Peter Maiwald: Guter Dinge

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Peter Maiwald: Guter Dinge

Maiwald-Guter Dinge

BESUCH

Da ist ein Berg bei Majdanek
getürmt aus lauter Schuhen.
Bei Nacht hat sich der Berg bewegt,
weil nicht die Toten ruhen.

Und ist gekommen an mein Haus
und kam zu meiner Türe,
die trat mir ein ein Kinderschuh
und zeigte mir die Schnüre.

Die Bergmannsstiefel binden grob.
Der Frauenschuh mit Knoten.
Das Kind, das einen Turnschuh hob.
Ich tat euch nichts, ihr Toten.

Und Nacht um Nacht wird mir mein Seil
mit Schuh um Schuh noch länger.
Ich schreie: Hab doch keinen Teil.
Die Kehle immer enger.

 

 

 

Grimmige Idyllen 

– Über Peter Maiwald. –

Worauf kann man sich denn überhaupt noch verlassen? Der neue Schuh hält dem ersten Regen nicht stand, der neue Politiker lügt schon im Sonnenschein. Der Wein und das Brot sind gut, aber sie lagern, sagt man, allerlei ab in unseren Knochen. Schön ist der Apfel ohne Wurm, doch ob der Wurm nicht seine Gründe hatte wegzubleiben? Und dann die Freunde und die paar Menschen, die man liebt – wenn neuerdings sogar der blaue Himmel ein Loch hat, wie soll da irgend etwas anderes ganz bleiben? Alles sieht immer schöner aus und ist immer verdächtiger, und was einem so richtig in die Augen lacht, von dem denkt man auf Anhieb längst nicht mehr: In dich möchte ich beißen, sondern: Du wirst mir einen schönen Grenzwert übersteigen.
Es ist eine Not, und Peter Maiwald ist einer ihrer Dichter. Er tritt nicht als Richter auf. Er gibt sich nicht als die reine Seele unter lauter Schuldigen. Er leidet unter dem universalen Knochenfraß, den die Zivilisation sich selbst beschert, aber ganz aufgeben will er nicht. Der Stachel, der ihm im Fleisch sitzt, ist die Hoffnung, daß doch noch irgendwo etwas intakt sei. Wie Hamlet in seinem Staate Dänemark eine faule Stelle witterte, so möchte er, umgekehrt, im infizierten Ganzen ein paar gesunde Flecke ausmachen. Mindestens hat er sich entschlossen, mit deren Möglichkeit zu rechnen. Nicht daß er besonders fündig geworden wäre. Viel Trost ist bei ihm nicht zu holen. Aber was ihn kennzeichnet und seinen Versen den Charakter gibt, ist die unverdrossene Ausrichtung auf das, was einfach und gut und verläßlich wäre, wenn man es nur hätte. Er hat die Leidenschaft zum Unverwüstlichen.
Das zeigt sich an dem, wovon er schreibt, zeigt sich daran, wie er schreibt. Die eindeutigen Dinge inspirieren ihn, und ihn reizen jene poetischen Formen, die sich nicht weiter reduzieren lassen. Deshalb schreibt er sich immer wieder in die Nähe zu zwei lyrischen Gestalten, die scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben, zum Kinderreim und zum Sonett. Jedes seiner Gedichte scheint auf dem Weg zu einer dieser beiden Formen, obwohl doch die eine als das Allersimpelste gilt und die andere als die hochgezüchtete Poesie schlechthin.
In Wahrheit dürfte allerdings der Kinderreim noch schwieriger sein als das Sonett. Sonetteschreiben kann man lernen, so weit mindestens; daß die Ergebnisse noch nach etwas aussehen, auch wenn sie innerlich hohl sind. Ein Gedicht nach dem formalen Muster der Kinderverse und volkstümlichen Sprüche aber ist immer gleich auf den ersten Blick schon gut oder läppisch.
Dazu kommt, daß der Kinderreim seinem Wesen nach nur mit den einfachsten Dingen umgeht. Er kann davon nicht absehen, auch wo er sich längst nicht mehr an Kinder richtet, sondern vom Leben und Lieben und Sterben spricht. Zwar sind auch das einfachste Dinge, gewöhnliche Angelegenheiten, wenn man sie aus größerem Gesichtswinkel betrachtet (und wenn es nicht zufällig um das eigene Leben und Lieben und Sterben geht), aber so geradehin und unverziert von ihnen zu reden ist schwer. Maiwald versucht es: 

Wir machen Karneval. 

Wir haben uns verkleidet.
Ich steck in deiner Haut.
Du steckst in meiner Haut.
Wir spüren wer wen leidet. 

Wir haben uns mal leid.
Wir können uns gut leiden.
Ich steck in deiner Haut.
Du steckst in meiner Haut.
Wir haben was von beiden. 

