Peter Huchel: Gesammelte Werke Band 1 – Die Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Peter Huchel: Gesammelte Werke Band 1 – Die Gedichte

Huchel-Gesammelte Werke Band 1 – Die Gedichte

FRAGT DAS RÄTSEL DIESER WELT
dich nach deinem Namen
sage du:
aaaStrom? Wald und Feld
und der Tiere Samen.
Und der Sinn, der dich erhält,
wird tief raunen: Amen!

 

 

 

Editorisches Nachwort

Peter Huchel hat es den Verwaltern seines literarischen Nachlasses nicht leicht gemacht. Das Bewahren des Geschriebenen war ihm weniger wichtig als das Schreiben, das Aufschreiben weniger wichtig als das Vorsichhinsprechen entstehender Gedichte, als das „Raunen“, wie er selbst es immer wieder nannte. Er, der ungern eine Schreibmaschine betätigte – er ließ die frühen Texte vom Vater, die späteren von seiner Sekretärin und von seiner Frau tippen – ging zudem höchst sorglos mit den von eigener Hand geschriebenen Gedichten um, verschenkte sie wohl auch, ohne eine Abschrift zu behalten. Auch vernichtete er oft genug ein Gedicht, sobald es im Druck erschienen war. Datierungen nahm er nur gelegentlich vor und wenn, dann kaum bei der Niederschrift, oftmals erst Jahre danach, aus der Erinnerung heraus, die ihn nicht selten getrogen haben mag. Hinzu kommt, daß manches durch Krieg und Ausbombung verlorenging; Huchel sprach dem Herausgeber gegenüber einmal von einem „schwarzen Koffer“. Und nicht zu vergessen ist, daß manches in der DDR zurückblieb; Huchels persönliches Archiv ließ man in einem Lagerschuppen z.T. vermodern. Vielleicht aber hält sich der Umfang dieses zu vermutenden Material in Grenzen, denn auch ohne widrige äußere Umstände erweist sich der Bestand, vor allem an Handschriften, in seinem Haus in Staufen als wenig ergiebig. So kann der Herausgeber eher hoffen als versichern, der vorliegende Band enthalte, wie angestrebt, das lückenlose lyrische Werk Peter Huchels in seiner historischen Entwicklung.

Diese Hoffnung läßt sich durch folgende Fakten dennoch begründen: Huchel arbeitete sehr sorgfältig mit seinen Übersetzern und manchen Biographen zusammen und überließ ihnen zur Information auch Material, das nicht zur Veröffentlichung gedacht war. So konnte aus deren Besitz manches ergänzt werden, vor allem von Ludvík Kundera (ČSSR), Henry Beissel (Kanada), Michael Hamburger (England) und Livia Z. Wittmann (Neuseeland).

Von Frau Monica Huchel wurden – zum Teil in bis dahin unbeachteten Kartons – wichtigste Funde gemacht; viele davon waren für sie ebenso überraschend wie für den Herausgeber: 139 hand- und maschinengeschriebene lose Blätter aus den zwanziger und dreißiger Jahren; das Inhaltsverzeichnis zu der für 1933 geplanten ersten Sammlung Der Knabenteich; ein von Huchel Ende der zwanziger Jahre angelegtes Heft:

Erste Gedichte 1918-1923, Auswahl (vgl. die Anmerkungen zu Der Knabenteich und zu Unveröffentlichte Gedichte aus dem Nachlaß). Frau Charlotte Narr, Potsdam, Huchels Sekretärin bei Sinn und Form, stellte Material aus den fünfziger und frühen sechziger Jahren zur Verfügung.
Aus welcher Quelle Typoskripte und Manuskripte stammen, wird in den Anmerkungen kenntlich gemacht; fehlt eine Angabe, so ist der im Besitz von Frau Monica Huchel befindliche Nachlaß A gemeint. Nachlaß B verweist auf das Material aus der Hand von Frau Charlotte Narr.
Das überraschend umfangreiche, bislang unzugängliche frühe Material, das diese Ausgabe vorlegen kann, dürfte das gängige, vom Herausgeber schon anderenorts in Frage gestellte Huchel-Bild in wesentlichen Zügen korrigieren helfen. Es belegt, daß Huchel nicht erst Anfang der dreißiger Jahre aus dem naturlyrischen Kolonne-Kreis um Günter Eich und Martin Raschke als Dichter hervorging: es sei, wie er dem Herausgeber einmal schrieb, „ein reiner Zufall“ gewesen, daß er den Lyrikpreis der Kolonne erhalten habe (s. Brief in Bd. II, S. 358); Günter Eich lernte er erst 1934 kennen. Es belegt auch, daß Huchel kein Schüler von Wilhelm Lehmann war, dessen erste Gedichtveröffentlichungen er nicht vor 1929, vornehmlich in der Vossischen Zeitung, lesen konnte. Huchels Lyrik wurzelt nicht, wie die von Günter Eich und Wilhelm Lehmann, in der Neuen Sachlichkeit und im Magischen Realismus, sondern noch im Expressionismus, bei Georg Trakl, ja bei Rimbaud und Baudelaire, die er – mit Georg Büchner und Sergej Jessenin – als seine Vorbilder nennt (Tagesspiegel vom 25.12.1960; Antwort auf eine Weihnachtsumfrage. Ebenfalls genannt sind dort „die alten Chinesen, Augustinus, Jakob Böhme, Thomas Münzer, Blaise Pascal“). Sie hat daher einen stärkeren Symbolcharakter – „das Bild als Gleichnis“, wie er sagt (s. Bd. II, S. 310), sie bedient sich einer pathetischeren Sprache, mit der sie zunächst um ein mystisches Thema kreist: um die Gottsuche, die aber bald in Anklage und Revolte umschlägt, wie wir sie von den französischen Dichtern her kennen. Von Huchels Abraham zum Beispiel (S. 11), aus den frühen zwanziger Jahren, führt eine direkte Linie zu den späten Bildern der Vereisung und Verfinsterung als Zeichen der Gottesferne, zu den die Offenbarung Gottes leugnenden Zeilen:

Kein Himmel
reißt in Feuern auf,
wo die Gefangenen liegen,
am Wasser Chebar.

(November)

In dieser Revolte im Namen des menschlichen Leidens und der menschlichen Gerechtigkeit liegt Huchels Sympathie für alle jene begründet, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen: für die Knechte und Schnitter, die Tagelöhner, Bettler und Zigeuner, die er aus seiner Kindheitswelt kannte und die er mythisch überhöht. Im Mittelpunkt aber steht die weibliche Gestalt, die das Werk durch alle Lebensphasen begleitet: in den frühen Gedichten als Magd, die das junge Leben beschützt, als Mutter und Alte in den Texten der vierziger und fünfziger Jahre, schließlich als die das Leben wieder fordernde Greisin und Hexe, das sie als „Mutter der Frühe“ (Heimkehr, S. 109) gegeben hatte. Letztlich sind dies Manifestationen der Magna Mater als Prinzip dieser Welt. Und in der Tat hat Huchel dem Herausgeber und anderen Gesprächspartnern gegenüber wiederholt betont, welch überragende Bedeutung die Lektüre von Johann Jakob Bachofens grundlegendem Werk zur Magna Mater, Das Mutterrecht, in seinen Studentenjahren, für seine Gedankenwelt und Bildersprache gehabt hat; noch 1954 bringt er in Sinn und Form (6, S. 237-261) einen großen Bachofen-Essay von Ernst Bloch.
Die Kindheitslandschaft, über die sie wacht, ist ein irdisches Paradies:

Einst waren wir alle im glücklichen Garten,
ich weiß nicht mehr, vor welchem Haus,
wo wir die kindliche Stimme sparten
für Gras und Amsel, Kamille und Strauß.

Und wenn dann die Mägde uns holen kamen,
umfing uns das Tuch, in dem man gleich schlief.

