Bondy: Tiefer ins Schweigen
Süddeutsche Zeitung, 10.10.1979
Inge Meidinger-Geise: Weiden und Worte
Frankfurter Hefte, Heft 12, 1979
Wolfgang Heidenreich: Jahreszeiten, Mißgeschicke, Nekrologe
Badische Zeitung, 5.4.1980
Elsbeth Pulver: Das brüchige Gold der Toten
Neue Zürcher Zeitung, 11.7.1980
Bruno Bolliger: Die neunte Stunde. Gedichte aus den Jahren 1972–1979
Schweizer Monatshefte, Heft 10, 1980
Ich erinnere mich, dass wir zunächst etwas ratlos und verlegen dastanden mit unseren leeren Umzugskisten im Staufener Arbeitszimmer Peter Huchels und auf die Bücherregale schauten. Monica Huchel hatte begonnen, bibliophile Kostbarkeiten hervorzuziehen und diskutierte – mal mit uns, mal mit sich selbst –, welche Stücke aus der Bibliothek des Dichters zurückkehren sollten in ihr Haus nach Wilhelmshorst. Dabei wusste sie, was sie uns mitzugeben hatte, aber sie verabschiedete die Bücher auf ihre Weise, mit ein paar Sätzen, die ihnen gebührten und uns etwas erzählten von der Geschichte ihres Lesers. Was wir am Ende in den Händen hielten, war das, was man die Lebensbibliothek eines Dichters nennen könnte, allesamt Titel, denen Huchel über Jahrzehnte verbunden gewesen war, voller Zettel, Briefe, Notizen, Anstreichungen und Gedichtentwürfe.
Zur Auswahl gehörten: die grünen, zerschlissenen Bände des Forst- und Jagdarchivs von und für Preußen, die Huchel als Kind neben Schrotflinten und handgeschriebenen Kuhbeschwörungen im Gewehrschrank seines Großvaters gefunden hatte und die er später das erste entscheidende Leseabenteuer seines Lebens nannte. Bis zuletzt hatte Huchel in diesen schon in Auflösung begriffenen Bänden der Jahre 1816 bis 1819 gelesen. Ein als Lesezeichen eingelegter Briefumschlag ist adressiert an „Mr. Peter Huchel c/o Embassy House Hotel London“, abgestempelt im Oktober 1974. Huchel reiste damals über England nach Irland. An der markierten Stelle im ersten Heft des Jahrgangs 1816 beginnt ein Beitrag „Über Strich-, Zug- und Standvögel“. Ein anderer Beitrag handelt „Über die Vergiftung der Wölfe durch Krähenaugen“. Auf dem Innendeckel: winzige, mit Bleistift verstreute Zahlenkolonnen, waldwirtschaftliche Berechnungen. Ebenfalls aus dem Besitz seines Großvaters stammen zwei dunkelgrün marmorierte, auf Notizbuchgröße gebundene Exemplare der Volksschriften zur Umwälzung der Geister mit ketzerischen Interpretationen zur Schöpfungsgeschichte und Feuerbach-Thesen, die Schriften einer freireligiösen Gemeinde. „Bildung macht frei!“ heißt das Titelmotto zu Meyers Groschen-Bibliothek der Deutschen Klassiker für alle Stände, der 55. Band enthält „Bürgers beste Gedichte“ und „Gellerts Fabeln“. Denen folgen: Polybios’ Geschichte, Blaise Pascals Über die Religion und Huchels Ausgabe der Heiligen Schrift mit Einrahmungen bei Jesaja und Lesezeichen bei den Psalmen 19, 39 und 104. Ein Fetzen Zeitungspapier im Buch Hiob 6-8: „Hiob trostlos“. Überall verstreut, mit Bleistift unterstrichen: kleine Gruppen von Worten („denn sie hat“ oder „darum, dass“), die für sich genommen nichts, aber als Einfügung, als syntaktisches Gelenk für die Bewegungsarten im Gedicht, für Verlangsamungen, Beschleunigungen und Neueinsätze, viel bedeuten konnten, wenn es darum ging, das Bildmaterial in die lebendige, poetische Rede zu bringen.