Das wird zwar auf keinem Schulhof gesungen, aber ohne die Strophen, die dort zu hören sind, wäre es nicht entstanden. Ein schwieriges Gedicht ist es nicht, aber es ist intelligent und gefühlssicher, und so ein Gedicht zu machen ist schwieriger als ein schwieriges Gedicht. Die alte Gebärde des Austauschs, die so viele Liebesgedichte und Liebesszenen bestimmt – nicht nur im Wechseln von Dingen und Namen, sondern bis in die grammatikalische Struktur der Rede hinein, der Wiederholungen übers Kreuz: ich und du und du und ich; Tristan Isold, Isold Tristan… –, diese Gebärde des Austauschs macht auch hier die Mitte des Gedichts aus. Sie verbindet sich zusätzlich mit dem Bewußtsein vom Spielcharakter, den alle Liebe hat, immer auch hat. So frei nach selbstgesetzten Regeln gespielt ist kein anderer Ernst, und so ernst ist kein anderes Spiel. Das meint die Metapher von der Haut des andern, in der jedes steckt, in die sich jedes verkleidet hat, um mit dem Partner zusammen den kleinen Karneval zu treiben. Die Haut weist auf den Ernst und daß es um Leib und Leben geht. Der Karneval zeigt das Spiel.
Dennoch ist das zentrale Motiv nicht aus der unmittelbaren Körpererfahrung bezogen, sondern aus der Umgangssprache. Es ist abgeleitet von der Redewendung: Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Das gibt dem Ganzen einen ominösen Unterton. Denn die positive Variante – Ich möchte in seiner Haut stecken – kennt der Volksmund ja nicht. Wann immer im Alltag die Floskel fällt, geht es irgend jemand übel, und so witzig das Gedicht dieses Signal von Verhängnis und Schlamassel in sein Gegenteil wendet, es bleibt an dem Wortspiel doch etwas von der zwielichtigen Herkunft hängen.
Maiwald liebt solche literarischen Kunstgriffe. Er sucht die Sprachklischees und bläst ihnen durch eine kleine Verschiebung Leben ein: „Möchte der Vogel sein / von dem die Leute sagen / daß du ihn hast“ – „Ich bin nichts mehr: die rechte Hand / Der Chef hat meinen Kopf“ – „Wie man sich bettet / so wird man / Wie mann sich kettet / so irrt man“. Er spürt in den umgangssprachlichen Wendungen einen verläßlichen Sinn, der durch die Gewohnheit nur verdeckt ist. Wer ihn hervorzuholen versteht, im Gedicht zum Beispiel, hat der Sprache ein winziges Stück Unverwüstlichkeit zurückgewonnen.
Ob man es nun eher in der Tradition der volkstümlichen Strophen oder der anspruchsvolleren Spruchdichtung sieht, ein Gedicht wie das folgende zeigt in jedem Fall das Bestreben, sogleich auf den Kern der Sache zu kommen. Gut ist selbst das Schlimme, wenn es nur eindeutig dasteht, wenn man nur weiß, woran man ist. 

Gutes vom Feind:
Er ist geblieben.
Gutes vom Freund:
Ich hatte sieben. 

Gutes von dir:
Du bist gegangen.
Gutes von mir: 

Hab mich nicht aufgehangen. 

Der Karneval zu zweit ist da offenkundig vorbei. Tatsächlich stehen den vielen Liebesgedichten bei Maiwald ebenso viele gegenüber, in denen Schluß gemacht wird oder wo von einem gemachten Schluß mit jener grimmigen Deutlichkeit geredet wird, die den Schmerz und die Wut nicht verschweigt, aber an der erreichten Unzweideutigkeit der Lage doch auch ihr Vergnügen hat. Zu diesen gehört das Stück „Guter Dinge“: 

Die Dinge, die mir Marie gab
schwor ich: sind gut bis an mein Grab.
Die Tasse und die Hose und
der Ring zu meinem Schlüsselbund. 

Die Tasse, die mir früh schon brach.
Die Hose hielt den Frost nur schwach.
Den Ring zu meinem Schlüsselbund
gab ich dem Nachbarn für den Hund. 