(Der glückliche Garten)

Die Geborgenheit im Diesseits (vgl. auch in Bd. II das Hörspiel Die Magd und das Kind), der Glaube an das Glück in dieser Welt, wurden jedoch nur allzu bald zerstört. Die helle, warme und von Menschen belebte Landschaft beginnt nach 1933 zu verarmen; an die Stelle der Lebenden treten die Toten, Spukgestalten; Helle, Wärme und Üppigkeit gehen über in Dunkelheit, Kälte und Öde. Dies ist nicht allein politische Anklage: die Landschaft spiegelt nun einen „Himmel ohne Stern und Gnade“, der fremd und abweisend über ihr steht (Der Totenherbst, S. 15).
In der Revolte gegen ein seiner Meinung nach nicht einzulösendes jenseitiges Glücksversprechen – Huchel erklärte offiziell seinen Austritt aus der Kirche und nannte sich einen „Heiden“ – lag auch seine Sympathie für den Sozialismus begründet. Noch einmal, in den ersten Jahren nach dem Krieg, entstehen „die Bilder der Hoffnung“ (Bericht aus Malaya, S. 308). In der gerechten Aufteilung des Bodens sieht Huchel sie zuerst verwirklicht. Und so preist er, in seiner immer wieder aufgenommenen, aber nie vollendeten Chronik Das Gesetz, die Bodenreform in der DDR. Um so bitterer und enttäuschter wendet er sich ab, als er seine Ideale durch die spätere Entwicklung verraten sieht. Nun wird Huchel ein zweites Mal zum Ankläger der politischen Verhältnisse. Das Ende ist Resignation und der Gedanke an einen Tod ohne Erlösung:

Unwissend
stürz ich hinab,
zu den Knochen der Füchse geworfen.

(Unter der blanken Hacke des Monds)

Diese wenigen Hinweise mögen genügen, um Verbindungs- und Entwicklungslinien sichtbar zu machen, die das auf den ersten Blick nicht immer homogene Werk durchziehen. Seine Kohärenz machte es unerläßlich, die Texte so vollständig wie möglich zu erfassen und auch dann nicht auf die Aufnahme zu verzichten, wenn ein einzelner Text ohne nachdrücklichen literarischen Wert war. Das trifft vor allem auf manche Jugendgedichte aus dem Nachlaß zu. Ebenso wurde für Varianten und Lesarten Vollständigkeit angestrebt, soweit diese sich trotz des Verlustes vieler Manuskripte noch fassen ließen. Sie wurden – damit dem Auge des Lesers der jeweilige Kontext im Gedicht einsichtig wird – untereinander statt fortlaufend gesetzt. Wann immer die Abweichungen zu wesentlich anderen Fassungen führten, werden beide am jeweiligen chronologischen Ort aufgeführt; dies gilt insbesondere für einige Texte, die von Gedichte zu Die Sternenreuse verändert wurden. Herausgeber und Verlag hoffen, auf diese Weise – bei dem Entschluß, dem Druck den Band Gedichte statt Die Sternenreuse zugrunde zu legen und die Änderungen nachzutragen – die beste Lösung gefunden zu haben. Nur so ließ sich auch bei den Bänden die chronologische Anordnung einhalten, der die Ausgabe folgt.

Sinnvoll erschien es, den Anfang mit Der Knabenteich zu machen, obwohl Huchel diesen seinen ersten für die Veröffentlichung geplanten Band 1933 zurückgezogen hat: das Manuskript lag druckfertig beim Jess Verlag, Dresden, vor; am 28.12.1932 hatte Huchel im Südwestdeutschen Rundfunk in einer Selbstanzeige das Erscheinen angekündigt (vgl. den Text in Bd. II, S. 242). Dieser erste Sammelpunkt in Huchels dichterischer Entwicklung mußte sichtbar gemacht werden. Auch läßt sich an ihm messen, zu welchen Texten Huchel noch stand, als er fünfzehn Jahre danach seine zweite Sammlung, Gedichte, zusammenstellte.

Ein Wort zu den jeweils im Anhang untergebrachten Erläuterungen: sie verzeichnen an erster Stelle, falls vom Herausgeber für nötig erachtet, kurze Angaben zu Personen- und Ortsnamen. Es folgen, wann immer auffindbar, Huchels eigene Äußerungen zum jeweiligen Text, ebenso relevante Informationen zur Textgeschichte aus anderen Quellen. Offene und verdeckte Hinweise und Anspielungen auf historische, literarische, biblische und mythologische Ereignisse und Gestalten, mit denen Huchels Lyrik häufig arbeitet, werden knapp erklärt bzw. sichtbar gemacht, soweit die entsprechenden Kenntnisse nicht allgemein voraussetzbar scheinen – und soweit sie dem Herausgeber selbst erkennbar waren. Denn hier ist sicher noch sehr viel Arbeit zu leisten. Kritische Würdigungen sind dem Werk Peter Huchels in großem Maße zuteil geworden; an Ehrungen hat es nicht gefehlt. Die wissenschaftliche Forschung steht jedoch noch am Anfang.
Mit dem Wunsch, daß das Werk nun eine intensivere Beschäftigung erfahren möge, schließt der Herausgeber die Arbeit an diesem Band ab. Dies geschieht nicht, ohne herzlich all jenen zu danken, die beim Zustandekommen geholfen haben. Besonderer Dank gilt den Obengenannten, Frau Monica Huchel und Herrn Ludvík Kundera vor allem, die geduldig und bereitwillig viele Fragen beantwortet haben. Dem Deutschen Akademischen Austauschdienst dankt der Herausgeber für ein Forschungsstipendium, das ihm erlaubte, „des Erdballs letztes Inselriff“ – wie Wolfskehl Neuseeland nannte – für einige wichtige und schöne Monate der Materialsuche mit den Bibliotheken und Archiven der alten Heimat zu vertauschen.

Axel Vieregg, Nachwort, Oktober 1983

Aus dem Buch der Natur ins literarische Wort

– Peter Huchels gesammelte Werke in zwei Bänden. –

Ein Verbrechen ist es geworden (so will man uns einreden), nicht über Bäume zu reden, doch was da überall geredet wird, sei es in grüner, roter oder schwarzer Umrahmung, entspringt, kritisch betrachtet, demselben Denken, dessen praktische Folgen wir in der Naturzerstörung sehen. Es sind ja dieselben Leute, die die Achtung, die sie der Natur schuldig zu sein glauben, dem Menschen entziehen und Andersdenkende als Feinde und Verräter denunzieren, die es zu überwältigen, nicht etwa zu überzeugen gilt. Auch so wird Natur zur bloßen Manövriermasse in politischen und sozialen Auseinandersetzungen, der ideologische Raubbau ersetzt den technischen, und das gute Gewissen ist als richtige Gesinnung gleich inbegriffen.
Am besten und immer noch ist das Rettende aufgehoben im Gedicht, als Mahnung und Verlangen, doch auch als kritischer Maßstab, an dem alles Naturgerede zuschanden wird.

Das Alphabet,
das du besitzt,
reicht nicht aus,
Antwort zu geben
der wehrlosen Schrift.

Die Verse Peter Huchels stammen aus dem Jahre 1972, am Tatbestand hat sich seither nichts geändert, die wehrlose Schrift der Natur ist nicht verständlicher geworden, von Antworten zu schweigen. Der „Schatten auf dürrem Weingerank“, der Umriß der Krähe, die sich „Aufs schwimmende Nebelhaupt / der Eiche“ setzt, die so unendlich vielgestaltige signatura rerum entzieht sich immer noch der gewöhnlichen Vorstellungskraft des Menschen und jeder vorgegebenen Theorie.
Dichtung war für Huchel, der von 1903 bis 1981 lebte, zuallererst (die frühesten Gedichte, auch Hörspiele zeigen es) die Kunst der Entzifferung, Übertragungskunst aus dem Buch der Natur ins literarische Wort; darin besteht bei aller Verschiedenheit, bei der thematischen und formalen Spannweite der Gedichte, die jetzt erstmals und gewiß zur Überraschung manches Kritikers abgemessen werden kann, die innere Einheit dieses Werks. Die Suche nach dem „Licht aus Laub und Lehm“ (Laubasche, 1935), das Horchen auf die „Stimme im heißen Staub“ (Der Garten des Theophrast, 1962), die Aufmerksamkeit auf die „Schrift der Algen“ (In Bud, 1979) – aus solchen Wendungen geht der durchgängige Beweggrund von Huchels Dichtkunst hervor, sie ist der Bedeutung der Naturzeichen selber auf der Spur und gehört in eine gedankliche Tradition, die von Pico della Mirandola und Paracelsus über Leibniz bis zu Ernst Bloch (dem Freunde Huchels) reicht, zwar durch die modernen, quantifizierenden Naturwissenschaften verdrängt oder überlagert wurde, doch in Kunst und Literatur virulent blieb.

UNTER DER BLANKEN HACKE DES MONDS
werde ich sterben,
ohne das Alphabet der Blitze
gelernt zu haben.
Im Wasserzeichen der Nacht
die Kindheit der Mythen,
nicht zu entziffern.

Unwissend stürz’ ich hinab,
zu den Knochen der Füchse geworfen.