In einer kleinen Pause gibt es Kaffee und Erläuterungen zu den Katzen, von denen immer neue Exemplare aufkreuzen, um uns zu besichtigen. In unseren Kisten verschwinden: Thomas von Aquino, die Schriften Jakob Böhmes und eine Abhandlung über Marsilius von Padua, Quelle für Huchels letzten Gedichtzyklus „Der Ketzer aus Padua“. Bei Thomas von Aquino („75. Untersuchung: Der Mensch, die Zusammensetzung aus geistigem und körperlichem Wesensbestand“) sind zwei Fragen markiert: „Ist die menschliche Seele aus Wesungsstoff und Wesungsform zusammengesetzt?“ und „Ist die menschliche Seele unzerfällig?“. Jakob Böhmes Vom Aufgang der Morgenröte nannte Huchel bei Gelegenheit sein Lieblingsbuch und „das Schönste, worauf die deutsche Sprache zurückblicken kann“. Mit farbigen Anstreichungen und Randnotizen übersät: JU-TAO-FO – Die religiösen und philosophischen Systeme Ostasiens von F.E.A. Krause. Ein verblasster, zum Teil ausradierter Entwurf für ein Gedicht steht im Vorsatzpapier zu Universismus. Die Grundlagen der Religion und Ethik, des Staatswesens und der Wissenschaft Chinas von J.J.M. de Groot: „Die Knochen modern, der Atem der / erhebt sich in der Asche und / wird zu Licht…“ Im Gedicht „Wei Dun und die alten Meister“ macht Huchel daraus einmal folgende, in den fünfziger Jahren durch etliche Fassungen gegangene Schlussstrophe:
Die Knochen modern in der Tiefe.
Der Atem aber steigt in die Höhe
Und fließt als Licht, durch das ihr einst,
o alte Meister, in großer Ruhe geschritten.
Zur chinesischen Vorstellung vom Dualismus der menschlichen Seele und ihrer nahen Beziehung zum Weltall führt de Groot ein Konfuzius-Zitat an, das den Ursprung für Huchels Vers abbildet: „Der Atem stellt die Fülle des Šen dar, und das Po’ die Fülle des Kwei; die Vereinigung von Kwei und Šen ist das höchste Ergebnis der Lehre. Alle lebenden Wesen müssen sterben, und das, was beim Tode zur Erde zurückkehren muß, heißt Kwei; Knochen und Fleisch modern in der Tiefe und werden unmerklich Staub; der Atem (K’i) aber erhebt sich in die Höhe und wird zu strahlendem Licht.“
Noch einmal kehren wir ins Kaminzimmer zurück. Über den von Krallen bearbeiteten Sesseln liegen Felle. Wir erfahren, dass wir auf den Schlafplätzen der Katzen sitzen. Der Kamin, den Monica Huchel während einer Lesereise ihres Mannes hatte einbauen lassen, ist unbenutzt. Unter dem Fenster stapeln sich Zeitungen und Briefe. Ein paar ausgeschnittene Artikel, die sie an Freunde oder Bekannte verschickt. In ihrer gleichbleibend selbstbewußten, bei Gelegenheit auch harschen Art führt sie das Gespräch über Hermlin, Huchelforscher, Verlage, Katzen und ihren Gesundheitszustand. Ihr Urteil ist sicher und kurz. Sie hält sich für „über die Zeit“ und die Vorstellung, den „Wirbel“ zu Huchels 100. Geburtstag zu erleben, ist ihr ein Grauen. Sie sagt „der Huchel hat…“ oder „der Huchel wollte…“, nie spricht sie von „ihrem“ Mann: „Ich wollte kein Anhängsel sein und in der Öffentlichkeit gibt es keinen Raum neben einem solchen Mann. Trotzdem habe ich mich Huchel in einem Maße untergeordnet, dass mich nur mein fast schon übersteigertes Selbstbewusstsein davor geschützt hat, mich dabei zu verlieren. Ich weiß keine Antwort darauf, warum ich es tat. Ich weiß nur, dass ich es für keinen anderen Menschen getan hätte.“
Bis zuletzt tut sie das, was sie immer getan hat an Huchels Seite – sie kümmert sich um die Dinge, die anstehen: Unter ihrer Anleitung wird das Haus in Wilhelmshorst umgebaut, bevor die Familie dort einzieht. In den fünfziger Jahren lernt sie innerhalb kurzer Zeit Russisch, weil niemand in der Redaktion von Sinn und Form die Sprache beherrscht. Sie besticht die Kohlenträger, damit winters genug Heizmaterial vorrätig ist. Sie übersetzt für die Zeitschrift Texte von Fedin bis Scholochow; nach Huchels Absetzung als Chefredakteur besorgt sie mit Übersetzungsarbeiten den Unterhalt der Familie. Sie regelt die Formalitäten um Huchels Ausreise in den Westen und erreicht, dass jene 500 Bücher, vor denen wir jetzt sitzen, zum Gepäck gehören. Über lange Zeit pflegt sie den schwer kranken Huchel, der 1981 stirbt. In den gut zwanzig Jahren danach und bis zuletzt sorgt sie für sein Werk und den Nachlass mit einer Bestimmtheit und Großzügigkeit, wie sie „Dichterwitwen“ angeblich nicht eigen sein soll.