Auch hier beobachtet man das blitzschnelle Spiel mit umgangssprachlichen Floskeln: „Guter Dinge“ – ein Ausdruck für Zufriedenheit – wird vom Gedicht wörtlich genommen und auf konkrete Gegenstände bezogen. Dadurch schillert der Ausdruck hinüber in jenen andern, nach welchem „aller guten Dinge drei“ sind. Sobald sich aber diese Gegenstände als wenig einwandfrei erwiesen haben, nähert sich die Überschrift wieder der ersten Bedeutung und bezeichnet das zaghafte Vergnügen nach dem Scheitern einer Liebe.
Noch viel bezeichnender aber für Maiwalds Gedichtemachen ist die Art und Weise, wie er hier ausschließlich mit Angelegenheiten von letzter Eindeutigkeit arbeitet. Eine Liebesgeschichte wird mit drei handfesten Dingen erzählt, wird zur Geschichte nur dieser drei Dinge. Alles andere mag zweifelhaft sein: Treue, Leidenschaft, Verrat, Schuld, Verzweiflung – lauter große Worte für schwierige Zusammenhänge von Gefühl und Sittlichkeit. Dies aber, Tasse, Hose, Schlüsselring, gilt ohne Vorbehalt. Was mit ihnen geschieht und als was sie sich erweisen, darüber kann man nicht rechten. „Inventur“ wird da veranstaltet, nicht anders als in dem berühmten Gedicht Günter Eichs aus der allerersten Nachkriegszeit. So wie dort – „Dies ist meine Mütze, dies ist mein Mantel, hier mein Rasierzeug…“ – geht es auch hier darum, auf Kosten der schwimmenden Ideen und Gefühle zum ganz Verläßlichen vorzustoßen. Das ist dann wohl arm und karg, aber in seiner Unverwüstlichkeit eben auch begeisternd. Man wird, ist man nur einmal soweit, wieder guter Dinge.
Bis hin zum Gebrauch einzelner Wörter kann man diese Bewegung verfolgen. Es gibt Nomina, die tauchen immer wieder auf. Hartnäckig schleichen sie sich in die Verse ein, oder sie werden zur Keimzelle für Zeilen und Strophen und ganze Gedichte. Diese Wörter sind „Haut“ und „Tisch“ und „Bett“ und „Grab“ – abgedroschene Vokabeln, könnte man denken, wären es nicht Vokabeln, die schlechthin nicht abzudreschen sind. Das Listige an Maiwalds Gebrauch dieser Wörter besteht denn auch darin, daß er immer wieder wie nebenher auf diese ihre blanke Unzerstörbarkeit verweist und so im Bereich der Sprache selbst seine Leidenschaft zu den kleinen, derben Unverwüstlichkeiten bezeugt: 

Bevor der Tod das Fell mir über beide Ohren zieht,
will ich noch alles sehen, schmecken, greifen, was mir blüht.
Dem Tod vermach ich, wenns nach mir geht, meine Knochen.
Mein Fell ist meins. Ich bin zu gerne drin gekrochen.
Ich habe viel zu gerne andre Häute gerne, 

als daß ich mich vor meiner Zeit daraus entferne… 

Ist er also, alles in allem, ein Idylliker der letzten Reduktionsstufe? Ein wenig schon. Aber diese Seite seines Schreibens wird eingeschränkt – und damit wohl auch erst legitimiert – durch die vielen Gedichte, die vom schlechten Leben handeln, von der allgemeinen Verwüstlichkeit und von den Leuten, die nie zu ihren ganz eigenen Tagen und Nächten kommen. Da ist die Sekretärin, die „Rechte Hand“ des Chefs, die es so sehr ist, daß sie sich tatsächlich als verstümmelt und verkümmert erfährt. Und da sind vor allem die „Konkurrenten“, denen ein Gedicht ausdrücklich und manches andere der Tendenz nach gilt. Eingespannt in das unablässige Rennen und Überholenwollen und Gewinnenmüssen, kommen sie immer voran und nie zu sich selbst. Sie verkörpern das Unglück, das am weitesten verbreitet und am besten versteckt ist.
Einzelne Gedichte machen sich über sie einfach lustig, so „Die Angestellten“. Das ergibt dann eher schwache Texte, ungenau gedacht und voreilig im Urteil, eine Art mühsamer Nachahmungen mittelmäßiger Kästner-Gedichte: 

Das Leben ist ein Sparstrumpf und die Angst vor Maschen
Prost: Cognacbrüder mit den Aktenkoffertaschen.

Sobald aber, wie im Gedicht „Funktionär“, das falsche Leben benannt wird, das heute jedem droht und an dem so oder anders jeder Anteil hat, gewinnen die Zeilen wieder Kontur. Da trifft die Diagnose auch den, der sie stellt. Klug und schön redet der Text „Rondo“ von solcher Gefahr. Sie erscheint als schlimmes Entweder-Oder. Wer mitrennt und reüssiert, verliert den Blick für die Wahrheit der guten Dinge; wer sich auf diese einstellt, muß auf das Gewinnen verzichten. Er wird zum Verlierer in den Augen der andern, aber er holt sich etwas, das der Zeit widersteht. Es ist schon fast Weisheit, wie die kurzen Zeilen zu sagen vermögen, daß das blinde Gewinnenwollen sich der Vergänglichkeit, über die es triumphieren möchte, erst recht ausliefert: 

Die Stunden verrinnen.
Die Tage vergehen.
Ich übe gewinnen
und mag mich nicht sehen. 

Ich übe sehen
und mag nicht gewinnen.
Die Tage vergehen.
Die Stunden verrinnen. 

Peter von Matt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.5.1987

 

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