Wenn für Peter Huchel die Natur auch „so subtil und so scharpf in iren dingen“ geblieben ist (wie sie der verehrte Theophrastus beschrieb), so ist doch der Optimismus, die Scharfsinnigkeit der Dinge verstehen und deuten zu können, zunehmend geschwunden, und im späteren Werk des Dichters überwiegen die zweifelnden Töne; noch immer redet die „Weltalte Schrift“ zu ihm, doch fremd und vieldeutig ist ihre Sprache, unzugänglich auch seiner Entzifferungskunst.
Sie ist trotzdem für die Struktur seiner Iyrischen Sprache entscheidend geblieben. Wenn archäologische und philologische Wissenschaften eine unbekannte und verschollene Sprache aus alten Inschriften zu rekonstruieren versuchen, konzentrieren sie sich zunächst auf wenige, aber häufig vorkommende, vielleicht dem Analogieschluß zugängliche Zeichen – nicht anders hat es Peter Huchel gehalten. Immer wieder hat er derart seine Aufmerksamkeit denselben natürlichen Signaturen gewidmet: der Mondsichel etwa, die einmal eine „Himmelsbrücke“ ist, auch das Instrument, des Frühlingszaubers, doch dann zu Hacke und Sense werden kann, eine „eiserne Sichel“ und „Messer des Mondes“, das ins Herz schneidet und Träume mäht; oder dem „Tau und Schauer vom Holunder“ („Weiße Blüte, / Willst du mich betäuben?“), der im Herbst eine ganz andere Lesart nahelegt („schwarze Tränen / beeren schon traurig vom Geäst“); oder den Amseln („zartknochig liegt die Amsel / im Sand“), den weißbrüstigen Schwalben mit dem „windschnellen Schrei“, den Nebelkrähen, die der Winter schickt („Schatten überm blanken Eise“) und natürlich immer wieder den Jahreszeiten, deren Korrespondenzen mit dem menschlichen Leben zu den ältesten Überzeugungen gehört.
Frühling und Herbst sind die häufigsten Pole in Huchels Lyrik, doch schon der junge Dichter bevorzugte die Monate September, Oktober: „Du kennst den Weg, den öden Weg / Oktober flog schon oben fort.“ Ein Stück traditioneller Attitüde ist in dieser Herbstmelancholie, sie trägt aber nicht weit und wird abgelöst vom Bilde einer auch im Verfall noch gärenden, schöpferisch vielgestaltenden Natur.

Herbst, dunkler Herbst, voller Gerüche,
wo Wind dein Feuer groß beschrie,
wo Laub zu Gold kocht, dunkle Küche
der erddurchflammten Alchimie…

Archetypische Erinnerungen mischen sich mit früher Lebenserfahrung.
In einer Selbstanzeige zum Gedichtband Der Knabenteich von 1932 (den Peter Huchel dann, möglicherweise aus politischen Gründen, nicht veröffentlichte und den Axel Vieregg erst mit Hilfe des Nachlasses in den Gesammelten Werken zu rekonstruieren vermochte) beschreibt Huchel den biographischen Beweggrund seiner Lyrik: „Dort, in Alt-Langerwisch/Mark, bin ich zwar nicht geboren, aber dort bin ich schon als Kind hingekommen. Mit vier Jahren, als meine Mutter erkrankte, gab man mich zu den Großeltern aufs Land… Dies muß gesagt werden… Denn es ist die Landschaft des Kindes, es ist die Landschaft der Mark, aus der diese Verse ihr Leben ziehen.“
Ein Chronist der verlorenen Kindheit ist Huchel bis ins Alter geblieben, doch steigerte er das Thema weit über das persönliche, auch private Erleben hinaus. Ausgangspunkte sind die konkreten Begebenheiten, die sinnenkräftigen Erinnerungen: die Wiege („Mit gemaltem Rosenlaube / schaukelst du mich hoch und tief“), die gluckende Henne, Mund und Tasche voller Äpfel und Nüsse, eine Vesper im Gras und immer wieder die unermüdliche Magd („Die Magd ist mehr als Mutter noch“) – Erinnerungen, die Huchels Gedichte nie wieder verlassen werden, wenn sie auch späterhin den Volkslied- und Balladenton verlieren und oft nur noch in Chiffren auftauchen; sie werden dann nur demjenigen wirklich beredt, der in ihnen das Endglied der langen Reihe zu sehen vermag, aus der sie hervorgegangen sind. „Der Holunder öffnet die Monde“: eine lange Geschichte kulminiert in dieser Metapher und läßt erst gar nicht den Eindruck von Preziosität und Künstlichkeit aufkommen ihr Zauber lebt vom frischen Blick des Kindes, der immer noch darin enthalten ist.
Nein, die Kindheit ist nicht bloß private Reminiszenz, elegischer Fixpunkt späterer Jahre, sondern in allen so kostbaren Einzelheiten auch Gleichnis menschlicher Glückserwartung. Im fragmentarischen Gedichtzyklus „Bericht aus Malaga“ sagt der Lehrer Wu Bing zu seinem Begleiter: „Nicht immer male, was du siehst. / Male die Bilder der Hoffnung!“ Die programmatischen Verse stehen nicht zufällig in einem Kreis politischer Gedichte, die vom Schicksal chinesischer Partisanen 1942 berichten. Die eigene Kindheit hat Peter Huchel die überzeugenden Bilder der Hoffnung geliefert, doch laden sie nicht zur Kontemplation ein: „So aber sprach Wu Bing: / ,Das unzerstörbare Licht, / Durch das wir heute ruhelos schreiten, / Es liegt auf den Bildern der Hoffnung.“ Ein Kraftfeld geht von ihnen aus, zur Tätigkeit stimulierend.
Die Traumbilder der märkischen Kindheit tragen einen Überschuß, den Imperativ einer wirklichen Befreiung des Menschen als Anfang einer neuen Weltgeschichte. Mit dieser Utopie sind Peter Huchels Gedichte verbündet, sie zeigt auch das Maß der Schändungen in aller bisherigen Wirklichkeit:

Hier sah ich das Kind
wie in den kältesten Winkel des Alls gebettet; gestoßen
aus der Höhle des Bluts
ans harte Licht zersplitterter Fenster −
aber das Kind,
in nasse Flicken des Nebels gehüllt,
nahe war es dem Tag!

Damit der Traum vom besseren Leben handlungsfähig werde, muß er als Triebkraft im menschlichen Bewußtsein wachgehalten werden, und es unterscheidet die Kunst von bloßer Agitation, daß sie Erwartung und Hoffnung niemals preisgibt an noch so glänzende Scheinerfüllungen, ja allen betrügerischen Schein zersetzt.
Nur in zwei, drei Gedichten ist Peter Huchel der Versuchung erlegen, Utopie und Wirklichkeit zu identifizieren, der Irrtum stellte sich dann schnell heraus, er hat sich niemals daran festgehalten. Höchstes und fernstes Ziel seiner Kunst ist es ja, alles Politische überflüssig zu machen, eben das machte, ob im Dritten Reich oder in der DDR, ihre politische Sprengkraft aus. „Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?“ Beide Fragen (sie bilden den Eingangsvers des Gedichts „Der Kreis“) gehören zusammen, Ursprung und Ziel sind vermittelt, auf einer neuen Ebene wird die Kindheit zum Zukunftsereignis, voller Produktivität und Bewegung nach vorwärts, Umbruch und Zeitenwende signalisierend. In diesem Zeichen hat nicht nur das Christentum, sondern auch noch Rousseau gesiegt.

Der religiöse Zug vieler Gedichte, die biblischen Bilder und Redeweisen haben keinen anderen Sinn, als die Vorstellung einer heilserfüllten Kindheit in ihrer allseitigen, auch objektiv historischen Wirkungskraft aufzuzeigen, das religiöse Bewußtsein selber als die noch kindliche Gestalt der Grenzüberschreitung kenntlich zu machen. So geht die Erinnerung an die Magd aus Kindertagen ganz selbstverständlich über ins Bild der heiligen Magd und Jungfrau, Gebet und Psalm werden als Formen des Gedichts wiederaufgenommen und variiert. Allerdings entstehen in dieser Sphäre auch die fragwürdigsten Verse Huchels („Wir aber werden in Gebärden immer tiefer / und können Gottes Sternenhände fassen“), wenn es ihm nämlich nicht gelingt, die religiös fixierte Andachtsfigur auch aufzubrechen und in andere, neue Regionen weiterzutreiben.
Vollkommen gelungen ist diese künstlerische Operation aber in einer besonderen, auch längst religiös geprägten Anschauung: der allegorischen Deutung des Lebens als einer Pilgerschaft und der Geschichte als eines Wanderzuges durch Wüste und Gefahren. Die damit verbundenen Motive, Bilder und Figuren ziehen sich selber wie eine breite Straße oder – um gleich Huchels Formulierung zu nehmen – wie eine Chaussee durchs gesamte Werk. Dieser Ausdruck taucht wohl zum ersten Mal 1932 in einem Gedicht auf, überschrieben „Wilde Kastanie“, und scheint hier noch ganz der kindlich-sinnlichen Erfahrung verhaftet:

Doch wenn der Sturm der roten Blätter
bis in die allen Wipfel stößt,
im raschelnden Oktoberwetter
die Spinne aus dem Netz sich löst,
dann springen braun Kastanienbälle
von allen Ästen der Allee,
sie rollen, von des Windes Kelle
getrieben hin auf der Chaussee.