„Ja, Kinder, was könnte ich Euch denn noch mitgeben…“ – als hätte sie das Gespräch mit den Büchern nicht unterbrochen, zieht Monica Huchel einen 600-Seiten-Band aus dem Regal, und eine Postkarte fällt auf den Boden: „Ein bißchen Astronomie für meinen sehr lieben Nachbarn…“ ist dort zu lesen, Von Augustinus bis Galilei von A.C. Crombie war ein Geschenk Kiepenheuers, die rückseitig beschriebene Ansicht von Florenz ist datiert auf Huchels 70. Geburtstag. Ein abgerissenes Billet mit der Kontrollnummer 53 zur „Dichterlesung Peter Huchel / Grosser Redoutensaal Passau / 26. Juli 1973“ markiert eine Stelle bei den Gedankensystemen des 13. Jahrhunderts: „Empedokles glaubt an den Ursprung des Lebens durch spontane Zeugung aus der Erde: Zuerst erschienen die Pflanzen, und dann Teile von Tieren (einschließlich des Menschen), Köpfe, Arme, Augen usw., die sich vereinigten, wie es der Zufall wollte, und Gestalten aller Art hervorbrachten, mißgebildete und richtig zusammengesetzte. Die richtigen Gestalten vertilgten die Mißgeburten (…)“.
Schließlich ist ihre Besprechung des Bücherregals bei Huchels „Leseexemplaren“ angekommen, Ausgaben eigener Gedichtbände, wie sie ihn auf Lesereisen, zuletzt durch Italien, begleitet hatten. In Gezählte Tage (1972) ist dem Gedicht „Hahnekämme“ ein Zettel beigeheftet, der den Text in seiner spontanen, ersten Niederschrift zeigt, datiert auf „Rom, den 16. Oktober 71, 14.10 Uhr“. Die minutengenaue Angabe verrät eine gewisse Euphorie. Spontangedichte verfasste Huchel im Grunde nie, zumal solche, die wie hier – fast unverändert in den Druck gehen konnten. Bei Macbeth auf Seite 46 finden wir den Brief eines englischen Übersetzers namens Bill Reed aus Northwood, der freundliche Vorschläge zur Übertragung ins Englische macht. Ein in regelmäßige Streifen zerrissener Werbeprospekt zum „Beaujolais Nouveau 77“ ergab das Lesezeichen-Material für die Gedichtauswahl zur letzten Lesereise. Ende 1977, in Hamburg, erleidet Huchel einen Hirninfarkt. Die Jahre danach verbringt er in Staufen.
Sicher ist, dass nicht alle Titel, die zu einer „Lebensbibliothek“ Huchels gezählt werden müssten, an diesem Nachmittag zum Vorschein kamen. Die Bibliothek zeigt Huchels Bemühen um einen Brückenschlag zu den Texten der „Alten“, zu einer „Kindheit der Mythen“. Doch die Alten sind nicht nur Medium für die „Beschwörung eines mythischen Archetypus“ (Walter Jens) oder die Herstellung einer „Privatmythologie“ (Axel Vieregg). Im Rahmen der poetischen Werkstatt boten deren Texte nicht selten das konkrete sprachliche Material und Bild-Vorlagen für Gedichte. Huchel übernahm und verwandelte Textstellen aus dem Gilgamesch, aus Jakob Böhme, Aquino, Bachofen, Polybios und aus der chinesischen Philosophie für das eigene Gedicht; er wusch „Gold aus chinesischen Schatzkammern“, wie Christoph Meckel in seinem Gedicht für Peter Huchel schrieb. Duktus, Rhythmus, Bildwelt und „die große Ruhe“ der Alten grundieren den geschichtlichen Raum für die eigene Stimme.