Von der späteren Ausweitung und metaphorischen Vertiefung des Bildes (,,Ich geh nicht allein / die helle Chaussee“, heißt es 1948), die im Gedichtband Chausseen Chausseen von 1963 kulminiert, fällt auch auf die frühen Verse ein neues Licht; ebenso wie die Zeilen „Chausseen. Chausseen. / Kreuzwege der Flucht“ kann man sie nun auch als Gleichnis für Zerstreuung und Versprengung, für den Abfall vom großen Baum des Lebens lesen, mit allen Zeichen der Flucht, des Verlassenseins, der Hinfälligkeit.
Zwei große Verbindungslinien durchziehen Huchels Werk, und wer ihn nur auf die Natur festlegen wollte, hätte nicht einmal die halbe Wahrheit, weil in der wechselseitigen Ergänzung ihre eigentliche Bedeutung liegt. Tieren und Pflanzen, dem ganzen Zeichennetz der Landschaften und Naturdinge, entspricht komplementär der Gegenstandsbereich der menschlichen, der historischen Welt: Straße und Wirtshaus, Reise und Rast, Schiff und Fährhaus, Stadt und Haus, doch auch die Erzeugnisse der Kultur gehören hierher, das Theater („König Lear“, „Ophelia“), Religion und Mythos („Das Grab des Odysseus“), schließlich die politische Geschichte mit ihren Katastrophen Krieg, Gefangenschaft, Tod.
So vielfältig die Themen, so abwechslungsreich sind die Formen und Töne: Ballade, Lied, Gebet; Strophe und freie Rhythmen; Nänie und Elegie; Rollengedicht und historische Miniatur; ob der berühmte „Bericht des Pfarrers vom Untergang seiner Gemeinde“, ob die Anrufung Shakespearescher Figuren oder die lyrische Vergegenwärtigung südlicher Städtebilder – sie stehen in nichts den großen Naturgedichten nach.
Gewiß, das lyrische Lebenswerk Peter Huchels ist, mit dem Benns oder Brechts, gar manches Vielschreibers unserer Tage verglichen, von geringem Umfang und paßt mit allen wichtigen Varianten, Seitenstücken, Nachlaßgedichten auf 350 Buchseiten. Doch wie auch mancher Weg nach innen erst ins Weite führt, so treten durch die äußere Beschränkung erst die bis ins feinste nuancierte Vielförmigkeit der Bild- und Verssprache und das Übermaß des Werkstoffs hervor, der die Substanz seiner Gedichte ausmacht, auch wo sie unfertig oder mißlungen sind. Denn nicht die Trennung, den Antagonismus von Natur und Geschichte, bekräftigen die beiden großen Tendenzen in Huchels Lyrik, sondern ihre Wiedervereinigung. Auf diesen Fluchtpunkt hin sind alle Gedichte geschrieben.
Die Versöhnung von Mensch und Natur, Geschichte und Landschaft ist das Ziel, zu dem hin Huchels Dichtung unterwegs ist, beharrlich in allen Rückschlägen und treu den Anfängen in der märkischen Kindheit. Nur im Gedicht sind ihm die überzeugendsten Bilder dieser Hoffnung gelungen, weil die Sprache der Lyrik für die offenen, vorausdeutenden SymbolerIebnisse, für die geheimen Korrespondenzen der geschiedenen Lebenssphären den genauesten Ausdruck zu finden vermag.
Wie ausschließlich Peter Huchel Lyriker gewesen ist, demonstriert unübersehbar die Werkausgabe, die im zweiten Band Vermischte Schriften versammelt, darunter vor allem vier Hörspiele (von insgesamt vierundzwanzig überlieferten, doch hat der Herausgeber die meisten, darin der Selbsteinschätzung des Autors folgend, als Brotarbeiten eingestuft und im Anhang aufgeführt). Dazu Reden und Stellungnahmen zu verschiedenen Anlässen, eine schmale Briefauswahl (Huchel sei, schrieb Hans Mayer, „als Briefschreiber wohl nur mit dem Fachausdruck ,aleatorisch‘ zu kennzeichnen“) und Interviews – alles unentbehrliche Materialien zu Leben und Werk, aber zumeist von keinem darüber hinausführenden Interesse.
Allein die ersten Hörspiele – besonders „Die Magd und das Kind“ – sind streckenweise der frühen Lyrik ebenbürtig. Axel Vieregg hat auch diesen Band mit den notwendigen bibliographischen Anmerkungen versehen, aber auf jede weitergehende Sacherläuterung oder gar kommentierende Deutung verzichtet. Peter Huchel gehörte nicht zu den in Selbstkommentaren oder bei der Katalogisierung des eigenen Werks besonders eifrigen Schriftstellern, das hat dem Herausgeber die Arbeit (etwa der Datierung einzelner Gedichte) schwergemacht, ihn andererseits auch von aller Stoffhuberei entbunden. So läßt die Ausgabe zwar einige Wünsche offen (besonders vermißt man eine zusammenfassende literaturhistorische und kritische Einleitung), aber sie entspricht auch den Intentionen und dem Charakter des Autors auf besondere Weise, der alles, was er zu sagen hatte, ins poetische Wort faßte – im Gedicht „Die Wasseramsel“ hat er uns ganz beiläufig das schönste Selbstporträt überliefert:

Könnte ich stürzen
heller hinab
ins fließende Dunkel,

um mir ein Wort zu fischen,

wie diese Wasseramsel
durch Erlenzweige,
die ihre Nahrung

vom steinigen Grund des Flusses holt.

Goldwäscher, Fischer,
stellt eure Geräte fort.
Der scheue Vogel

will seine Arbeit lautlos verrichten.

Gert Ueding, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.1984

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Gerhart Pickerodt: Transparenz des Mittagslichts
Deutsche Volkszeitung/die tat, 10.5.1985

Stephen Parker: Collected – recollected – uncollected?
German Life & Letters, Heft 1, 1986

 

Randbemerkungen zum Schweigen

– Über Peter Huchel. –

I.

Als Übersetzer von Gedichten Peter Huchels – zwei Auswahlbänden, von denen der spätere alle Gedichte aus seinem letzten Buch enthält – mußte ich diese Texte zu einem gewissen Grade auch deuten, d.h. versuchen, den lyrischen Vorgang nachzuvollziehen, ohne ihn mit eigenen Zugaben zu verfälschen. Das war bei Huchels Gedichten – verglichen mit Gedichten Hölderlins oder Celans – nicht besonders schwierig. Erklärende Hinweise des Autors benötigte ich darum nur einmal, vor unseren Begegnungen und Gesprächen, am Beginn meiner Übersetzungsarbeit. In seinem ersten Brief an mich, vom 18. Dezember 1972, beantwortete Peter Huchel drei Fragen über mehrdeutige Wörter in den Gedichten „Ophelia“ und „Exil“. Zwei dieser Mehrdeutigkeiten konnte er auflösen. Bei dem Wort „Gesicht“ („Exil“) bestand er auf der Doppelbedeutung: „Das Gesicht ist sowohl das physische Gesicht wie auch die Vision.“
Keineswegs kann ich sicher sein, daß in meinen späteren Übersetzungen alles richtig wiedergegeben worden ist. Mehrdeutigkeiten, Verschwiegenheiten, Geheimnisse gehören zum Wesen der Lyrik Huchels – wie auch zum Wesen des Mannes, den ich „kennenlernte“, selbstverständlich aber ohne immer das sehen zu können, was Peter Huchel physisch oder visionär im Auge hatte, wenn er eine Gedichtzeile schrieb. Außerdem ist Polysemie das, was in der Übersetzung zwar erkannt und berücksichtigt, aber meistens nicht wörtlich wiedergegeben werden kann. Daß ich an Peter Huchel später gar keine mündlichen oder schriftlichen Anfragen mehr stellte, lag vor allem daran, daß er mir gegenüber immer weniger Lust hatte, sich über eigene Texte und Einzelheiten der Deutung zu äußern. Ein Schweigen über vieles gehörte zu dem Einverständnis, welches sich gleich bei unserer ersten Begegnung – in London, Januar 1973 – einstellte. Dabei war Peter Huchel auf seinen drei Großbritannienreisen trotz Krankheit und der Überanstrengung jener Jahre, in denen er seinen Angehörigen mit zu vielen Lesungen noch einmal eine Sicherung verdienen wollte, alles andere als verschlossen. Die Geselligkeit, wie das Essen und Trinken, schien er zu genießen, war auch für alle Äußerlichkeiten der Umgebung und des Umgangs durchaus empfänglich. Schon in seinem ersten Brief hatte er aber geschrieben: „Daß auch eine Katze mich erwartet, finde ich tröstlich.“
Dieses Wort „tröstlich“ enthielt für mich einen ganzen Komplex von Bedeutungen und Andeutungen, darunter vielleicht eine Anspielung auf das Gedicht „Meinungen“. Im Gegensatz zu den meisten seiner späteren und spätesten Gedichte ist „Meinungen“ eins von jenen im vorletzten Gedichtbuch, die sich mit kaum verschlüsselter Direktheit auf persönliche Umstände des Autors beziehen – nämlich auf sein inneres Exil in der DDR – und auch dazu Stellung nehmen. Das Glaubensbekenntnis in „Meinungen“ ist aber ein Bekenntnis gerade zu jener Verschwiegenheit, die für Huchel bei weitem charakteristischer ist als die nur leicht verschlüsselten Aussagen jener Gedichtgruppe. Dem Aussprechen menschlicher Meinungen, Hoffnungen und Zweifel setzt das Gedicht das Schweigen der Katzen entgegen:

Die Katzen,
die hinter der Tür
auf der Treppe dämmern,
sind weise und schweigen.

Die uns gemeinsame Katzenliebe gehört zu diesem Komplex, der mir nun sowohl das Interpretieren von Gedichten Huchels wie auch Wiedergaben unserer – übrigens nie aufgezeichneten – Gespräche verbietet. Schon Jahre vor der körperlichen und geistigen Lähmung, als ich im Frühjahr 1975 bei den Huchels in Staufen mehrere Tage verbrachte, war mir aufgefallen, daß sich Peter gegen das Schreiben wehrte, daß er viele Stunden in wortloser Untätigkeit verbringen konnte – wie seine Katzen „dämmernd“ – und über fast alles lieber sprach als über das, was ihn als Lyriker anging und beschäftigte. Von seinen damaligen Arbeitsplänen erfuhr ich vor allem, daß er ein Erinnerungsbuch schreiben sollte, aber nicht wollte. In späteren Jahren beantwortete er auch keine Briefe mehr. Bei meinem Abschiedsbesuch, im November 1980, war er fast völlig verstummt und konnte nur noch mit den Augen auf meine Mitteilungen über die Arbeit am zweiten englischen Gedichtbuch antworten. Die Antwort auf seine einzige wiederholte Frage an meine Frau und mich – wie es uns gehe – zerbrach auch schon an seinem Zustand. Was noch zu sagen übrigblieb war das, was man mit Worten höchstens andeuten kann: daß die Verbundenheit über das Verstummen hinaus fortbestehen würde, auch indem ich seine das Schweigen einschließenden Worte weiter übersetzte. Das Verständnis dieser Mitteilung bestätigten seine Augen.

2.

Daß ich mit Peter Huchel erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt in Verbindung trat, hatte verschiedene Gründe. Sein erstes Gedichtbuch hatte ich verpaßt und erhielt es erst ein Vierteljahrhundert später, als er es mir in London schenkte. Frühe Gedichte von ihm hatte ich zwar in Anthologien und Zeitschriften gelesen, konnte mich aber als Dozent in den fünfziger Jahren nur wenig mit zeitgenössischen Autoren befassen. Erst nach der Veröffentlichung von Chausseen Chausseen begann ich mich intensiv mit seinen Gedichten zu beschäftigen, wenn auch noch nicht als Übersetzer, da ich in anderen Arbeiten steckte. Gerne hätte ich mich schon in jener Zeit an Peter Huchel gewendet, wurde aber von Freunden in der BRD und in der DDR gewarnt, daß jeder Versuch, an Peter Huchel zu schreiben oder ihn zu besuchen, für ihn nur schädlich sein würde. Ob das stimmte, habe ich nie festgestellt, da ich später mit Peter Huchel über seine Erlebnisse in dieser Zeit so wenig gesprochen habe wie über andere Versäumnisse, die zu den Zufälligkeiten des persönlichen Verkehrs gehören.
Daß ich zu jener Zeit mit Johannes Bobrowski befreundet war und mit ihm mehrmals in Ostberlin zusammen war, habe ich zwar Peter Huchel in Staufen gesagt, weil diese Freundschaft für mich keine Zufälligkeit war und ich an eine wesentliche Geistesverwandtschaft der beiden Lyriker glaubte, mußte aber auch diese Erwähnung bereuen, als ich merkte, daß ich eine wunde Stelle berührt hatte. Am 11. März 1964 hatte mir Bobrowski geschrieben: „Im Februar war Walter Jens hier, und ich hab bei der Gelegenheit mit Huchel Wiedersehen gefeiert, es war auch schon Zeit.“ Vermutlich hatte diese Nachricht meine Annahme bestärkt, daß die sehr verschiedenen Situationen der zwei Dichter in jenen kritischen Jahren ihre Beziehung nicht beeinträchtigen konnten. Aber 1975 wollte Peter Huchel von einer solchen Beziehung gar nichts wissen. Ein Dritter sollte auch über persönliche oder literarische Beziehungen überhaupt nichts annehmen. Viel zu viele Zufälligkeiten spielen in jede Beziehung hinein; und wo Zufälligkeit herrscht, herrschen auch Mißverständnisse.
Was ich Peter Huchel gegenüber nie erwähnt habe, war eine andere Zufälligkeit aus demselben Jahr. Im Mai 1964 schickte mir Wilhelm Lehmann einen handschriftlich etwas berichtigten und ergänzten Zeitungsausschnitt mit seinem Aufsatz Maß des Lobes: Zur Kritik der Gedichte von Peter Huchel zu. Daß ein damals schon über achtzigjähriger Lyriker, der noch immer ausgezeichnete Gedichte schrieb, es für nötig hielt, einen jüngeren, in seinem eigenen Land entrechteten und verbotenen auf eine solche Weise zu schulmeistern, empfand ich gleich – längst vor der persönlichen Verbundenheit mit Peter Huchel – als einen peinlichen und schwer zu verstehenden acte gratuit. Aus späteren Briefen Lehmanns ersah ich dann, daß er andere jüngere Lyriker – vor allem solche, die für die Kritiker zu seiner „Schule“ zählten – ebensowenig gelten ließ; und erst bei einem viel späteren Wiederlesen des Aufsatzes wurde es mir klar, daß er sich viel weniger gegen Huchels Gedichte als gegen die Superlative der Klappentexte, Anzeigen und Rezensionen richtete, es also Lehmann tatsächlich um das „Maß des Lobes“ gegangen war. Ob aber ein Lyriker als „groß“ angepriesen wird, braucht weder den so Genannten noch sein Werk zu betreffen, da es kritisch belanglos ist. Anstößig an dem Aufsatz ist darum nur, daß Lehmann vorgibt, Peter Huchels „Wille verlange nach Größe“, um ihm dann diese Größe absprechen zu können. Nie habe ich Peter Huchel das Wort „Größe“ in den Mund nehmen gehört, glaube auch weder an das ihm zugeschriebene „Verlangen“ noch an die Implikation, daß er je der Meinung war, man könne „große“ – oder nur gute Gedichte mit dem Willen zustande bringen. Ganz im Gegenteil war Peter Huchel ein Autor, der nur das wenigste, oft zögernd und verspätet, veröffentlichte.
Auch Lehmanns abwertende Bemerkungen über Huchels frühe Gedichte sind für mich durch den späten Versuch, einige von ihnen zu übersetzen, entkräftet worden. Erst beim Übersetzen des Gedichts „Die Magd“ erfuhr ich, daß die Gedrängtheit der Gegebenheiten und Bezüge in diesem Gedicht sogar die silbenkarge englische Sprache überforderte. Die übliche Schwierigkeit bei formgetreuen Übersetzungen deutscher Gedichte ist, daß die kürzeren englischen Wörter rhythmische Lücken entstehen lassen, die man semantisch auszufüllen versucht wird. Dagegen mußte ich bei dem Gedicht „Die Magd“ mindestens eine konkrete Einzelheit, das „Petroleumlicht“, dem Metrum und Reimschema aufopfern; und gerade durch die engste Verkettung seiner sinnlichübersinnlichen Einzelheiten geht ja das Gedicht weit über jene Konventionen hinaus, in welchen laut Lehmann das ganze Frühwerk Huchels verfangen war.
Ernst zu nehmen an dem Aufsatz, daher auch einer Widerlegung wert, sind nur die Vorwürfe der metaphorischen Ungenauigkeit, die Wilhelm Lehmann mit Zitaten aus „Landschaft hinter Warschau“ und „Thrakien“ begründete. Die Funktion der nicht realistischen Bilder in Huchels Gedichten ist inzwischen – besonders von Axel Vieregg – erkannt worden. Eine Auseinandersetzung mit der Kritik Lehmanns käme aber kaum umhin, Huchels lyrische Praxis von der Naturmagie Lehmanns zu unterscheiden, welche – ganz anders als die Mystik Huchels – das Geschichtliche durch Nebeneinandersetzen des Verschiedensten und Entferntesten aufhebt. Wo Lehmann nebeneinandersetzen konnte, mußte Huchel entgegensetzen, also mit Dissonanzen arbeiten, die nicht immer aufgelöst wurden und Wilhelm Lehmann leicht als Unstimmigkeiten befremden konnten.
Aus einem Brief Peter Huchels an Axel Vieregg (5. April 1974) ersehe ich nun, daß es gar nicht notwendig war, ihm gegenüber die Zusendung des Aufsatzes und meinen Verkehr mit Wilhelm Lehmann zu verschweigen: „Was den alten Lehmann betrifft, so hege ich nach wie vor eine Art stiller Pietät für diesen erbitterten Querkopf; es wäre mir ein leichtes, meine „korrekte Naturlyrik“ anhand seiner· nicht korrekten Vorwürfe zu verteidigen.“ Damit ist schon alles gesagt. Obwohl ich nicht wissen konnte, wo die wunden Stellen lagen, hätte ich doch ahnen können, daß sie nicht von der Kritik, sondern von der Lebensgeschichte – und nicht nur von der eigenen – herrührten. Daß sich das Leiden an der Geschichte mit der persönlichen und künstlerischen Eitelkeit schlecht verträgt, wußte ich schon. Im menschlichen Umgang, wenn nicht in Gedichten, kann also auch die Verschwiegenheit auf Mißverständnissen beruhen, zu Versäumnissen führen.