Am Ende wandert Huchels in Halbjahresbänden gebundene Ausgabe von Sinn und Form in unsere Kisten. Jetzt, ein Vierteljahrhundert nachdem diese Bücher die Ausreise Huchels aus der DDR in den Westen begleitet hatten, sollen sie mit United Parcel Service zurückkehren an den Ort, wo einige von ihnen schon einmal konfisziert, auf Lastwagen geworfen und dem Verfall preisgegeben worden waren. Die wertvollsten Stücke seines verschleppten Archivs rettete Huchel damals selbst, als er Monate später erfuhr, wo man sie abgekippt hatte. In einem feuchten Gemüseschuppen lagerten Bücher und Korrespondenzen aus der Sinn und Form-Redaktion unter dem Hausrat eines Verstorbenen. Nicht nur die Sinn und Form-Bände waren auszugraben, Huchel musste, Archäologe seines eigenen Werks, auch die Briefe Blochs, Brechts, Döblins und Thomas Manns, soweit sie noch zu retten waren, Stück für Stück aus dem schimmeligen Nachlass wieder ans Tageslicht holen.
Rasch wird unsere Abreise ins Auge gefaßt und ein Taxi bestellt. Kein Besuch dauert länger als drei Stunden, dass muß genügen. „Ach schaut mal Kinder, hier hab ich noch was“ – wir stehen zum Abschied bereit, als Monica Huchel ein kleines kompaktes Buch hervorzieht, in schwarzes Leinen gebunden und beschriftet mit dem Etikett „Notizen“. Es handelte sich um das Notizbuch Huchels, allerdings um keine gewöhnliche Sammlung poetischer Notizen, sondern um ein nach Hieroglyphen geordnetes und nach Doppelseiten vornummeriertes Metaphernregister, eine Art Registratur für die spontanen Bildeinfälle, die zugleich als geordneter, abrufbereiter Katalog für die laufende Gedichtproduktion fungierte. Die untereinander auf der linken Einbandseite aufgelisteten Zeichen, deren Bedeutung aus dem Thema der Notizen geschlossen werden kann, ergeben das Inhaltsverzeichnis. Das erste Zeichen, ein nach unten geöffneter Halbkreis, steht für den Metaphernkreis des Winters, des Eises, des Schnees; unter dem zweiten, dritten und vierten Zeichen sind die poetischen Notizen zu Frühling, Sommer und Herbst aufbewahrt; mit Notizbuchseite 32 folgt das Bergwelt-Zeichen, darunter Hügel-Metaphern, aber auch das Bild der Ackerfurche und des Bahndamms in verschiedenen Varianten; dem folgt die Sammlung von Vogel-, Flug- und Himmelsmetaphern; die beiden parallelen Wellenlinien ab Seite 48 meinen nichts anderes als die Sammelstelle für alles Maritime im poetischen Einfallsbereich, also Wasser- und Fischnotizen, auch ein Leuchtturm kommt vor. Das Strichtier ab Seite 54 steht für die Poesie des Lamms, des Rinds, der Schafe, der Spinne, der Hunde, der Stute und der Büffel, zu diesen finden sich Notizen; danach ein etwas kryptischeres Zeichen, nach Art der Notizen ist es das der Frucht beziehungsweise der Blüte. Bei dem ab Seite 70 vorherrschenden Zeichen handelt es sich wahrscheinlich um das eines Pflugs, dort konzentriert Huchel eine Vielzahl von Notizen zum bäuerlichen Wirtschaften, zum Pflügen, zur Aussaat im historischen Umfeld von Krieg und Nachkrieg. Dem folgt der Kreis als Chiffre für die ab Seite 75 notierten Mond-, All- und Erdmetaphern. Der Blitz ab Seite 80 meint das Element des Feuers in der poetischen Notiz; dem folgt die Sichel, unter der Huchel noch einmal fünf linierte Doppelseiten für Landwirtschaftliches vorgesehen hat. Beschlossen wird das Ganze vom Zeichen des Hauses: vom Stall Bethlehems bis in die „Totenkammern aus Schnee“ (später Schlussbild im Gedicht „Dezember 1942“) hat Huchel dort seine Ideen zum Bildkreis des Häuslichen versammelt.