3

Diese sind aber mit Anekdoten aus dem Zusammensein mit Peter Huchel nicht wiedergutzumachen. Was aus unserem längeren Zusammensein in Staufen festgehalten werden wollte, steht in einem Gedicht, welches wieder das Schweigen Peter Huchels – angesichts des jüdischen Friedhofs in Sulzburg – bezeugt, sein Verhältnis zu Tieren berührt und mit einer Bemerkung von ihm über die süddeutsche Landschaft beginnt. Auch in England, Schottland und Irland gefielen ihm die nördlichen, rauhen, trüben und öden Landschaften. Von Nordengland und Schottland war er so eingenommen, daß er mir sagte, er würde sich gerne dort ansiedeln. Daß er sogar nach Venedig das Regenwetter aus der Mark mitbrachte, ist einem der wenigen einsichtigen Besprechern der englischen Huchelbücher, Martin Dodsworth, aufgefallen: „Die norddeutsche Landschaft aus grauen Ebenen, aus Gewässern, Nebeln, Regen und Schnee ist dem Wesen Huchels so eingeprägt, daß er selbst in Venedig nur die düsteren Eigenschaften der Heimat sieht – nicht die ,Marmorwälder‘ oder die ,steigenden, sich kreuzenden silbernen Schnäbel‘, sondern einen Ort, wo der Regen ,Poren ins Wasser schlägt‘.“ (The Guardian, 28.11.1974)
Einen einzigen Vorfall erwähne ich noch. Als Peter Huchel 1973 bei uns in London war, meldete sich ein Herr Guttmann, der dann auf Verabredung mit einem jungen Photographen ins Haus kam, um viele Porträts von Peter Huchel und mir aufzunehmen. An ein Gespräch zwischen Herrn Guttmann und Peter Huchel erinnere ich mich nicht, hatte aber das Gefühl, daß das Interesse Guttmanns an Huchel eine alte Bekanntschaft voraussetzte, die Peter Huchel nicht anerkennen wollte oder vergessen hatte. Jedenfalls gingen die beiden wieder fort, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Nie mehr haben wir von diesen Besuchern gehört, nie die Bilder zu sehen bekommen. Auch spätere Nachfragen waren vergeblich. Am Ende verwunderte mich das Verschwinden der Bilder so wenig wie das Verschwinden unserer nie aufgezeichneten – in diesem Falle auch von der Aufnahme unterbrochenen – Gespräche. Wenn man auch, wie es in Peter Huchels „Der Garten des Theophrast“ heißt, „Gespräche wie Bäume“ pflanzen kann, sterben ja selbst Bäume ab oder werden, wie in diesem Gedicht, mit der Wurzel ausgerissen, so daß nur noch „das weiße Feuer / der Verse über den Urnen tanzt“.

Michael Hamburger, in: Axel Vieregg (Hrsg.): Peter Huchel, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1986

Zu den Gedichten Peter Huchels

Der Leser der Gedichte von Peter Huchel sieht wohl zunächst eine Erscheinung voller Widersprüche. Ihm zeigt sich eine Welt, die sich vieler Begriffe aus ländlichen, aus bäurischen Bezirken bedienen muß, um sichtbar werden zu können, und doch alles andere als eine Natur bezeugt, alles andere als der Niederschlag eines im Überflusse schwelgenden Naturverbundenseins ist. Wie selten bei einem jungen Dichter fühlt er den Unterschied zwischen der Alltagsbedeutung eines Wortes und seinem gleichnishaften Werte im Bereiche des Dichterischen und kann auch den bei vielen Dichtern schon abgeschlosseneren Prozeß der Sinnraffung in einem Worte, der Sigelwerdung der Sprache noch im Flusse spüren.
Nur oberflächliche Betrachtungsweise wird sich verleiten lassen, Huchel eine rein ästhetische Erscheinung zu nennen, deren Gefühlsvorbilder in dieser Haussezeit der Naturdichtung leicht zu finden seien, obgleich Huchel oft Verliebtheit in die Sprache zur Schau trägt (schöne Worte wie Federn an den Hut gesteckt) und dazu neigt, auf der Sprache wie auf einem gutgestimmten Klavier zu spielen anstatt sie neu zu erschaffen. Doch nähern wir uns langsamer: Huchel, auf dem Lande aufgewachsen, studierte und lebt jetzt in Berlin. Er dichtet also mit den Begriffen einer Welt, die – äußerlich gesehen – nicht mehr die seine ist: Kalmus, Magd, Petroleumlicht (welche Fülle der Erinnerungen an Gerüche!), Bärlapp und Kröte, die man um viele gleichgeartete Begriffe vermehren kann. Diese Worte umschließen, besser: sie enthalten Erfahrungen der Kindheit.

Einst waren wir alle im glücklichen Garten,
ich weiß nicht mehr, vor welchem Haus,
wo wir die kindliche Stimme sparten
für Gras und Amsel, Kamille und Strauß.

Da saßen wir abends auf einer Schwelle,
ich weiß nicht mehr, vor welchem Tor,
und sahn wie im Mond die mondweißen Felle
der Katzen und Hunde traten hervor.

Wir riefen sie alle damals beim Namen,
ich weiß nicht mehr, wie ich sie rief.
Und wenn dann die Mägde uns holen kamen,
umfing uns ein Tuch, in dem man gleich schlief.