„Signatur“ nennt Jakob Böhme die Gesamtheit der sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten eines Dings. Bekanntlich orientierte sich Huchel stark an der Mystik Böhmes und an dessen Überzeugung, dass bei Mensch, Tier und Pflanze die äußere Erscheinung der „inneren Gestaltniß“ entspricht. Huchels Registratur der Natur-Erscheinungen, wie sie sich in seinem Notizbuch wiederfindet, kann ohne weiteres als ein System solcher „Signaturen“ gelesen werden, nach denen er es unternahm, seine poetische Welt zu bestimmen. Signatur für Signatur versuchte der Dichter seine Landschaft und mit ihr das Wesen der Dinge aufzunehmen, um es in Sprache, in „äußere Gestaltniß“ zu verwandeln. Vierzehn Signaturen für das Ritual des Gehens im Symbolkreis der Natur, jenem
nicht zu Ende
geschlagenen Kreis
aus Nadeln und Nässe, über dem
der Zirkel zerbrach
Wir fuhren zum Bahnhof. Der Fahrer unseres Taxis dozierte über die Vorzüge der Gegend: schönste Landschaft, bestes Wetter, auch statistisch, die Sonnenstunden und so weiter – das alles in jenem Dresdner Sächsisch, mit dem er 1990 in dieses Paradies gekommen war. Noch öfter planten wir einen Besuch bei Monica Huchel, doch es blieb das letzte Mal, dass wir sie trafen.
Lutz Seiler, in: Text + Kritik: Peter Huchel – Heft 157, edition text + kritik, Januar 2003
Peter Hamm: „Sei getreu, sagt der Stein“. Zum 70. Geburtstag Peter Huchels.
Süddeutsche Zeitung, 3.4.1973
Karl Krolow: Ein Mann, der Gesichte hat. Peter Huchel zum 70.
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 3.4.1973
Olof Lagercrantz: Ein deutscher Dichter. Peter Huchel zum siebzigsten Geburtstag.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.4.1973
Helmut Mader: Mottos zu einem Leben. Peter Huchel wird siebzig Jahre alt.
Stuttgarter Zeitung, 3.4.1973
Franz Kalterbräu: Peter Huchel ist tot.
Frankfurter Rundschau, 7.5.1981
Karl Krolow: Apokalyptische Landschaft.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.5.1981
Albert von Schirnding: In der Mitte der Dinge die Trauer.
Süddeutsche Zeitung, 8.5.1981
Bruno Bolliger: Unbekümmert geht der Fremde davon.
Neue Zürcher Zeitung, 9./10.5.1981
Stephan Hermlin: Aber wir sind doch Brüder…
Die Zeit, 15.5.1981
Wolfgang Kopplin: Nachruf. Der große Peter Huchel.
Bayernkurier, 16.5.1981
Hans Dieter Schmidt: „Der Fremde geht davon…“. Erinnerungen an den Dichter Peter Huchel.
Rhein-Neckar-Zeitung, 16./17.5.1981
Klaus Sauer: Eine deutsche Passion.
Deutschland Archiv, 1981, Heft 6
Stefan Welzk: „Überdrüssig der Götter und ihrer Feuer“.
Frankfurter Hefte, 1981, Heft 8
Axel Vieregg: Nachruf auf Peter Huchel.
Neue Deutsche Hefte, 1981, Heft 3
Alexander Kluy: Der große Hof des Gedächtnisses
Lutz Seiler: Im Kieferngewölbe.
Sinn und Form, 2003, Heft 2
Klaus Bellin: „Aufs tote Gleis rangiert“.
Neues Deutschland, 3.4.2003
Helmut Böttiger: Kindheitsträume und Diktaturdrangsal.
Stuttgarter Zeitung, 3.4.2003
Christian Egger: Auf den Feldern der Kindheit.
Mitteldeutsche Zeitung, 3.4.2003
Uwe Pörksen: Der Widerstand gegen die Lüge.
Badische Zeitung, 3.4.2003
Steffen Richter: Mit dem Pflug in den Acker geschrieben.
Frankfurter Rundschau, 3.4.2003
Michael Braun: „Unter der blanken Hacke des Monds werde ich sterben“.
Basler Zeitung, 4.4.2003