Geblieben aus dieser Zeit, da man alle Wesen beim Namen rief, sind Huchel Begriffe, die den Zauber des Vergangenen noch in ihren Falten wie einen Geruch zu bewahren scheinen, und nun schreibt er beschwörend: Kalmus! oder: Oktober! Die Worte öffnen sich wie Fächer, und es entfällt ihnen die verlorene Zeit. Mit ihnen schlägt er an die verschlossene Höhle der Kindheit, Sesam tu dich auf, und die Pforte öffnet sich.
Aber sie öffnet sich nicht immer dem Klopfen seiner Worte; dann erhalten wir jenen nur ästhetischen Eindruck, von dem zu Beginn dieser Bemerkungen ohne nähere Begründung gesprochen wurde. Und noch ein aufschlußreicheres Bild dieser „Methode“ bietet sich an: die Worte wurden zu Drogen. Sie erzeugen, richtig ausgesprochen, im Dichtenden und in dem gleichgestimmten Leser einen rauschartigen Zustand des Verbundenseins mit dem Urgrund aller Wesen, eingehüllt in einen dumpfen sinnlichen Geruch. Die Stärke der wachsenden Sehnsucht nach dem lange vermißten Eingeebnetsein (man vergaß die Namen, diese Schlüssel zu jeglichem Geheimnis), dazu die allmähliche Abstumpfung des Bewußtseins gegenüber dem Reiz der oft gebrauchten Worte, zwingen Huchel, die Drogen der Erinnerung mehr und mehr zu vergrößern, und so entstehen neben herrlich ausgeglichenen Versen Gedichte von einem barocken Wortaufwand, die uns den Eindruck geben, es sei nicht mehr von Natur, sondern eben nur von Drogen die Rede.
Huchel reiste viel im Süden. Er kennt die Landschaften ums Mittelmehr. Dieses Süderlebnis erweiterte Huchels Gefühl: wie oft genug das Sehen anderer Landschaften das Auge der Maler für die schon gleichgültig gewordene Heimat. Die Fülle einer sonnenwarmen Melone, honigtropfende Feigen und die schöne, uns traurig erscheinende Lässigkeit der Frauen, das verschmilzt hier bisweilen mit den Bildern unserer herberen Landschaft, bald besiedelt von Nymphen und heiteren Geistern.
Und die Erinnerung, gefärbt von vielen neuen Erlebnissen, vereint wieder die geschiedenen Erscheinungen, die das Bewußtsein trennte, hüllt sie ein in das „Tuch der Magd“ und den „Milchgeruch“ allen Lebens. Doch diese „Einheit des Lebens“, von der die Gedichte wie von einem Traume zu sprechen scheinen, wird nicht vom Dichter in einem naturburschenhaften Sinne erlebt, auch nicht umweglos empfunden, sondern sie kann nur als Illusion durch Beschwörung jener Zeit erreicht werden, in der noch alles Seiende dem schauenden Auge und dem scheuen Herzen eins schien, ruhend in dem großen Mutterleibe der Jahreszeiten: durch Beschwörung der Kindheit.
Jeder zehrt seine Kindheit auf wie ein Brot. Unablässig ruft Huchel mit erinnerungsträchtigen Worten diese Zeit zurück, und sie ersteht bisweilen vor uns in gültigen Bildern, Trost über die endlose Individuation alles Werdenden. So ist die Welt Peter Huchels alles andere als gestrig, als ländlich in einem herkömmlichen Sinne, wenngleich er sich hergekommener Vokabeln bedient; sie ist von unserem Blute, à la recherche du temps perdu wie alles menschliche Bemühen von jeher.

Martin Raschke, Die Kolonne, Heft 3, 1932

Ansprache

(Gehalten bei der Verleihung der Plakette der Freien Akademie der Künste, Hamburg, an Peter Huchel am 7.11.1959)

Lieber Peter Huchel: Es ist gesagt worden, daß ich Sie in den zwanziger Jahren „entdeckt“ habe. Sie und ich wissen, wie vollkommen unrichtig das ist. Dichter werden nicht entdeckt, sie fallen bekanntlich vom Himmel – und ich möchte das Sprichwort, daß noch kein Meister vom Himmel gefallen sei, in das genaue Gegenteil abwandeln: daß bisher noch alle Meister vom Himmel gefallen sind, auch wenn sie später noch so sehr an sich selbst und ihrem Werk weitergearbeitet haben.
Das, nehme ich an, wußten wir beide immer, ausgesprochen und unausgesprochen. Unsere Beziehung war immer die denkbar einfachste. Sie kamen nach Berlin von irgendwoher und sandten Ihre frühen Verse an irgendeine Redaktion, die Ihnen aus diesem oder jenem Grund geeignet schien. Und ich, der zufällig in jener Redaktion saß, las diese Verse und wußte, daß hier in der Tat ein Meister vom Himmel gefallen war. Ich sandte das Papier in die Druckerei. Und das war alles. Ich habe diese spontane Reaktion auf Ihre Verse in den nächsten fünfunddreißig Jahren, rund gerechnet, niemals, auch nicht eine Minute lang, zu bereuen gehabt.
Allerdings, ich habe Sie entdeckt, und Sie haben sogar von mir gelernt – aber nicht als Dichter, sondern als Herausgeber einer Zeitschrift. Hier aber, das muß ich leider hinzufügen, hat der Schüler den Meister weit übertroffen.
Ich gab damals, nach 1925, die Wochenschrift Die Literarische Welt heraus, als Deutschland noch ein einziger Staat war. Sie geben jetzt, 1959, seit Jahren die Monatsschrift Sinn und Form heraus, im Osten Berlins, und haben in ihr die von uns bei den so tief bedauerte politische Zweiteilung Deutschlands ohne viel Umstände zu einer geistigen Einheit zusammengeschweißt: wie Deutschland mir damals, um 1925, eine selbstverständliche Einheit war als Hintergrund und, wenn ich so sagen darf, als redaktionelle Ressource meiner Wochenschrift. Schon um dieser zusätzlichen Leistung willen ist Ihr Verdienst unvergleichlich größer als das meine.
Aber mehr noch: Sie haben diese Ihre Monatsschrift Sinn und Form zu einer der drei führenden geistigen Zeitschriften im gesamten Deutschland erhoben. Ihre Zeitschrift ist und bleibt – hoffentlich für lange – eine der sehr wenigen repräsentativen Zeitschriften Gesamtdeutschlands. Diese Feststellung ist so evident, daß sie kaum einer besonderen Begründung bedarf. Niemand von einiger Kompetenz wird sie bestreiten können.
Doch ungleich wichtiger ist Ihr dichterisches Werk. Heute, da ich dieses Lebenswerk einigermaßen überblicke, scheint es mir besonders wichtig, daß dieses dichterische Werk zunächst ein Produkt der Erde, des Pflanzenreichs, der Natur, der Landschaft war – ein Werk der chthonischen Alchimie, der Naturmystik, wenn man will, und – ich sage das nicht ohne geheime Bosheit – eine Dichtung von „Blut und Boden“, die einzige echte, die wir in der deutschen Literatur unserer Zeit mit Recht so nennen dürfen – neben der Lyrik des älteren Wilhelm Lehmann, den wir beide gleich stark geliebt haben und lieben –: diese gemeinsame Liebe hat uns übrigens sehr verbunden.
Sie können sich vorstellen, lieber Peter Huchel, mit welcher schadenfrohen Genugtuung mich die Erkenntnis erfüllt, daß der einzige jüngere Dichter, dem dieses Prädikat einer Dichtung von „Blut und Boden“ gebührt, ein politisch linker Mann ist und nicht einer aus den Reihen derer, die dieses Schlagwort für sich annektiert zu haben glaubten – der Nazis und der Nationalisten.
Und hier will ich auch noch die Geschichte erzählen, wie wir auseinanderkamen, nur um endgültig zusammenzukommen – auch wenn wir uns nie mehr sehen sollten. Ich wanderte kurz nach dem Reichstagsbrand zurück in meine Vaterstadt Prag und wollte dort meine Wochenschrift Die Literarische Welt unter einem anderen Titel fortsetzen. Natürlich lud ich auch Sie, vor allem Sie, zur Mitarbeit ein. So naiv war ich damals noch, daß ich gar nicht ahnte, in welche Gefahr ich Sie damit brachte, als ich Sie 1933 zur Mitarbeit an einer deutschen Zeitschrift in Prag, der Emigrantenstadt, einlud. Sie antworteten mir ganz ruhig, Sie könnten mir leider keinen Beitrag schicken, weil Sie sich entschlossen hätten, bis auf weiteres nichts mehr zu veröffentlichen. Und das haben Sie in der Tat durchgeführt, lieber Peter Huchel. Sie haben, soviel ich weiß, im Nazireich nichts, rein gar nichts publiziert. Sie haben nicht einmal versucht, Ihre Verse in Goebbels’ hochintellektueller Zeitschrift Das Reich unterzubringen, dieser Leimrute für allerhand zweitklassige intellektuelle Spatzen. Sie blieben stumm, ganz stumm, wie es sich einem Dichter von wirklich geradem Charakter ziemte. Ich liebe Ihre Gedichte; aber ich möchte Sie heute auch ehren wegen Ihres geraden, unnachgiebigen Charakters. Sie haben dem großmächtigen Herrn Goebbels die Waffe entgegengesetzt, gegen die selbst er machtlos war: die Waffe des Schweigens. Sie blieben in Deutschland – aber Sie schwiegen. Das ist großartig, wenn ich mir ein Urteil erlauben darf, der ich diesen Kampf nicht aufnahm, sondern in die Heimat floh. Doch sprechen wir über das Allerwichtigste: eben über diese Ihre Dichtung. Wenn die Bezeichnung einer tiefen und wahren Vergeistigung noch heute einen Inhalt hat, dann hat sich Ihre Dichtung wahrhaft vergeistigt, von Schritt zu Schritt, von Jahr zu Jahr, in dem Sinne, daß immer heller, immer tiefer die Macht und die Magie des Wortes in Ihnen erwacht ist, wie im späten Hölderlin, als Sie mit den Jahren wuchsen und als die Stimme der Erde, die Stimmen der Pflanzen und Bäume und ihrer Wurzeln sich vermählten mit der reineren Sphäre des Geistes und des inspirierten Wortes in seiner vollkommenen Reinheit und Freiheit, und Verse offenbarten, die ihresgleichen nicht haben in der gegenwärtigen deutschen Literatur. Es ist eine der unbegreiflichen Absurditäten unserer Zeit, daß diese Verse dem westlichen Teil unseres Landes so gut wie unbekannt geblieben sind. Sie sind Volkslieder unserer Zeit, die Glockenschläge der „Ammenuhr“ aus Des Knaben Wunderhorn hört man hindurch schlagen.
Weil Ihre Dichtung, Peter Huchel, durch tausend Fäden, über die Naturmystik hinaus, mit der Natur selbst und ihrem Schicksal verbunden ist, die durch das Göttliche geheiligt, durch den Menschen gedemütigt, durch die Hölle vernichtet wird, und doch immer wieder aufersteht – deshalb hat die Freie Akademie der Künste in Hamburg dem Dichter und dem Herausgeber der Zeitschrift Sinn und Form, Peter Huchel, die Ehrenplakette – entworfen von unserem Mitglied Alfred Mahlau – verliehen, die Ihnen sogleich unser verehrter Präsident, der Dichter Hanns Henny Jahnn, überreichen wird. Darf ich Sie, lieber alter Freund, als erster dazu beglückwünschen?
Lassen Sie mich noch am Ende einige Verse von Ihnen verlesen, die zeigen, daß Sie dieser und jeder anderen großen Auszeichnung für deutsche Dichter in unserer Zeit würdig sind wie kein anderer:

Damals ging noch am Abend der Wind
Mit starken Schultern rüttelnd ums Haus.
Das Laub der Linde sprach mit dem Kind,
Das Gras sandte seine Seele aus.
Sterne haben den Sommer bewacht
Am Rand der Hügel, wo ich gewohnt:
Mein war die katzenäugige Nacht,
Die Grille, die unter der Schwelle schrie.
Mein war im Ginster die heilige Schlange
Mit ihren Schläfen aus milchigem Mond.
Im Hoftor manchmal das Dunkel heulte,
Der Hund schlug an, ich lauschte lange
Den Stimmen im Sturm und lehnte am Knie
Der schweigsam hockenden Klettenmarie,
Die in der Küche Wolle knäulte.
Und wenn ihr grauer schläfernder Blick mich traf,
Durchwehte die Mauer des Hauses der Schlaf.

Willy Haas, Kontraste. Jahrbuch Freie Akademie der Künste in Hamburg, 1960

Franz Schonauer: Peter Huchel – Porträt eines Lyrikers
DU, Heft 11, November 1964

 

DIE WEIHNACHTSGANS
Nach Peter Huchel

1952
Im Ofenloch knackt schon das Scheit,
die Gans macht ihren Bürzel breit,
empfängt den Apfel, Salz, Salbei
und Thymian. Die Uhr schlägt drei.

Die Uhr schlägt vier, der Gänsehals
bäumt sich im Herd, schwitzt Gänseschmalz.
Die Magd hört wie ihr Magen knurrt
und schnallt ihn enger, ihren Gurt.

Dann sitzt sie stumm, und Stoß um Stoß
flickt sie an ihrer Unterhos.
Da sie von kruden Lüsten frei,
denkt sie an Bethlehem dabei.

1972
Erloschen der Herd.
Kein Herz mehr, das fühlt.
Die Magd in der Erd,
die Gans tiefgekühlt.

Kurt Bartsch

 

STUNDEN-GEDICHT (II)
Für Peter Huchel zum 3. April 1968

Der Morgen mit vielen Augen.
Vorsichtig zwischen den Fingern
fühle ich seine Nähe .

Der Tag hat Stoff für Bilder.
Er kommt, zwei Farben
im Arm.

Das Wunderland entsteht.
Die Bäume blühen nach oben.
Ein Mädchen lebt
für einen Liebesreim.

Das Mittagslicht zerbricht
schon in der Ferne.
Heiße Bäder nimmt der Fluß.
Nichts bleibt verborgen.

Dann die Zeit,
in der die Zeit sich ändert.
Die Oberflächen sind
noch einmal gut zu sehen.

Viel Silber in der Luft
kommt auf.
Der Westen leuchtet.
Ein Schattenriß
steht an der Wand.

Am Boden haftet das Dunkel.
Mit gestrecktem Arm
faßt es nach mir.

Die Nacht wird lang sein.

Karl Krolow

 

IM SCHNEESTURM

fuhren wir zu Peter Huchel
autos lagen in den straßengräben
die räder zum himmel
eulen finsternisgeweißt
schlüpften in die föhren
vor uns ein wirbel
vor dem wirbel wir
in ihm der dichter
im exil ohne glauben

Die hunde tot
tot die kanarienvögel
nirgends ratscht ein wellensittich
die schildkröten überwintern schon das fünfte jahr
auf dem hofe stampfen
schnee sich von den bleiernen schuhen
die phantome

Ludvík Kundera

 

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Peter Hamm: „Sei getreu, sagt der Stein“. Zum 70. Geburtstag Peter Huchels
Süddeutsche Zeitung, 3.4.1973

Karl Krolow: Ein Mann, der Gesichte hat. Peter Huchel zum 70
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 3.4.1973

Olof Lagercrantz: Ein deutscher Dichter. Peter Huchel zum siebzigsten Geburtstag
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.4.1973

Helmut Mader: Mottos zu einem Leben. Peter Huchel wird siebzig Jahre alt
Stuttgarter Zeitung, 3.4.1973

Ellen Kayser: Peter Huchel wird am 3. April 70 Jahre alt
Die Tat, 31.3.1973

hvg: Vom Unkraut eines Dichters
Freiburger Nachrichten, 31.3.1973

 

Nachrufe auf Peter Huchel:

Franz Kalterbräu: Peter Huchel ist tot
Frankfurter Rundschau, 7.5.1981

Karl Krolow: Apokalyptische Landschaft
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.5.1981

Albert von Schirnding: In der Mitte der Dinge die Trauer
Süddeutsche Zeitung, 8.5.1981

Bruno Bolliger: Unbekümmert geht der Fremde davon
Neue Zürcher Zeitung, 9./10.5.1981

Stephan Hermlin: Aber wir sind doch Brüder…
Die Zeit, 15.5.1981

Wolfgang Kopplin: Nachruf. Der große Peter Huchel
Bayernkurier, 16.5.1981

Hans Dieter Schmidt: „Der Fremde geht davon…“. Erinnerungen an den Dichter Peter Huchel
Rhein-Neckar-Zeitung, 16./17.5.1981

Klaus Sauer: Eine deutsche Passion
Deutschland Archiv, Heft 6, 1981

Stefan Welzk: „Überdrüssig der Götter und ihrer Feuer“
Frankfurter Hefte, Heft 8, 1981

Axel Vieregg: Nachruf auf Peter Huchel
Neue Deutsche Hefte, Heft 3, 1981

Zum 81. Geburtstag des Autors:

Hans Mayer: Schneenarben. Schriftzeichen.
Die Zeit, 6.4.1984

Zum 10. Todestag des Autors:

Thea Samain: Testament an den Balken genagelt
Neue Zeit, 30.4.1991

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Alexander Kluy: Der große Hof des Gedächtnisses

Sebastian Kiefer: Der Naturmagier als sozialistischer Funktionär
Neue Rundschau, Heft 1, 2003

Lutz Seiler: Im Kieferngewölbe
Sinn und Form, Heft 2, 2003

Klaus Bellin: „Aufs tote Gleis rangiert“
Neues Deutschland, 3.4.2003

Helmut Böttiger: Kindheitsträume und Diktaturdrangsal
Stuttgarter Zeitung, 3.4.2003

Christian Egger: Auf den Feldern der Kindheit
Mitteldeutsche Zeitung, 3.4.2003

Uwe Pörksen: Der Widerstand gegen die Lüge
Badische Zeitung, 3.4.2003

Steffen Richter: Mit dem Pflug in den Acker geschrieben
Frankfurter Rundschau, 3.4.2003

Michael Braun: „Unter der blanken Hacke des Monds werde ich sterben“
Basler Zeitung, 4.4.2003

Christian Bergmann: ZAUBER EINER WORTKUNST – bewundert und verfemt
Ostragehege, Heft 28, 2002

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + DAS&D + KLG
shi 詩 yan 言 kou 口

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00